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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 09.09.2014

Lea Feynberg. Es war quasi ein Blind Date. Wir wurden so etwas wie verkuppelt.
Lea Feynberg

Zwei Frauen. Beide jung. Beide arbeiten mit Jugendlichen, die nicht immer einfach sind. Beide in sozialen Brennpunkten. Die eine Muslima, die andere J├╝din. Yasmin hat Arabisch in der Uni ...



... gelernt, ich habe das Hebraicum erworben. K├Ânnte spannend werden. Ob wir uns nicht austauschen wollten? Wir wollten.

Ich hatte noch nie ein makelloses Blind Date. Die Skepsis wuchs.

Die erste Mail war nett. Yasmins L├Ącheln sp├╝rte ich bereits durch die geschriebenen Worte. Doch dann der Vorschlag mit dem Skypen, w├Ąre ja schlie├člich pers├Ânlicher.
Wie, so richtig? Mit Kamera? Gleich derma├čen pers├Ânlich? Ich wei├č nicht ...
Mein Skype klingelte. 3,2,1. Gr├╝ner H├Ârer. Klick. "Hallo?"
Auf meinem Bildschirm sah ich braune Locken, ein breites Grinsen und freudeerf├╝llte Augen. Wer auch immer sich hinter der Sozialp├Ądagogin aus Kreuzberg versteckte, ich wollte ihre Geschichte h├Âren. Ihren Erfahrungen lauschen und von meinen erz├Ąhlen. Sch├Âne Idee, dieses Verkupplungsding.
Wir sprachen also. Und sprachen. Und sprachen. ├ťber eine Stunde. ├ťber die Sch├╝ler, die Migration, den Antisemitismus. Aber auch ├╝ber unsere Lebensgeschichten. ├ťber unsere Herkunft, ├╝ber unsere Familien, ├╝ber M├Ąnner. Wir lachten miteinander, wir wunderten uns und schlugen gemeinsam die H├Ąnde ├╝ber den Kopf.

Kenne ich Yasmin wirklich erst seit einer Stunde?

Wir sind verschieden. Und doch so gleich. So gleich, dass mich die vielen Gemeinsamkeiten kurz erschreckten. Aber nur kurz. Das Sternzeichen oder die Heiratspl├Ąne. Es gibt so viele ├ähnlichkeiten.
Ich k├Ânnte mich noch ein paar weitere Stunden mit Yasmin unterhalten.
Wie viele au├čergew├Âhnliche und interessante Menschen es da drau├čen gibt, denke ich, denen man nur durch Zufall begegnet. Wie sch├Ân, dass ich Yasmin begegnet bin.
Wir wurden uns schnell einig: Wir lieben es, in der Schule zu arbeiten, Dinge zu bewegen und die Jugendlichen zum Nachdenken zu animieren. Es ist nicht immer leicht, das, was wir da machen. Es ist nicht immer Spa├č, den wir erleben. Doch sind es immer Steine, die wir ver├Ąndern, die wir zum Leben erwecken. Einige von vielen Steinen. Auch da sind wir uns einig: Es m├╝sste viel mehr Austausch geben, Grenzen m├╝ssen ├╝berwunden, Menschen zusammengebracht werden.

Yasmin geh├Ârt dem Islam an. Ich dem Judentum. Es spielt ├╝berhaupt keine Rolle. Es hat noch nie eine Rolle gespielt. F├╝r uns beide nicht.
F├╝r viele andere ist dieser kleine Unterschied doch entscheidend. Er entscheidet ├╝ber Liebe, Hass, Frieden, Krieg, Interesse oder Ignoranz. Das alles erleben wir beide tagt├Ąglich in der Schule. Wir k├Ânnten auch Drehb├╝cher f├╝r die Seifenopern im Fernsehen schreiben.
Es muss so viel mehr getan werden. Auf pers├Ânlicher Ebene, auf schulischer Ebene, auf menschlicher Ebene. Es muss investiert werden. In Bildung. In Frieden. In Menschlichkeit. Die neuen Dimensionen des Judenhasses, der Nahostkonflikt, der Antisemitismus und Fremdenhass. Vor unserer Haust├╝r. Dem m├╝ssen wir begegnen.
Ohne Angst, ohne Zweifel. Wir m├╝ssen aufkl├Ąren, unterst├╝tzen, einander die Hand reichen. Und nicht zuletzt: Wir m├╝ssen dieses finanzieren. Wir. Das sind alle. Politiker, Lehrer, Sozialarbeiter. Du und ich.
Yasmin und ich machen das. Jeden Tag. Nicht im Fernsehen, sondern im richtigen Leben.

Kleine Friedensverhandlungen sind es, die uns das Gef├╝hl geben, Wichtiges zu leisten, vielleicht sogar Lebenswichtiges. Auch da sind wir einer Meinung.
Es ist erstaunlich, wie schnell man ins Gespr├Ąch kommt, wie viele Gemeinsamkeiten man entdeckt, wie gern man sich hat. Obwohl man sich letzte Woche noch gar nicht gekannt hat. Wenn man nur will. Wenn die ausgedachten Grenzen nicht existieren. Wenn der Mensch z├Ąhlt. Nur der Mensch. Nichts anderes. Yasmin und ich. Wir sind Menschen. Ganz gute Menschen. Zumindest versuchen wir, solche zu sein. Ich glaube, meistens gelingt es uns.

Ich hatte noch nie ein makelloses Blind Date. Irgendwann ist aber immer ein erstes Mal.


Lea Feynberg, 1980 geboren in Moskau, Russland, wanderte mit zehn Jahren nach Deutschland ein, studierte P├Ądagogik, Geschichte und Politik in Heidelberg und lebt nach einer Station in Berlin heute in Hamburg. Sie unterrichtet in einer Sekundarschule und schreibt ├╝ber ihren Berufsalltag. Oftmals erz├Ąhlt Lea Feynberg den muslimischen Jugendlichen von den j├╝dischen Traditionen und sie ihr von ihrem Alltag als Muslime. Sowohl die Sch├╝lerInnen als auch die Jugendlichen profitieren sehr von diesem Austausch.

Lea Feynberg
Ich werd sowieso Rapper
Erfahrungen einer gut gelaunten Lehrerin

ISBN: 978-3-462-04585-7
Erschienen am: 07.11.2013
288 Seiten, Taschenbuch
Kiwi 1350
www.kiwi-verlag.de

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"Sie und ich. Wir sind King" von Lea Feynberg

Women + Work > Schalom Aleikum Beitrag vom 09.09.2014 AVIVA-Redaktion 

   




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