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19.06.2018

Nea Weissberg - Mein Interesse f├╝r Lene Schneider-Kainer
Nea Weissberg

Die Autorin und Verlegerin (Lichtig Verlag) ist schon seit einigen Jahren fasziniert von der j├╝dischen Malerin und Graphikerin, die vor ihrer Emigration im Berlin der zwanziger Jahre wirkte.



1984 sitze ich beim Friseur in der Hektorstra├če in Berlin-Charlottenburg, auf meinem Scho├č sitzt meine drei Jahre alte Tochter und kuschelt sich an mich. Die Friseurmeisterin Ingeborg Sobotka fragt mich beim Haare schneiden unvermittelt, ob ich an Kunst einer vergessenen K├╝nstlerin, einer j├╝dischen Malerin mit Namen Lene Schneider-Kainer interessiert bin. Ihr Mann Axel Sobotka habe auf dem Dachboden seines Vaters ein Konvolut gefunden: Graphiken, Figurenskizzen, ├ľlbilder, Aquarelle, weibliche Akte, Selbstportr├Ąts und Portr├Ąts bekannter Pers├Ânlichkeiten aus den 1920er Jahren in Berlin und solche aus einer Asienreise. Die Verkaufspreise seien "Freundschaftspreise", geradezu ein Schn├Ąppchen.

Im Nu dreht sich mein Kopfkino-Karussell. Vergessen, gefunden, zur├╝ckgelassen, freiwillig und wann? Oder gar von einem Profiteur arisiert? Ich frage nach, wie denn ihr Schwiegervater zu dem Konvolut auf dem Dachboden gekommen sei? Er habe als Architekt ein Haus saniert, das h├Ątte dem Schriftsteller Bernhard Kellermann geh├Ârt, der sei seinerzeit ein guter Freund, ein Vertrauter der LSK, der Frau Schneider-Kainer gewesen. ├ťber Ingeborg Sobotka lerne ich 1988 den Kunstlehrer und Galeristen Detlef Gosselck kennen, der das Atelier Bildfang in Berlin-Sch├Âneberg betrieb. Auch bei ihm Zuhause konnten Besucher einige Bilder der LSK bewundern und noch mehr von der Malerin Lou Albert-Lasard (1885-1969). Der Architekt Axel Sobotka blieb mehr im Hintergrund, ebenso wie Gosselck war er zudem ein Maler.

Gosselck erz├Ąhlte jedem die Geschichte mit den geerbten Bildern der Lou Albert-Lasard, bzw. ihrer Original-Tuschfarben-Palette. 2013 sollte sich diese Geschichte als eine Legende herausstellen, Gosselck, ein enttarnter Kunstf├Ąlscher, nahm sich das Leben und entzog sich so der gegen ihn strafrechtlich erhobenen Ermittlung. Der Schock dar├╝ber sa├č tief.
Insbesondere weil mich einige Monate vorher der Verleger Thomas Schumann (Edition Memoria) angerufen und bez├╝glich einer Lithographie von Lou Albert-Lasard um Rat gefragt hatte, die er in der Villa Grisebach erworben hatte. Er r├Ątselte ob des zu hellen kartonartigen verwendeten Papiers, auf das die Farblithographie gedruckt worden war.

In Gosselcks Wohnung hingen Gem├Ąlde beider Malerinnen eindrucksvoll an den Altberliner W├Ąnden, eines neben dem anderen und ├╝bereinander.

Bei Sobotkas fanden sich die ausdrucksvollsten Graphiken und ├ľlgem├Ąlde der LSK. Zun├Ąchst war ich hin- und hergerissen, weil mir der m├Âgliche Profit durch Arisierung nicht aus dem Kopf ging. Doch es fanden sich seri├Âse K├Ąufer wie Familie Fischer, mittlerweile selbst ein Kunstexperte und H├Ąndler, und Familie Schoeps.

1986 kaufte ich ein einzelnes Aquarell, ein Selbstportr├Ąt von LSK, das ich sp├Ąter einer Freundin zur Hochzeit schenkte. Die sch├Ânsten gemalten Sch├Ątze, wie das farbenstarke, expressive ├ľlbild von Else Lasker-Sch├╝ler oder die Bilder aus der Asienexpeditionsreise mit Bernhard Kellermann fanden andere Liebhaber und K├Ąufer.

1998 sollte ich nochmals mit der Malerin Lene Schneider-Kainer zu tun bekommen. Die Kunsthistorikerin Sabine Dahmen sa├č an ihrer Dissertation ├╝ber das Leben und Werk von LSK. Sie rief mich an, denn mittlerweile war das private LSK-Fotoalbum in meinen Besitz gekommen, Detlef Gosselck hatte es mir geschenkt.

Sabine Dahmen und ich kamen schnell ins Gespr├Ąch, daraus entstand mit dem j├╝dischen Kunstkalender eine Hommage an die Malerin Lene Schneider-Kainer.
Die seit 1992 im Lichtig Verlag erscheinende Reihe "J├╝discher literarischer Wandkalender" erinnert im j├╝dischen Jahr 5759 unter dem Titel "Ich bin eine rastlose Seele" an die ├Âsterreichische K├╝nstlerin Lene Schneider-Kainer und w├╝rdigt ihr facettenreiches Werk.

1999/2000 nahm ich Kontakt mit der Enkelin Gesche Kainer auf und schrieb ihr, dass mich das Leben und das Schicksal ihrer Gro├čmutter sehr interessiert und fragte sie, ob es vielleicht noch andere Menschen gibt, die sich an Lene Schneider-Kainer erinnern und einiges zu erz├Ąhlen haben. Was ich nicht verstehen konnte, war, dass es keinen Anspruch der Familie auf R├╝ckgabe des Konvoluts gab. Der Wahrheitsgehalt mit der Geschichte des gefundenen Konvoluts auf dem Dachboden lie├č sich nicht kl├Ąren. Mittlerweile k├Ânnen Kunstsammler und Liebhaber ausgew├Ąhlte Bilder der LSK beim Kunsthandel Wurzer in Wien erwerben, der Geburtsstadt der LSK.
Lene Schneider-Kainer war in der Zeit vor ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland eine erfolgreiche und von der Kritik gesch├Ątzte K├╝nstlerin, die sich ├╝ber einen langen Zeitraum hinweg auf dem Kunstmarkt behaupten konnte.

Von 1912 bis 1926 lebte sie in Berlin in der Niebuhr Stra├če in Charlottenburg. Am 12. Januar 1925 schrieb der BILDER COURIER Nr.11, 2. Jahrgang: "Die Malerin er├Âffnet einen W├Ąscheladen". Und so entsteht in der Ranke Stra├če ihr eigener Mode-Kunst-Salon, den sie wie eine B├╝hne mit ihren Bildern ausschm├╝ckt und mit au├čergew├Âhnlich exquisiten, farbenpr├Ąchtigen Stoffmaterialien in feuergelb und feuerrosa drapiert.

Sie war eine kosmopolitisch gepr├Ągte Malerin und Graphikerin, die vor allem im Berlin der zwanziger Jahre ein hohes Ansehen genoss, bevor sie 1933 nach Ibiza und nach dem Ausbruch des Spanischen B├╝rgerkrieges 1937 nach New York emigrierte und sich zun├Ąchst hier und sp├Ąter dann in Bolivien eine neue Existenz aufbaute.



Heute ist ihr Name fast in Vergessenheit geraten. Das Ziel der Nationalsozialisten, die Leistungen j├╝discher Wissenschaftler, K├╝nstler, Philosophen und Schriftsteller in Deutschland und ├ľsterreich aus dem Ged├Ąchtnis der Menschen zu l├Âschen, betraf auch das Lebenswerk Lene Schneider-Kainers. Hier wurde es sogar besonders gr├╝ndlich erreicht: Au├čer einigen privaten Sammlern und Liebhabern der Kunst der zwanziger Jahre kennt heute niemand mehr ihren Namen.
Lene Schneider-Kainer wurde am 16. Mai 1885 als Tochter eines j├╝dischen Vaters und einer vormals katholischen, dann zum Judentum konvertierten Mutter geboren.

Ab 1909 ist Lene Schneider-Kainers Aufenthalt in Paris nachweisbar. Hier lernt sie ihren Mann, den M├╝nchener Arzt, Maler, Graphiker, Plakatk├╝nstler und B├╝hnendekorateur Ludwig Kainer kennen. Das K├╝nstlerpaar heiratet am 23. Oktober 1910 in Ungarn, etwa ein Jahr sp├Ąter kommt der gemeinsame Sohn Peter zur Welt.

Das Ehepaar Kainer geh├Ârte seit 1911 zum Bekanntenkreis von Arnold Sch├Ânberg, Franz Werfel, Herwarth Walden und Else Lasker-Sch├╝ler. Um 1914/15 lie├č sich die ber├╝hmte Dichterin aus Elberfeld von Lene Schneider-Kainer portr├Ątieren.

1917 gibt Lene Schneider-Kainer mit einer gro├čen Einzelpr├Ąsentation von ca. 50 ├ľlgem├Ąlden und Zeichnungen in der progressiven Galerie Gurlitt ein Deb├╝t als K├╝nstlerin, das die Berliner Kunstwelt aufhorchen l├Ą├čt. F├╝r ein noch gr├Â├čeres Aufsehen sorgt das Erscheinen des Buches "Die Het├Ąrengespr├Ąche des Lukian". Eine Abbildung daraus repr├Ąsentiert die ├╝ber 30 erotischen Illustrationen, mit denen Lene Schneider-Kainer den im 18. Jahrhundert von Christoph Martin Wieland ├╝bersetzten Text bebilderte. Der k├╝nstlerische Schwerpunkt Lene Schneider-Kainers liegt in den Jahren von 1919 bis 1922 jedoch auf der Anfertigung lithographischer erotischer Mappenwerke mit verhei├čungsvollen Titeln wie "Zehn weibliche Akte" oder "Vor dem Spiegel", die alle im Fritz Gurlitt-Verlag erscheinen.

1926 l├Ąsst sich Ludwig Kainer nach 16 Jahren Ehe von seiner Frau scheiden. Lene Schneider-Kainer verl├Ąsst daraufhin Berlin, um w├Ąhrend einer Asienreise vom Dezember 1926 bis zum Juni 1928 als k├╝nstlerische Begleiterin des in dieser Zeit ber├╝hmten Dichters Bernhard Kellermann ihre Eindr├╝cke malend, zeichnend und fotografierend festzuhalten. Der Schriftsteller und die Malerin reisen im Auftrag des "Berliner Tageblattes", das die Reportagen Kellermanns und die Aquarelle bzw. Fotos Lene Schneider-Kainers aus Persien, Indien, Tibet, Siam und China in regelm├Ą├čigen Reportagen dokumentiert. (Der von mir im Lichtig Verlag herausgegebene Kalender beinhaltet ein besonders sch├Ânes ├ľlgem├Ąlde, das Lene Schneider-Kainers Reisegef├Ąhrten zeigt.)
Zwischen 1929 und 1931 pr├Ąsentiert Lene Schneider-Kainer eine Auswahl ihrer Werke aus Asien in Berlin, Magdeburg, Stuttgart, Kiel, London und Rom. Nach ihrer Emigration zeigt sie ihre Bilder mit ebenfalls gro├čem Erfolg auf Mallorca, in Barcelona, Kopenhagen, New York und Philadelphia.

Von 1938ÔÇô1954 f├╝hrt sie den Kinderbuchverlag "Elena Aleska". Unter dem Namen ELESKA entwickelt sie erste bebilderte Babyb├╝cher aus Stoff und ver├Âffentlicht Bilderb├╝cher wie
ICH SEHE,
ICH ZÄHLE,
MAMA PAPA Baby
1954 entscheidet sie sich im Alter von 69 Jahren, ihre Autonomie in den USA aufzugeben und nach Cochabamba in Bolivien zu ziehen, wohin ihr Sohn Peter 1937/38 von Frankreich aus emigrierte und wo er jetzt mit seiner Familie lebt. Lene Schneider-Kainer hilft ihm beim Aufbau einer Stofffabrik, in der Textilien mit indianischen Mustern bedruckt und bis in die USA exportiert werden. Am 15. Juni 1971 stirbt Lene Schneider-Kainer im Alter von 86 Jahren in Cochabamba.

Vergleiche: Einf├╝hrungstext zum j├╝dischen Kalender 5759 von Sabine Dahmen und die Dissertation "Leben und Werk der j├╝dischen K├╝nstlerin Lene Schneider-Kainer im Berlin der zwanziger Jahre" von Sabine Dahmen, 1999.
Die hier f├╝r das Projekt von Sharon Adler, AVIVA-Berlin zusammengestellten Fotografien und Bilder befinden sich im Privatbesitz. Die Abdruckgenehmigung wurde erteilt.


Zur Autorin/Herausgeberin: Nea Weissberg, Anfang der 50er Jahre geboren, lebt in Berlin. Seit 1990 ver├Âffentlicht sie Beitr├Ąge zur j├╝dischen Gegenwart. Die seit 1992 im Lichtig Verlag erscheinende Reihe "J├╝discher literarischer Wandkalender" erinnert im j├╝dischen Jahr 5759 (1998/99) unter dem Titel "Ich bin eine rastlose Seele" an die ├Âsterreichische K├╝nstlerin Lene Schneider-Kainer und w├╝rdigt ihr facettenreiches Werk.




Mehr Informationen zum Verlagsprogramm und zu Nea Weissberg finden Sie unter: www.lichtig-verlag.de


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