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21.06.2018

Sabine RichebÀcher - Sabina Spielrein. Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft
Susann S.Reck

Dank dieser akribisch recherchierten, bewegenden Biographie der Autorin, die selbst als Psychoanalytikerin in ZĂŒrich arbeitet, tritt die Ärztin Sabina Spielrein, Pionierin der Kinderpsychologie...



... endlich aus dem Schatten ihrer beiden ÜbervĂ€ter, C. G. Jung und Sigmund Freud.

Der Koffer
1923 kehrt Sabina Spielrein nach fast 20 Jahren im Westen auf Grund nicht enden wollender finanzieller Probleme in ihre Heimat, die Sowjetunion, zurĂŒck. Es soll kein Abschied fĂŒr immer sein, deshalb deponiert sie im Keller des Psychologischen Instituts in Genf einen Koffer, in dem sich ihre TagebĂŒcher, privaten Korrespondenzen, wissenschaftlichen Arbeiten, sowie der gesamte Briefwechsel mit C. G. Jung und Sigmund Freud befindet.
Doch Sabina Spielrein kommt nicht wieder.
Die Analytikerin und Ärztin wird 1942 durch ein SS-Sonderkommando in ihrer Heimatstadt Rostow am Donermordet, der Koffer erst 1977 bei Renovierungsarbeiten zufĂ€llig entdeckt.

Es ist diesem Fund zu verdanken, dass Sabina Spielrein nicht lĂ€nger eine Fußnote bei berĂŒhmt gewordenen KollegInnen bleibt. Und es ist das große Verdienst der Autorin Sabine RichebĂ€cher, dass sie das reichhaltige Material, das es nun plötzlich ĂŒber Spielrein gibt, nicht primĂ€r dazu nutzt, das persönliche DreiecksverhĂ€ltnis zwischen Jung, Spielrein und Freud einmal mehr zu fokussieren, denn wenn ĂŒberhaupt, wurde sie dadurch bekannt.
Spielrein gilt als erstes Analyse-Opfer von C. G. Jung.

NĂŒchtern und spannend
Sabine RichebĂ€cher beschreibt nĂŒchtern und distanziert. Sie untermauert Behauptungen, Thesen und Zitate mit einer Vielzahl von Anmerkungen und Querverweisen. Dies zeigt nicht nur den wissenschaftlichen Anspruch der Autorin, auch untermauert es die AuthentizitĂ€t einzelner Passagen, gerade Jung und Freud betreffend.
Dennoch ist diese Biographie auch ein Ă€ußerst spannend. Sie entfĂŒhrt in eine versunkene Welt, die von geistigen Innovationen und politischen UmbrĂŒchen bestimmt war. Die LeserInnen lernen Sabina Spielrein als schillernd-komplexe Persönlichkeit kennen, ebenso klug wie in sich zerrissen, avantgardistisch, schlagfertig und unangepasst, eine Persönlichkeit, die es verstand Chancen zu ergreifen und gleichzeitig nicht in der Lage zu sein schien, in einer Welt zu leben, die ihr stets ein stĂŒckweit hinterher hinkte.

Wer war Sabina Spielrein?
1905 wird Sabina, die aus einer gut situierten, jĂŒdischen Familie stammt, in die psychiatrische Anstalt in ZĂŒrich, Burghölzli, eingeliefert. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und dem Aufnahmeformular ist zu entnehmen, dass sie an "einer tiefen seelischen Störung leidet".

Spielrein wird C.G. Jungs erster Schulfall und wenig spĂ€ter seine Geliebte. Der verheiratete Schweizer ist von der weltgewandten jungen Frau zwar fasziniert. Sigmund Freud, seinem idealisierten Vorbild gegenĂŒber setzt er dennoch alles daran, den Übergriff an der Patientin zu vertuschen und die Geliebte zu verleumden.
ZunĂ€chst von beiden MĂ€nnern ausgebootet, erholt sich spĂ€ter Spielreins fachliches VerhĂ€ltnis zu Freud. Die Beziehung zu Jung allerdings, der ihr gegenĂŒber nicht mit pseudowissenschaftlichen, antisemitischen Äußerungen spart, bleibt zeitlebens gestört.

Aber - im Burghölzli werden Spielreins außergewöhnliche Begabungen erkannt. Sie wird dazu ermutigt, in ZĂŒrich Medizin zu studieren und selbst psychoanalytisch tĂ€tig zu werden.
Sabine RichebĂ€cher zeichnet einen Menschen von ungewöhnlicher Willenskraft, dem es nicht nur gelingt, sich mit der psychischen Erkrankung auseinander zu setzen und sie zu ĂŒberwinden. Spielrein studiert zudem in deutscher Sprache und schließt das Studium der Medizin erfolgreich ab. Sie promoviert als erste Frau ĂŒberhaupt zu einem psychoanalytischen Thema.

ZĂŒrich, Heidelberg, MĂŒnchen, Wien, Rostow, Berlin. Bis zu ihrem Aufenthalt in Genf (1914-1923) wird Spielreins Leben von Unruhe und Rastlosigkeit bestimmt. Auf die Frage nach dem Warum? ist keine eindeutige Antwort zu finden. Spielrein möchte unbedingt im Westen bleiben doch es ist so gut wie unmöglich, sich in zu dieser Zeit als Ärztin in der Schweiz oder auch in Deutschland niederzulassen - als AuslĂ€nderin erst recht nicht.
Auch steckte die Psychoanalyse erst in den Kinderschuhen und nicht einmal Sigmund Freud vermochte es, von seinen Sitzungen zu leben.
Spielrein heiratet. Ihr Mann, ein russischer, orthodoxer Jude, fĂŒhlt sich im Westen nicht wohl und möchte unbedingt zurĂŒck nach Hause. Spielrein wiederum gibt selbst unter den dĂŒsteren Vorzeichen, sich als alleinerziehende Mutter durchschlagen zu mĂŒssen, die Hoffnung nicht auf, das Leben in der Fremde doch noch zu meistern. Nach der Geburt der Tochter erfolgt deshalb die rĂ€umliche Trennung.

Es ist aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar, dass Spielrein in oftmals kaum ihre Miete aufbringen konnte und sogar Hunger litt. Eindrucksvoll schildert RichebĂ€cher Spielreins Überlebenskampf, der auch in Briefen dokumentiert ist:
“Es ist schrecklich, dass die Tochter von zwei Ärzten von geborgtem Geld leben muss. /.../ Und dass Du so gar nicht praktisch veranlagt bist, und eine fast grausame Liebe fĂŒr die Wissenschaft hast" schreibt Pawel Scheftel aus Moskau an seine Frau Sabina.

Immerhin werden die von Spielrein aufgezeichneten Beobachtungen an ihrer kleinen Tochter zur Grundlage spÀterer Veröffentlichungen.
Die Jahre in Genf (1914-23) gehören zu den Produktivsten ihres Lebens. Aber auch hier bleibt ihre Existenz und kein Ausweg ungesichert.
1923 kehrt Sabina Spielrein nach fast 20 Jahren im Ausland in die neu gegrĂŒndete Sowjetunion zurĂŒck.

Moderne - Eugenetik - Systemwechsel
RichebÀcher bettet Sabina Spielreins Lebensgeschichte in einen umfassenden zeitgeschichtlichen Kontext ein:
das Leben von Eltern und Großeltern, deren jĂŒdisches SelbstverstĂ€ndnis und ihre Offenheit fĂŒr die Moderne, das PhĂ€nomen des Frauenstudiums in der Schweiz und die sich dort verbreitende Eugenetik (Rassenlehre), die auch vor C. G. Jung nicht Halt macht, den Systemwechsel in Russland, die Verbreitung der Psychoanalyse in der Sowjetunion bis zu ihrem Verbot durch Stalin 1936 - es ist faszinierend zu lesen, wie Spielreins Leben von all diesen Aspekten geprĂ€gt, wie es voran getrieben wurde und auch stagnierte. Und es ist bestĂŒrzend zu sehen, wie sich diese hochbegabte Frau nicht nur einmal zur falschen Zeit am falschen Ort befand.

Sowjetunion 1923-1942
Sabina Spielreins Leben in der Heimat nach dem Systemwechsel ist zunÀchst voll von lang ersehnter Arbeit. Nach der Revolution von 1917 gibt es in der Sowjetunion Millionen verwaister Kinder und es werden Konzepte gesucht, sich ihrer so gut wie möglich anzunehmen.
Spielrein wird Mitglied und Lehranalytikerin der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung, sie hĂ€lt Vorlesungen und Seminare ĂŒber Kinderanalyse, arbeitet als Ärztin und arbeitet an dem von Vera Schmidt gefĂŒhrten Kinderheim- Laboratorium.

Nach 1 1/2 Jahren in Moskau kehrt sie nach Rostow am Don zurĂŒck und bekommt dort ihre zweite Tochter. Die Wissenschaftlerin arbeitet an der Psychiatrischen Poliklinik und im Schullaboratorium, wo sie Reihenuntersuchungen zur FrĂŒherkennung von Entwicklungsstörungen leitet.
Nach dem Verbot von PĂ€dologie und Psychoanalyse in der Sowjetunion setzt sie ihre Arbeit heimlich fort.
Ihre spĂ€te Karriere tĂ€uscht allerdings nicht ĂŒber die Katastrophe, die schon Stalin ĂŒber die Familie bringt, hinweg: beide BrĂŒder werden hingerichtet, der Vater stirbt kurz darauf, enttĂ€uscht von dem System.
Sabina Spielreins eigener Tod 1942 durch ein SS-Sonderkommando wird von Sabine RichebĂ€cher nĂŒchtern, und dennoch schmerzlich genau beschrieben.

Eine fast grausame Liebe
Sabine RichebĂ€chers Biographie erzĂ€hlt von einer Wissenschaftlerin, deren Leben unauflösbar mit den AnfĂ€ngen der Psychoanalyse verbunden war, deren Leidenschaft der Suche nach unentdeckten Seelenlandschaften und der Sprache des Unbewussten galt, den TrĂ€umen von Kindern und dem unermĂŒdlichen Versuch, ihre Entwicklung zu verstehen.
Kein Preis war dafĂŒr zu hoch. Sabina Spielrein war eine rastlose Pionierin in der Erforschung der kindlichen Seele, der kognitions- und sprachwissenschaftlich untermauerten Psychoanalyse. Sie vertrat die These, dass es autistische und soziale Sprachen gibt, wobei sich, nach ihrer Beobachtung, die sozialen erst aus den objektbezogenen entwickeln. In einer ihrer wichtigsten Schriften "die Destruktion als Ursache des Werdens", nahm sie Sigmund Freuds Überlegungen zum Todestrieb vorweg, der sich spĂ€ter in "Jenseits des Lustprinzips" auf sie bezog. Sabina Spielrein verfasste mehr als 30 wissenschaftliche Arbeiten.

Sabine RichebÀcher zeichnet in ihrer Biographie das PortrÀt einer komplexen Persönlichkeit in einer ebenso komplexen, sich rasant verÀndernden Welt, einer Persönlichkeit, die ihren Wissensdrang nicht ihrer Umwelt anpassen wollte und ihrer Zeit- nicht unbedingt zu ihrem eigenen Vorteil - weit voraus war.

Zur Autorin Sabine RichebĂ€cher , geboren in DĂŒsseldorf, lebt in ZĂŒrich.
Sie ist Psychoanalytikerin und betreute viele Jahre die Rubrik "Psychologische Neuerscheinungen" der Neuen ZĂŒrcher Zeitung . Weitere Infos unter: www.richebaecher.com

AVIVA-Tipp: "Sabina Spielrein- Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft" ist ein umfangreiches, Ă€ußerst spannendes und informatives Buch, fĂŒr das sich die LeserIn Zeit nehmen sollte. Es gewĂ€hrt einen tiefen Einblick in die AnfĂ€nge der Psychoanalyse und die Menschen, die bis heute dafĂŒr stehen. Es ist sicherlich das umfangreichste Werk, das bislang zu Sabina Spielrein geschrieben wurde.

Sabine RichebÀcher
Sabina Spielrein - Eine fast grausame Liebe zur Wissenschaft

Dörlemann Verlag, erschienen: 2005, 2. Auflage
400 Seiten, gebunden, mit Schwarzweiß-Abbildungen
24,90 Euro
ISBN 9783908777144



Weiterlesen

Sabina Spielreins TagebĂŒcher und Briefe

antipsychiatrieverlag.de


Weiterschauen

Der Dokumentarfilm ĂŒber Sabina Spielrein von Elisabeth MartĂłn

sabinaspielrein.com/htm/press.htm

David Cronenberg neuester Spielfilm "A Dangerous Method" (Kinostart 10.11.2011) handelt von dem DreiecksverhÀltnis zwischen Sabina Spielrein, C. G. Jung und Sigmund Freud:

www.youtube.com