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25.06.2018

Christina von Braun - Versuch √ľber den Schwindel
Ahima Beerlage

Über Religion, Schrift, Bild und Geschlecht schlägt die Kulturwissenschaftlerin und Leiterin des Studiengangs Gender-Studies an der Humboldt-Universität den Bogen von der Entstehung der hebräischen und griechischen Schrift bis in die Gegenwart - Eine Herausforderung...



... f√ľr die Autorin, die Rezensentin und die LeserInnen.

Nomen est Omen

Schon im ersten von sieben Kapiteln Versuch √ľber den Schwindel nutzt Christina von Braun den Begriff "Schwindel" in seiner Vielschichtigkeit als "Schl√ľssel zu den komplexen Querverbindungen zwischen verschiedenen kulturgeschichtlichen Erscheinungen", denen die Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin in ihrer interdisziplin√§ren Arbeit zum Thema "Gender" und "Studien zur j√ľdischen Kultur" begegnet ist. Der Schwindel als medizinisches Ph√§nomen, das den kurzzeitigen Verlust des Gleichgewichtes ausweist, sowie der Schwindel als unglaubw√ľrdige Geschichte, als Betrug und Trugbild bietet sich nicht nur an, um vorhandene Bilder √ľber j√ľdische und christliche Religion und damit verbundene Geschlechterbilder kurzzeitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Da die Geschichte des Schwindels zugleich der Ausgangspunkt und der Endpunkt der abendl√§ndischen Subjekt-Philosophie markiert, √ľberrascht es nicht, dass man ihm in jedem Kontext begegnet, wo es um den ¬īAnderen¬ī geht: sowohl bei den ¬īFrauenkrankheiten¬ī als auch bei den Phantasien √ľber den ¬īj√ľdischen K√∂rper¬ī".

Weiblichkeit und Judentum als "das Fremde"

Ein solch gewaltiges Werk ‚Äď √ľber 600 Seiten erwarten die LeserInnen ‚Äď in wenigen Worten zu beschreiben, w√§re Schwindel in jeder Hinsicht. Deshalb will ich mich hier mehr auf die Wirkung auf mich als Rezensentin beschr√§nken. Christina von Brauns Ausgangsthese, dass die unterschiedliche Entwicklung der j√ľdischen und der christlichen Kultur in erster Linie auf den unterschiedlichen Schriften beruht, hat mich sofort in den Bann gezogen. Die hebr√§ische Schrift, die keine Vokale kennt, ist immer auch auf die Stimme, auf die Interpretin angewiesen. "Wenn der m√§nnliche K√∂rper den Symboltr√§ger der Schriftlichkeit darstellt, so symbolisiert der weibliche K√∂rper die M√ľndlichkeit, die in den nichtgeschriebenen Zeichen: den Vokalen, enthalten ist." Damit gibt es zwar eine deutliche Unterscheidung der Geschlechterbilder, aber sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit auf Augenh√∂he. Das griechische Alphabet wiederum, Grundlage der christlichen Glaubensgemeinschaft und Tradition, ist losgel√∂st von der Notwendigkeit der gesprochenen Sprache und l√§sst sich universal verbreiten ‚Äď und tendiert dazu, sich immer weiter vom K√∂rper und der Gemeinschaft zu entfernen und im Abstrakten zu verlieren. Die aus der unterschiedlichen Schriftsprache resultierenden Kulturen entwickeln auch sehr unterschiedliche K√∂rper-Bilder, die sich wiederum in im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ver√§nderten.

In der christlichen Kirche des Mittelalters wurde die Frau als Abweichung gewertet ebenso wie auch das Judentum als Fremdk√∂rper gesehen wurde. "So erkl√§rt es sich, da√ü auf dem Laterankonzil von 1215 nicht nur die Transsubtantionslehre, sondern auch die Bestimmung erlassen wurde, dass der Jude den gelben Fleck zu tragen habe: Der Jude wurde fortan als sichtbarer, d.h. ¬īrealer Anderer¬ī gekennzeichnet, und lange sp√§ter sollten die Rassenlehren des 19. Jahrhunderts diese Vorstellung zur biologischen Realit√§t erkl√§ren." Und damit habe ich als Leserin nur eine Interpretationslinie aufgegriffen. Es gibt Hauptlinien, Exkurse und Nebenlinien. Nicht allen Thesen kann ich oder will ich folgen. Aber den Thsen Christina con Braun zu folgen ist ein seltenes Erlebnis, derart k√ľhne kulturwissenschaftliche Verkn√ľpfungen zwischen der christlichen und der j√ľdischen Religion, zwischen Schrift, Geschlecht und Bild herzustellen.

Goldgräberin

Diese vielf√§ltigen Thesen √ľben eine gro√üe Sogwirkung aus. Sie scheinen alles zu erkl√§ren und in einen Rahmen zu setzen. Doch schon nach wenigen Seiten hatte ich immer wieder ein Bild vor Augen: Eine Goldgr√§berin, die viel Sand siebt, um ihre Goldnuggets zu sammeln. Das Buch ist eine Herausforderung. Es folgt nicht immer strengen wissenschaftlichen Regeln, sondern auch Assoziationen, Eingebungen aus einer langen akademischen Karriere und Erkenntnissen aus der interdisziplin√§ren Arbeit im Bereich Christentum und Judentum sowie moderner Gender-Studies. Auch den Blick der Filmemacherin finden die LeserInnen in den starken Bildern, die die Autorin w√§hlt. Doch nicht immer kann frau der Autorin in ihrer schwindelerregenden Assoziationskette folgen. Dann gilt es durchzuhalten, Sand zu sieben, bis die n√§chste gro√üartige These folgt. Aber es lohnt sich. Verwunderlich ist allerdings, dass die Autorin als Forschende im Bereich Gender eine oftmals die Frauen aussparende Sprache anwendet.

AVIVA-Tipp: Wer Freude daran hat, sich auf ungew√∂hnliche interdisziplin√§re Einsichten und Verbindungen √ľber den Einfluss von hebr√§ischem und griechischem Alphabet im Zusammenhang mit der Entwicklung von Religion, Schrift, Bild und Geschlecht einzulassen, wird diese schwindelerregende Lekt√ľre genie√üen. Aber es braucht viel Zeit und Mu√üe, sich diesem umfassenden Werk zu stellen ‚Äď und es braucht einen eigenen Standpunkt und Unabh√§ngigkeit im Denken, denn nicht immer k√∂nnen die Lesenden der Autorin folgen. Eine sehr "erwachsene", fordernde, aber lohnende Reise durch die Kulturgeschichte.

Zur Autorin: Christina von Braun wurde 1944 in Rom geboren und studierte in den USA und Deutschland. Seit 1994 ist sie Professorin f√ľr Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universit√§t zu Berlin. Christina von Braun ist Gr√ľnderin und Leiterin des Studiengangs Gender-Studies an der Humboldt-Universit√§t zu Berlin und Sprecherin des Graduiertenkollegs `Geschlecht als Wissenskategorie`. Sie hat zahlreiche B√ľcher, Aufs√§tze und Filmdokumentationen zu kulturhistorischen Themen ver√∂ffentlicht. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender, Medien, Religion und Moderne, S√§kularisierung und Geschichte des Antisemitismus.
Mehr zu Christina von Braun unter: www.christinavonbraun.de

Christina von Braun
Versuch √ľber den Schwindel

Taschenbuch, 671 Seiten
Verlag: Psychosozial-Verlag (1. September 2016)
ISBN: 978-3837925678
49,90 Euro
www.psychosozial-verlag.de

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