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22.06.2018

Antje Schrupp - Vote for Victoria! Das wilde Leben von Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin Victoria Woodhull (1838 - 1927)
Hai-Hsin Lu, Sharon Adler

Sie war Wunderheilerin, Prostituierte, Wall-Street-Brokerin, Zeitungsmacherin und Politikerin. Das Leben der Victoria Woodhull war facetten- und abwechslungsreich. Die Autorin portraitiert in ihrer neu erschienenen Biographie die Person Victoria und ihre politische Ideologie.



Mit Hillary Clinton steht erstmals eine Frau vor der M√∂glichkeit, US Amerikanische Pr√§sidentin zu werden. "What an incredible honor that you have given me! I can¬īt believe we just put the biggest crack in that glass ceiling yet!" so begr√ľ√üte Clinton ihre Anh√§nger_innen auf dem Parteitag der Demokratischen Partei Ende Juli 2016. Laut Clinton ist sie die erste, die durch ihre Nominierung der "gl√§sernen Decke", die Frauen am beruflichen Aufstieg hindert, einen sichtbaren Riss zugef√ľgt hat. Tats√§chlich jedoch gab es vor Clinton bereits zahlreiche Frauen, die ebenfalls um politische und wirtschaftliche Gleichstellung k√§mpften und dabei in der "gl√§sernen Decke" nachhaltige Risse hinterlassen haben. Victoria Woodhull, geborene Claflin, stellte sich immerhin rund 150 Jahre vor Clinton sogar selbst√§ndig zur Pr√§sidentschaftskandidatin auf.

"Mutter des amerikanischen Frauenwahlrechts"

Antje Schrupp vereint in der √ľberarbeiteten und gek√ľrzten Version ihres Buchs, "Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull" von 2002 (ebenfalls im Ulrike Helmer Verlag erschienen), die schillernde Pers√∂nlichkeit, die Woodhull war, mit dem gesellschaftlichen Wandel und den politischen Ideen ihrer Zeit. Denn neben ihren zahlreichen Berufen zeichnete Woodhull vor allem ihre Ideologie aus: sie war Anh√§ngerin der Freien Liebe, gr√ľndete eine sozialistische Partei und arbeitete eng mit den fr√ľhen amerikanischen Frauenrechtlerinnen, darunter Susan B Anthony und Elizabeth Cady-Stanton, zusammen.

Armut, Außenseiterinnentum und Spiritismus

Schrupp steigt in Woodhulls Biographie ein mit der Beschreibung des theatralisch anmutenden Zeugungsakts von Victoria: Annie Claflin, Woodhulls Mutter, sank im Rahmen eines christlichen Erweckungsspektakels in religi√∂ser Ekstase mit ihrem Ehemann Buck zu Boden, wo sie Victoria zeugten. Die Familie war neben ihrer ausgefallenen Lebensart und ihrer Affinit√§t zum Spiritismus ausgesprochen arm ‚Äď sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Betrug und Wahrsagerei, wurden von der angeblich "respektablen" Dorfgemeinschaft verachtet. So wuchs Victoria ohne die g√§ngigen sozialen Konventionen und Rollenvorstellungen, allerdings auch ohne Schulbildung, auf.

Entsprechend ihres famili√§ren Umfelds entwickelte Victoria schon fr√ľh eine Art Faible f√ľr das √úbernat√ľrliche und verdiente gemeinsam mit ihrer Schwester Tennessee als Hellseherin und Heilerin den Unterhalt f√ľr die ganze Familie. Diese Jahre waren f√ľr sie pr√§gend, denn ein Gro√üteil ihrer Kundschaft bestand aus Unterschichtsfrauen, die mit ihren Problemen zu ihr kamen: "Victorias Kundinnen sprachen √ľber sexuellen Missbrauch, √ľber Vergewaltigung, √ľber schwierige Geburten, sterbende Kleinkinder, gewaltt√§tige Ehem√§nner." Diese N√§he zu den Sorgen der Arbeiterinnen sollte ihre Rolle als Politikerin ma√ügeblich beeinflussen.

"Sich sein Recht nehmen"

Antje Schrupp, die als Politologin und Journalistin vor allem zu Frauen im fr√ľhen Kommunismus forschte, verortet Victoria Woodhulls politische Einstellung als relativ offen. Weder mit den sozialistischen Str√∂mungen, noch mit der feministischen Bewegung konnte sie sich hundertprozentig identifizieren. Sie vertrat in erster Linie sich selbst und ihre pers√∂nlichen √úberzeugungen. Trotzdem gibt es viele Schnittstellen und inhaltliche Gemeinsamkeiten. In ihrem Wahlprogramm fanden sich beispielweise folgende Forderungen wieder: "Achtstundentag, Abschaffung der Todesstrafe, Einrichtung eines sozialen Wohlfahrtsystems f√ľr die Armen, eine √∂ffentliche Erziehung der Kinder, die Einrichtung eines internationalen Gerichtshofs zur Schlichtung von Konflikten zwischen verschiedenen L√§ndern mit einer internationalen Armee." Woodhull solidarisierte sich ebenfalls √∂ffentlich mit der Pariser Kommune, dem revolution√§ren Stadtrat, der 1871 einen Versuch wagte, die franz√∂sische Hauptstadt nach sozialistischen Prinzipien zu verwalten. Sie organisierte anl√§sslich derer blutiger Niederschlagung im Mai desselben Jahres eine Demonstration.

Die Zeitung, die sie zusammen mit ihrer Schwester Tennessee gr√ľndete, "Woodhull and Claflin¬īs Weekly", behandelte unter dem Motto "Aufw√§rts und Vorw√§rts" genau die Themen, die Arbeiterinnen ihr als Heilerin nahe gebracht hatten. Die Herausgeberinnen druckten neben Artikeln √ľber Spiritismus, Korruption, kuriosen Vorf√§llen, und Reportagen √ľber herausragende Frauen als erste englischsprachige Zeitung in den USA das "Kommunistische Manifest" von Marx und Engels.

"Niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten."

Ihr gr√∂√üter Unterschied zu den Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit bestand darin, dass sie ihren Appell nicht an M√§nner richtete. "Es geht also nicht darum, ob Frauen w√§hlen d√ľrfen oder nicht, sondern darum, ob sie w√§hlen wollen oder nicht." Sie sprach direkt zu den Frauen und forderte sie auf, ihr Recht, das sie als Personen besa√üen, einfach auszu√ľben. Genau in dieser Manier deklarierte sie sich 1872 zur Pr√§sidentschaftskandidatin der von ihr selbst gegr√ľndeten "Equal Rights Party". Damit l√∂ste sie in der √Ėffentlichkeit einen Skandal aus ‚Äď konservative Frauenrechtlerinnen wie Catherine Beecher und Harriet Beecher Stowe wandten sich vehement gegen sie. Es kam zu √∂ffentlichen Verteufelungen und Verleumdungen, sie wurde von der Presse als "Mrs. Satan" beschimpft, die den moralischen Verfall herbeif√ľhren w√ľrde.

Auf die provozierende Publikumsfrage bei ihrer √∂ffentlichen Rede in Steinway Hall, ob sie der Freien Liebe zugewandt sei, antwortete Victoria folgenderma√üen: "Ja, ich bin eine Anh√§ngerin der Freien Liebe. Ich habe das unver√§u√üerliche, verfassungsm√§√üige und nat√ľrliche Recht, zu lieben, wen ich will, so lang oder kurz wie ich kann, diese Liebe jeden Tag zu wechseln, wenn es mir gef√§llt, und niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten."

Dieses Zitat ist bezeichnend f√ľr Victoria Woodhulls Lebensphilosophie. Zwischen ihrer prek√§ren Kindheit und dem Wohlstand, den sie an ihrem Lebensende erlangte, lie√ü sie sich nie von Sittenw√§chter_innen und Kritiker_innen einsch√ľchtern, sie handelte stets nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden und scheute sich nicht, neue Denkweisen und Lebensentw√ľfe anzunehmen.

Victoria Woodhull heute

Sie bleibt als gro√üartige Figur der Frauenemanzipation unvergessen: Neben Schrupps Biographien schrieb Karen J. Hicks den Roman "The Coming Woman. A Novel Based on the Life of the Infamous Feminist, Victoria Woodhull", der 2014 ver√∂ffentlicht wurde. Ein gleichnamiger Dokumentarfilm von den Rau Sisters wird derzeit produziert. Daneben gibt es zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Webseiten √ľber Victoria Woodhull und ihr Wirken. Die "Woodhull Freedom Foundation" etwa hat es sich im Sinne Woodhulls zur Aufgabe gemacht, sexuelle Freiheit als fundamentales Menschenrecht zu etablieren.

"Vote for Victoria" ist ein passender Titel, denn eine Politikerin wie sie wird heutzutage mehr denn je gebraucht. Durch Hillary Clintons Kandidatur ist Victoria Woodhull nach mehr als einem Jahrhundert wieder in den medialen Fokus ger√ľckt, jedoch w√§re es w√ľnschenswert, dass Clintons politische Positionen enger an die Woodhulls heranr√ľcken w√ľrden. Dann k√∂nnte angesichts der bevorstehenden Pr√§sidentschaftswahlen in den USA ein "Victoria for Hillary!" vertreten werden.

AVIVA-Tipp: Antje Schrupps biographische Darstellung der vor fast 150 Jahren lebenden Victoria Woodhull ist trotz umfassender Informationen prägnant. Die Beschreibung ihres vielfältigen Lebens verdeutlicht, dass Woodhull ein emanzipatorisches Beispiel an politischer Intervention war, das aktueller nicht sein kann.

Zur Autorin: Antje Schrupp, geboren 1964, ist freie Journalistin, Politologin und Bloggerin. Sie studierte an der Johann Wolfgang Goethe Universit√§t evangelische Theologie, Politologie und Philosophie und promovierte mit einer Arbeit zur weiblichen politischen Ideengeschichte ("Frauen in der Ersten Internationale"). Sie publizierte zahlreiche B√ľcher und wissenschaftliche Artikel zu diversen Themen, unter anderem zu politischer Ideologie, Feminismus, und Religion. Sie betreibt neben ihren offiziellen Netzpr√§senzen www.antjeschrupp.de und "Aus Liebe zur Freiheit. Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz" einen Blog spezifisch zu Victoria Woodhull, in dem sie ihre Forschungsergebnisse und Internetkuriosit√§ten wie ein selbstgemachtes Rap-battle Video zwischen Victoria Woodhull und Hillary Clinton verlinkt.
Ein Interview von Antje Schrupp mit dem Schweizer Rundfunk in Text (14. Juni 2016) und Audio (28. Juli 2016) Format

Antje Schrupp
Vote for Victoria! Das wilde Leben von Amerikas erster Pr√§sidentschaftskandidatin Victoria Woodhull (1838 ‚Äď 1927)

Ulrike Helmer Verlag, erschienen: 2016
Taschenbuch, 139 Seiten
ISBN 978-3-89741-393-1
12,95 Euro
www.ulrike-helmer-verlag.de

Weitere Informationen zu Victoria Woodhull:

www.victoria-woodhull.com
www.facebook.com/victoriawoodhulldocumentary
www.clarinetmarmalade.com
www.twitter.com/thecomingwoman


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