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20.06.2018

Unda Hörner - Berliner Luft - Pariser Leben
Ingeborg Morawetz

Wer Paris mag, lernt Berlin zu lieben, wem Berlin vertraut ist, die kann es in dieser Lekt√ľre in Paris wiederfinden. Die Autorin widmet sich nach Werken √ľber Avantgarde und Boh√®me nun diesen zwei...



... besonderen Metropolen.

Es gibt gewisse Elemente, die mitteleurop√§ische B√ľrgerInnen in einer Gro√üstadt anzutreffen erwarten: H√§user, deren Etagenzahl in zweistellige Bereiche steigt, √∂ffentliche Nahverkehrsmittel, mindestens eine bedeutungstr√§chtige Gr√ľnanlage und ein stehendes oder flie√üendes Gew√§sser, ein bis zwei Wahrzeichen k√ľnstlerischer oder geschichtlicher Natur und eine nicht zu sch√§tzende Menge an kulturellen und politischen Einrichtungen. Aus diesen Bausteinen in moderner, sehr alter, verwahrloster oder gigantischer Ausf√ľhrung lassen sich Metropolen zum Nachvollziehen zusammenstellen. New York, Kairo, Bangkok, Rom und Moskau pr√§sentieren sich mit Skylines, Wolkenkratzern, Denkm√§lern, Fl√ľssen, die ihre Namen tragen, und unz√§hligen Museen, Theatern und Opernh√§usern.

Warum dennoch der Louvre in Paris dem Pergamon Museum in Berlin ähnlicher ist als dem Metropolitan Museum in New York, warum ein Vergleich zwischen dem Pariser Eiffelturm und nicht irgendeinem, sondern dem Berliner Funkturm nahe liegt und warum es nicht von der Hand zu weisen ist, dass weder Bangkok noch Moskau neben einer engen historischen Verbindung die evidenten Parallelen aufweisen können, die Paris und Berlin Seite an Seite schreiten lassen, erklärt Unda Hörner auf 144 Seiten "Berliner Luft- Pariser Leben" kurzweilig und aufschlussreich.

Zum 750. Geburtstag erhielt die Stadt Berlin im Jahre 1987 ein au√üergew√∂hnliches Geschenk: die Partnerschaft der franz√∂sischen Hauptstadt auf dem Papier. Seit nunmehr 25 Jahren stehen die St√§dte in der engen Beziehung der sogenannten St√§dtepartnerschaft. Sie organisieren gemeinsam Veranstaltungen in den Bereichen Kultur, Jugend, Stadtentwicklung und Sport. Sch√ľlerInnen aus beiden St√§dten erhalten die M√∂glichkeit, in der jeweils anderen die Landessprache zu erlernen. Filme und Gem√§lde, die in Hochschulen entstehen, bekommen die Chance, auch √ľber die Landesgrenzen hinaus von den Augen interessierter "NachbarInnen" gesehen zu werden.

Um das Ereignis der ein Vierteljahrhundert w√§hrenden Freundschaft zweier St√§dte, das bedeutet von insgesamt 5.754.166 EinwohnerInnen, geb√ľhrend zu w√ľrdigen, stand das Jahr 2012 unter dem Zeichen eines "Tandem Paris Berlin". Die B√ľrgermeister traten in die Pedale: unter der Schirmherrschaft von Bertrand Delano√ę und Klaus Wowereit feierten die beiden St√§dte ihr Jubil√§um getrennt, aber verschr√§nkt. Berliner K√ľnstlerInnen und FestrednerInnen traten in Paris auf, umgekehrt entsandte Paris eine bunte Vielfalt an T√§nzerInnen, S√§ngerInnen/MusikerInnen und SchriftstellerInnen in die deutsche Hauptstadt.

In Hinblick darauf, dass Frankreich und Deutschland nicht nur in beiden Weltkriegen an entgegensetzten Fronten standen, sondern auch zu Zeiten Napoleons eine erbitterte Feindschaft pflegten, hat die heutige enge Verbundenheit einen noch viel größeren Stellenwert. Doch die ambivalente Geschichte beider Staaten bleibt selbst in harmonischen Jahren nicht unvergessen.
Gegens√§tze dominieren nach wie vor das Verh√§ltnis, im 21. Jahrhundert werden sie aber nicht mehr als Zankapfel, sondern als Bereicherung behandelt. So f√ľhrt Unda H√∂rner in ihrem handlichen Werk vor Allem kontr√§re Paare auf. Von den zw√∂lf Kapiteln teilen sich unter anderem Mona Lisa und Nofretete schwesterlich eines, ein anderes beherbergt das Brandenburger Tor und den Arc de Triomphe und auch Concierge und Hauswartsfrau schmiegen sich Schwarz auf Wei√ü zwischen zwei Buchdeckeln eng aneinander.

Die Zweigespanne wurden von der Autorin nicht allein wegen funktioneller und √§u√üerlicher √Ąhnlichkeit zusammengef√ľgt, sondern haben in den meisten der ausgew√§hlten F√§lle eine tats√§chliche historische Gemeinsamkeit:
H√∂rner erz√§hlt von der Schwanenwerder Havelinsel bei Berlin, auf der eine S√§ule zu finden ist, deren Inschrift auf die Pariser Seine verweist und die urspr√ľnglich aus dem 1871 abgebrannten Tuilerienpalast stammt, und berichtet auch von dem Berliner Stadtplaner James Friedrich Ludolph Hobrecht.
Dieser orientierte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts bei seinen Umstrukturierungsvorhaben zur Entlastung der √ľberbev√∂lkerten Stadt an Baron Haussmann, einem Franzosen, der ebensolche Ma√ünahmen kurze Zeit vor ihm in Paris ergriffen hatte.
Die beiden glamour√∂sesten Damen der Partnerst√§dte weisen geographisch die geringsten √úberschneidungen auf, bieten jedoch die spektakul√§rsten Geschichten: Nofretete und Mona Lisa reisten beide weit, wurden verkauft, entf√ľhrt und zur√ľckerobert und sind nach wie vor hei√ü umk√§mpft. Nofretete jedoch hat die wenig schmeichelhafte Ehre, die √Ąltere der beiden Sch√∂nheiten zu sein, schon alleine ihr Fund j√§hrt sich 2013 zum hundertsten Mal.

Unda H√∂rners Stil ist ungezwungen und leicht, sprachlich aber keineswegs bewusst locker oder unkompliziert gehalten. Anekdotenhaft greifen in den nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln Zitate, Fakten und Beschreibungen ineinander. Ohne steife Gliederung und unnat√ľrliche Abs√§tze plaudert H√∂rner beinahe. Flie√üende Ort- und Zeitspr√ľnge lassen weder Paris noch Berlin zu kurz kommen.
Historisch belegt erteilt Unda H√∂rner Walter Benjamin, Stefan Zweig und Jean Paul Sartre an den richtigen Stellen das Wort. Die typische Pariser Concierge wird gar gleich von drei SchriftstellerInnen charakterisiert und eingerahmt. Unterst√ľtzung holt sich H√∂rner hier auch bei der zeitgen√∂ssischen Autorin Muriel Barbery, die mit dem Roman "Die Eleganz des Igels" 2006 international auf sich aufmerksam machte.

Selbst wenn manch eines der in dem B√ľchlein dargestellten deutsch- franz√∂sischen Paare auch mit einer anderen, eindeutig als solche zu identifizierenden Gro√üstadt zu realisieren gewesen w√§re, der Central Park in New York mit dem Grunewald nicht weniger vergleichbar ist als mit der Pariser Bois de Boulogne, w√ľrde das literarische H√§ndchenhalten wohl mit keiner Metropole so charmant und liebensw√ľrdig gelingen wie mit Paris f√ľr Berlin und mit Berlin f√ľr Paris.

Zur Autorin: Unda H√∂rner geboren 1961, promovierte √ľber Elsa Triolet, ist Germanistin und Romanistin und eine renommierte Kennerin der 1920/30er Jahre. Neben mehreren Biographien u.a. "Die realen Frauen der Surrealisten", "Madame Man Ray. Fotografinnen der Avantgarde in Paris" und "Im Dreieck. Liebesbeziehungen von Nietzsche bis Duras" ver√∂ffentlichte sie im Herbst 2000 ihren ersten Roman "Unter Nachbarn" sowie 2010 Orte j√ľdischen Lebens in Berlin. Literarische Spazierg√§nge durch Mitte. F√ľr ihre Kurzgeschichte Hangar f√ľr Hellermann erhielt sie 2001 den Bettina-von-Arnim-Preis. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin, Herausgeberin und Journalistin und √úbersetzerin in Berlin.

AVIVA-Tipp: Im ersten Moment eine scheinbar banale Sammlung unterhaltsam aufbereiteten Städtewissens entpuppt sich "Berliner Luft- Pariser Leben" schnell als mannigfaltiges Kleinod der Reiseliteratur. BerlinerInnen bekommen Lust, ihre Stadt aus französischer Perspektive zu erkunden, und auch die zahlreichen kulturellen Hinweise regen zum Forschen und Weiterlesen an.

Unda Hörner
Berliner Luft - Pariser Leben

Edition Ebersbach, erschienen Juli 2012
Hardcover,144 Seiten
978-3869150611
15,80 Euro

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