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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2017 - Beitrag vom 14.08.2014

Heritages Exchange: ExDress
Adi Liraz, Sanija Kulenovic

Wir, zwei Berlinerinnen, Adi Liraz und Sanija Kulenovic, verweben unsere kulturellen Hintergr├╝nde durch interaktive Performances und Interventionen in symbolische, j├╝disch-muslimische Geflechte







Adi: Meine Vorfahren sind vor dem Zweiten Weltkrieg in den Nahen Osten geflohen, als sich Juden in Osteuropa mit dem Davidstern auf einem Armband ausweisen mussten. Ich bin ein freiwilliger Fl├╝chtling. Ich habe meine Heimat verlassen im Wunsch, den dortigen Ungerechtigkeiten zu entfliehen und die F├Ąden zu finden, die mich zu meinem kulturellen Erbe und meiner(n) Geschichte(n) verbinden werden.

Sanija: Ich wurde zwar in Berlin geboren, aber ich stamme aus Bosnien-Herzegowina und musste vor etwa 20 Jahren fliehen, als der Krieg in der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik ausbrach. Die Konfliktlinien wurden entlang der religi├Âs definierten Gruppen gezogen. Ich erlebte, wie meine, muslimische Ethnie, sich mit Armbinden auszuweisen gezwungen wurde.

Adi: Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich meinen Mann kennengelernt, der urspr├╝nglich aus Afghanistan stammt. Die Identit├Ąt unserer beiden Kinder versuchen wir immer wieder zu definieren ÔÇô als deutsch, j├╝disch und afghanisch. Meine Kunst ist seit langem bem├╝ht, zwischen unterschiedlichen Identit├Ąten zu kommunizieren.
Seit einigen Jahren benutze ich in meinen Kreation Faden und Garn. Mein Projekt Ring knitting Circle in der Berliner Ring Bahn schafft eine neue Gemeinschaft, indem wir in der S41 durch Berlin kreisen, w├Ąhrend wir stricken. Jede und jeder ist eingeladen aus der Privatheit herauszutreten und an der gestrickten Kreatur in dem ├Âffentlichen Raum mit dem eigenen Faden anzukn├╝pfen, die Form die ihm gef├Ąllt zu stricken, die eigene Geschichte(n) mit jener der anderen TeilnehmerInnen zu verweben. Au├čerdem versuche ich Kommunikation zwischen MigrantInnen von verschiedenen Hintergr├╝nden (die Anderen in der Gesellschaft) durch k├╝nstlerische Aktionen zu f├Ârdern. Als Sanija mich nach einer AntiÔÇôKriegs-Demo um ein Treffen bat, sagte ich sofort zu.

Trauma und Kunst

Sanija:
Mich ber├╝hrt Adis Kunst. In ihrem Ring knitting Circle bleiben die individuellen Geschichten im Kunstwerk nebeneinander aufbewahrt. Ganz anders als es die offizielle Geschichte, fast immer jene der Sieger, handzuhaben pflegt. Sie ist immer ein wenig verlogen und verschweigt was ihr zuwider l├Ąuft. Die Armbinden, die in Prijedor, einer Stadt im Nordosten Bosniens, die Ethnien besonders markierten, werden heute von der dortigen Stadtverwaltung verleugnet und aus der Geschichte verbannt. Doch sie wird deutlich in den ehemaligen Konzentrationslagern und den rund 60 Massengr├Ąbern um die Stadt herum. Aber den Betroffenen wurde es verboten, der entsetzlichen Geschehnisse ├Âffentlich zu gedenken. Ihre Geschichten werden abgestritten und unterdr├╝ckt. Dabei w├Ąre f├╝r die Einzelnen als auch f├╝r das Kollektiv entscheidend, einen sozialen Rahmen zu haben, in welchem sie ihr Leid kundtun k├Ânnen, und es als anerkannt erfahren d├╝rfen, um ├╝berhaupt damit beginnen zu k├Ânnen, das Trauma zu ├╝berwinden.

Es ist l├Ąngst bekannt, wie wichtig eine ad├Ąquate Erinnerung f├╝r die Heilung der Gesellschaft nach einer gewaltsamen Vergangenheit ist. Als Angeh├Ârige einer Volksgruppe, welche Ausgrenzung, Vertreibung und Genozid ├╝berlebt hat, f├╝hle ich mich Menschen mit ├Ąhnlichen Erfahrungen verbunden ÔÇô besonders Juden und J├╝dinnen, aufgrund meiner europ├Ąischen Herkunft und meines Wohnsitzes in Deutschland. So widme ich mich seit Jahren den Stolpersteinen in meiner Stadt.
Als ich Adi kennenlernte, ermutigte mich dies, eine k├╝nstlerische Form f├╝r diese Traumata zu suchen. Ich sah Adi performativ Gemeinschaften bilden und wollte in einem Kleid auftreten, welches die Geschichte und das Erbe des bosnischen Leidensweges widerspiegelte, w├Ąhrend sie diese Geschichte mit Faden und Garn in ein Netz der Anteilnahme zu verweben sucht.

Adi: Als Sanija mit der Idee kam, zusammen eine Performance zu gestalten, habe ich einen gemeinsamen Faden zwischen unserer(n) Geschichte(n) gesp├╝rt. Wir haben beide das Anliegen, mit einer k├╝nstlerischen Performance die Begrenzungen der Sprache zu ├╝berwinden und Traumata zu thematisieren. Die Prijedor-Geschichte hat mich an die Situation in dem damaligen Europa und dem heutigen Nahen Osten erinnert.
Ich komme aus einer Gesellschaft des Post-Trauma. Um damit und dem Schmerz, den ich ├╝ber das Leid meiner ersten Heimat durchlebe, umzugehen, geht es in meiner Kunst, um die Wiedergeburt der Sprache, in einer nonverbalen Form.
Von Sanijas Geschichte bewegt, entscheide ich, mir ein Kleid zu stricken, gebildet aus meiner Geschichte, die ich mit der von Sanija verbinde. Meinen Rollen als Frau, Mutter und Immigrantin bilde ich damit ein Kost├╝m. So, wie es mich bedeckt und sch├╝tzt, begrenzt es mich auch.

Das Projekt ExDress: gemeinsame F├Ąden

Sanija & Adi:
Unser Projekt nannten wir ExDress
In unserer Performance am Tag des wei├čen Armbandes trug Sanija ein Kleid aus wei├čen Armb├Ąndern und traditionellen bosnischen Kopft├╝chern. Die Armb├Ąnder sind die direkte Verbindung zur verordneten Unterscheidung gem├Ą├č dem Dekret von Prijedor vom 31. Mai 1992 in verschiedene Ethnien und deren anschlie├čender Vernichtung in Lagern.
Die Kopft├╝cher sind Metaphern f├╝r die muslimische Kultur ÔÇô bezeichnenderweise war die gro├če Mehrheit der zivilen Opfer dieses Krieges muslimisch.
Adis Exil, ihre Geschichte(n) und die Verbindungen zu ihren beiden Heimaten strickt sie eigenh├Ąndig in ihr Kleid aus Wollgarn hinein. Ihr Mitgef├╝hl f├╝r das Leid der bosnischen Frauen von denen Tausende in Vergewaltigungslagern im letzten Krieg waren, dr├╝ckt sie in der Performance ebenso aus.
W├Ąhrend Sanija mit schwarzer Kohle endlos viele Striche auf dem Boden schrieb, zog Adi den roten Faden aus ihrem Kleid und verband die ZuschauerInnen/TeilnehmerInnen mit dem Kleid der Bosnierin. Symbolisch verband sie das den K├╝nstlerinnen gemeinsame Erbe mit dem Publikum und kreierte eine neue Komposition, bis ihr Kleid sich darin aufl├Âste.



Wir stehen beide im Bezug zu geteilten Gesellschaften, in denen der Schmerz der Anderen nicht in die offizielle Geschichte eingehen kann, sondern unterdr├╝ckt wird. Wir leben und arbeiten in Berlin, wo wir durch unseren j├╝dischen beziehungsweise muslimischen Hintergrund, durch unserer Geschlecht und durch unsere Entscheidung, M├╝tter zu werden, auf mehrfache Weise Ausgrenzungen erfahren. Die weibliche Erfahrung des Schmerzes und seine ├ťberwindung spielt bei der Performance eine Rolle, so wie die Erfahrung vom Gefangensein in einer Art Kost├╝m, welches es der Frau nicht erlaubt, die zu sein, die sie wirklich ist.

Wenn sich Adis rotes Kleid im ├╝bertragenen Sinne in Venen verwandelt, die die TeilnehmerInnen und K├╝nstlerinnen verbindet, und diese symbolischen Blutgef├Ą├če anschlie├čend durchgeschnitten werden, so entsteht das Bild sowohl einer Befreiung des Individuums, als auch der L├Âsung von einer Vergangenheit, die an uns haftet und die immer mit einem schmerzhaften Prozess verbunden ist.
Dies sind die Themen von ExDress, denen gleichzeitig eine neue Konstruktion entgegengesetzt wird, welche alle, einschlie├člich der ZuschauerInnen/TeilnehmerInnen, miteinander verbindet, und die auch ihre Geschichten miteinander verkn├╝pft.
Zwei Kleider wurden miteinander verbunden und verwandelt, gleichzeitig das Publikum in einer neu gewebten Struktur umfangen. Dabei konnten die ZuschauerInnen, wie im Inneren zweier kollidierter Welten am verk├Ârperten Erbe beider K├╝nstlerinnen und ihrer traumatischen Erinnerungen teilnehmen.



Gemeinsame Pfade

Adi:
Sanija und ich haben uns entschieden, zur 100-Jahresfeier des Attentats von Sarajevo, welches als Ausl├Âser f├╝r den Ersten Weltkrieg angesehen wird, dorthin, nach Bosnien, zu fahren und unser Projekt dort weiterzuentwickeln.
Bei der Ankunft in Sarajevo erkenne ich, dass hier, in dem ehemals sozialistischen Land, anders als in Deutschland gebaut wurde. Auch anders als in dem Land aus dem ich komme. Nur die Minarette kenne ich aus meiner heimatlichen Architekturlandschaft.
Als wir die Stadt erreichen, finde ich aber noch mehr ├ähnlichkeiten: Die kulturelle Vielfalt, die Altstadt, das Essen und auch die Menschen. Ich f├╝hle mich wie zuhause, aber gleichzeitlich kann ich auch sehr deutlich das Post-Trauma sp├╝ren. Fast in jedem Geb├Ąude sind Einschussl├Âcher und die Menschen sind manchmal hoffnungslos, manchmal sind sie fast jungfr├Ąulich in ihrer Art, das Leben anzunehmen. Ich sehe viele ├ähnlichkeiten zu dem, was ich von meinen Vorfahren kenne, und f├╝hle mich sehr schnell dem Ort verbunden, obwohl ich die Sprache nicht verstehe.

Um unser Projekt fortzuf├╝hren, reisen wir weiter.



Sanija: Nach Sarajevo besuchten wir Mostar, wo die Synagoge seit sechs Jahren darauf wartet, wiederaufgebaut zu werden. Aber die ber├╝hmte Alte Br├╝cke wurde rekonstruiert. Auf diesem Meisterwerk des 16. Jahrhunderts performten wir einen Tag nach dem Attentats-Gedenktag. Wir konzentrierten uns auf das Leiden, das der Erste Weltkrieg in alle Lager brachte. Er schuf so eine Gemeinschaft, ungeachtet der Feindschaften: die Gemeinschaft im Leid. Die Motive zum Krieg sind im Vergleich zu dem, was er vernichtet, immer nebens├Ąchlich. Aber wir m├╝ssen Jahrhunderte danach mit seinen Folgen leben.



Adi und ich verweben unsere Wollkleider mit der Alten Br├╝cke, dem Zeichen der ├ťberwindung und Verbindung getrennter Seiten eines Flussbetts. Wenn die tobenden Identit├Ąten unser Alltagskleid zerrei├čen, werden wir aus dem Garn, das von ihm bleibt, ein neues Netz weben, das uns alle umf├Ąngt. An jedem Ort, den wir beschreiten.

Adi & Sanija: Egal wo wir hingehen, wir nehmen uns selber mit. Unsere Herkunft bleibt an uns haften. Dort wo unser Samen hinf├Ąllt, wo er zu wachsen und gedeihen f├Ąhig ist, ist unser Land. Wir sind beide aus L├Ąndern voller islamischer, christlicher und j├╝discher Einfl├╝sse, die sich in uns kreuzen und befruchten. Wir haben uns gefunden und verbunden in einem neuen Land, wo wir beide fruchtbar sind, durch neues Leben und durch unsere Kreationen.

Biographien



Sanija Kulenovic erforscht die Schnittstelle zwischen Kunst und Trauma. Sie befasst sich mit Themen der Identit├Ąt, des kulturellen Erbes, der Erinnerungskultur, der forensischen Kunstwerke, und der Vers├Âhnung. Sie glaubt, dass Kunst von besonderem Potenzial ist, um "Gesellschaften im ├ťbergang" zu helfen, ihre gewaltt├Ątige Vergangenheit zu ├╝berw├Ąltigen. Kulenovic hat einen Abschluss in Kunstgeschichte (Magistra philosophiae) von der Leopold-Franzens-Universit├Ąt Innsbruck, ├ľsterreich. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Adi Liraz ist eine multidisziplin├Ąre K├╝nstlerin, Kuratorin und Kunstproduzentin. In ihren Werken werden die Hauptthemen Feminismus / Postfeminismus, Craftivism, Migration und Urbanit├Ąt, oft im Zwiespalt von Intimit├Ąt und ├ľffentlichkeit ausgetragen. Das Ziel der Sch├Âpfungen Liraz┬┤ ist es, durch Provokation hegemonialer Wahrnehmungen eine Kommunikation anzuregen. Liraz hat einen BFA von der Bezalel Academy of Art and Design, Jerusalem (2001) und einen MA in Raumstrategien: Kunst im ├Âffentlichen Raum von der Kunsthochschule Berlin Wei├čensee (2014). Liraz lebt und arbeitet in Berlin seit M├Ąrz 2003.

Mehr Informationen zum Projekt, das stetig weitergef├╝hrt wird, unter: exdress-blog.tumblr.com

Kontakt: exdress.berlin@gmail.com


Copyright Fotos von Sanija Kulenovic und Adi Liraz in Mostar: Sanija Kulenovic und Adi Liraz
Copyright Foto von Sanija Kulenovic und Adi Liraz im Studio: Sharon Adler
Copyright Fotos von Sanija Kulenovic und Adi Liraz in der Naunynstra├če: Sharon Adler und Shlomit Lehavi

Women + Work > Schalom Aleikum Beitrag vom 14.08.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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