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21.06.2018

Inge Deutschkron - Mazal tov zum 94. Geburtstag!
Yvonne de Andr├ęs

Am 23. August 2016 feiert die Schriftstellerin ("Ich trug den gelben Stern") Geburtstag. In B├╝chern, Reden und Engagement zeigt sie, wie wichtig es auch heute noch ist, sich gegen Entrechtung, Diskriminierung und f├╝r Menschlichkeit hinzusetzten. Diese Haltung gegen├╝ber den Nazis pr├Ągt sie bis heute



Inge Deutschkron ist f├╝r mich eine der Personen, vor deren Lebenshaltung ich gro├če Hochachtung habe. Begegnet bin ich ihr zuerst in ihren B├╝chern. Anfang der 80er Jahre dr├╝ckte mir ein guter Freund ihr Buch "Ich trug den gelben Stern" in die Hand und meinte, dieses m├╝sste ich unbedingt lesen. In diesem Buch schreibt Inge Deutschkron ├╝ber ihre Erfahrungen von Entrechtung, Verfolgung, Deportation und Tod, Illegalit├Ąt sowie Identit├Ątsverlust und zugleich ├╝ber stille menschliche Hilfsbereitschaft.

In ihrer Rede am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz 2013 vor dem Deutschen Bundestag trug Frau Deutschkron ihre Erinnerungen vor: "Mein Kind, Du bist J├╝din." Meine Mutter setzte sich zu mir, wie so oft, wenn sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Es war wenige Tage nachdem die NSDAP die Macht in Deutschland ├╝bernommen hatte. "Du geh├Ârst nun zu einer Minderheit", sagte sie mit fester Stimme. "Du musst den andern in Deiner Klasse zeigen, dass Du deshalb nicht geringer bist als sie." Sie wisse nat├╝rlich, dass ich das auch tun w├╝rde. Energischer werdend f├╝gte sie hinzu: "Lass Dir nichts gefallen, wenn Dich jemand angreifen will. Wehr Dich!" Ein Satz, der mein ganzes Leben bestimmen sollte..."

Sie war in Berlin aufgewachsen, f├╝r ihre sozialdemokratischen Eltern war Religion nicht so wichtig und so musste sie erfahren, was es hei├čt, ein j├╝disches Kind zu sein. "Doch, was war das, eine J├╝din? Ich fragte nicht danach... Irgendwie schien mir dies ein schwieriges Thema zu sein. M├Âglicherweise hatte es etwas mit Religion zu tun. Ein Fach, das in meiner Schule nicht gelehrt worden war und zu Hause keine Rolle spielte. Ich wei├č auch heute nicht mehr, ob meine Mutter ihre Feststellung n├Ąher erl├Ąutert hatte. Ich wei├č nur noch, dass ich sie nicht verstand."

Anders als bei der Religion war ihr ganz klar, f├╝r was die Nazis standen. Die anfangs schleichende Entrechtung bedeutete, dass Inge Deutschkron nicht mit Gleichaltrigen spielen konnte, vom Schwimmen- und Sportunterricht ausgeschlossen wurde, mehrmals die Schule zu wechseln hatte, der Vater, Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron, aus dem Schuldienst entlassen wurde. Dieses Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bestimmte die Entlassung all jener aus dem Staatsdienst, deren "politische Bet├Ątigung nicht die Gew├Ąhr daf├╝r bietet, dass sie jederzeit r├╝ckhaltlos f├╝r den Nationalstaat eintreten w├╝rden". Sie beschreibt sehr genau die Emp├Ârung ihres Vaters nach dem Erhalt des Entlassungsbriefes aus dem Schuldienst in ihrer Rede im Bundestag: ┬┤"Ich, der ich als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen habe, d├╝rfte wohl damit meine positive Einstellung zum Nationalstaat bewiesen haben"┬┤, antwortete mein Vater auf diesen Brief. Seine Emp├Ârung sprach deutlich aus seinen Worten. Einer Antwort seitens des Ministeriums wurde der Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron nicht mehr gew├╝rdigt. Das Gesetz wurde erlassen und ausgef├╝hrt. Viele ehemalige Beamte und Angestellte f├╝hrte dieses Gesetz in die Arbeitslosigkeit. Auch unser Budget musste drastisch gek├╝rzt werden."

Die Familie Deutschkron musste in ein anderes Stadtviertel umzuziehen. Die Angst vor einer Verhaftung nahm immer mehr zu. Die Eltern, die politisch aktiv waren, lie├čen Inge Deutschkron dann h├Ąufig abends mit der Haush├Ąlterin alleine. "Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf Tritte im Treppenhaus. Waren es die von Stiefeln, bekam ich Angst, es k├Ânnten die von SA-M├Ąnnern sein, die k├Ąmen, um meinen Vater zu verhaften. Verhaftung ÔÇô das Wort war mir bald nicht mehr fremd. H├Ąufig wurden Menschen verhaftet, die aus ihrer gegnerischen Haltung zur ┬┤neuen Ordnung┬┤ keinen Hehl gemacht hatten. Dann wurden sie in Folterkellern der SA, irgendwo in Berlin, gequ├Ąlt."

Den Deutschkrons war klar, dass es sich um eine planm├Ą├čige Diskriminierung handelte, an deren Ende die totale Menschenverachtung und Mord standen.
Dr. Martin Deutschkron konnte 1939 mit Hilfe seiner Kusine noch nach England emigrieren. Da f├╝r die Einreise nach England viel Geld hinterlegt werden musste und dies nicht f├╝r alle reichte, emigrierte der gef├Ąhrdete Vater als erster nach London. Ab 1941 mussten die Juden den gelben Stern tragen, die ersten Deportationen begannen. Der Kriegsbeginn 1941 verhinderte f├╝r Mutter und Tochter die Emigration.

Zwei Jahre lang hat Inge Deutschkron in der Blindenwerkstatt Otto Weidt (heute Museum und eine Gedenkst├Ątte f├╝r alle jene mutigen Menschen, die anderen, Juden zumeist, in der NS-Zeit geholfen haben zu ├╝berleben. Man nennt sie "Stille Helden") gearbeitet und hier als verfolgte J├╝din Hilfe und Unterst├╝tzung erfahren.

"Wie auch andere Juden hatte ich gelegentlich erfreuliche Erlebnisse. Ich erinnere mich, wie Unbekannte in der U-Bahn oder auf der Stra├če, meist im dichten Gew├╝hl der Gro├čstadt, ganz nah an mich herantraten und mir etwas in die Manteltasche steckten, w├Ąhrend sie in eine andere Richtung guckten. Mal war es ein Apfel, mal eine Fleischmarke, Dinge, die Juden offiziell nicht erhielten. Wie so vieles, was unsere Hungerrationen h├Ątte aufbessern k├Ânnen. Doch es gab auch andere, solche, die mich mit Hass ansahen oder h├Ąssliche Grimassen vor mir schnitten, um ihrem Abscheu f├╝r die J├╝din Ausdruck zu geben."

Als die Situation immer gef├Ąhrlicher wurde nahmen sie die Namen Ellen und Inge Richter an und tauchten unter. Ab dem 15. Januar 1943 ├╝bernahmen nichtj├╝dische Freund_innen und Helfer_innen das Risiko, Inge und ihre Mutter vor den Deportationen zu verstecken. Es war ein Leben voller Gefahren, ohne Lebensmittelkarten, immer begleitet von der Angst, entdeckt, erkannt und verraten zu werden. Bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 waren die Beiden fast st├Ąndig auf der Flucht.

Kritisch erinnert Inge Deutschkron an die Haltung der J├╝dischen Gemeinde, die sie nicht teilt: "Tragt ihn mit Stolz, den gelben Stern." Mit diesen Worten versuchten Funktion├Ąre der J├╝dischen Gemeinde ihre Mitglieder zu ermutigen, als wir im September 1941 gezwungen wurden, diesen gelben Lappen am ├Ąu├čersten Kleidungsst├╝ck in Herzh├Âhe zu befestigen. "Fest angen├Ąht", so stand es im Gesetz, das f├╝r Kinder ab sechs Jahren galt. "Mit Stolz? Die Mehrheit der Deutschen, denen ich in den Stra├čen Berlins begegnete, guckte weg, wenn sie diesen "Stern" an mir bemerkte oder guckte durch mich, die Gezeichnete, durch oder drehte sich weg." Diese Anweisung sind Mutter und Tochter Deutschkron nur anf├Ąnglich gefolgt bis zu ihrem Abtauchen im Untergrund.

Inge Deutschkron beschreibt die damalige Situation so: "Dann waren sie alle weg ÔÇô meine Familie, meine Freunde, die blinden j├╝dischen B├╝rstenzieher von Otto Weidt, die j├╝dischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ihre Orden noch am Revers ihres Mantels. Wir hatten keinen Schrei geh├Ârt, sahen kein Aufbegehren, blickten ihnen nach, wie sie gehorsam ihren letzten Weg antraten.

Des Nachts sah ich sie wieder vor mir, h├Ârte nicht auf, an sie zu denken: wo waren sie jetzt? Was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu f├╝hlen. Mit welchem Recht, so fragte ich mich, verstecke ich mich, dr├╝ckte ich mich vor einem Schicksal, das auch das Meine h├Ątte sein m├╝ssen? Dieses Gef├╝hl von Schuld verfolgte mich, es lie├č mich nie wieder los."


Die deutsch-israelische Journalistin und Autorin Inge Deutschkron wurde am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren. Die Familie zog 1927 nach Berlin. Inge Deutschkron erfuhr 1933 von ihrer Mutter, sie sei J├╝din. Der sozialdemokratische Vater Dr. Martin Deutschkron wird im April 1933 wegen "politischer Unzuverl├Ąssigkeit" nach dem "Gesetz f├╝r die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Schuldienst entlassen und emigriert 1939 nach England. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 war Inge Deutschkron und ihrer Mutter Ella die Flucht nicht mehr m├Âglich. Von 1941 bis 1943 arbeitete Deutschkron in der Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin-Mitte und wurde dort vor der Deportation bewahrt. Ab Januar 1943 lebte sie illegal in Berlin und versteckte sich mit ihrer Mutter bei nichtj├╝dischen Freund_innen, um dem Holocaust zu entgehen. Beide ├╝berlebten.

Von 1945/46 arbeitete Inge Deutschkron als Sekret├Ąrin in der Zentralverwaltung f├╝r Volksbildung f├╝r die sowjetisch besetzte Zone bevor ihr Vater Inge und ihre Mutter 1946 nach England holen konnte. Sie studierte vier Jahre Fremdsprachen und arbeitete danach als Sekret├Ąrin im Londoner B├╝ro der Sozialistischen Internationale. 1956 lie├č sie sich in Bonn nieder, arbeitete zun├Ąchst als freie Journalistin und wurde 1958 Deutschland-Korrespondentin der israelischen Zeitung Maariw (hebr├Ąisch: Î×ÎóÎĘÎÖÎĹÔÇÄ). 1963 nahm sie als Beobachterin f├╝r Maariw am Frankfurter Auschwitz-Prozess teil. 1966 erhielt sie die israelische Staatsb├╝rgerschaft.

Als Reaktion auf den offenen und verdeckten Antisemitismus in der deutschen Politik und die antiisraelische Haltung der 1968er-Bewegung zog sie 1972 nach Tel Aviv. Von 1972 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1987 war sie in der Redaktion der vorher von ihr in Bonn vertretenen Zeitung in Tel-Aviv t├Ątig. Sie widmete sich besonders der internationalen und der Nahost-Politik. Ihre Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" 1978 machte sie ber├╝hmt. Eine Auswahl ihrer B├╝cher und Publikationen: "Israel und die Deutschen: Das schwierige Verh├Ąltnis", 1983 und 2000, "Mein Leben nach dem ├ťberleben", 2000, "Offene Antworten: Meine Begegnungen mit einer neuen Generation", 2004, "Wir entkamen. Berliner Juden im Untergrund" 2007.

Als das Grips-Theater 1988 das Theaterst├╝ck "Ab heute hei├čt Du Sara" ÔÇô nach ihrem Buch "Ich trug den gelben Stern" einprobte, kam Inge Deutschkron nach Berlin zur├╝ck, wo sie seit 2001 wieder lebt. Oft habe ich sie in dieser Zeit in Berlin erlebt. Bei Lesungen, Diskussionen oder im Eingangsbereich der Blindenwerkstatt Otto Weidt hat sie mit viel Engagement ├╝ber ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus geschrieben und gesprochen. Sie ist mir ein Vorbild in ihrer politischen Klarheit und ihrer Haltung. Der von ihr initiierte F├Ârderverein "Blindes Vertrauen e.V." h├Ąlt die Erinnerung an Otto Weidt wach, der in der Zeit des Nationalsozialismus j├╝dischen Menschen zur Seite stand und an die "Stillen Helden", die mit Zivilcourage und viel Mut unter gro├čem pers├Ânlichen Risiko vielen Juden das ├ťberleben erm├Âglicht haben.

Die AVIVA-Berlin Redaktion w├╝nscht Inge Deutschkron alles Gute zum 94. Geburtstag.


Mehr zu Inge Deutschkron unter:

Inge Deutschkron, Rede zum Tag der Befreiung von Auschwitz im Deutschen Bundestag, 2013:
www.bundestag.de

Inge Deutschkron Stiftung:
www.inge-deutschkron-stiftung.de

Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt erz├Ąhlt die Geschichte der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Hier besch├Ąftigte der Kleinfabrikant Otto Weidt w├Ąhrend des Zweiten Weltkrieges haupts├Ąchlich blinde und geh├Ârlose Juden.
www.museum-blindenwerkstatt.de

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt
www.blindes-vertrauen.de

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