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20.06.2018

Jutta Limbach - Wahre HyÀnen. Pauline Staegemann und ihr Kampf um die politische Macht der Frauen
Yvonne de Andrés

Oft wurde die am 10. September 2016 verstorbene ehemalige Berliner Justizsenatorin und erste Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach in ihrem Berufsleben nach Vorbildern gefragt. Eines war ihre Urgroßmutter, das ehemalige DienstmĂ€dchen Pauline Staegemann. Deren Devise...



... lautete: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt."


Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jutta Limbach, ehemalige PrÀsidentin des Bundesverfassungsgerichts, ist am 10. September 2016 im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.

Ramona Pisal, PrĂ€sidentin des djb, dessen Mitglied Jutta Limbach war: "Wir trauern um unser langjĂ€hriges Mitglied Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jutta Limbach und erinnern uns ihres Lebenswerkes in großer Dankbarkeit. Sie war eine entschlossene und selbstverstĂ€ndliche Verfechterin der Gleichberechtigung und als erste PrĂ€sidentin des Bundesverfassungsgerichts auch eine besonders starke und gewichtige Stimme.
AnlĂ€sslich unserer Veranstaltung gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz und fĂŒr Verbraucherschutz (BMJV) am 27. November 2014 zum Gedenken an die GrĂŒndung des Deutschen Juristinnen-Vereins 1914 in Berlin sagte sie zu uns ÂŽEndlich Halbe/Halbe! Frauen haben in der Demokratie ein selbstverstĂ€ndliches Anrecht auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht. Erst wenn das Ziel erreicht ist, sind wir in Deutschland in guter Verfassung.ÂŽ Diese Worte werden uns als Auftrag begleiten."


Das im Juni 2016 erschienene Buch ist eine Spurensuche der Urenkelin, in der sie an ihre Urgroßmutter Pauline Staegemann, geb. Schuck (1838-1909) erinnert, die kam als junges LandmĂ€dchen aus dem Oderbruch nach Berlin kam. Sie arbeitete als DienstmĂ€dchen, heiratete, und bekam vier Kinder, darunter die spĂ€tere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Elfriede Ryneck. 1873 gehörte sie zu den GrĂŒnderinnen des ersten Berliner Arbeiterfrauen- und MĂ€dchenvereins. Dieser Verein, der heute als erste sozialdemokratisch orientierte Frauenorganisation gilt, wollte soziale Ungerechtigkeiten ĂŒberwinden. Das war zu einer Zeit, in der politische BetĂ€tigung von Frauen verboten war, revolutionĂ€r und sehr mutig. Als Witwe wohnte Pauline Staegemann in Friedrichshain. In der Landsberger Allee fĂŒhrte sie ein GeschĂ€ft, einen GemĂŒsekeller, der zum Treffpunkt von Sozialdemokrat_innen wurde. Dazu schreibt Jutta Limbach: "Sie war eine Frau der Tat und nicht der Theorie. Ihr Einsatzort war nicht der Schreibtisch, sondern ein GemĂŒsekeller in Berlin. Das war ein Treffpunkt und Ort, an dem sich Arbeiterfrauen, DienstmĂ€dchen und Fabrikarbeiterinnen informieren konnten. Zu Zeiten des Sozialistengesetzes trafen sich dort auch gern Sozialdemokraten."

Von 1885 bis 1887 war Pauline Staegemann im Vorstand des "Vereins zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" zusammen mit Emma Ihrer und Gertrude Guillaume-Schack. Diesem Verein durften laut Satzung nur "Frauen und MĂ€dchen" angehören, MĂ€nner waren von seinen Versammlungen ausgeschlossen. Ziel des Vereins war die Anhebung der Löhne, die gegenseitige UnterstĂŒtzung bei Lohnstreitigkeiten, Bildungsarbeit durch wissenschaftliche VortrĂ€ge und die Einrichtung einer Bibliothek. Hinzu kam die Förderung sozialer Kontakte zwischen den Frauen durch gesellige ZusammenkĂŒnfte sowie die Errichtung einer Arbeitsvermittlung.

Pauline Staegemann wurde wegen ihres Engagements oft verfolgt und mehrfach inhaftiert. 1879 wurde sie im berĂŒchtigten FrauengefĂ€ngnis Barnimstraße interniert. Sie ließ sich davon aber nicht entmutigen oder gar mundtot machen. Eine letzte erfolgreiche Aktion an der sie beteiligt war, war 1885 die an den Reichstag gerichtete Petition, die den NĂ€hgarneinkauf der MantelnĂ€herinnen betraf. Diese wurden gezwungen, NĂ€hgarn zu ĂŒberhöhten Preisen einkaufen. Durch den Streik der Konfektionsarbeiterinnen wurde die Politik zum Handeln gezwungen und eine Änderung des § 115 der Gewerbeordnung des Deutschen Reiches erreicht. Die Austeilung von Arbeitsmaterial durch den Unternehmer durfte von da an nur noch zu ortsĂŒblichen und nicht zu ĂŒberhöhten Preisen erfolgen.

Pauline Staegemann und ihre Mitstreiterinnen legten die Fundamente fĂŒr eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen und politischen Geschehen. So erlangten Frauen in Deutschland am 30. November 1918 mit der "Verordnung ĂŒber Wahlen zur Verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung (Reichswahlgesetz)" aktives und passives Wahlrecht.

Ein bewegendes Buch ĂŒber eine couragierte Frau, verfasst von ihrer ebenfalls engagierten Urenkelin Jutta Limbach, die ihre Urgroßmutter nicht persönlich kennen gelernt hat. Der Anlass, diese Biographie zu verfassen, waren der nach Pauline-Staegemann gestiftete Preis der ASF-Brandenburg und die Straßenumbenennung der am ehemaligen Berliner-FrauengefĂ€ngnis vorbeifĂŒhrende Straße in Pauline-Staegemann-Straße.

AVIVA-Tipp: Durch die Veröffentlichung ihrer Biographie dankt Jutta Limbach ihrer Urgroßmutter fĂŒr ihren politischen Kampf fĂŒr die Rechte der Frauen. Sie stellt daher keine persönlich-biographische Erinnerung, sondern politische RĂŒckschau ĂŒber den mutigen politischen Weg der Pauline Staegemann dar. Dabei fließen auch aktuelle BezĂŒge mit ein. Jutta Limbach schreibt dazu: "Wenn ich glaubte, als ununterbrochen berufstĂ€tige, in ambulanter Ehe lebende Mutter von drei Kindern an der Grenze meiner Belastbarkeit entlang zu schrammen, genĂŒgte mir ein RĂŒckblick auf diese tatkrĂ€ftige Frau, um mich ob meines Kleinmuts zu schĂ€men und neuen Antrieb zu gewinnen."

Zur Autorin: Jutta Limbach geboren 1934 als Jutta Rynek und Enkelin der SPD-Reichstagsabgeordneten Elfriede Rynek, arbeitete nach dem Zweiten juristischen Staatsexamen 1962 zunĂ€chst als wissenschaftliche Assistentin an der Freien UniversitĂ€t Berlin. Sie wurde dort 1966 promoviert, ihrer Habilitation folgte 1972 die Berufung zur Professorin fĂŒr BĂŒrgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht und Rechtssoziologie, sie war Professorin an der Freien UniversitĂ€t Berlin und von 1989 bis 1994 Senatorin fĂŒr Justiz des Landes Berlin.
1994 wurde sie zur VizeprĂ€sidentin des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzenden des Zweiten Senats, kurz danach als erste und bislang einzige Frau zur PrĂ€sidentin des Bundesverfassungsgerichts ernannt. Dieses Amt ĂŒbte sie von 1994 bis 2002 aus. Von 2002 bis 2008 war sie - wiederum als erste Frau – PrĂ€sidentin des Goethe-Instituts InterNationes.
1992 hat sie gemeinsam mit Dr. Christine Bergmann, Sibyll Klotz und Carola v. Braun den Verein "Die ĂŒberparteiliche Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen" gegrĂŒndet. Von 2002 bis 2008 war sie PrĂ€sidentin des Goethe-Instituts. Seit 2003 war sie Vorsitzende der "Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der RĂŒckgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener KulturgĂŒter, insbesondere aus jĂŒdischem Besitz", auch Limbach-Kommission genannt. Prof. Dr.Jutta Limbach war Mitglied der SPD und in vielen Stiftungen und Vereinen ehrenamtlich aktiv.
Sie trat als Richterin, Wissenschaftlerin und Mitglied des Deutschen Juristinnenbundes e.V. (djb) fĂŒr soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung ein.
1983 trat sie dem djb bei, war u.a. jahrelang in der djb-Kommission Familienrecht aktiv und ehrte den djb bei Bundeskongressen und anderen Veranstaltungen mit ihren stets außerordentlich beeindruckenden Reden.

Ihre Verdienste wurden mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen gewĂŒrdigt, u.a. auf Vorschlag des djb 2005 mit der Louise Schroeder Medaille des Berliner Abgeordnetenhauses.

Schon lange plĂ€dierte sie fĂŒr die Quote: "Endlich Halbe/Halbe! Frauen haben in der Demokratie ein selbstverstĂ€ndliches Anrecht auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht. Erst wenn das Ziel erreicht ist, sind wir in Deutschland in guter Verfassung."

Jutta Limbach
Wahre HyÀnen. Pauline Staegemann und ihr Kampf um die politische Macht der Frauen

Klappbroschur, 120 Seiten
18,00 Euro [D]
Dietz Verlag, erschienen am 20. Juni 2016
ISBN: 978-3-8012-0480-8
Mehr Infos zum Buch unter: dietz-verlag.de

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