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23.07.2018

Dagmar Manzel - Menschenskind
Silvy Pommerenke

Ein Star ohne Allüren - bodenständig, normal, humorvoll und gleichzeitig genial, melancholisch und geheimnisvoll! Sie wird von KollegInnen als "Bühnenraubtier" mit "Pratzen" bezeichnet, aber auch als zutiefst verletzlich und hochemotional.



Knut Elstermann, Radiomoderator und Filmjournalist, der diese Biographie als Interviewform gestaltet hat, schildert "La Manzel" als eine Frau, die jederzeit und intensiv mit ihrer Umwelt kommuniziert. Nicht nur verbal, sondern auch emotional. Durch die literarische Form, die Elstermann gewählt hat, kommt frau/man sich zwar ein wenig wie eine Voyeurin vor, die heimlich einem Gespräch unter FreundInnen lauscht, aber dieses Gefühl schleicht sich häufig ja auch beim Lesen von Briefwechseln oder bei Tagebuchaufzeichnungen ein. Und letztendlich siegt dann doch die Neugier, sich mit der Lebensgeschichte von Dagmar Manzel zu befassen. Für Dagmar Manzel war diese Form übrigens der einzig gangbare Weg, um sich überhaupt auf eine Autobiographie einzulassen. Sie nimmt sich selbst nicht so wichtig (was äußerst charmant ist) und möchte am liebsten explizit nur über die Arbeit reden und nicht über sich als Privatperson. Knut Elstermann entlockt ihr dennoch einige Details, die in Nebensätzen durchschimmern und die nicht nur eine äußerst begabte und scheinbar nimmermüde Theater-Schauspielerin und Sängerin zeigen, sondern die den Blick freigeben auf eine sehr loyale, äußerst witzige, sympathische und glückliche Frau.

Elstermann entfaltet auf knapp 200 Seiten einen Dialog zwischen sich und Manzel, hakt immer wieder dezent nach, wenn Manzel sich ein wenig fortmäandert von der eigentlichen Fragestellung und lässt auch andere SchauspielkollegInnen und die Familie zu Wort kommen. So wird das reine Zweiergespräch immer wieder aufgelockert durch Intermezzi von Sylvester Groth, Barrie Kosky, Gudrun Ritter, Ulrich Matthes, ihrer Mutter oder ihren Kindern. Und jede/r gibt eine kleine Liebeserklärung an Dagmar Manzel ab. Beispielsweise Thomas Langhoff, der "Deine Neugier. Deine Wachheit, Deine Kontrollsucht, Dein Ver- und Misstrauen, Deine unbändige, hemmungslose Lust, Dein Talent bis zum letzten Rest auszubeuten" lobt.

Als Manzel darauf angesprochen wird, ob sie sich als lachende Melancholikerin sieht, antwortet sie mit einem herrlichen Zitat von Emil M. Cioran: "In einer Welt ohne Melancholie würden die Nachtigallen anfangen zu rülpsen." Dieses Zitat spiegelt auch die Schauspielerin Dagmar Manzel wieder, deren Spektrum von der Femme Fatale bis hin zur rotzfrechen Göre reicht, von der "ArbeiterInnenklasse" bis hin zur "Aristokratie", und sie wechselt zwischen "Emotion und viel Reflexion", wie sich Adam Benzwi, Dirigent an der Komischen Oper, löblich über sie äußert. Ob als Theater-Schauspielerin, als Sängerin oder Tatort-Kommissarin, Manzel ist eine absolute Gigantin in ihrer Branche!

Ihren Durchbruch hatte Manzel bereits mit 22 Jahren, als sie - ungewöhnlich für eine Jungschauspielerin - am Dresdener Theater die "Maria Stewart" gespielt hat. Seitdem sind mehr als dreißig Jahre vergangen und Manzel hat viel an ihrer Sprache und Körperhaltung gearbeitet, hat unzählige Preise gewonnen und Theater- und Filmrollen gespielt. Der SchauspielerInnen-Beruf ist ein harter und verlangt viel von denen, die ganz oben mitmischen wollen. Aber nicht nur persönliche Motivation und Leidenschaft haben ihr den Weg an die großen deutschen Bühnen geebnet, sondern auch die Unterstützung von Regisseuren wie Thomas Langhoff oder Heiner Müller halfen ihr, einem riesigen Publikum bekannt und vertraut zu werden.

1958 in Ost-Berlin geboren, hat sie sich - obwohl die DDR das kulturelle Erbe der Juden & Jüdinnen totgeschwiegen hat -, sehr früh mit der jüdischen Kultur auseinandergesetzt, was unter anderem zu der Interpretation von Friedrich Hollaender oder Werner Richard Heymann führte. Manzel, die ihre ganz eigene, melancholische Art hat, den alten Liedern neues Leben einzuhauchen, hat 2014 ebenfalls unter dem Titel "Menschenskind" eine CD aufgenommen, auf der sie ausgewählte Songs von Friedrich Hollaender interpretiert hat.

Neben ihrer Berufsbiographie und den Abläufen am Theater erfährt die Leserin aber auch Persönliches, was mehr oder weniger zwischen den Zeilen über Dagmar Manzel herauskommt: Dass sie Mutter von zwei Kindern ist, dass sie abstrakte Malerei und moderne Musik liebt, gerne eine kräftige Kartoffelsuppe für ihren Sohn Paul kocht, Katzenmutti ist, und - das vielleicht ungewöhnlichste, was frau/man aus dieser Autobiographie entnehmen kann -, dass sie eine leidenschaftliche Gärtnerin ist!

AVIVA-Tipp: Knut Elstermann entfaltet durch klug und behutsam gestellte Fragen ein facettenreiches Bild der Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel. Die "Facharbeiterin für Schauspielkunst", wie sie sich selbst sehr bescheiden und bodenständig bezeichnet, ist nicht nur auf der Bühne ganz groß, sondern auch in diesem Gespräch. Frau/man muss sie einfach mögen!

Zum Autor: Knut Elstermann, besser bekannt unter dem Namen "Kino King Knut", geboren am 4. August 1960 in Berlin, Studium der Journalistik in Leipzig (1982-86), danach Nachrichtenredaktion ND (bis 1989) und Arbeit für die DDR-Zeitschrift "Filmspiegel", bis 1991 Moderator und Kulturredakteur beim Jugendradio DT 64, seit 1992 freier Filmjournalist, vor allem für den ORB-Hörfunk (Radio Brandenburg, radioeins), für das ORB-Fernsehen, Dokumentationen für ARTE über die DEFA-Geschichte und das russische Kino. (Quelle: Radio Eins)

Dagmar Manzel
Menschenskind

Aufbau Verlag, erschienen Februar 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 239 Seiten
ISBN 978-3-351-03649-2
Euro 19,95
www.aufbau-verlag.de

Dagmar Manzel im Netz: www.dagmar-manzel.de

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