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19.06.2018

Deborah Feldman - Unorthodox
Sigrid Brinkmann

Die Literaturkritikerin und Autorin f├╝r Literatur- und Feature-Redaktionen des H├Ârfunks Sigrid Brinkmann hat sich mit der Frau getroffen, deren Autobiographie auf Anhieb zum New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage wurde. Deborah Feldman, in der ultraorthodoxen...



... Gemeinde in Brooklyn aufgewachsen, hat diese Erfahrungen in ihrer autobiographischen Erz├Ąhlung "Unorthodox" verarbeitet.

In den letzten Jahren verwandelte sich das ├Ąrmliche Williamsburg in Brooklyn in ein hippes Viertel. Mittendrin wohnen etliche tausend Familien der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde. Ihr Gr├╝nder, der in Rum├Ąnien geborene Rabbiner Joel Teitelbaum, war der festen ├ťberzeugung, der Holocaust sei eine gerechte Gottesstrafe f├╝r Juden gewesen, die weltlich gelebt und ihren Glauben verraten h├Ątten. Um "Gott nicht noch einmal herauszufordern", begann er 1948, ein eigenes frommes "Ghetto" zu bilden, eines, in dem Familien und Rabbiner bis heute streng ├╝ber die Einhaltung einer frommen Lebensweise wachen.

Deborah Feldman wuchs in einer Familie von Satmar-Chassiden in Williamsburg auf. 2009 - sie war gerade 23 Jahre alt geworden - kehrte sie ihrem Ehemann und der Gemeinde den R├╝cken. Ihre 2011 erschienene autobiographische Erz├Ąhlung "Unorthodox" war in den USA ein riesiger Verkaufserfolg. Jetzt legt der Secession Verlag f├╝r Literatur die deutsche ├ťbersetzung vor. Sigrid Brinkmann hat Deborah Feldman, die seit einem Jahr in Berlin lebt und begeistert Deutsch lernt, getroffen.

"Unorthodox" ist die Geschichte einer Selbstbefreiung. Deborah Feldman zeichnet die vielen kleinen Schritte nach, die zwangsl├Ąufig zum Bruch mit der sittenstrengen Satmar-Gemeinde f├╝hren mussten. Ihr Ton ist feinsinnig und pr├Ązise, manche Schilderungen schmerzen beim Lesen, so, wenn sie erz├Ąhlt, warum ihre Eltern nicht imstande waren, sie aufzuziehen und die Gro├čeltern diese Aufgabe ├╝bernehmen mussten. Dass ihr Schritt hinaus aus dem Satmar-"Ghetto" auch die Beziehung zu ihnen abreissen lie├č, bleibt eine Wunde im Leben der jungen Frau. Deborah Feldmans Buch verkaufte sich binnen weniger Monate mehr als eine Million mal. Weltliche New Yorker erfuhren pl├Âtzlich, wie Satmar-Familien dar├╝ber wachen, dass keines ihrer Kinder sich jemals assimiliert und sich ein Leben au├čerhalb der Sekte auch nur vorstellen kann. Deborah Feldman erhielt Hassmails, sie wurde bedroht, und ihre Angeh├Ârigen taten, was in chassidischen Familien ├╝blich ist, wenn ein Mitglied sich abwendet: Sie erkl├Ąren es f├╝r tot.

"In dem Prozess, die Fragmente zusammenzustellen, habe ich mich zusammen gestellt, d.h. ich wusste auch nicht, wer ich bin, w├Ąhrend ich dieses Buch geschrieben habe, und wer ich ├╝berhaupt sp├Ąter sein werde. Aber jedes Wort, das geschrieben wurde, hat mich kristallisiert, lebhaft gemacht, und was passiert ist, habe ich einen Strich gemacht zwischen meiner Vergangenheit und meiner Zukunft."

Mit dem Buch bannte die damals 25-j├Ąhrige eine Vergangenheit, die aus einer Kette von willk├╝rlichen Bevormundungen bestand. Am ├Ąrgsten befremdete sie der eklatante, gewollte Mangel an Bildung. Deborah Feldman rebellierte fr├╝h gegen Lehrerinnen, die die heranwachsenden M├Ądchen entmutigten. Sie ging heimlich in Bibliotheken und h├Ârte nachts Radio.

"B├╝cher sind irgendwann f├╝r mich ein Ersatz f├╝r alles andere geworden. Ersatz f├╝r Freunde, Ersatz f├╝r Liebe, Ersatz f├╝r Geborgenheit, und manchmal heute ist es noch so. Wenn mir etwas fehlt, wende ich mich an B├╝cher, und das habe ich wahrscheinlich als Kind gelernt."

Unertr├Ąglich war es f├╝r die Heranwachsende, dass man sie f├╝r das Tragen eines drei Zentimeter zu kurzen Rocks wortreich ma├čregelte, w├Ąhrend die Misshandlung von Kindern und p├Ądophiler Missbrauch offensiv mit Schweigen bedacht wurden. Als das Ger├╝cht vom Mord, den ein Vater an seinem bei der Onanie ertappten Sohn begangen haben soll, in der Gemeinde die Runde machte, war der verbliebene Rest an Gehorsam aufgezehrt. Die Verheiratung im Alter von 17 Jahren und der Wegzug in eine Kleinstadt im Norden von New York war unter diesen Umst├Ąnden als etwas Rettendes empfunden worden. Mit dem Blick einer Ethnologin schildert Deborah Feldman die umst├Ąndlichen Riten der Brautwerbung und die monatelange Vorbereitung auf die Eheschlie├čung. Sie spricht von der Qual, schnell schwanger werden zu m├╝ssen, von der anf├Ąnglichen Beziehungslosigkeit zu ihrem Sohn und der heimlichen Aufnahme eines Literaturstudiums. Sie bedauert, dass keine tiefere Verbindung zu den neuen Bekannten erwuchs.

"Ich habe in meine alte Welt nicht gepasst, und meine neue Welt hat mich als Theater angeschaut. Sie waren an den Geheimnissen der Gemeinde sehr interessiert, aber sie konnten mich nicht als Mensch und als Individuum wahrnehmen, weil sie die Chassiden in ihrer komischen Kleidung angeschaut und gedacht haben, die sind nicht wie uns und die k├Ânnen nie wie uns werden."

Souver├Ąn er├Âffnet Deborah Feldman den Leserinnen und Lesern sowohl Einblicke in eine Gesellschaft, die jeden Hunger auf weltl├Ąufiges Leben bestraft, wie ihre Sicht auf smarte New Yorker, die ihr nicht wirklich zutrauten, dass sie dauerhaft unorthodox leben k├Ânne und eine von ihnen w├╝rde. Nach einem Unfall, den sie als Zeichen Gottes ansah, entschied Deborah Feldman, ihren Mann und die Satmar-Sekte endg├╝tig zu verlassen. Zwei Jahre sp├Ąter ver├Âffentlichte sie ihr Memoir "Unorthodox", sie wurde geschieden und erhielt das Sorgerecht f├╝r ihren Sohn. Recherchen f├╝r ihr zweites Buch "Exodus" f├╝hrten sie quer durch Europa. Nach Berlin kam sie mehrmals. Nun lebt sie in der Stadt, hat Freunde, f├╝hlt sich ihren Gro├čeltern n├Ąher als in New York und widerlegt die ├ťberzeugung, Deutschland sei f├╝r Juden "verbrannte Erde".

"Jedes Mal wurde mir klarer, dass Berlin eine Art Heimat ist f├╝r Wurzellose, heimatlose Leute. Ich wohne hier jetzt ein bisschen mehr als ein Jahr und "wow" wirklich, Schock, dass ich h├Âre mich das sagen, es ist mir jetzt klar, dass gegen all meine ├ängste und Bef├╝rchtungen es m├Âglich ist, wieder Wurzeln zu schlagen."

Zur Autorin: Deborah Feldman, geboren 1986 in New York, wuchs in der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Sie studierte am Sarah Lawrence CollegeLiteratur. Ihre autobiographische Erz├Ąhlung "Unorthodox" erschien 2012 bei Simon & Schuster und war auf Anhieb ein spektakul├Ąrer New York Times-Bestseller mit einer Millionenauflage. 2014 folgte ebenso Aufsehen erregend "Exodus" bei Pinguin. Heute lebt die Autorin als Schriftstellerin mit ihrem Sohn in Berlin, wo sie im Jahr 2015 f├╝r die Realisierung ihres Dokumentarfilms "The Female Touch" ├╝ber weibliche Identit├Ąt und weibliche Sexualit├Ąt vor dem Hintergrund ultraorthodoxer und fundamentalistischer Kulturen und Religionen von der Stiftung ZUR├ťCKGEBEN gef├Ârdert wurde.
Mehr Informationen zu Deborah Feldman unter:
www.deborahfeldman.com

F├╝r das Bayern 2-B├╝chermagazin "Diwan" hat Sigrid Brinkmann "Unorthodox" von Deborah Feldman gelesen. Zu h├Âren ist ihre Besprechung in der Sendung unter: www.br.de

Deborah Feldman
Unorthodox

Originaltitel: The Scandalous Rejection of My Hasidic Roots
Aus dem amerikanischen Englisch von Christian Ruzicska
Gebunden ohne Schutzumschlag, 319 Seiten
ÔéČ (D) 22,00 I CHF 25,00 I ÔéČ (A) 22,60
ISBN 978-3-905951-79-0
ISBN 978-3-905951-80-8 (E-BOOK)
Auch als E-Book erh├Ąltlich
Secession Verlag, erschienen 29. Februar 2016
www.secession-verlag.com

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