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23.06.2018

Karen Duve - Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen. Verlosung
Helga Egetenmeier

Eigentlich wollte sie einen Zukunftsroman schreiben, doch bei ihren Recherchen stellte die Autorin von "AnstĂ€ndig essen" fest, dass es... AVIVA verlost 3 BĂŒcher



... die Menschheit bald nicht mehr gibt.

Zu ihrer Rettung reicht es nicht aus, Kröten ĂŒber die Straße zu tragen, die sozial Denkenden mĂŒssen an die echten Schalthebel der Macht. Mit ihrer bitteren Polemik will sie wachrĂŒtteln und ihren Teil dazu beitragen, den Untergang unserer Welt zu verhindern, wie sie bei ihrer Buchpremiere in Berlin ausfĂŒhrte.

Beeindruckend ernst ihre provozierenden Thesen vertretend, stellte sich Karen Duve nach der Lesung neugierig und kÀmpferisch den Fragen der ZuhörerInnen im fast ausverkauften Heimathafen Neukölln. Sie fordert mit ihrem durchaus unterhaltsamen, zwischen Sardonismus und Zynismus mÀanderndemText, nicht nur zum Nachdenken auf, sondern drÀngt auf ein sofortiges Handeln.

FĂŒr den Den absehbaren Kollaps der Welt durch den sorglosen und gierigen Umgang mit der Natur, lastet sie keinem Gesellschaftssystem oder Religionen an und verlangt keine ideologisch gestĂŒtzte Revolution. In ihrem feuilletonistischen Text lĂ€sst sie die Faust auf den Tisch krachen, die Argumentationen verbinden sich leichtfĂŒĂŸig und trotz zwischendurch aufkeimender EinsprĂŒche gegen ihre vereinfachenden Darstellungen lĂ€sst sich diese wĂŒtende Anklage mĂŒhelos lesen.

MĂ€nnliche Werte als weltweites Risiko

"Zu behaupten, dass MĂ€nner die schlechteren Menschen sind, ist natĂŒrlich etwas heikel in einer Welt, in der die schlechteren Menschen das Sagen haben." Doch diese Feststellung hindert Karen Duve nicht, eindeutig gegen "Psychopathen" in den obersten Chefetagen, skrupellose Forscher mit Tunnelblick und Asperger Syndrom sowie Mediziner und Landwirte mit absurdem Selbstbewusstsein zu polemisieren.

An den Schaltzentralen der Macht sieht Karen Duve hauptsĂ€chlich MĂ€nner, die fĂŒr ihre Karriere tĂ€glich 16 Stunden arbeiten und dabei bewusst Familie und FreundInnen vernachlĂ€ssigen. Wie sollen diese auf Macht und Geld fokussierten Manager menschenfreundliche Entscheidungen treffen?

"Die Dominanten wollen nicht das Beste fĂŒr alle, sondern das Beste fĂŒr sich.", beschreibt sie die ĂŒberwiegend mĂ€nnlichen Forscher mit immens hohen Budgets, denen sie rĂŒcksichtslose Risikobereitschaft bei der DurchfĂŒhrung von Experimenten unterstellt. Als Beispiele dienen ihr dabei die Katastrophe von Fukushima und das CERN (EuropĂ€ische Organisation fĂŒr Kernforschung), das fĂŒr 30 Milliarden Euro an einem Teilchenbeschleuniger forscht und sich gegen jegliche Kritik dazu vehement wehrt.

Der Missbrauch von Antibiotika in der Landwirtschaft, an dem Agrarindustrie, Ärzte und Pharmaindustrie verdienen, jedoch immer mehr Menschen an Infektionen mit multiresistenten Bakterien sterben, ist ein weiteres aktuelles Beispiel, bei denen Profit bestimmt. Auch hier fragt die Autorin: Warum geht es nicht um das Leben der Menschen? Die QualitĂ€t des Essens und die Tiere hĂ€tten zusĂ€tzlich was davon, denn "Gesunde Tiere brauchen keine Antibiotika, aber gesunde Tiere nehmen dann auch nicht Tag fĂŒr Tag 6,5 % ihres Eigengewichts zu."

Um ihre Zuschreibung von Dominanz, RĂŒcksichtslosigkeit und der UnfĂ€higkeit zu sozialem Denken von mĂ€nnlich sozialisierten Menschen zu untermauern, schlĂ€gt sie im Buch, wie auch bei ihrer Lesung, AssoziationsĂŒbungen vor: Zerschlagene BushĂ€uschen, lĂ€rmende Gruppen in der U-Bahn, brennende Autos, ĂŒberfallene Banken, AmoklĂ€uferoder hĂ€usliche Gewalt, welche Geschlechterbilder öffnen sich da im Kopf?

Soziale Verantwortung ĂŒber eine Frauenquote

"Wenn wir den Karren wieder aus dem Dreck holen wollen, wird es Zeit, mal die anderen ans Steuer zu lassen - verantwortungsbewusste, sachorientierte, soziale und zur Selbstbeherrschung fĂ€hige Leute, Menschen, die in der Lage sind, maßvolle und fĂŒr die ganze Gesellschaft vorteilhafte Entscheidungen zu treffen." So verlangt sie mehr Mut von der Vielzahl der in kleinen Projekten agierenden sozialen Menschen, um die Schaltstellen der Macht zu besetzen.

Nachdem Karen Duve fĂŒr ihre Anklage die ĂŒberwiegend mĂ€nnlich-gierigen Manager und Dominanten herausgearbeitet hat, adressiert sie ihren Hilferuf zu nichts weniger als der Rettung der Welt an die tendenziell sozial agierenden Frauen. Dabei schließt sie MĂ€nner nicht kategorisch aus - obwohl sie bei ihrer Buchvorstellung betont, einen biologistischen Ansatz zu vertreten - den sie jedoch als Blick auf "den durchschnittlichen Mann" verstanden haben will, der gewalttĂ€tiger sei, als "die durchschnittliche Frau".

Auch wenn Frau Duve in ihrer Wut manchmal ĂŒber die StrĂ€nge schlĂ€gt und einen Biologismus anruft, der Anderen als BegrĂŒndung fĂŒr brutale Ausgrenzungen dient, will sie sich mit "den Frauen" einer Großgruppe von Menschen versichern, der ihren Recherchen nach die Menschheit eher am Herzen liegt.

AVIVA-Tipp: Trotz der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens brilliert die Autorin mit SĂ€tzen trockener Komik, die unentschieden im Hals stecken bleiben, nicht wissend, ob Zustimmung, Lachen oder entschiedene Verneinung folgen mĂŒssen, da sie ihre Argumente intellektuell nicht immer stringent beleuchtet. Doch genau das ist ihr Stil und ihre Kritik, sie will nicht erneut allseits bekannte Analysen und die dazugehörigen Szenarien vorbeten, sondern zum raschen Handeln bewegen. Ob ihre Kassandrarufe eintreten, wird wohl erst die Zukunft zeigen.

Zur Autorin: Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt in der MĂ€rkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre Romane "Regenroman" (1999), "Dies ist kein Liebeslied" (2005), "Die entfĂŒhrte Prinzessin" (2005) und "Taxi" (2008) waren Bestseller und sind in 14 Sprachen ĂŒbersetzt. 2011 erschien ihr Selbstversuch "AnstĂ€ndig essen", in dem sie die Frage aufwarf "Wie viel gönne ich mir auf Kosten anderer?" und damit eine breite Diskussion ĂŒber Konsumverhalten auslöste.

Karen Duve
Warum die Sache schiefgeht
Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen

Galiani Berlin, erschienen Oktober 2014
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 183 Seiten
ISBN-13: 978-3-86971-100-3
12,00 Euro
www.galiani.de

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Naomi Klein - die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus

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"The Story of Stuff. Wie wir unsere Erde zumĂŒllen" von Annie Leonard

"Landleben. Von einer, die raus zog" von Hilal Sezgin

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"Tiere Essen" von Jonathan Safran Foer

Mehr Infos:

Tagesspiegel-Interview mit Karen Duve - www.tagesspiegel.de

3sat-Interview mit Karen Duve www.3sat.de