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20.06.2018

Zahl gemeldeter antisemitischer VorfÀlle in Berlin bleibt hoch
AVIVA-Redaktion

Im Jahr 2016 erfasste die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) 470 antisemitische VorfĂ€lle in Berlin. Die Zahl der registrierten VorfĂ€lle ist damit gegenĂŒber dem Vorjahr (2015: 405 FĂ€lle) um 16 % angestiegen. Die Zahl der von Antisemitismus Betroffenen hat sich gegenĂŒber dem Vorjahr verdoppelt



Dazu erklĂ€rt der Projektleiter von RIAS, Benjamin Steinitz: "Dass uns 2016 erneut mehr antisemitische Vorkommnisse als im Vorjahr gemeldet wurden, besorgt mich zwar, ist aber auch auf die steigende Akzeptanz und Bekanntheit von RIAS innerhalb der jĂŒdischen Gemeinschaften zurĂŒckzufĂŒhren."

Von den 470 VorfĂ€llen sind 17 physische Angriffe, 18 Bedrohungen, 53 SachbeschĂ€digungen an Eigentum von JĂŒdinnen und Juden oder Orten der Erinnerung an die Schoa, sowie 382 auf FĂ€lle verletzenden Verhaltens. Hierbei handelt es sich um mĂŒndlich und schriftlich vorgetragene Beschimpfungen, Diskriminierungen, antisemitische Propagandadelikte und Anfeindungen im Internet. Diese sind zwar nicht immer strafrechtlich relevant, erzeugen aber dennoch ein bedrohliches Klima und können die LebensqualitĂ€t von Betroffenen und Berliner JĂŒdinnen und Juden nachhaltig beeintrĂ€chtigen. Der Senator fĂŒr Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dr. Dirk Behrendt erlĂ€utert mit Blick auf den bewusst niedrigschwelligen Ansatz des Projekts: "Zum Kampf gegen Antisemitismus gehört es zunĂ€chst, diesen zu erkennen und zu erfassen. RIAS bringt Licht in einen Dunkelbereich antisemitischen Alltags in Deutschland und zeigt, wie wichtig eine unabhĂ€ngige, zivilgesellschaftliche Beobachtung antisemitischer VorfĂ€lle ist. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus und gilt deshalb auch bundesweit als Vorbild. Jede antisemitische Tat ist ein Angriff auf unsere freie Gesellschaft, auf jede und jeden einzelnen von uns. Und es ist unser aller Pflicht zu widersprechen und uns schĂŒtzend vor jene zu stellen, die antisemitisch angegriffen werden."

Von 297 VorfĂ€llen die sich gegen Menschen oder Institutionen richteten waren 303 Personen betroffen. Die Zahl der von Antisemitismus Betroffenen hat sich damit gegenĂŒber dem Vorjahr verdoppelt (2015: 151 Betroffene). Bei 132 betroffenen Personen war den TĂ€ter_innen bekannt, dass es sich um JĂŒdinnen oder Juden handelt. Das bedeutet ebenfalls einen deutlichen Anstieg gegenĂŒber 2015 (57). Selbst niedrigschwellige Anfeindungen gegen ihre jĂŒdische IdentitĂ€t können zu starken Verunsicherungen bei den Betroffenen fĂŒhren. Der PrĂ€sident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, betont in diesem Zusammenhang die besondere Bedeutung zivilgesellschaftlicher UnterstĂŒtzungsangebote: "Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin besteht seit zwei Jahren. Bereits in dieser kurzen Zeit ist deutlich geworden, wie wichtig die Arbeit von RIAS ist. Die jĂŒdische Gemeinschaft, aber auch jeder BĂŒrger hat endlich die Möglichkeit, unbĂŒrokratisch antisemitische VorfĂ€lle zu melden. Die Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und jĂŒdischen Organisationen ermöglicht ein detaillierteres Monitoring und eine exaktere Problembeschreibung. Wir hoffen, dass diese Arbeit dazu beitrĂ€gt, erfolgreicher als bisher gegen die Bedrohung vorzugehen, die Antisemitismus fĂŒr die Gesamtgesellschaft darstellt."

Angriffe auf Orte der Erinnerung und des Gedenkens nehmen zu

2016 wurden in Berlin 42 SachbeschĂ€digungen an Orten der Erinnerung an die Schoa gemeldet. Dies ist mehr als drei Mal so viel wie im Vorjahr (2015: 15 SachbeschĂ€digungen). Es gab darĂŒber hinaus 53 FĂ€lle von mĂŒndlichen und schriftlichen Beschimpfungen und Bedrohungen, Reden auf Versammlungen und PropagandafĂ€llen, welche Abwehrhaltungen gegenĂŒber dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zum Motiv hatten. Dies drĂŒckte sich in Schoa-Leugnungen oder -Relativierungen, der Verhöhnung der Opfer oder der Figur der TĂ€ter-Opfer-Umkehr aus. Insgesamt stand jeder fĂŒnfte antisemitische Vorfall 2016 im Zusammenhang mit einer solchen Motivation.

Die Moabiter Initiative "Sie waren Nachbarn", welche seit 2015 in der Ellen-Epstein-Straße mit einem fĂŒnf Meter langen Schild an die Deportationen Berliner Juden und JĂŒdinnen im Nationalsozialismus erinnert, beklagte im vergangenen Jahr zehn FĂ€lle von Vandalismus und berichtete RIAS von ihren Erfahrungen: "Seit unserer GrĂŒndung im Jahr 2011 haben wir immer wieder antisemitische Beleidigungen und SachbeschĂ€digungen erfahren. Im Jahr 2016 erlebten wir das hĂ€ufiger als zuvor. Die Anfeindungen spornen uns jedoch an. Wir lassen uns davon nicht einschĂŒchtern. Derzeit planen wir, den Weg von der Sammelstelle zum Deportationsbahnhof Moabit dauerhaft zu kennzeichnen."

Seit dem 23. Februar 2017 ist auf dem neugestalteten Online-Portal von RIAS nicht nur ein ausfĂŒhrlicher Bericht antisemitischer VorfĂ€lle in Berlin 2016, sondern erstmals auch eine Chronik aller VorfĂ€lle einsehbar.


Kontakt fĂŒr RĂŒckfragen und weitere Informationen unter:

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS): www.report-antisemitism.de/berlin

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) auf Facebook: www.fb.com/AntisemitismusRechercheBerlin

Verein fĂŒr Demokratische Kultur in Berlin e.V.: www.vdk-berlin.de

Kompetenzzentrum fĂŒr PrĂ€vention und Empowerment (ZWST): zwst-kompetenzzentrum.de

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Kooperation will Antisemitismus sichtbar(er) machen und den Betroffenen zur Seite stehen
Das Kompetenzzentrum fĂŒr PrĂ€vention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) e.V. und die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) des Vereins fĂŒr demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V. ermutigen JĂŒdinnen und Juden darin, antisemitische VorfĂ€lle zu melden.

Quelle: PRESSEMITTEILUNG Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) vom 23. Februar 2017