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23.05.2018

Sprechen trotz allem - Interviewprojekt mit Überlebenden des Holocaust ist online
AVIVA-Redaktion

Die von der Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas erarbeiteten Bildungsangebote richten sich an Schulklassen und Jugendgruppen. Online verfĂŒgbar sind die ZeitzeugInneninterviews in ...



... einer dafĂŒr eingerichteten Datenbank.

Im Jahr 2007, systematisch ab April 2009, begann die Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas mit der Aufzeichnung von lebensgeschichtlichen Interviews mit Überlebenden des Holocaust. Mit Abschluss des Projektes ist ein eigenes Archiv entstanden, das es ermöglicht, fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Erfahrungen der ZeitzeugInnen zu begegnen und ihren Erinnerungen zuzuhören.

Zwischen 2007 und 2014 hat die Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas 72 Videointerviews mit Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung in einem seit Juni 2011 von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt durchgefĂŒhrt und ausgewertet. Das Interviewprojekt »Sprechen trotz allem« vereint erstmals die DurchfĂŒhrung, Auswertung, PrĂ€sentation und didaktische Nutzung von lebensgeschichtlichen Videointerviews unter dem Dach einer Institution.

In den Interviews berichten die ZeitzeugInnen sowohl von ihrer Verfolgung wĂ€hrend des Nationalsozialismus als auch von den verschiedensten Lebenswelten, die es in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg gab und vom oft schwierigen Neuanfang nach 1945. Die Mehrheit der InterviewpartnerInnen hat aus dem Antrieb heraus gesprochen, dass die Überlieferung ihrer jeweilige Lebensgeschichte an kommende Generationen dazu dient, einen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten und eine Lehre fĂŒr die Zukunft zu sein. So resĂŒmiert Yehuda Bacon, geboren 1929 in MĂ€hrisch-Ostrau, nach seinem Interview:

»Schon als Kind verspĂŒrte ich den Drang, mir all das einzuprĂ€gen, was ich in Auschwitz und anderen Lagern beobachtet, gehört oder erlebt hatte. Nachdem ich den Krieg ĂŒberlebt hatte, hielt ich es fĂŒr meine Pflicht, von diesen Erfahrungen im Namen derer, die ermordet worden waren, zu sprechen. Das war fĂŒr mich eine Möglichkeit, meinem Leben einen Sinn zu geben. [
] Ich nehme an, dass es meine Hoffnung ist, dass das ErzĂ€hlen irgendwie dazu beitragen kann, das solche Ereignisse nie wieder passieren.«

Ein Großteil der Interviewten stammt aus StĂ€dten in den frĂŒheren deutschen Ostgebieten wie Breslau sowie aus deutschsprachigen Orten Mittelosteuropas wie Czernowitz, Lemberg oder Riga, aber auch aus Polen. Die Interviews umfassen Lebensgeschichten von hauptsĂ€chlich jĂŒdischen Überlebenden, aber auch von Sinti, als »asozial« Verfolgten, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden und WiderstĂ€ndlern sowie Opfern der Wehrmachtsjustiz. Die Interviews mit einer LĂ€nge von bis zu acht Stunden wurden mit Überlebenden der JahrgĂ€nge 1913 bis 1942 durchgefĂŒhrt, davon 65 Interviews auf Deutsch, vier auf Polnisch und drei auf Englisch. UngefĂ€hr ein Drittel der Überlebenden hatte niemals zuvor in ausfĂŒhrlicher Form vor einer Videokamera ĂŒber sein/ihr Leben berichtet.

Nach Abschluss des Projektes sind nun alle Interviews im Videoarchiv im Ort der Information des Denkmals fĂŒr die ermordeten Juden Europas zugĂ€nglich.
BesucherInnen der Ausstellung können sich bereits seit dem Jahr 2008 anhand von Videoaufzeichnungen ausfĂŒhrlich mit den Lebensgeschichten von Verfolgten des NS-Regimes beschĂ€ftigen. Das Videoarchiv umfasste zunĂ€chst vor allem Interviews externer Institutionen, allen voran dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies der UniversitĂ€t Yale, mit Holocaust-Überlebenden und wird nun durch die eigenen Interviews der Stiftung erweitert.

DarĂŒber hinaus sind die stiftungseigenen ZeitzeugInneninterviews in einer Datenbank online unter www.sprechentrotzallem.de verfĂŒgbar. Nach vorheriger Registrierung können die Videoaufzeichnungen so auch weltweit als Forschungsquelle genutzt werden.

Alle Interviews sind in der jeweiligen Originalsprache und in voller LĂ€nge verfĂŒgbar. Biografische und thematische Inhaltsverzeichnisse, Abschriften in der Sprache des Interviews sowie in deutscher Übersetzung sowie Schlagworte ermöglichen es, das umfangreiche Filmmaterial auf vielfĂ€ltige Weise zu erschließen. LebenslĂ€ufe, kontextualisierende Zusammenfassungen und Darstellungen der Interviewsituation ergĂ€nzen die Videointerviews.

Bildungsangebote zur Quelle Videointerview

Die buchbaren, dauerhaft im Stiftung verfĂŒgbaren Angebote wie der Projekttag »Sprechen trotz allem«, der Workshop »Die Verfolgung der Sinti und Roma« sowie ein EinfĂŒhrungsworkshop zum Erstellen von Interviews mit Überlebenden, zur Bearbeitung und PrĂ€sentation des Videoarchivs gewĂ€hren interessante Einblicke in die zukĂŒnftig immer wichtiger werdende historische Quelle Videointerview. Die von der Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas erarbeiteten Bildungsangebote richten sich vor allem an Schulklassen und Jugendgruppen.

Begleitband zum Interviewprojekt

Im Rahmen des Projektabschlusses gibt die Stiftung einen umfangreichen Begleitband (188 Seiten) heraus, der das Projekt und alle InterviewpartnerInnen anhand von KurzportrĂ€ts vorstellt. Der Begleitband ist online unter www.stiftung-denkmal.de/publikationen sowie im Buchladen des Denkmals fĂŒr 15,00 Euro erhĂ€ltlich (bei Versand fallen 5,00 Euro Portokosten an).

Kontakt:

Informationen zum Interviewprojekt: Daniel Baranowski, Projektleiter, Telefon: +49 (0)30 26 39 43 – 66, E-Mail: daniel.baranowski@stiftung-denkmal.de

Informationen zu Bildungsangeboten: BesucherInnenservice, Telefon: +49 (0)30 26 39 43 – 36, E-Mail: besucherservice@stiftung-denkmal.de

Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas
Georgenstraße 23
10117 Berlin
www.stiftung-denkmal.de

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Survivors of the Shoah Visual History


(Quelle: Stiftung Denkmal fĂŒr die ermordeten Juden Europas)