Danielle De Picciotto - The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Biographien
19.07.2018

Danielle De Picciotto - The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir
Lisa Scheibner

Berlin 1987. Ein Geheimtipp für alle, die sich nicht anpassen wollen. Doch schon bald kommen gewaltige Veränderungen auf die geteilte Stadt und ihre Kulturszene zu. Ein spannendes Stück ...



... Underground-Geschichte! De Picciotto beschreibt die Wende und ihre Folgen aus der Sicht einer Frau, der sich trotz zahlreicher Hindernisse immer wieder neue Möglichkeiten auftun.

Als die amerikanische Künstlerin Danielle De Picciotto nach Westberlin zieht, scheint dort alles möglich zu sein, obwohl die Mittel eher rar sind. Ende der 1980er ist die Berliner Underground-Kulturszene so eigen und aktiv wie in keiner anderen Stadt: Die Not der Abgeschlossenheit macht die KünstlerInnen erfinderisch, De Picciotto ist bald integriert und leidenschaftlich an der Gestaltung legendärer Events und Orte beteiligt.
In "The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir" gibt sie liebevolle Einblicke in ihre Freundschaften mit anderen bekannten KünstlerInnen wie Gudrun Gut, Dr. Motte, Blixa Bargeld, Alexander Hacke, Jim Avignon und vielen anderen und spricht detailreich über gute und frustrierende Zusammenarbeiten.

"This book is about remembering some of the secret, magical moments of history, which are not planned or manipulated commercially. They prove that with the decisions we make, each step we take, we forge our world amd demonstrate, once again, the unique importance of the individual."

Mode, Musik und Hedonismus

Dabei entwickelt De Picciotto sich und ihre Interessen ständig weiter: Zunächst mit fantasievollem Modedesign und Dekorationen beschäftigt, ist sie später in der Club-Szene aktiv. Geld verdienen und die eigenen Ideen verwirklichen geht glücklicherweise oft zusammen: Sie arbeitet unter anderem im 90°, im E-Werk und im Tresor. Die Szene ist fasziniert von Elektronischer Musik und schwelgt in hedonistischem Vergnügen.
Zusammen mit Dr. Motte organisiert De Picciotto Techno- und Acid-Parties und die erste Love Parade, die sich jedoch von ihren fröhlichen Anfängen bald entfernt und kommerziell wird, so dass sich die InitiatorInnen davon distanzieren.
Durch einen Zufall beginnt De Picciotto, selber Musik zu machen: Sie singt bei den Space Cowboys und gründet ihre eigene Formation Ta-Coma. Ihre große Liebe ist aber immer wieder die bildende Kunst und während sie als Kuratorin erfolgreich wird -sie organisiert zahlreiche Ausstellungen und Kultur-Events und wird später Alexander Hackes Managerin- versucht sie, ihre eigene künstlerische Arbeit nicht zu vernachlässigen.

Der Luxus, Kunst zu machen

Ende der 1990er versucht De Picciotto, zusammen mit Dr. Motte und Anderen, in einem heruntergekommenen Schloss im brandenburgischen Senzke einen dauerhaften Ort für Kunst und Austausch zu schaffen. Verschiedene KünsterInnen zusammenzubringen ist eines ihrer Talente und größten Freuden. Die schwärmerische Idee scheitert jedoch an der Ablehnung durch die Dorfgemeinschaft, die sich bis hin zu rechtsextremen Angriffen entwickelt.

In dieser Episode bleibt offen, ob und wie De Picciotto und ihre MitstreiterInnen sich tatsächlich mit der Situation der BewohnerInnen Senzkes auseinandergesetzt haben. Auge in Auge mit politischen Fakten und den gesellschaftlichen Wunden, die die deutsche Geschichte hinterlassen hat, wirken die idealistischen Ansätze der KünstlerInnenschar hier ein wenig naiv.
Welche Art politischer Ideale der Underground gehabt haben könnte, wird nicht erzählt. De Picciotto bleibt bei ihrer persönlichen Perspektive und glaubt vor allem an individuellen Ausdruck und Freundschaft: "Individuality is vitally important. Human beings need to be able to express themselves to be happy."

Und so suchen De Picciotto und ihre Freundinnen und Freunde sich einen "wonderful space for imaginative fun" nach dem anderen und starten mehrere Initiativen, um auch bei Anderen die Lust am Improvisieren und Sich-Selbst-Verwirklichen zu wecken.
Diese positive Haltung macht einerseits Mut, eigen zu sein und sich ständig weiter zu entwickeln. Andererseits stellt sich hier die Frage, ob Kunst darüber hinaus eine Aufgabe haben kann, und welche Arten der Inspiration durch Kultur möglich sind.

De Picciotto erzählt ihre Geschichte Berlins zwischen 1987 und 2010 chronologisch, detaillierte Schilderungen ihres künstlerischen Alltags werden abgelöst von kürzeren szenischen Texten, die wichtige persönliche Momente einfangen. Im Mittelteil des Buches gibt es Fotos dazu.

AVIVA-Tipp: In "The Beauty of Transgression" beschreibt Danielle De Picciotto die Entwicklung Berlins aus der Sicht einer Kulturschaffenden, die die Underground-Szene enthusiastisch mit gestaltet, während sie sich immer neue Medien aneignet. Aus einer (zur Hälfte) eingeschlossenen Stadt, die ein Mekka für nicht-kommerzielle Projekte und alternative Lebensweisen ist, wird nach und nach eine trendige Kulturmetropole. De Picciottos zahllose Projekte gelingen oder scheitern, und ihre Geschichte ist beispielhaft dafür, wie die zahllosen Initiativen einzelner Kreativer Berlin geprägt haben, bis die Stadt selbst zu einer Marke geworden ist.
Die vielen kleinen Portraits von bekannten und schon fast vergessenen KünstlerInnen regen an, sich zu verwirklichen und an die eigene Kreativität zu glauben, ohne in monetärer Anerkennung die größte Bestätigung zu sehen. Vor allem aber sind diese Berlin-Memoiren eine Ode an die Freundschaft: Die schönsten Erfolge gelingen De Picciotto zusammen mit alten und neuen Freundinnen und Freunden.

Zur Künstlerin: Danielle De Picciotto ist bildende Künstlerin, Filmemacherin und Musikerin. Sie hat zusammen mit Dr. Motte die Love Parade gegründet und in zahlreichen und wechselnden Formationen mit KünstlerInnen und MusikerInnen wie Gudrun Gut, Blixa Bargeld, Alexander Hacke, Jim Avignon und vielen anderen gearbeitet.
Neben ihrer eigenen Kunst -Malerei, Zeichnungen, Installationen, Musik und verschiedene Filme - kuratiert sie immer wieder Ausstellungen anderer KünstlerInnen.
Seit 2001 macht sie hauptsächlich gemeinsame Projekte mit ihrem Mann, Alexander Hacke, bekannt als Bassist der Einstürzenden Neubauten. Die beiden touren international mit ihren multimedialen Performances, zu zweit oder in Kooperation mit anderen, wie etwa den Tiger Lilies bei "Mountains of Madness," (2005-2008, siehe AVIVA-Interview (2006). Sie spielen live zusammen Musik und De Picciotto zeigt ihre visuelle Kunst. Danielle de Picciotto im Netz: www.danielledepicciotto.com

Danielle De Picciotto
The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir

gestalten, erschienen April 2011
shop.gestalten.com
Hardcover, 288 Seiten/16 Seiten farbige Abbildungen
In englischer Sprache
ISBN 978-3-89955-328-4
22 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

The Ship of Fools (2007/2008)

Interview mit Danielle De Picciotto (2006)

Misfit Carnevale (2006)

Kunst oder Königin (2005)