Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts ÔÇô Das Buch zur gleichnamigen Ausstellung vom 13. April bis 16. Oktober 2016 im J├╝dischen Museum Wien - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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18.06.2018

Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts
Magdalena Herzog

Wenn der gro├če K├Ânig David hervorragend dichtete und sang, so m├╝ssen das seine Nachkommen etwa 3000 Jahre sp├Ąter wohl auch getan haben. Haben sie auch, wenn Bob Dylan, die Ramones, Barbra Streisand und Amy Winehouse gemeint sind. So jedenfalls groovt es ...



... der Titel der aktuellen Ausstellung im J├╝dischen Museum Wien.

K├Ânig David als Rockstar mit Vorbildfunktion

Die Repr├Ąsentation des J├╝dischen in der Popkultur ist in den vergangenen Jahren zum Fokus einiger Wissenschaftler_innen und Publizist_innen geworden. Musik ist dabei selbstverst├Ąndlich entscheidend und so besch├Ąftigte sich bereits 2014 das J├╝dische Museum Hohenems in der Ausstellung "Jukebox, Jewkbox! A Century on Shellac and Vinyl" oder das J├╝dische Museum Berlin mit der Ausstellung "Radical Jewish Culture. Musikszene New York seit 1990" damit. Das J├╝dische Museum Wien kn├╝pft deutlich detailreicher an, und spielt bereits in dem Titel mit biblischen Inhalten und dem Glamour des Showbusiness: Star of David war zu K├Ânig Davids Zeit ein dekoratives Element, mittlerweile steht es symbolisch f├╝r j├╝dische Identit├Ąt, nicht zuletzt auf der israelischen Flagge. Doch Stars of David bezieht sich darauf, dass der K├Ânig als "erster Rockstar der Geschichte" betrachtet werden kann. Juden/J├╝dinnen im 20. Jahrhundert haben es ihm nachgetan und werden von Juden/J├╝dinnen wie Nichtjuden/Nichtj├╝dinnen als Stars gefeiert.

Being Jewish Matters

In 26 Artikel und Interviews wird diese Art des "Nachahmens" in den zentralen musikalischen Str├Âmungen des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart untersucht (Operette, Musical, Rock ┬┤n┬┤ Roll, Rock, Hip-Hop, Reggae, Punk ...). Leitend ist die Frage, welchen Beitrag Juden/J├╝dinnen zur Popul├Ąrmusik geleistet haben und in welcher Art und Weise Judentum, die Erziehung, Erfahrung und Bewusstsein von Ausgrenzung und die Aushandlung von Identit├Ąt in diesen Beitrag hineinspielen und wie dieser f├╝r die Zuh├Ârenden deutlich wird. Das Ergebnis ist deutlich, so die Autor_Innen: Being Jewish Matters. Erkenn- und H├Ârbar ist es nur unterschwellig, wenn frau/man zwischen den Zeilen intertextuell hinh├Ârt, denn der Gro├čteil der vorgestellten Musiker_innen ging ├Ąu├čerst zur├╝ckhaltend mit ihrer j├╝dischen Herkunft um, ganz unabh├Ąngig davon, ob sie f├╝r sie pers├Ânlich vordergr├╝ndig war oder nicht.

In diesem Umfang und in dieser Tiefe ist der Band einzigartig ÔÇô mit dieser Selbstbeschreibung ├╝bertreiben die Herausgeber Marcus G. Patka und Alfred Stalzer (beide t├Ątig am J├╝dischen Museum Wien) keineswegs.
Besonders einschl├Ągig ist der Text von Caspar Battegay, der die Frage nach dem Verh├Ąltnis zwischen Judentum und Popkultur wesentlich mit hervorgebracht hat und der weniger nach der Identifikation, als nach der Repr├Ąsentation und der Wahrnehmung des J├╝dischen fragt. Zw├Âlf Songs von 1927 bis 2012 (Al Jolson: My Mommy, Asaf Avidan & the Mojos: Reckoning Song) befragt er daraufhin, und ihm gelingt es insbesondere, (zeit)historische, literarische oder biblische Bez├╝ge herzustellen, die durchaus eines spezifischen Blicks und Bewusstseins bed├╝rfen, um diese zu erkennen. Wenn nun der wieder einmal zum Held erhobene Bob Dylan singt, "Oh God said to Abraham: ┬┤Kill me a son┬┤", dann ist das eine eindeutige Referenz auf den Text des 1. Buch Mose und der Geschichte von Abraham und Isaak. Weniger klar zu erkennen ist jedoch, dass hier ÔÇô so Battegay ÔÇô ein Element j├╝discher Tradition aufgegriffen wird: das der "Umdeutung und nicht abzuschlie├čenden Interpretationen biblischer Texte". Weitere Beispiele eines anderen Textverst├Ąndnisses zum eigenen Nachlesen k├Ânnen die Ramones mit "Blitzkrieg Bop" und Billy Joel mit "We didn┬┤t start the fire" sein. Gewohnt sind wir im deutschen Kontext diese Herangehensweise nicht, in dem es viel ├Âfter darum geht aufzuzeigen, wie irrelevant j├╝dische Herkunft f├╝r die k├╝nstlerische Produkte sind. Damit wird der Raum genommen, die Musik und die Texte dieser Popikonen anders zu h├Âren und zu lesen.

J├╝disch-Sein wird hip ÔÇô aber sehr langsam

Abgespielt hat sich diese Schneise j├╝discher Geschichte bisher vornehmlich in den USA. So sehr es das Land der Freiheit war, so war die Musik, waren die Texte auch eine Reaktion auf die Erfahrung von Verfolgung, der Migration und der nicht immer freiwilligen Assimilation ÔÇô als bestes Beispiel daf├╝r steht Irving Berlin mit seinem Song "White Christmas". Auch nachdem Juden/J├╝dinnen sich in den 50er- und 60er Jahren bis in die Mittelschicht hochgearbeitet hatten, ├Ąnderten sie noch h├Ąufig ihre Namen wie Bob Dylan (geboren als Robert Allen Zimmerman), die Mitglieder der Ramones und von Kiss. Denn (noch) war J├╝disch-Sein nicht hip, sondern vielmehr stigmatisiert, was sich besonders mit dem Sechstagekrieg verst├Ąrkte. Barbra Streisand stellt eine Ausnahme dar, ihr offener Umgang mit der j├╝dischen Identit├Ąt von Funny Brice in Funny Girl galt als aufsehenerregend und Battegay erhebt sie sogar zur K├Ânigin des Judentums. Vielleicht war sie die erste, die das J├╝dische hip machte. Als einer der sp├Ąten Nachfolger ist in jedem Falle Matisyahu zu nennen, der seine religi├Âsen Texte auf Reggae sang und diese bei religi├Âsen wie s├Ąkularen Juden und Goyim hochattraktiv zu machte. Mittlerweile lebt er s├Ąkular. Explizit wird das J├╝dische bei Amy Winehouse nicht, doch f├╝r das Publikum wurden alte Phantasmen nach ihrem fr├╝hen Tod relevant: der der verf├╝hrerischen und gleichzeitigen bedrohlichen J├╝din zusammen mit dem des "kontrollierten ┬┤nice Jewish girl┬┤" der Vorstadt.
Und was ist nun mit Haim? Der Rockband aus Kalifornien, bestehend aus drei j├╝dischen Frauen mit dem Nachnamen Haim, und ihrem Cousin, die seit 2012 tolle Musik machen? Zumindest der Bandname zeigt, dass es mittlerweile ein Umfeld gibt, in dem j├╝dische Hipness vollkommen angesagt ist.

AVIVA-Tipp: Der Band ist selbst ohne Ausstellung ein sehr gut lesbares, eigenst├Ąndiges Werk, das mit seinem neuen Blick auf Musik und Popkultur ├Ąu├čerst inspirierend, faszinierend und vor allem cool ist. Denn es er├Âffnet auch eine andere Perspektive auf j├╝dische Identit├Ąten im 20. und 21. Jahrhundert, auf das Spannungsverh├Ąltnis religi├Âs und s├Ąkular, traditionell und kulturell, j├╝disch und nichtj├╝disch und nicht zuletzt die der eigenen j├╝dischen Geschichte der Stars.
Unabh├Ąngig davon, ob die Leserin eher bewandert ist in der j├╝dischen oder musikalischen Geschichte ÔÇô beide Aspekte und ihre enge Verschr├Ąnkung werden so aufgef├Ąchert, dass alle Leser_innen auf ihre Kosten kommen.


Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts
Herausgegeben von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer
Hentrich & Hentrich, erschienen April 2016
Broschiert, 352 Seiten, 315 farbige Abbildungen
Sprachen: Deutsch und Englisch
Preis: 29,00 EUR
ISBN: 978-3-95565-136-7
www.hentrichhentrich.de

Das Buch erschien zur gleichnamigen Ausstellung vom 13. April bis 16. Oktober 2016 im J├╝dischen Museum Wien. Mehr Informationen zur Ausstellung unter:
www.hentrichhentrich.de

Weiterlesen:

Caspar Battegay: Judentum und Popkultur. Ein Essay www.transcript-verlag.de

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