Marie Malcovati liest aus Nach allem, was ich beinahe fĂŒr dich getan hĂ€tte. Drehbuchautorin, Filmwissenschaftlerin und Übersetzerin. Ahima Beerlage. Edition Nautilus - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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23.06.2018

Marie Malcovati - Nach allem, was ich beinahe fĂŒr dich getan hĂ€tte
Ahima Beerlage

Marie Malcovati, studierte Drehbuchautorin, Filmwissenschaftlerin und Übersetzerin, stellt uns in ihrem Erstlingsroman drei Menschen vor, die sich in einem Bahnhof begegnen. Ein seltsames Trio: Ein Kommissar, der ...



... wegen einer Beinverletzung zu einem Überwachungsjob abgestellt wurde, ein verkaterter Mann in einer antiken RömerrĂŒstung und eine junge Frau, die im BusinesskostĂŒm wie auf dem Sprung wirkt, aber starr im Bahnhof verharrt.

Sich auf ein neues Terrain zu wagen ist immer ein Abenteuer und dennoch trÀumen viele FilmautorInnen davon, auch einmal einen Roman zu schreiben. Die wichtigste Transferleistung dabei ist, die von der Bildersprache geprÀgte Ausdrucksform zu verlassen und in die Innenwelt der Figuren zu finden. Wenn es gelingt, diese beiden Welten miteinander zu verbinden, wird daraus ein ganz besonderer Lesegenuss.

Skurrile Begegnung

Polizist Beat Marotti Ă€rgert sich. Wegen einer Beinverletzung kann er nicht am Außendienst teilnehmen, sondern wird abgestellt, im Baseler Hauptbahnhof vor den Überwachungsmonitoren zu sitzen, um eine Aktion von gewaltbereiten Demonstranten zu verhindern. Die Bewegungslosigkeit, zu der er durch die Verletzung gezwungen wurde, machte ihn unruhig. Seine Gedanken begannen, sich gewittrig zusammenzuballen. Doch schnell wird seine Aufmerksamkeit auf ein skurriles Paar gelenkt. Auf einer Bank im BahnhofsgebĂ€ude sitzt ein ĂŒbernĂ€chtigter Mann in einer originalgetreuen Uniform eines römischen Soldaten, neben ihm eine Frau, die ihren starren Blick auf die Abbildung eines Alpenpanoramas richtet. Mit kerzengeradem RĂŒcken saß sie auf einer glĂ€nzenden Metallbank, ohne die Lehne zu berĂŒhren, als traue sie ihr nicht. Mit dem Blick des Kommissars lĂ€sst Marie Malcovati vor den Augen der LeserInnen detailreich die AtmosphĂ€re in der Bahnhofshalle entstehen, bevor sie in die Perspektive der beobachteten Frau schlĂŒpft.

Ohne Zukunft

Die Frau, Lucy, Übersetzerin, die wie auf dem Sprung wirkt und mit federleichtem GepĂ€ck reist, weil sie an keine Zukunft fĂŒr sich glaubt, fĂŒhlt sich unangenehm berĂŒhrt, als ein nach Alkohol riechender Mann in der Uniform eines römischen LegionĂ€rs neben ihr Platz nimmt. Sie vermutet, dass er ihr Werbezettel aufdrĂ€ngen will. Zu ihrem Erstaunen will der Mann nichts. Er schweigt. Auch ihn lernen wir in RĂŒckblenden langsam kennen. Simons Großvater hat ein Zahnpasta-Imperium aufgebaut, das mit immer neuen GeschĂ€ftsbereichen zu einem der grĂ¶ĂŸten Pharmaunternehmen des Landes wuchs. Simons BrĂŒder hatten wunderschöne LebenslĂ€ufe: nachvollziehbar, ineinandergreifend, sauber und lĂŒckenlos, wie das blendend weiße Modellgebiss, mit dessen Hilfe der Zahnarzt die richtige Putztechnik demonstrierte. Bei (Simon) dagegen wackelte alles, und zwar von Anfang an.

Fluchtpunkt

Wir erfahren wie in einem filmischen Wechselschnitt, deren szenische Perspektivwechsel puristisch nur mit den Anfangsbuchstaben der ProtagonistInnen ĂŒberschrieben sind, dass beide Personen, die Kommissar Marotti ins Visier genommen hat, auf der Flucht vor ihrer Bestimmung sind. Lucy, die Übersetzerin, flieht vor der Diagnose, dass sie den Gendefekt in sich trĂ€gt, der ihre Mutter getötet hat. Simon flieht davor, seinen vorbestimmten Platz im Familienbetrieb einnehmen zu mĂŒssen.

Der heimliche Regisseur

Kommissar Beat Marotti, der nicht nur wegen seiner Beinverletzung an den Fotojournalisten Jeff aus Hitchcocks Thriller "Das Fenster zum Hof erinnert", entwickelt zunehmend den Wunsch, die beiden Gestrandeten zusammenzubringen. Ohne es bewusst zu realisieren, wĂŒrde es ihm auch den Schmerz nehmen, vor dem er sich in seiner Arbeit versteckt. Seine Frau hat ihn verlassen. Er kann Gulia dennoch nicht loslassen. Als sie ihn anruft, nimmt er nicht ab, aber die Untröstlichkeit, die seit Stunden in der Ecke gelauert hatte, war langsam, aber unumkehrbar auf ihren Samtpfoten herangeschlichen. Als seine Nichte ihn auf seinem Beobachtungsposten besucht, wittert er seine Chance, wie ein Regisseur in das Schicksal des ungleichen Paares einzugreifen. Ein Happy End wĂŒrde seinen Schmerz lindern.

Genau gezeichnete Miniatur

Der Roman umfasst nur 128 Seiten und schafft es dennoch, die Schicksale der drei Hauptfiguren genau auszuleuchten. Eine behutsame, bildreiche Sprache bringt dabei Charakter- und Ortsbeschreibungen auf den Punkt. Ungewöhnliche Wendungen, bisweilen skurriler Humor machen die LektĂŒre zu einem besonderen VergnĂŒgen.

Zur Autorin: Marie Malcovati geb. 1982, studierte Drehbuch und Filmwissenschaften in Manchester und an der Filmakademie Baden-WĂŒrttemberg, sie lebt derzeit in Freiburg im Breisgau. Sie schreibt Features fĂŒr den SWR, ĂŒbersetzt aus dem Französischen und Englischen und veröffentlicht ErzĂ€hlungen, zuletzt im Band "Schön zu hören" (weissbooks, 2009). "Nach allem, was ich beinahe fĂŒr dich getan hĂ€tte" ist ihr RomandebĂŒt. (Quelle: Edition Nautilus)
Ein Interview der Autorin mit Katharina Picandet finden Sie unter:
www.edition-nautilus.de

AVIVA-Tipp: Die Drehbuchautorin und Übersetzerin Marie Malcovati vereint in ihrem RomandebĂŒt filmische und erzĂ€hlerische Elemente zu einem unterhaltsamen Kammerspiel. Humor und Nachdenklichkeit wechseln sich dabei ab. Auf kleinstem Raum lĂ€sst sie die LeserInnen am Schicksal der drei gestrandeten Hauptfiguren teilnehmen und findet mit ihrer erzĂ€hlerischen Perspektive immer wieder ungewöhnliche Wendungen, die die LektĂŒre so kurzweilig machen. Es ist mutiger, einen kurzen Roman zu schreiben, die Inhalte so zu komprimieren, dass sie ihre Wirkung vor dem inneren Auge der Lesenden entfalten, als sich in langen Beschreibungen zu verlieren. Marie Malcovatis Mut aber hat sich gelohnt. Die Fusion der filmischen und erzĂ€hlerischen Welten ist hier sehr gut gelungen. Das Buch ist daher sowohl fĂŒr FilmfreundInnen wie auch fĂŒr Sprachverliebte eine kurzweilige LektĂŒre.

Marie Malcovati
Nach allem was ich beinahe fĂŒr dich getan hĂ€tte

Edition Nautilus, erschienen MĂ€rz 2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 128 Seiten
ISBN 978-3-89401-827-6
Euro 16,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.edition-nautilus.de