Deutsch-iranischer Wirtschaftskongress schmĂŒckt sich mit Frauenpower - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Public Affairs > Politik + Wirtschaft
23.06.2018

Deutsch-iranischer Wirtschaftskongress schmĂŒckt sich mit Frauenpower
Britta Meyer

Am 8. November 2011 fand im Seminaris Campus Hotel in Berlin ein Kongress zur Anbahnung zukĂŒnftiger Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran statt, an dem auch der iranische Botschafter Sheikh...



... Attar teilnahm. Der zynische Titel der Veranstaltung lautete: "Iranian Women Business Power"

"Es soll in Berlin darum gehen, trotz Sanktionen neue deutsch-iranische GeschÀfte anzubahnen", so der Sprecher der STOP THE BOMB Kampagne, Jonathan Weckerle. "Der Titel `Frauen-Power` dient dazu, die Situation der Frauen in der Islamischen Republik und die skrupellosen GeschÀftsinteressen des deutschen Mittelstandes propagandistisch zu beschönigen", so Weckerle weiter.

Veranstalter des Kongresses ist die Unternehmensgesellschaft European-Iranian Ventures (EIVENT) in Kooperation mit dem Bundesverband mittelstĂ€ndiger Wirtschaft (BVMW). Der Verband spricht gegenwĂ€rtig fĂŒr ca. 55.000 kleine und mittlere Unternehmen und SelbststĂ€ndige und sieht sich selbst als"grĂ¶ĂŸte freiwillig organisierte Kraft" des deutschen Mittelstandes. Der BVMW pflegt trotz internationaler Sanktionen offen gute und regelmĂ€ĂŸige Kontakte zur iranischen Botschaft, um den deutsch-iranischen Handel zu fördern. Mir Durandish, der Vorsitzende der iranischen Auslandsvertretung des BVMW, ist auf dem EIVENT-Kongress als Veranstalter aufgetreten. Die Verbandszeitung des BVMW "Der Mittelstand", berichtet selbst von guten Beziehungen zu Irans Botschafter Ali Reza Sheikh Attar, der HandelspartnerInnen des Regimes "Steuerbefreiungen von bis zu 20 Jahren" in Aussicht stellt. Botschafter Attar ist ein enger Vertrauter Ahmadinejads, Mitglied der Revolutionsgarden und seit vielen Jahren RegimefunktionĂ€r. Laut iranischen Oppositionskreisen war Attar wĂ€hrend seiner Zeit als Gouverneur der Provinzen Kurdistan und West-Aserbaidschan persönlich fĂŒr Terror gegen Oppositionelle verantwortlich.

STOP THE BOMB hatte sich an den politischen Beirat des BVMW, dem derzeit unter anderem Wolfgang Gerhardt (FDP), Brigitte Zypries (SPD), Dagmar Wöhrl (CSU) und Cem Özdemir (GRÜNE) angehören, gewandt und sie aufgefordert, den Kongress zu verhindern. Der Bundesverband teilte daraufhin in einer Pressemitteilung mit, weder Veranstalter noch Organisator des Kongresses zu sein und außerdem die diesbezĂŒgliche Verwendung seines Verbandslogos ausdrĂŒcklich untersagt zu haben. Auf dem Anmeldeformular zum Kongress befanden sich jedoch neben dem Logo von EIVENT auch groß und deutlich das des BVMW.

Die Deutsch-Iranische Handelskammer e.V. reagierte auf die Proteste mit einer eigenen Stellungnahme, in der sie das Iranische Regime als ein Opfer von Diskriminierung skizzierte und forderte: "Wir wenden uns gegen jeden Versuch, legale HandelsgeschĂ€fte mit politisch motivierten Kampagnen von Außenseitern zu diskreditieren, die quasi jede wirtschaftliche oder kulturelle Beziehung mit dem Iran zu skandalisieren sucht, solange diese nicht in ihr eigenes, realitĂ€tsfernes Weltbild passt."

Einige, wenn auch bei weitem nicht alle dieser "realitÀtsfernen" Vorstellungen von den VerhÀltnissen unter der Herrschaft des Regimes hat die aus dem Iran emigrierte Publizistin, Philologin und Orientalistin Nasrin Amirsedghi in einer Rede wÀhrend der Proteste vom 8. November aufgezÀhlt:

"In einem Land, wo der Wert einer Frau 50 Kamele betrĂ€gt, eine MenschenrechtsanwĂ€ltin wie Nasrin Sotoudeh zu elf Jahren Haft und 20 Jahren Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt wird, weil sie Oppositionelle vertritt, in einem Land, wo TĂ€tigkeiten wie Diplomaten- und Richterberufe fĂŒr Frauen verboten sind, wo sich Frauen aus Armut zur legalisierten Prostitution gezwungen sehen, wo Geschlechter-Apartheid, Zwangsverschleierung und Kleiderordnung sowie drakonische Strafen wie Steinigung, Auspeitschung und Amputationen der Finger, HĂ€nde, Augen, Beine oder FĂŒĂŸe per Sharia-Gesetz an der Tagesordnung sind, wo 66 Prozent der Selbstmordversuche von Frauen erfolgen und 41 Prozent von ihnen dabei im Alter von nur 10 bis 19 Jahren sind, in dieser Gesellschaft wird nun fĂŒr "Iranian Business Women Power" geworben!"

Auch Saba Farzan, eine fĂŒhrende deutsch-iranische Expertin, Ă€ußerte sich öffentlich. Sie sagte zur "Jerusalem Post": "Nun wirbt das Regime mit sogenannter `Frauenpower` in der Wirtschaft – einer Frauenpower mit aufgezwungener Verschleierung, Geschlechterapartheid und anderen Formen harter Verfolgung der mutigsten Freiheitsaktivisten Irans. Iranische Frauen werden Löwen genannt, weil sie dieses mittelalterliche Regime aus der vordersten Reihe herausfordern – mit ihrer Courage, ihrem Intellekt und ihrem Selbstbewusstsein. Es wĂŒrde Deutschlands kleineren Firmen nicht viel abverlangen, klug genug zu sein, um auf diese tragikomische Propaganda-Veranstaltung nicht hereinzufallen und Löwen zu werden, indem sie die brutale Islamische Republik isolieren."

Einige wenige dieser Löwinnen, die fĂŒr ihren Mut und ihren Willen zur Freiheit einen hohen Preis zahlen mĂŒssen sind:

Nasrin Sotoudeh, RechtsanwĂ€ltin. Sie wurde Anfang Januar 2011 wegen "Handlungen gegen die nationale Sicherheit", "Propaganda gegen das Regime" und "Verstoß gegen die islamischen Kleidervorschriften" zu elf Jahren GefĂ€ngnisstrafe und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt.
Farah Vazehan. Sie wurde im Februar 2011 "staatsfeindlicher AktivitĂ€ten" fĂŒr schuldig befunden, weil sie an Protesten gegen das Regime teilgenommen und Filmaufnahmen der Proteste ins Ausland weitergeleitet hatte. Das Regime verurteilte sie erst zum Tode, aufgrund internationaler Proteste dann zu 17 Jahren Haft.
Shabnam Madadzadeh, Studentin der PĂ€dagogischen Hochschule in Teheran und Mitglied einer Studentenvereinigung. Ihr wurde Zusammenarbeit mit Oppositionsgruppen im Ausland vorgeworfen. Sie wurde ĂŒber lĂ€ngere Zeit in Isolationshaft gehalten und dort gefoltert. Im Januar 2010 wurde sie zu fĂŒnf Jahren Haft verurteilt.
Ronak Safarzadeh, Studentin im Fach Grafik-Design und Aktivistin der iranischen Frauenbewegung. Sie wurde Anfang April 2009 zu sechs Jahren Haft verurteilt, nachdem sie Unterschriften fĂŒr die "Kampagne fĂŒr Gleichberechtigung" gesammelt hatte.

AVIVA-Berlin und STOP THE BOMB appellieren an alle LeserInnen:

Schreiben Sie an Cem Özdemir, Brigitte Zypries, Wolfgang Gerhardt und Dagmar Woehrl und an den Vorstand des BVMW. Fordern Sie den Bundesvorstand und seinen politischen Beirat auf, die GeschĂ€ftsbeziehungen zur Republik Iran zu beenden und die Werbung fĂŒr Iran-GeschĂ€fte sofort einzustellen!


Weitere Informationen finden Sie unter:

STOP THE BOMB

STOP THE BOMB auf Facebook

Bundesverband mittelstÀndiger Wirtschaft

www.menschenrechtsverein.org

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nasrin Amirsedghi - Die Stellung der Frau im Gottesstaat Iran

Azar Nafisi - Die schönen LĂŒgen meiner Mutter. Erinnerungen an meine iranische Familie

Die atomare Waffe des Iran sind seine MĂ€rtyrerInnen

Berichte ĂŒber Sakineh Ashtianis Freiheit wurden dementiert

30 Jahre Berufsverbot und einjĂ€hrige Haftstrafe fĂŒr iranische Journalistin und BOB-PreistrĂ€gerin Zhila Bani Jaghob

Mein Iran - Shirin Ebadi

Keine GeschÀfte mit dem iranischen Regime

Iranischer Neorealismus

Irans PrÀsident bezeichnet Holocaust als Mythos

Einreiseverbot fĂŒr Mahmud Ahmadinedjad

Al-Quds-Tag-Proteste 2009 - Offizielle Entschuldigung des PolizeiprÀsidenten

Demonstration gegen Schweizer Iran-GeschĂ€fte am 11.10.2010 in Berlin, DĂŒsseldorf, ZĂŒrich, Wien und London


Quellen: STOP THE BOMB, EIVENT, Der Mittelstand, Deutsch-Iranische Handelskammer e.V., www.menschenrechtsverein.org, AVIVA-Berlin