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25.06.2018

Beate Niemann - Ich lasse das Vergessen nicht zu
AVIVA-Redaktion

Bruno Sattler hat sich durch halb Europa gemordet. Seit 1931 in der NSDAP, war der sp├Ątere Gestapo-Chef von Belgrad in die heimt├╝ckische Erschie├čung des Kommunisten John Scheer verwickelt, lie├č deutsche EmigrantInnen...



...in Paris verhaften, in Smolensk Partisanen und Roma ermorden, in Belgrad ÔÇô 1942, als seine Tochter geboren wurde ÔÇô 8500 Juden vergasen und "Geiseln" erschie├čen, in Wien und Ungarn Todesm├Ąrsche organisieren.

Er ist schuldig am Tod von weit mehr als Zehntausend Menschen. Wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" wurde er 1947 in der DDR zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und starb 1972 in der Haft.

M├Ârder-Vater, T├Ąter-Mutter

Beate Niemann, seine dritte, 1942 in Berlin geborene Tochter, glaubte ├╝ber 50 Jahre an die Unschuld ihres Vaters, sie k├Ąmpfte f├╝r seine Freilassung und nach seinem Tod f├╝r seine Rehabilitierung. Gekannt hatte sie in eigentlich nur aus der Familiensaga und von wenigen kurzen Besuchen im Gef├Ąngnis. Er war ihr zu Unrecht verurteilter Held. Erst in den 1990er Jahre mit dem Zugang zu Stasi-Akten und internationalen Archiven hatte sie schmerzhaft erkennen m├╝ssen, dass ihr Vater alles andere als ein Opfer war. Er war ein Massenm├Ârder. Ihre Suche nach Unschuld kehrte sich um in die Sache nach Schuld. Ihre fast obsessive Recherche, die st├Ąndig neue schockierende Details hervorgebracht hatte, verarbeitete Yoash Tatari in dem Dokumentarfilm "Der gute Vater ÔÇô eine Tochter klagt an" (2003) und Niemann selbst in einem eigenen Buch: "Mein guter Vater. Eine T├Ąterbiographie" (Hentrich & Hentrich, 2005).

Nun hat Beate Niemann ein neues Buch ver├Âffentlicht: "Ich lasse das Vergessen nicht zu". Flankiert von Texten ihrer Tochter ("Ich bin eine `Viertel-M├ÂrderinÔÇś"), einer Cousine und Wegbegleitern, beschreibt sie das Echo, das ihr "Outing" hinterlassen hat, sei es in den vielen Briefen, die sie bekam, in Begegnungen mit Opfern, mit ZeitzeugInnen oder Sch├╝lerInnen. Denn Niemann geht offensiv mit ihrem "Erbe" um, sie sucht die Begegnung und den Austausch. Ein st├Ąndiger Kampf mit all den Gef├╝hlen, die sie selbst und ihre jeweiligen Gegen├╝ber mit den vielen Facetten des Falls Sattler haben. Sie verschweigt nicht die kritischen Stimmen, die ihr "Nabelschau", "Nestbeschmutzung" oder Wichtigtuerei vorwerfen, und schildert eindr├╝cklich das, was ihr Mut macht. Unter anderem waren das die Treffen mit Schoa-├ťberlebenden und Nachkommen in Belgrad, wo ihr Vater so schrecklich gew├╝tet hatte. Sie erz├Ąhlt von ihren Bedenken, ihrer Angst vor den Reaktionen, aber auch ├╝ber das positive, manchmal ├╝berw├Ąltigend herzliche Echo und die gro├če Resonanz, die der Film und ihr Buch ausgel├Âst haben.

Zugleich schaut Niemann auf die Ereignisse, die sie geformt, die ihr Leben ausgemacht haben ÔÇô Abbruch der Schule ein Jahr vor dem Abitur, Abendschule, Ausbildung als Kinderpflegerin, Auslandskorrespondentin und Krankengymnastin, ihre Arbeit bei Amnesty International, die Demonstrationen gegen den Schah 1967, das Attentat auf Rudi Dutschke, das soziale Engagement w├Ąhrend ihrer Jahre in Indien, endlich die R├╝ckkehr nach Deutschland und der Beginn ihrer Suche nach dem echten Bruno Sattler...

Zu der Bestandsaufnahme geh├Ârt jedoch nicht nur ihr Vater und das Schweigen oder Sch├Ânreden ├╝ber ihn, sondern auch ihre Mutter. "Ich habe fr├╝h entschieden, nicht so werden zu wollen, wie meine Mutter", schreibt sie, "Mein abwesender Vater war meine Lichtgestalt... Sp├Ąt in meinem Leben musste ich bitter lernen, dass mein Vater ein ├╝berzeugter Nazi-M├Ârder war, meine Mutter die NS-T├Ąterin an seiner Seite."

Niemanns Mutter, 1904 in einer ArbeiterInnenfamilie geboren, hatte ihren sp├Ąteren Ehemann Bruno Sattler kennengelernt, als sie beim Verteilen von KPD-Flugbl├Ąttern verhaftet und von ihm verh├Ârt worden war. "Wie sie den politischen Wechsel der Weltanschauungen f├╝r sich vollzog, ist ein f├╝r mich nicht zu l├Âsendes R├Ątsel", schreibt die Tochter. Sie belegt episodenhaft, wie ihre Mutter sie als Kind benutzt hat, wie sie ihre Tochter verletzt und gedem├╝tigt, sie wider besseren Wissens immer wieder ├╝ber den Vater belogen hat. Die wohl grausamste Wahrheit ├╝ber ihre Mutter hat Beate Niemann erst nach deren Tod erfahren: Das Haus in Berlin-Tempelhof, in dem sie geboren wurde, hatten ihre Eltern der j├╝dischen Vorbesitzerin Frau Leon abgekauft ÔÇô so die Familiensaga. Zu der M├Ąr der Mutter hatte auch geh├Ârt, dass sie selbst die hochschwangere Frau Leon ├╝ber die Schweizer Grenze in Sicherheit gebracht habe. F├╝r Beate Niemann war das ├╝ber Jahre der Beweis f├╝r die "Heldenhaftigkeit" ihrer Mutter. Doch dann findet sie eine Postkarte, datiert drei Tage nach ihrer Geburt, auf der diese Mutter, die "Retterin", ihrem Mann nach Belgrad schreibt: "...Die Leon kommt am 20.6. auf Transport nach dem Osten". Heute wei├č Niemann, dass ihre Eltern Frau Leon erpresst haben, ihnen das Haus f├╝r einen Spottpreis zu verkaufen; als Gegenleistung wurde ihr versichert, dass sie f├╝r mindestens ein Jahr von der Deportation zur├╝ckgestellt wird. Zwei Wochen nach dem Abschluss des Kaufvertrages wurde Gertrud Leon von der Gestapo abgeholt, nach Theresienstadt geschickt und sp├Ąter in Auschwitz ermordet...

Die Geschichte ihrer Familie, die allgemeine Blindheit und das Wegsehen im Nachkriegsdeutschland verkn├╝pft Beate Niemann zuletzt auch mit aktuellen Ausw├╝chsen der Gesellschaft, mit Pegida, AfD und Co, die mit Desinformation, Ignoranz und Hass dem Anderen, dem "Fremden" gegen├╝ber Stimmung machen, sei er "Fl├╝chtling", dunkelh├Ąutig oder Jude. Niemanns Arbeit ist ein Baustein gegen Geschichtsklitterung und f├╝r ein "kosmopolitisches" Engagement, so wie es ihr von ihren WegbegleiterInnen bescheinigt wird, und wie es dieses B├╝chlein dokumentiert, das auf die Initiative der Verlegerin des j├╝dischen Lichtig Verlags, Nea Weissberg, zustande kam. Die wollte wissen, wer diese Beate Niemann ist, diese Deutsche, die so konsequent und schonungslos den NS-Verstrickungen der eigenen Familie gefolgt war und den Mut hatte, sich den damit einhergehenden Loyalit├Ątskonflikte zu stellen und den Gegenwind, der ihr entgegenschlug, auszuhalten.

AVIVA-Tipp: "Chapeau", schreibt Nea Weissberg. Das ist wohl das richtige Wort.

Beate Niemann
Ich lasse das Vergessen nicht zu

Lichtig-Verlag, Berlin, erschienen 2017
ISBN: 978-3-929905-38-0
112 Seiten
14,90 Euro
Mehr Infos, Lesungstermine und Buch-Bestellung unter:
www.lichtig-verlag.de