Olaf Stieglitz & J√ľrgen Martschukat (Hrsg.): Race & Sex. Eine Geschichte der Neuzeit: 49 Schl√ľsseltexte aus vier Jahrhunderten neu gelesen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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18.06.2018

Olaf Stieglitz & J√ľrgen Martschukat (Hrsg.): Race & Sex. Eine Geschichte der Neuzeit: 49 Schl√ľsseltexte aus vier Jahrhunderten neu gelesen
Hai-Hsin Lu

Beitr√§ge zu und von 50 internationalen Theoretiker_innen, historischen Schl√ľssellekt√ľren und literarischen Werken, die den Diskurs um Kolonialismus, Rassismus und Sexismus bis heute ma√ügeblich pr√§gen. Ihre Essays verdeutlichen, dass ...



... diese Begriffe in ihrer Kompexität nur in Relation zueinander verstanden werden können.

"Keine Geschichte der Neuzeit kann ohne die Geschichte des Rassismus geschrieben werden. Zugleich muss die Geschichte des Rassismus als eine Geschichte des Sexes geschrieben werden.", so f√ľhren die Herausgeber in ihren von 50 Historiker_innen, Kultur- und Literaturwissenschaftler_innen gestalteten Sammelband ein. √úber Klassiker der Humanwissenschaften, Fotografien aus Kolonialzeiten und Gesetzestexten bis zu Schl√ľsseltexten der Queer- und Postcolonial Studies ist ein breites Spektrum abgedeckt, das die komplexen Verschr√§nkungen und Wechselwirkungen zwischen Race und Sex darstellt.

"Gender Trouble"

Ein bereits √ľber 25 Jahre kontrovers diskutiertes Schl√ľsselwerk der Gender Studies ist Judith Butlers "Gender Trouble" (1990), oder "Das Unbehagen der Geschlechter". Sabine Sielke, Professorin f√ľr Literatur und Kultur Nordamerikas an der Universit√§t Bonn, f√ľhrt in ihrem Beitrag "Judith Butler: "Gender Trouble (1990) Oder: Wider die Schwarzwei√ümalerei" in die Debatten der Performativit√§t, Heteronormativit√§t und Geschlechterverh√§ltnisse ein. W√§hrend Butlers Bekanntheit auf ihrer Dekonstruktion der Dichotomie zwischen Sex und Gender, das hei√üt, biologischem und sozialem Geschlecht, fu√üt, spricht sie auch √ľber die Untrennbarkeit zwischen Sex und Race. F√ľr beide ist g√ľltig, dass unsere als nat√ľrlich gegeben empfundenen K√∂rper ma√ügeblich durch soziale Praxis gepr√§gt werden. Erst so wird diese vermeintliche Nat√ľrlichkeit √ľberhaupt erschaffen und die Subjekte essentialisiert. Sielke l√§sst auch die Kritik nicht aus, die Butler f√ľr ihre Positionierung zum Nahostkonflikt erf√§hrt und vermittelt so einen umfassenden Einstieg zu ihrer Person und ihrem Schaffen.

Koloniales Gedankengut demaskieren

Andreas Eckert, Professor der Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universit√§t Berlin, f√ľhrt in ein weiteres Schl√ľsselwerk der Humanwissenschaften ein: "Black Skin, White Masks" (1952) oder "Schwarze Haut, wei√üe Masken" von Frantz Fanon, dem antikolonialen Psychologen, Philosophen und Revolution√§r. Die Postcolonial Studies haben dessen Werk, das eine Mischung aus Psychoanalyse, Literatur und Autobiographie ist, l√§ngst zum wegweisenden, kanonischen Text erkoren. Auch hier zeigt sich die Untrennbarkeit zwischen Race und Sex - Fanon wei√üt auf die Hypersexualisierung des schwarzen Mannes hin, die Projizierung einer kolonialen Phantasie.

Exotisierung und Rassifizierung

Ein Bild spricht tausend Worte ‚Äď so widmet sich in der Anthologie ein Beitrag der kolonialen Fotografie, beziehungsweise einem spezifischen Foto: "Mr Bennet (American) and Filipino Wife (1902)". Silvan Niedermeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Nordamerikanischer Geschichte an der Universit√§t Erfurt schreibt √ľber den westlichen Blick auf das koloniale "Andere". Niedermeier analysiert das benannte Bild bis aufs genaueste Detail und liefert kontextualisierende Informationen. Die Verbindung zwischen wei√üen, westlichen M√§nnern und philippinischen Frauen ist von Exotisierung und Rassifizierung gezeichnet: Debatten √ľber "Verunreinigung" durch eine "Mischehe", aber auch Narrative um die sinnliche, hingebungsvolle philippinische Frau dominieren den historischen Diskurs rund um das Foto.

Antisemitismus und Kolonialrassismus

Claudia Bruns, Professorin am Zentrum f√ľr transdisziplin√§re Geschlechterstudien in Berlin, greift in ihrem Beitrag die Verflechtung zwischen Rassismus und Antisemitismus im 19. Jahrhundert auf. Anhand des deutschen Antisemiten Wilhelm Marr (1819 ‚Äď 1904) analysiert sie die Zusammenh√§nge von kolonialrassistischen Vorstellungen, die Marr auf seinen Reise durch Mittelamerika am√ügeblich pr√§gten, und seinem ausgepr√§gten Antisemitismus. Marr konstruierte ein "inneres Schwarzsein", das er den europ√§ischen Juden zuschrieb, um ihre "degenerierten" Merkmale zu begr√ľnden. Bruns macht deutlich, dass unterschiedliche Rassismen in Relation zueinander betrachtet werden m√ľssen ‚Äď nur so sei eine fundierte Kritik m√∂glich.

Ein Abbild der Diversität und Komplexität

Neben diesen vier exemplarischen Beitr√§gen sind selbstverst√§ndlich noch zahlreiche andere zu nennen: Herausgeber Olaf Stieglitz schreibt zu Edward Saids "Orientalism" (1978), M. Michaela Hampf vom John-F.-Kennedy Institut √ľber die Abolitionistin und Frauenrechtlerin Sojourner Truth und Karin Hostettler von der Universit√§t Basel geht bis ins 18. Jahrhundert zur√ľck, um Immanuel Kants Ideen der Aufkl√§rung zu diskutieren. Es gibt des Weiteren Beitr√§ge zu Konsum und Rassismus, dem "Chinese Exclusion Act", dem "Manifest Destiny" und vieles mehr. Die insgesamt 50 Essays vermitteln den Leser_innen einen Einstieg in unterschiedliche Lekt√ľren, sie sind ein Abbild der Komplexit√§t und Vielschichigkeit, die den Diskurs um Race und Sex in diversen wissenschaftlichen Disziplinen ausmachen.

AVIVA-Tipp: Ein aufschlussreicher Einstieg in diverse Fachdisziplinen: Neben Postcolonial und Gender Studies reihen sich literaturwissenschaftliche Texte neben geschichtswissenschaftliche Beitr√§ge ‚Äď "Race & Sex" ist ein Standardwerk voller pointierter Essays, die zum kritischen Nachdenken anregen.

Zur den Herausgebern:
Olaf Stieglitz
ist Geschichtswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Nordamerikanische Geschichte. Er studierte an der Universit√§t K√∂ln, wo er auch heute lehrt, Mittlere u. Neuere Geschichte, Anglo-Amerikanische Geschichte, Philosophie und Anglistik. Er machte in Hamburg, Bremen und Tallahassee Station und habilitierte schlie√ülich an seiner Alma Mater, der Universit√§t K√∂ln. Er ver√∂ffentlichte zahlreiche B√ľcher und wissenschaftliche Artikel, darunter "Geschichte der M√§nnlichkeit" (2008) und "V√§ter, Soldaten, Liebhaber: M√§nner und M√§nnlichkeiten in der nordamerikanischen Geschichte. Ein Reader." (2007) mit J√ľrgen Martschukat.
Weitere Infos: www.uni-koeln.de

J√ľrgen Martschukat ist seit 2006 Professor f√ľr Nordamerikanische Geschichte an der Philosophischen Fakult√§t an der Universit√§t Erfurt. Er studierte Geschichte, VWL, Anglistik an den Universit√§ten K√∂ln und Bonn und habilitierte 1999 in Neuerer Geschichte an der Universit√§t Hamburg. Er forscht unter anderem zur Todesstrafe: "Is the Death Penalty Dying? European and American Perspectives" (2011) und "The Art of Killing by Electricity¬ī: The Sublime and the Electric Chair" (2002).
Weitere Infos: www.uni-erfurt.de

Olaf Stieglitz und J√ľrgen Martschukat (hg.)
Race & Sex. Eine Geschichte der Neuzeit: 49 Schl√ľsseltexte aus vier Jahrhunderten neu gelesen

Neofelis Verlag, erschienen April 2016
Softcover, 421 Seiten
ISBN 978-3-95808-034-8
28,00 Euro
Auch als eBook erhältlich
www.neofelis-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

AVIVA-Interview with Judith Butler
"I must distance myself from this complicity with racism" - with these words, the famous philosopher and gender-theorist refused the "Civil Courage Prize" at the CSD in Berlin, June 2010.

Judith Butler - Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen und Krieg und Affekt
Judith Butler ist eine der wichtigsten Theoretikerinnen der Genderforschung. Ihr Buch "Gender Trouble" löste umfangreiche Debatten aus. Butler hatte darin die These aufgestellt, dass Geschlecht keineswegs biologisch determiniert sei, sondern durch soziales Verhalten erst konstruiert werde. In Deutschland erschien das Werk 1991 unter dem Titel "Das Unbehagen der Geschlechter". (2009)

Ina Kerner - Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus
Wie k√∂nnen die Funktionsmechanismen und das Verh√§ltnis von Rassismus und Sexismus angemessen beschrieben werden? Das ist die Leitfrage, der die Autorin in ihrer Untersuchung nachgeht. Basierend auf der Machtanalyse von Michel Foucault versteht sie Rassismus und Sexismus gleicherma√üen als Postulate, die Machtstrukturen und Herrschaftsverh√§ltnisse begr√ľnden. (2009)

Euer Schweigen sch√ľtzt euch nicht, Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland. Herausgegeben von Peggy Piesche
"Eine Schwarze, Kriegerin und Dichterin, die ihre Arbeit tut und gekommen ist, euch zu fragen, ob ihr die Eure tut." Dieser Aufruf zum politischen Handeln zeigte in Deutschland eine großartige Wirkung: das Erwachen einer Bewegung. (2013)