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22.06.2018

Selma Lagerlöf - Die Erinnerungen. Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf
Doris Hermanns

Nach der im FrĂŒhjahr vorigen Jahres erschienenen Biografie von Selma Lagerlöf sind nun drei BĂ€nde ihrer eigenen Erinnerungen an Kindheit und Jugend gebĂŒndelt erschienen.



Selma Lagerlöf war 1907 durch ihre großen Erfolge finanziell in der Lage, MĂ„rbacka zurĂŒckzukaufen, das Gut in einer entlegenen Ecke VĂ€rmlands in Mittelschweden, auf dem sie aufgewachsen und das wĂ€hrend ihrer ersten und letzten Jahre ihr Lebensmittelpunkt war. Es hatte 1890 aufgrund von Krankheit, Alkoholismus und Misswirtschaft des Vaters, sowie der schlechten wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse verkauft werden mĂŒssen. Sie erwarb es nicht nur zurĂŒck, sondern ließ es auf reprĂ€sentative Weise aus- und umbauen, wovon bereits ihr Vater getrĂ€umt hatte. Es war der Ort, der sie geprĂ€gt hatte, wie nicht nur aus ihren Erinnerungen, sondern auch aus ihren anderen Werken deutlich wird. Um den ursprĂŒnglichen Ort vor dem Vergessen zu bewahren, begann sie, ihre Erinnerungen daran, sowie an die Menschen, die es bewohnten und zu Besuch kamen, aufzuschreiben.

In "MÄrbacka", dem ersten Teil der Erinnerungen, stehen das Gut und ihr Vater im Mittelpunkt, wÀhrend sie im zweiten, "Aus meinen Kindertagen", Geschichten, die sie selber erlebt hat, aus ihrer Perspektive erzÀhlt. Im dritten Teil, "Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf", wird eine fiktive Reise nach Stockholm beschrieben. Dieser bildet somit einen Kontrast zu den ersten beiden BÀnden: WÀhrend in den beiden ersten das lÀndliche Leben beschrieben wird, geht es im dritten um das Leben in der Stadt mit seinen zahlreichen kulturellen Angeboten.

Es sind die Erinnerungen einer Schriftstellerin, die bereits als Kind ihre Bestimmung gefunden hatte: "Ich bin eben doch gezwungen, Romane zu schreiben, wenn ich groß bin; denn dazu bin ich auf die Welt gekommen. Und ich fĂŒhle mich glĂŒcklich und froh, weil das nun entschieden ist."

BĂŒcher, ErzĂ€hlungen und Geschichten spielten immer eine große Rolle in ihrem Leben. Da war die Großmutter, die tĂ€glich Geschichten erzĂ€hlte, es wurde regelmĂ€ĂŸig vorgelesen und sie selber verschlang auch immer wieder BĂŒcher. Es ist ein wunderbares Zeitbild aus einer Periode, in der sowohl erzĂ€hlte als auch erlebte Geschichten von großer Bedeutung waren, in der sie noch sehr viel mehr geteilt wurden als dies heute der Fall ist. Sie bildeten den Hintergrund der Lebenswelt der Autorin und der Menschen in ihrer Umgebung, da gab es Hexen, sogar die uns hier unbekannten Osterhexen, Gespenster und Teufel. Die Grenzen zwischen dem realen Leben und den Geschichten waren fließend.

Als Kind konnte sie zeitweilig nicht laufen, spĂ€ter hinkte sie, weswegen sie sich teilweise von Gesellschaften ausgeschlossen fĂŒhlte, wie sie in ihrer Geschichte von einem Ball, den sie als MauerblĂŒmchen erlebte, eindringlich beschreibt. Zweimal wurde sie deswegen zu Behandlungen nach Stockholm geschickt, wo sie das stĂ€dtische Leben kennenlernte. Und alles sog sie wie ein Schwamm auf. Da sie Schriftstellerin werden wollte, war sie froh und dankbar fĂŒr alles, was sie erlebte, nicht nur die schönen Dinge des Lebens, sondern auch die Schweren und WiderwĂ€rtigen, denn auch die wollte sie gut beschreiben können. Sie fand, dass "solange es schöne BĂŒcher zum Lesen gibt, meine ich, es brauche niemand, weder ich noch irgendein anderer Mensch, unglĂŒcklich zu sein."

Inspiration fand sie dann auch in allem, was um sie herum geschah. Wie sich an ihrem fiktiven Tagebuch zeigt, ließ sie sich von Allem, was um sie herum geschah, inspirieren. Darin lĂ€sst sich die Protagonistin vom Tode des damaligen Königs zu der Zeit, als sie in Stockholm war, zu einem Roman anregen. Auch an der damals sehr bekannten Schriftstellerin Frederika Bremer orientierte sie sich, sie las deren Werke und sah es als gutes Zeichen, dass diese im gleichen Gymnastiksaal in Stockholm gewesen war wie sie.

Und das Schreiben wurde ihr nach dem Lesen dann auch wichtiger, sie entdeckte das VergnĂŒgen, ein Tagebuch zu schreiben: "Es ist fast noch unterhaltsamer als Romane zu lesen." Zum GlĂŒck blieb es bei ihr nicht, wie bei zahlreichen anderen Frauen, beim Tagebuchschreiben, sondern wandte sie sich dem Schreiben großer Romane zu.

AVIVA-Tipp: Die Erinnerungen sind eine gute ErgĂ€nzung zu den Romanen und ErzĂ€hlungen von Selma Lagerlöf und ein wunderbares Zeitbild. Sie bilden einen Entwicklungsroman einer Schriftstellerin, die bereits frĂŒh wusste, wohin ihr Weg sie fĂŒhren wĂŒrde.

Zur Autorin: Selma Lagerlöf kam 1858 auf dem Gut MĂ„rbacka in der entlegenen schwedischen Provinz VĂ€rmland zur Welt. Mit 23 Jahren ging sie gegen den Willen ihres Vaters nach Stockholm, um das Lehrerinnenseminar zu besuchen, und war danach zehn Jahre Lehrerin in Landskrona am Öresund. Abende und NĂ€chte hindurch schrieb sie und erschien morgens, so wird ĂŒberliefert, mit tintenfleckigen Fingern zum Unterricht. 1891 erschien ihr Erstlingswerk Gösta Berling, und wenige Jahre spĂ€ter konnte sie bereits als freischaffende Schriftstellerin leben und sich auf ausgedehnten Reisen die Welt erobern. Am 16. MĂ€rz 1940 starb sie auf ihrem Gut MĂ„rbacka.

Zur Übersetzerin: Pauline Klaiber-Gottschau (1855-1944) wurde 1855 als Pfarrerstochter in Frauenzimmern bei Brackenheim geboren. 1918 heiratete sie Professor Dr. Max Gottschau, mit dem sie anfangs in WĂŒrzburg lebte. Von 1925 bis zu ihrem Tod 1944 lebte sie in Stuttgart. Sie ĂŒbersetzte Literatur aus dem Schwedischen, Norwegischen, DĂ€nischen und Englischen, so z.B. Werke von Selma Lagerlöf, Sophie Elkan, Evy Fogelberg, Ingeborg Maria Sick und Knut Hamsun.

Selma Lagerlöf
Die Erinnerungen.
MÄrbacka. Aus meinen Kindertagen. Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf

Aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber-Gottschau
Mit einem Nachwort von Holger Wolandt
Verlag Urachhaus, erschienen 2016
Gebunden mit Umschlag. 620 Seiten
ISBN 978-3-8251-7959-5
Euro 24,90
www.urachhaus.de


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Die Biografie von Selma Lagerlöf auf Fembio: www.fembio.org