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22.06.2018

Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie. Herausgegeben von Oliver von Wrochem unter Mitarbeit von Christine Eckel
Nea Weissberg

Der informative Sammelband, ein f√ľnf Jahre w√§hrendes Langzeitprojekt, beinhaltet 34 Artikel, die sich mit nationalsozialistischer T√§terschaft und deren nachtr√§glichen psychosozialen Wirksamkeiten auf die Kriegskindergeneration, die Nachkriegsgeneration und ...



... deren Kinder (Enkelgeneration) beschäftigt. Der Herausgeber vertritt die Meinung, dass die erste historisch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft in Deutschland erst Mitte 1990 begonnen hat.

NS-Vergangenheit im Familiengedächtnis

Psychische Auswirkungen des Nazi-Erbes auf ihre Kinder lassen sich bereits im 1982 in den USA erschienenen Standardwerk "Generation of the Holocaust" (dt. Titel: "Kinder der Opfer / Kinder der Täter / Psychoanalyse und Holocaust) von Bergmann, Jucovy und Kestenberg (HG.) nachlesen.

Die ersten drei Kapitel des Sammelbandes "Nationalsozialistische T√§terschaften / Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie" pr√§sentieren internationale Forschungsergebnisse. In zwei weiteren Themenbl√∂cken enth√ľllen Kinder und Enkel von NS-T√§terinnen und NS-T√§tern ihre Sicht auf die innerfamili√§ren, pers√∂nlichen und kollektiven Auswirkungen. Denn Zeitgeschichte setzt sich fort, nicht nur in historisch nachgewiesenem Material, sondern in Bildern und Klischees, die den Nachkommen verbal oder nonverbal √ľbermittelt wurden.

Der Fokus der Erinnerung wird in den 34 Beiträgen innerfamiliär, wissenschaftlich und gesellschaftspolitisch reflektiert. Analysiert wird, ob es eine beidseitige Verkettung in der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte im erinnerungskulturellen Kontext mit einem öffentlich politischen Umgang an nationalsozialistische Gewaltverbrechen gibt.

Erinnern hei√üt zur√ľckgehen in die eigene Geschichte, in die Familiengeschichte und in die politische Zeitgeschichte. Die Stellung eines jeden Kindes im Familienverbund und die jeweilige Identifikation mit einem bestimmten Eltern- oder Gro√üelternteil tragen zu Ausma√ü und Intensit√§t der Auswirkungen der famili√§r NS-belasteten Vergangenheit, zur Auseinandersetzung oder zum Ignorieren durch Nachgeborene bei. Die nachkriegsdeutsche Generation ist unweigerlich ‚Äď bejaht oder zur√ľckgewiesen - mit dem Erbe historisch konfrontiert.

Transgenerationelle, unbewusste Familien-√úbertragungen k√∂nnen hierbei nicht au√üer Acht gelassen werden. Die allm√§chtige "Rassen"-Ideologie, die hartherzige, angema√üte, Deutungshoheit √ľber sogenanntes "lebensunwertes Leben" und die sogenannte "arische" Vision des "Tausendj√§hrigen Reiches" wurden offiziell 1945 von den Alliierten gestoppt und besiegt. Aber wie kann der Einfluss jener NS-Vision und ihre Umsetzung ohne irgendwelche unbewussten Folgen f√ľr die Seele, den Geist und das Verhalten der Nachkommen der T√§terinnen /T√§ter bleiben?

Der Herausgeber des Buches, Oliver von Wrochem, beschreibt in seinem Beitrag "Bildungsarbeit an Gedenkst√§tten zu T√§terschaft und mit Nachkommen von T√§terinnen und T√§tern" sehr eindr√ľcklich und gut nachvollziehbar das Dilemma, sich dem Loyalit√§tskonflikt zu stellen, "etwas preiszugeben, das so bisher nicht √∂ffentlich gesagt wurde, und dem Wunsch, das famili√§re Schweigen zu durchbrechen." (S. 145). " ... kein Geschichtsbuch, kein Film, keine Veranstaltung und keine Ausstellung werden zur Aufkl√§rung f√ľhren, wenn wir nicht den pers√∂nlichen Bezug erkennen." (S. 147).

Das famili√§re Verleugnen und Verschweigen an NS-Tatbeteiligung, an Gewaltverbrechen, an Kollaboration oder an unm√§√üig viel materiellem Profit durch die sogenannte "Arisierung" (Bem√§chtigung von Alltagsgegenst√§nden, M√∂beln, Bildern, Schmuck, Kleidung, Spielzeug, Wohnungen, H√§usern, Gesch√§ften, Fabriken etc.) und durch Raubmord kann erst √ľberwunden werden, "wenn sich Menschen zu den Verbrechen ihrer Vorfahren emotional in Beziehung setzen..." (S. 147).

Ein wichtiger Beitrag im Buch "Bildungsarbeit zu T√§terschaft am Beispiel der Besch√§ftigung mit den nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen" von Uta George, hinterfragt die "sp√§te Aufnahme der Verbrechen in das kollektive Ged√§chtnis der deutschen Gesellschaft". (S.163). "Die Verantwortung f√ľr die Verbrechen werden von Tatbeteiligten fast durchgehend auf andere, insbesondere Vorgesetzte oder Gr√∂√üen des NS-Regimes √ľbertragen." (S.167).

Die im Buch inliegende Film-DVD von J√ľrgen Kinter und Oliver von Wrochem wird mit "Nationalsozialistischer T√§terschaft in der eigenen Familie. Erinnerungsberichte der Zweiten und Dritten Generation" betitelt.
Hier ist eine Begriffskl√§rung notwendig: Bei j√ľdischen Familien wird zwischen der Zweiten Generation (Second Generation) und den Child Survivors unterschieden:
Die direkten Nachkommen von Holocaust-√úberlebenden und von Child Survivors werden seit Mitte der 1960ziger Jahre als Second Generation benannt. Der Begriff Child Survivors bildete sich Ende der 1970ziger Jahre heraus. Damit sind j√ľdische Kinder gemeint, die vor oder w√§hrend der Shoah geboren wurden und vom Tage ihrer Geburt an durch die NS-Ideologie und das NS-Vernichtungsprogramm existentiell bedroht waren. Sie lebten in unaufh√∂rlicher Lebensgefahr, gefangen, gequ√§lt, erschossen oder vergast zu werden.
W√§hrend des II. Weltkrieges sind in Europa 1,5 Millionen j√ľdische Kinder ums Leben gekommen, mehr als eine Million dieser Kinder wurde vors√§tzlich und systematisch vernichtet.
"Mit dem Tod so vieler Kinder wurden auch zuk√ľnftige Generationen vernichtet und der nat√ľrliche Fortgang von Generation zu Generation auf gewaltsame Weise unterbrochen." (s. Gilbert, Martin: Endl√∂sung. Die Vertreibung und Vernichtung der Juden. Ein Atlas. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 11.)
Durch den gewaltsam ausgel√∂sten Riss in der nat√ľrlichen Generationenfolge erscheint diese neue Generationenz√§hlung in j√ľdischen Familien folgerichtig, aber eben nicht in den Familien der NS-T√§ter und Kollaborateuren.

In dem Beitrag "Weibliche und m√§nnliche T√§terschaft im Familienged√§chtnis / √úberlegungen zu Geschlecht als Kategorien in der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen" f√ľhren Alyn Bessmann und Jeanette Toussaint u. a. eine Untersuchung von Konstanze Hanitzsch an:
"... √ľber den Umgang der zweiten Generation mit der T√§terschaft von V√§tern, in denen auch die Wahrnehmung der M√ľtter thematisiert und zugleich nach den Auswirkungen auf das Selbstbild der Kinder gefragt wird." (S. 234-235).

Hierzu merke ich an, dass Beate Niemann, Niklas Frank sowie Malte Ludin zum einen eben nicht der Zweiten Generation angeh√∂ren, stattdessen Kinder waren, die im "Dritten Reich" geboren und sozialisiert worden sind und zum anderen haben z. B. Niemann und Frank gegen diese Auslegungen, tendenzi√∂sen Deutungen und Verallgemeinerungen von Hanitzsch Einspruch erhoben. Niemanns Kritik z. B. beruft sich darauf, dass die Autorin Hanitzsch wissentlich falsche Behauptungen aufstellte, ungepr√ľfte Vermutungen als Fakten deklariert hat. Tatsache ist, dass Beate Niemann in dem Buch "Ich lasse das Vergessen nicht zu" erstmalig √ľber ihre Mutter schreibt und alle weibliche Familienmitglieder der Nachfolgegeneration sich auch zum NS-Familienerbe √§u√üern. (Niemann, Beate: "Ich lasse das Vergessen nicht zu" erscheint im Januar 2017 im Lichtig Verlag, HG. Nea Weissberg)

AVIVA-Tipp: In einem Teil der heutigen deutschen Gesellschaft, in der Spaltung, Verweigerung und aggressiv verbale Entgleisung statt Dialog und Auseinandersetzung offenkundig werden, k√∂nnte dieses vorliegende Buch hilfreich sein und Klarheit f√ľr die Z√∂gerlichen, Schwankenden, Ambivalenten und dadurch Abwehrenden bieten, die bislang noch keinen Weg gefunden haben, das historische Erbe anzunehmen.

Zum Autor: Dr. Oliver von Wrochem, geboren 1968 in San Diego, ist Leiter am Studienzentrum der KZ-Gedenkstätte Neuengamme sowie Herausgeber vieler Schriften und Monoraphien.
Mehr Informationen im Forscherprofil von Oliver von Wrochem bei Clio-online www.clio-online.de


Oliver von Wrochem (Hrsg.)
Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie

Reihe Neuengammer Kolloquien, Band 6
Unter Mitarbeit von Christine Eckel
ISBN 978-3-86331-277-0
535 Seiten
Euro 24.00
Metropol Verlag, erschienen April 2016
metropol-verlag.de


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