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25.06.2018

Gedenktafel f├╝r die erste Medizin-Professorin Preu├čens, Rahel Hirsch
Laura Seibert

1913 erhielt die Ärztin und Wissenschaftlerin als erste Frau den Professorinnen-Titel in der Medizin. Am 2. Juni 2016 ehrte die Senatskulturverwaltung und die Historische Kommission zu Berlin e.V. sie mit einer Gedenktafel auf dem Kurfürstendamm 220.



Rahel Hirsch (1870 ÔÇô 1953), in Frankfurt am Main als Enkeltochter des neo-orthodoxen Rabbiners Samson Raphael Hirsch geboren, war als Erwachsene zun├Ąchst als Lehrerin t├Ątig, aus Mangel einer beruflichen Alternative. Frauen waren an den deutschen und preu├čischen Universit├Ąten nicht zugelassen. Ihren Wunsch, ├ärztin zu werden, verwirklichte sie schlie├člich, indem sie nach Z├╝rich ging, wo Frauen seit 1840 die medizinische Fakult├Ąt besuchen konnten. Von 1898 bis 1903 studierte sie dort Medizin, sp├Ąter in Stra├čburg, sowie Leipzig, als auch preu├čische Universit├Ąten f├╝r Frauen zug├Ąnglich wurden.

Die zweite Frau in der Geschichte der Berliner Charit├ę

Als erste Frau begann 1903 Helenefriederike Stelzner an der Charit├ę in den Psychiatrischen Kliniken als Volont├Ąrassistentin zu arbeiten. Nach ihrer Dissertation 1903 in Stra├čburg ging Rahel Hirsch ebenfalls an die Charit├ę, als Assistenz├Ąrztin und zweite Frau in der bis dato fast 200-j├Ąhrigen Geschichte der Institution. Hier legte sie 1907 ihre Forschungsergebnisse zu Stoffwechselprozessen und -erkrankungen vor. Die Medizinerin widerlegte durch ihre Arbeit die damals verbreitete These, dass ausschlie├člich vollst├Ąndig fl├╝ssige Substanzen als Harn durch die Nieren geleitet werden k├Ânnten. Die Bedeutung ihrer Forschungsergebnisse wurde erst nach ihrem Tod anerkannt. Diese wurden posthum als "Hirsch-Effekt" nach ihr benannt. Zu ihren Lebzeiten wurden diese Ergebnisse hingegen ignoriert oder l├Ącherlich gemacht.

Trotz der ausbleibenden Anerkennung setzte sie ihre Forschungsarbeit zu anderen Problemen der inneren Medizin fort. 1908 wurde sie zur Leiterin der Poliklinik der II. Medizinischen Klinik der Charit├ę ernannt. Obgleich es sich um einen verantwortungsvollen Posten handelte, den sie bis 1919 innehatte, wurde Rahel Hirsch an der Charit├ę nie f├╝r ihre T├Ątigkeit als ├ärztin und Wissenschaftlerin bezahlt.
1913 wurde sie als erste Medizinerin in Preu├čen habilitiert und erhielt den Professorinnen-Titel, welchen vor ihr nur Maria von Linden und Lydia Rabinowitsch-Kempner zugesprochen bekamen. Offiziell konnten Frauen erst ab 1921 habilitieren.

Von 1919 bis 1938 f├╝hrte Rahel Hirsch eine Privatpraxis, welche sich in den Jahren 1926 ÔÇô 1931 auf dem Kurf├╝rstendamm 220 befand. An dieser Stelle wurde am 02. Juni 2016 eine Gedenktafel zu ihren Ehren enth├╝llt. Diese w├╝rdigt sie unter anderem als "Vorreiterin f├╝r berufliche Selbstbestimmung und Emanzipation".

Die Gedenktafel f├╝r Rahel Hirsch auf dem Kurf├╝rstendamm 220 ┬ę AVIVA-Berlin, Sharon Adler


Obwohl sie namentlich keiner Organisation der Frauenbewegung angeh├Ârte, leistete sie einen gro├čen Beitrag zum Umdenken in der vorherrschenden gesellschaftlichen Geschlechterordnung. Im Jewish Women┬┤s Archive l├Ąsst sich nachlesen, wie sie vehement gegen biologisch-deterministische Pseudo-Theorien ├╝ber die Minderwertigkeit der Frau ank├Ąmpfte:

"She countered the contemporary widespread pseudo-theory that women┬┤s inferiority to men was biologically determined by the lighter weight of women┬┤s brain, arguing that `women┬┤s physical and psychological weakness is not her normal physiological condition, but rather the result of faulty upbringing.┬┤" (Petra Lindner)

Flucht nach London

1933 wurde ihr als J├╝din durch die Nazis die ├Ąrztliche Approbation entzogen und durfte offiziell nicht mehr praktizieren. 1938 floh sie zu einer ihrer Schwestern nach London, wo sie nicht weiter als ├ärztin arbeiten konnte, und als Laborassistentin und Bibliothekarin arbeitete. Nach einer kurzen Zeit in Yorkshire kehrte sie am Ende des Krieges nach London zur├╝ck. Ihr Leben endete tragisch, sie verkraftete die Verfolgung, den Verzicht auf ihren Beruf und den Tod zwei ihrer Schwestern in Konzentrationslagern nicht. Sie litt an Depressionen, Wahnvorstellungen und Verfolgungs├Ąngsten und starb 1953 in einer Londoner Nervenheilanstalt. Beerdigt wurde sie auf einem der J├╝dischen Friedh├Âfe Londons.

Posthume Anerkennung

Heute verweist jedes Lehrbuch der inneren Medizin und jedes medizinische Lexikon auf den "Hirsch-Effekt". Israel nahm sie nach ihrem Tod in die "Gallery of Famous Jewish Scientists" in Jerusalem auf. 1995 wurde ein Denkmal zu ihren Ehren auf dem Gel├Ąnde der Charit├ę in Berlin-Mitte errichtet, die bronzene Rahel-Hirsch-Ged├Ąchtnisstele ist die erste, die dort einer Wissenschaftlerin gewidmet wurde. Ebendort wurde auch ein Weg nach der ersten Medizin-Professorin Preu├čens benannt, welcher an der Klinik f├╝r Nuklearmedizin vorbeil├Ąuft. Nicht weit entfernt am Hauptbahnhof befindet sich au├čerdem die Rahel-Hirsch-Stra├če.
Junge Wissenschaftlerinnen k├Ânnen zudem seit 1999 im Rahmen des Rahel-Hirsch-Stipendiums habilitieren.

Quellen und mehr Informationen:

"Gedenktafel f├╝r Rahel Hirsch", ein Beitrag in der J├╝dischen Allgemeinen Wochenzeitung vom 03.06.2016: www.juedische-allgemeine.de

Eintrag zu Rahel Hirsch im Jewish Women┬┤s Archive: jwa.org

Das Rahel-Hirsch-Denkmal auf dem Gel├Ąnde der Charit├ę in Berlin-Mitte: denkmaeler.charite.de

Kurzbiographie von Rahel Hirsch auf der Internetseite der Charit├ę: geschichte.charite.de

Das Berliner Gedenktafel-Programm der Historischen Kommission zu Berlin e.V.: www.hiko-berlin.de

Rahel Hirsch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: portal.dnb.de

Informationen zum Rahel-Hirsch-Stipendium f├╝r Frauen: nachwuchs.charite.de


Zum Weiterlesen in der Reihe J├╝dische Miniaturen von Hentrich & Hentrich:

Hedvah Ben Zev
Rahel Hirsch. Preu├čens erste Medizinprofessorin

Hentrich & Hentrich, erschienen 2005
59 Seiten, Broschur
15 Abbildungen
ISBN 978-3-933471-82-6
5,90 Euro
www.hentrichhentrich.de


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