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22.06.2018

Marina Abramovi─ç - Durch Mauern gehen. Autobiographie
Sharon Adler

Zu ihrem 70. Geburtstag am 30. November 2016 erz├Ąhlt die K├╝nstlerin, die in ihren Performances oft schweigt, nun selbst davon, wie sie zu der wurde, die sie ist. Der Untertitel der Originalausgabe "Walk Through Walls: Becoming Marina Abramovi─ç" impliziert, wie intensiv...



... Abramovi─ç selbst den Mythos um ihre Person zementiert hat.


Furchtlos, revolution├Ąr, kontrovers, brillant, verst├Ârend, kongenial, charismatisch, radikal, ÔÇŽ die Liste der Adjektive und Attribute, mit denen die K├╝nstlerin in Verbindung gebracht wird, lie├če sich endlos fortsetzen.
Marina Abramovi─ç polarisiert wie kaum eine andere zeitgen├Âssische K├╝nstlerin, sie fasziniert, ├╝bt aber gleichzeitig mit ihren ├Âffentlichen Performances und Installationen auch beinahe k├Ârperliche Abwehrreaktionen aus. Kalt l├Ąsst sie niemanden. Vieles ist ├╝ber sie schon geschrieben und gesagt worden. Hier nun aber schreibt sie selbst.

Nichts besch├Ânigend erz├Ąhlt sie von ihrer Kindheit im kommunistischen Jugoslawien, die trostlos war und gepr├Ągt von der Lieblosigkeit und gewaltt├Ątigen ├ťbergriffe durch die strenge Mutter. Abramovi─ç empfand sich selbst als h├Ąsslich, wertlos, und wurde von ihren Mitsch├╝lerInnen wegen ihrer K├Ârpergr├Â├če und Magerkeit "die Giraffe" genannt. Sie l├Ąsst uns in ihrer Autobiographie teilhaben an den psychischen und physischen Verletzungen ebenso wie an den Erfolgen, die hart erarbeitet sind und die K├╝nstlerin streckenweise an den Rand des Belast- und Ertragbaren gebracht haben.

Sie hat die Grenzen der Kunst gesprengt: sich gepeitscht, mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger gerammt. Sie ist 2500 Kilometer, 90 Tage lang nonstop auf der Chinesischen Mauer gelaufen ("The Great Wall Walk"), zw├Âlf Jahre mittellos in einem umgebauten Citro├źn-Bus durch die Welt gefahren und hat ein Jahr bei den Aborigines in Australien gelebt. Sp├Ątestens seit "The Artist is Present" ÔÇô ihrer ber├╝hmten Performance 2010 im New Yorker Museum of Modern Art - gilt Marina Abramovi─ç in der ganzen Welt als Kultfigur. Sie selbst beschrieb die Erfahrung in der MoMA als grenzwertig: "The hardest thing is to do something which is close to nothing, because it┬┤s demanding all of you."
Robert Redford schw├Ąrmt f├╝r sie genauso wie Lady Gaga. Vom "Time Magazine" wurde sie zu den 100 wichtigsten Menschen des Jahres 2014 gew├Ąhlt.

In ihren Memoiren blickt Abramovi─ç auch zur├╝ck auf die symbiotische zw├Âlfj├Ąhrige Beziehung zu ihrem k├╝nstlerischen Gegenst├╝ck Ulay und den rasanten Aufschwung, den ihre Kunst nach der schmerzlichen Trennung von ihm erfuhr. Neben den detaillierten Beschreibungen ihrer von Presse und ├ľffentlichkeit gefeierten, aber auch ├Âffentlich weniger beachteten k├╝nstlerischen Arbeiten, erf├Ąhrt die Leserin auch Aufschlussreiches ├╝ber den Anspruch Abramovi─çs, ihr Wissen weiterzugeben. So hat sie das "Marina Abramovic Institute (MAI)" ins Leben gerufen, um eine Schnittstelle zu schaffen zwischen Kunst und Wissenschaft. Ihre StudentInnen kommen aus der ganzen Welt, um bei und mit ihr zu lernen.
Vor allem aber benutzt Abramovi─ç sich selbst und das Publikum als Medium: Marina Abramovi─ç l├Âst die Grenze zwischen Kunstschaffender und Publikum beinahe vollst├Ąndig auf, um so den Weg freizumachen f├╝r pers├Ânliche Ver├Ąnderungen, die ihr vor allem am Herzen liegen.

AVIVA-Tipp: Mal konstatierend, mal zornig, und hin und wieder auch mit trockenem schwarzen Humor: Schonungslos ehrlich mit sich selbst und ihren LeserInnen h├Ąlt Marina Abramovi─ç R├╝ckschau auf sieben Lebensjahrzehnte als K├╝nstlerin und Grenzg├Ąngerin der Traurigkeit und des Schmerzes. Die Meisterin der ├╝berbordenden Phantasie verwandelt diese Gef├╝hle in Kunst, immer und ├╝berall. Die K├╝nstlerin ist anwesend.

Zur K├╝nstlerin: Marina Abramovi─ç, 1946 in Belgrad geboren, ist eine der schillerndsten K├╝nstlerinnenpers├Ânlichkeiten unserer Zeit. Ihre Werke sind in Museen weltweit zu sehen, in der Tate Modern, im Guggenheim Museum, im Centre Pompidou und im Hamburger Bahnhof in Berlin. Zu Beginn ihrer Karriere machte sie mit radikalen Performances wie etwa "Delusional" auf sich aufmerksam. 1997 wurde sie auf der Biennale 1997 mit dem Goldenen L├Âwen ausgezeichnet. Ihre j├╝ngsten Arbeiten waren sensationelle Erfolge: 750.000 Menschen besuchten 2010 allein ihre Performance "The Artist is Present" im New Yorker MoMA. Drei Monate lang, insgesamt 716 Stunden, sa├č die K├╝nstlerin auf einem Stuhl, schaute ihrem Gegen├╝ber in die Augen - und schwieg.
Filme: "The Space in Between: Marina Abramovic and Brazil" (2016) und "Picasso Baby: A Performance Art Film" (2013).
Marina Abramovi─ç ist u. a. Gastprofessorin an der Hochschule der K├╝nste in Berlin. Sie lebt in New York.
Marina Abramovi─ç auf IMDb: www.imdb.com, Facebook: www.facebook.com und Twitter: twitter.com/hashtag/MarinaAbramovic. Das Marina Abramovic Institute ist online unter: marinaabramovicinstitute.org

Marina Abramovi─ç - Durch Mauern gehen.
Autobiografie

Originaltitel: Walk Through Walls: Becoming Marina Abramovi─ç
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert M├Âllemann
Originalverlag: Crown Archetype
Luchterhand Literaturverlag, erschienen: 14.11.2016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, mit 141 Schwarz-wei├č-Fotos und 16 Seiten Farbbildteil
ISBN: 978-3-641-17759-1
Euro 22,99
eBook (epub)
Luchterhand Literaturverlag, erschienen: 14.11.2016
ISBN: 978-3-641-17759-1
Euro 22,99
Mehr Infos zum Buch unter: www.randomhouse.de

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VALIE EXPORT - Ikone und Rebellin. Ein Film von Claudia M├╝ller. Ab April 2016 auf DVD
In der feministischen Aktionskunst gilt die Professorin, Medien- und Performancek├╝nstlerin sowie Filmemacherin sp├Ątestens seit 1968 als mutige Pionierin, ihre Performances sind immer noch hochaktuell. Die Portraitfilmerin Claudia M├╝ller r├╝ckt in ihrem filmischen Essay auch die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, sowie die K├╝nstlerinnen Marina Abramovic, Carolee Schneemann und Kiki Smith mit in den Blick. (2016)