Interview mit Danielle de Picciotto - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Interviews >
19.06.2018

Interview mit Danielle de Picciotto
Claire Horst

We are Gypsies Now ÔÇô Der Buchtitel sagt alles: Die Autorin, Multimedia-K├╝nstlerin, Musikerin und Filmemacherin de Picciotto beschreibt in ihrem k├╝rzlich erschienenen Graphic Diary das Experiment,..



... auf einen festen Wohnsitz zu verzichten und sich auf die Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt, aber auch nach dem eigenen Selbst zu begeben.

Seit Mitte der achtziger Jahre lebt Danielle de Picciotto in Berlin, gr├╝ndet die Love Parade mit, veranstaltet Events und Ausstellungen, macht Musik und Kunst, oft in Kooperation mit anderen K├╝nstlerInnen. Trotz ihres Erfolgs k├Ânnen sie und ihr Partner Alexander Hacke, Bassist der Einst├╝rzenden Neubauten, von ihrer Kunst nur leben, weil sie kaum jemals zu Hause sind ÔÇô st├Ąndig auf der Reise, um Auftr├Ąge einzuholen, zu touren oder irgendein Stipendium zu nutzen, haben sie wenig von der Stadt, die sie eigentlich zum Leben gew├Ąhlt haben.

Im Jahr 2010 entschlie├čen sie sich, das gemeinsame Haus in Berlin zu verkaufen und sich auf die Reise nach einem Ort zu begeben, an dem sie von ihrer Kunst leben k├Ânnen, ohne st├Ąndig unterwegs zu sein. ├ťber diese Suche hat Danielle de Picciotto ein gro├čartiges Buch geschrieben und gezeichnet, das jetzt im Metrolit-Verlag erschienen ist. Mit AVIVA-Berlin hat sie sich ├╝ber das Buch unterhalten.

AVIVA-Berlin: F├╝r wen hast du das Buch gemacht?
Danielle de Picciotto: Urspr├╝nglich wollte ich nur ein gezeichnetes Tagebuch machen, als ├ťbung, um jeden Tag etwas zu zeichnen. Ich war unsicher, ob ich es ver├Âffentlichen soll, weil es so eine pers├Ânliche Sache ist. Und dann habe ich gemerkt, dass es vielen Leuten gleich geht. Es geht ja nicht nur um K├╝nstlerInnen, sondern darum sich zu ├Âffnen, neue Wege zu finden. Den Mut zu haben, ins kalte Wasser zu springen, wenn man das Gef├╝hl hat, dass man statisch geworden und nicht gl├╝cklich ist, kann einem Neues bringen, was man niemals erwartet h├Ątte.

AVIVA-Berlin: Du bist in den USA aufgewachsen und in den achtziger Jahren nach Berlin gekommen. Warum hast du dich damals dazu entschlossen?
Danielle de Picciotto: Ich bin damals f├╝r zwei Wochen aus New York gekommen, um eine Freundin zu besuchen, und einfach dageblieben. Mich hat fasziniert, dass es nicht so gef├Ąhrlich war wie New York, dass die Mieten so niedrig waren, und dass es so kreativ war. Ich habe eine gro├če Gruppe von K├╝nstlermenschen kennengelernt ÔÇô es war wie im Himmel, wie ein K├╝nstlerInnenparadies.

AVIVA-Berlin: In deinem Buch geht es viel um die prek├Ąre Lebenssituation in Berlin. Du hast gerade gesagt, auch damals war Berlin schon sehr preiswert und sehr kreativ. Siehst du heute eine Versch├Ąrfung in dem Sinne, dass man zwar kreativ sein, aber nicht mehr davon leben kann?
Danielle de Picciotto: Es war komplett anders. Erstens war Berlin ja subventioniert als Inselstadt, es gab unglaublich viel Unterst├╝tzung f├╝r K├╝nstlerInnen, sodass es wesentlich einfacher war, Projekte oder Stipendien zu bekommen. Abgesehen davon war es eben so preiswert, dass man mit ein bisschen Geld wirklich weit kommen konnte. Ich habe zusammen mit f├╝nf anderen Leuten in einer Fabriketage von 400 Quadratmetern gewohnt, das hat mich hundert Mark gekostet. Dadurch war auch die Atmosph├Ąre eine andere: Es ging viel mehr darum, im Schulterschluss idealistische Sachen zusammen zu machen. Egal, wo man hingegangen ist, sind Sachen passiert, die einfach so aus Spa├č an Kreativit├Ąt gemacht wurden. Heutzutage ist es eine Partystadt geworden, aber die Kreativit├Ąt, die es damals gab, sieht man nicht mehr. Jetzt kann im Prinzip jeder froh sein, wenn er einen Job kriegt, und dadurch gibt es eine Riesenkonkurrenz.

AVIVA-Berlin: Gibt es heute noch Netzwerke f├╝r dich, die diese Konkurrenzsituation ein bisschen aufwiegen?
Danielle de Picciotto: Es gibt nat├╝rlich schon noch Netzwerke wie zum Beispiel das Haus Schwarzenberg mit der Galerie Neurotitan und dem Eschloraque. Das sind Orte, die immer noch sehr idealistisch K├╝nstlerInnen unterst├╝tzen, Ausstellungen erm├Âglichen oder Konzerte. Ich versuche ein Netzwerk aufrechtzuerhalten, indem ich regelm├Ą├čig Ausstellungen und Events organisiere, indem ich andere K├╝nstlerInnen einlade, sich zu beteiligen. Daf├╝r gibt es allerdings keine Finanzierung.

AVIVA-Berlin: In deinem Buch beschreibst du eure lange Reise auf der Suche nach einem Ort, wo das noch anders ist ÔÇô wart ihr erfolgreich?
Danielle de Picciotto: ├ľsterreich zum Beispiel hat ein unglaublich starkes Subventionierungssystem, allerdings nur f├╝r ├ľsterreicherInnen. So etwas h├Ątte ich mir f├╝r Berlin immer gew├╝nscht. Diese Stadt lebt so sehr von der Kreativit├Ąt, dass es eine st├Ąrkere Unterst├╝tzung geben sollte. Das Problem der Gewinnorientierung gibt es aber ├╝berall. Sie erlaubt keine gro├čartigen Unterst├╝tzungsm├Âglichkeiten f├╝r Sachen, die eventuell keinen Gewinn bringen. Im Musikbereich merkt man ganz extrem, dass nur noch gerechnet wird, wie viele Pl├Ątze eine Band f├╝llt. Davon kann kaum jemand ├╝berleben. In unserer Band Crime and the City Solution sind wir acht Leute. F├╝r uns ist es eigentlich unm├Âglich zu touren, weil keiner bereit ist, genug Geld zu bezahlen. Deswegen gibt es auch heute kaum noch gro├če Bands. Eine Erkenntnis aus meinem Buch war, dass das kein reines Berlinproblem ist, sondern eine weltweite Entwicklung.

AVIVA-Berlin: Ist es nicht ein Armutszeugnis f├╝r Berlin, wenn kreative Leute gehen m├╝ssen, weil sie hier nicht ├╝berleben k├Ânnen?
Danielle de Picciotto: Das Interessante ist, dass sich jetzt hier auch neue Sachen auftun. Ich habe jetzt einen Berliner Verlag und einen Berliner Agenten. Aber wir wollen schon einen Ort finden, an dem wir wenigstens die H├Ąlfte der Zeit sein und Geld verdienen k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Hat die Ver├Ąnderung Berlins nicht auch etwas Positives? Es kommen ja immer noch sehr viele kreative Leute hierher.
Danielle de Picciotto: Es ist nach wie vor eine extrem offene und kreative Stadt. Anderswo kann man nicht so frei sein, weil das Interesse des Publikums gar nicht vorhanden ist. In Berlin bleibt es daf├╝r ziemlich ideell. Ich habe hier eigentlich nie Geld verdient. Drei oder vier Mal im Jahr habe ich Ausstellungen gemacht, aber die Leute wollen dann umsonst rein oder Bilder billiger kaufen. Geld kannst du hier nicht verdienen, aber du hast die M├Âglichkeit, selber Sachen auf die Beine zu stellen. Deswegen sind wir so lange hiergeblieben: Die Leute, die hier leben, sind super. Ich habe immer Gef├╝hl, es gibt zu viele K├╝nstlerInnen und zu wenige ManagerInnen, zu wenige Leute, die Interesse haben, Kultur profitabel zu machen, indem sie die K├╝nstlerInnen unterst├╝tzen. Wenn man die Kultur nicht f├╝ttert, dann stirbt sie.

AVIVA-Berlin: Gab es Leute, die dich gef├Ârdert haben, als du angefangen hast?
Danielle de Picciotto: Einer, der mich sehr gef├Ârdert hat, war Dimitri Hegemann vom Tresor. Er hat mir R├Ąume angeboten, um Ausstellungen oder Installationen zu machen. Er hat auch einmal im Jahr einem K├╝nstler oder einer K├╝nstlerin ein Stipendium ausgezahlt, die er herausragend fand. Zwei K├╝nstlerInnen hat er regelm├Ą├čig die Miete bezahlt. Der war ein richtiger M├Ązen.

AVIVA-Berlin: Wenn eine K├╝nstlerin heute neu anfangen w├╝rde: Welche Tipps w├╝rdest du ihr geben, um erfolgreich zu sein?
Danielle de Picciotto: Um ehrlich zu sein, ich w├╝rde jeder raten, eine gute Galerie zu kriegen. Das autonome Selbstmachen ist sehr eingegrenzt, weil man dadurch au├čerhalb des Kunstbetriebs bleibt und immer abh├Ąngig von FreundInnen ist, die die Kunst kaufen. Wenn man keine Galerie hat, keine ernsthaften SammlerInnen, die sagen, dass du es wert bist zu investieren, verl├Ąuft es sich irgendwann. Das ist eine schwere Erkenntnis, weil ich jahrelang unabh├Ąngig sein, mich nicht eingrenzen lassen wollte. Aber so wird man nicht ernstgenommen. Das sehe ich auch an den anderen autonomen K├╝nstlerInnen, mit denen ich seit den Achtzigern arbeite. Weitergekommen sind die, die eine Galerie hatten.

AVIVA-Berlin: Trotz aller Schwierigkeiten, von denen du erz├Ąhlst, setzt du unglaublich viele Projekte um. Was st├Ąrkt dich so, dass du trotz allem immer weitermachst?
Danielle de Picciotto: An erster Stelle deshalb, weil es das einzige ist, was mich wirklich gl├╝cklich macht. Am gl├╝cklichsten bin ich, wenn ich Projekte mit Leuten zusammen mache. F├╝r mich ist das die Quintessenz von Freundschaft, der Austausch mit Menschen. Wenn es einen nicht gl├╝cklich macht, sollte man es gleich sein lassen. Daf├╝r ist der Weg zu hart. Wenn man K├╝nstlerIn ist, gibt es grunds├Ątzlich immer Hochs und Tiefs. Auch wenn man erfolgreich ist, stellt man sich immer wieder in Frage. Wenn die Sache einen nicht so gl├╝cklich macht, dass es das aufwiegt, sollte man es nicht machen. Deshalb ist es mir auch so wichtig, meine Kunst ohne Nebenjobs machen zu k├Ânnen. Bis 1995 habe ich jede Nacht in Clubs gearbeitet. Das nimmt einem die Energie, sich hundertprozentig dem zu widmen, was man eigentlich tun will. Ich kenne viele Leute, die zwei Drittel ihrer Zeit mit Nebenjobs verbringen m├╝ssen, um ├╝berleben zu k├Ânnen. Auch wenn man sehr gut ist, reicht das eine Drittel nicht, um die eigene Kunst wirklich zufriedenstellend zu machen.
Ich habe das Buch auch geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen: Es muss ein gr├Â├čeres Bewusstsein daf├╝r geben, dass Kunst irgendwann verschwinden wird, wenn man nicht davon leben kann. Wir sind erfolgreich und k├Ânnen nur mit Not ├╝berleben, wie geht es dann erst anderen, die nicht so erfolgreich sind? Meine Idee am Ende des Buches war es daher, neue Netzwerke zu kreieren. Eine M├Âglichkeit ist, dass K├╝nstlerInnen eigene Kulturorte gr├╝nden, wie die MeetFactory in Prag, wie fr├╝her das Tacheles.

AVIVA-Berlin: Gibt es K├╝nstlerInnen, die dich besonders inspirieren?
Danielle de Picciotto: In Detroit hat mich das Heidelberg Project sehr beeindruckt. Detroit ist eine komplett verw├╝stete, menschenleere, arme Stadt. Eine gesamte Stra├če dort haben Leute mit gefundenen Objekten gestaltet, die H├Ąuser angemalt und Installationen gemacht mit all dem, was da rumlag, ein Haus ist komplett mit Stofftieren beh├Ąngt, es gibt Schuhe als Blument├Âpfe. Sie lassen sich nicht unterkriegen, auch wenn es einsam und leer und arm ist, sie machen trotzdem ihre Kunst. Das hat mich beeindruckt. Das sind die Gedanken, die ich f├╝r Berlin immer so kennzeichnend fand: sich selber neu zu erfinden und trotz allem weiterzubewegen. Das hat mir wieder Kraft gegeben weiterzumachen.

AVIVA-Berlin: Gibt es in Berlin auch eine Person oder ein Projekt, das du toll findest?
Danielle de Picciotto: Nach wie vor finde ich das Haus Schwarzenberg sehr wichtig. Es ist eine der wenigen Instanzen, die nicht profitorientiert arbeiten, sondern f├╝r alle m├Âglichen K├╝nstlerInnen viel Unterst├╝tzung leisten. Und auch die arbeiten sehr viel f├╝r sehr wenig Geld. Martin Eder finde ich toll, er ist international sehr erfolgreich, macht aber immer Projekte, bei denen er alle m├Âglichen Leute einbezieht und nicht nur seine Karriere bedenkt. Ich denke, der einzige Weg zum Erfolg ist, sein eigenes Ding zu machen und andererseits auch andere Sachen mit zu unterst├╝tzen. So n├Ąhrt man den Kulturboden. Man gie├čt den Garten, w├Ąhrend die Blumen wachsen.

AVIVA-Berlin: Auf was bist du besonders stolz, wenn du zur├╝ckblickst?
Danielle de Picciotto: Auf der Reise ist mir aufgefallen, dass die Entwicklung der Weg ist. Die Reise ist eine innerliche: Man merkt, dass man eigentlich ├╝berall gl├╝cklich sein k├Ânnte. Es geht darum, mit dem, was man hat, so umzugehen, dass es f├╝r einen selber f├Ârderlich ist. Es kommt auf die innere Haltung an. Stolz kann ich nicht sagen, aber ich bin gl├╝cklich, dass ich mich anscheinend immer weiterentwickle. Ich besch├Ąftige mich mit anderen Sachen als vor zehn Jahren, und mit mir entwickelt sich auch meine Arbeit weiter. Heute bin ich mit meiner Arbeit zufriedener als vor f├╝nf Jahren.

AVIVA-Berlin: Was w├╝rdest du gern noch machen, das du noch nie gemacht hast?
Danielle de Picciotto: Ich habe in den letzten drei Jahren viel von dem gemacht, was ich immer machen wollte. Ich bin viel gl├╝cklicher als vor drei Jahren, als ich das Haus aufgegeben habe, obwohl ich immer noch kein richtiges Zuhause habe. Es hat mich gl├╝cklich gemacht, mich von dem zu trennen, was mich festgehalten hat. Vor kurzem habe ich gedacht, jetzt w├╝rde ich gl├╝cklich sterben, ohne das Gef├╝hl, etwas verpasst zu haben.
Aber ich w├╝rde gern einen Kulturort gr├╝nden, eine kleine Welt, in der keine Profitorientierung herrscht. In der zwar Geld generiert wird, aber mit den Sachen, die man machen m├Âchte, mit anderen Leuten zusammen, einen Ort, der erfolgreich ideell ist.

AVIVA-Berlin: Am 25. April gibt es eine Buchrelease-Veranstaltung im Fluxbau. Was erwartet uns da?
Danielle de Picciotto: Alexander und ich werden ein paar Kapitel aus dem Buch vorstellen. Ich werde lesen und die Zeichnungen animiert zeigen. Zwischen den Kapiteln macht Alexander allein Musik oder wir beide zusammen, und w├Ąhrend ich lese, macht er Soundscapes - also eine Multimedia-Veranstaltung.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r dein Buch und deine weiteren Projekte!

Danielle de Picciotto im Netz: www.danielledepicciotto.com

Danielle de Picciotto
We are Gypsies now. Der Weg ins Ungewisse

240 Seiten / 4-farbig
ISBN 978-3-8493-0047-0
Metrolit Verlag. Erscheinungsdatum: M├Ąrz 2013
22,99 Euro
metrolit.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Danielle De Picciotto - The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir

Danielle de Picciotto im Interview - Mountains Of Madness

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke - The Ship Of Fools

Kunst oder K├Ânigin

Gruppenausstellung - Transgression