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22.06.2018

Luise Berg-Ehlers - Ber√ľhmte Kinderbuchautorinnen und ihre Heldinnen und Helden
Hannah Hanemann

Der mit vielen Originaldokumenten versehene Band versammelt die wichtigsten und populärsten Kinderbuchautorinnen des europäischen und nordamerikanischen Raums der letzten 150 Jahre. Anhand kurzer biographischer Texte verdeutlicht er die Herausforderungen, denen Schriftstellerinnen sich bis ins 20. Jahrhundert hinein stellen mussten...



... und ehrt ihren Einfluss sowie ihre phantasievollen Schöpfungen.

Luise Berg-Ehlers, die sich in der deutschen und englischen Literatur bestens auskennt und in ihren Anthologien unter anderem zu Agatha Christie und Virginia Woolf ver√∂ffentlich hat, widmet sich auf √ľber 150 Seiten Frauen, die unsere Kindheit entscheidend gepr√§gt haben - mit ihren fesselnden Geschichten und charakterstarken Heldinnen und Helden. Anhand f√ľnf thematisch geordneter Kapitel, in denen 27 einflussreiche Kinderbuchautorinnen verschiedener Genres vorgestellt werden, untersucht die Herausgeberin und Autorin Luise Berg-Ehlers die Entwicklung der von Frauen verfassten Kinderbuchliteratur vom 19. Jahrhundert bis heute. Zu jeder Autorin pr√§sentiert sie eine kurze Beschreibung ihres Lebens und ihrer Werke, sowie ein Portrait-Foto und farbige Abbildungen ihrer fiktionalen Held*innen, B√ľcher oder Wohnorte.

Backfischliteratur von Clementine Helm bis Else Ury

Schreiben zu erzieherischen Zwecken war bis ins 19. Jahrhundert hinein eine der wenigen intellektuellen T√§tigkeiten, die f√ľr Frauen gesellschaftlich akzeptiert waren. So verwundert es nicht, dass besonders Kinderb√ľcher oftmals von Frauen verfasst wurden, etwa die sogenannte "Backfisch-Literatur", die junge M√§dchen an ihre Rolle als angehende Hausfrau und Mutter heranf√ľhren sollte.
Eine der ersten Schriftstellerinnen, die mit dieser Art der Literatur gr√∂√üere Bekanntheit und finanzielle Unabh√§ngigkeit erlangten, war Clementine Helm, die 1862 "Backfischchens Leiden und Freuden" ver√∂ffentlichte und der es dabei gelang, eine f√ľr die Zeit vergleichsweise selbst√§ndige und emanzipierte Frauenfigur zu schaffen - auch wenn am Ende ihrer Geschichte die obligatorische Ehe stand.
Aufsehen erregte zwei Jahrzehnte später auch Emmy von Rhodens Protagonistin aus "Der Trotzkopf", die sich gegen den von ihr erwarteten Gehorsam sperrt und den Konventionen ihrer Zeit mit bissigem Humor und frecher Konformitätsverweigerung entgegentritt. Noch einhundert Jahre später erfreute sich der Roman solcher Beliebtheit, dass er 1983 als mehrteilige Fernsehserie verfilmt wurde.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden schlie√ülich die "Nesth√§kchen" Geschichten der deutsch-j√ľdischen Schriftstellerin Else Ury sehr popul√§r. Die Heldin ihrer B√ľcher, "Nesth√§kchen" Annemarie Braun, durchlebt das typische Leben einer Berliner Arzttochter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vom ersten Band "Nesth√§kchen und ihre Puppen", in dem die Protagonistin etwa sechs Jahre alt ist, √ľber ihr Medizinstudium in T√ľbingen bis hin zu "Nesth√§kchen im wei√üen Haar", in der sie bereits selbst Kinder und Enkelkinder hat. Ihrer Sch√∂pferin Else Ury war ein √§hnlich harmonisches Leben nicht verg√∂nnt. Im Nationalsozialismus wurden ihre Werke verboten und die Autorin 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die sympathische Heldin ihrer B√ľcher ist jedoch in Deutschland bis heute Kult geblieben.

Die Eroberung des Abenteuer-Genres durch mutige Voreiterinnen

Waren die "Backfisch-Romane" vor allem an junge M√§dchen zwischen 14 und 17 Jahren gerichtet und bedienten sie noch die herk√∂mmlichen Rollenverteilungen, entdeckten Frauen bald auch ein bis dahin von M√§nnern dominiertes Genre f√ľr sich: den Abenteuerroman. Eine der Ersten war die Hamburgerin Sophie W√∂rish√∂ffer, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Reise - und Abenteuerb√ľcher √§hnlich denen von Karl May schrieb - allerdings bestand ihr Verleger darauf, ihren Vornamen auf den Anfangsbuchstaben zu beschr√§nken, um die Leser*innen bewusst dar√ľber im Unklaren zu lassen, ob die B√ľcher von einer Frau oder einem Mann verfasst worden waren. Schriftstellerinnen wie Selma Lagerl√∂ff ("Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildg√§nsen"), Erika Mann ("Stoffel fliegt √ľbers Meer") und Enid Blyton ("F√ľnf Freunde") mussten sich dar√ľber gl√ľcklicherweise keine Sorgen mehr machen. Ihre abenteuerlichen Geschichten wurden trotz ihrer eindeutigen Identifizierbarkeit als Autorinnen von Jungen wie M√§dchen l√§nder√ľbergreifend verschlungen. Selma Lagerl√∂ff erhielt daf√ľr 1909 sogar den Nobelpreis f√ľr Literatur - als erste Frau √ľberhaupt.

Phantasievolle Märchen und magische Protagonist*innen

Auch das Motiv des Phantastischen eroberte im Laufe des 20. Jahrhunderts die weibliche Kinderbuchliteratur. In Gro√übritannien erfand die geb√ľrtige Australierin Pamela Lynwood Travers 1933 die mit magischen F√§higkeiten versehene Kultfigur Mary Poppins. Lange wehrte sie sich gegen die Verfilmung ihres Materials durch Walt Disney, bis finanzielle Schwierigkeiten ihr schlie√ülich eine Zustimmung abn√∂tigten - mit Disneys Adaption war sie jedoch nie zufrieden. Denn ihre Mary Poppins hatte sie nicht als die zuckers√ľ√üe Version des Kinofilms konzipiert, sondern als anarchische und komplexe Frauenfigur mit Ecken und Kanten.
Wenige Jahre sp√§ter lie√ü die Schwedin Astrid Lindgren Grausedruden, Drachen und die √ľbernat√ľrlich starke Pippi Langstrumpf ihre B√ľcher bev√∂lkern und erschuf zeitlose M√§rchen von √ľbersprudelnder Phantasie und emotionaler Kraft. Seitdem ist das Phantasy-Genre aus der F√ľlle an Kinder - und Jugendliteratur nicht mehr wegzudenken. Vor allem die Engl√§nderin J.K. Rowling hat sich mit ihren "Harry Potter"-B√§nden um die Jahrtausendwende an die Spitze der erfolgreichsten Autorinnen geschrieben - nicht nur denen von Kinderb√ľchern, sondern aller Zeiten.

Luise Berg-Ehlers nimmt die Leserin mit auf eine Reise durch die bunte Welt der Kinderbuchautorinnen, w√§hrend derer ihr u.a. auch Christine N√∂stlinger, Johanna Spyri, Judith Kerr, Anna Sewell, Cornelia Funke und die finnischen Autorin Tove Jansson begegnen. Ihre Auswahl beschr√§nkt sich dabei auf Schriftstellerinnen aus dem westlich-europ√§ischen Raum. Schade, doch ein Buch √ľber Kinderbuchautorinnen aller Kulturen und Kontinente w√§re in seiner F√ľlle wohl kaum zu bewerkstelligen gewesen. Der Flut an erw√§hnenswerten Autorinnen ist es auch geschuldet, dass einige Biographien recht knapp ausfallen und die Komplexit√§t der jeweiligen Werke und Verfasserinnen nicht voll ausleuchten k√∂nnen. Als liebevoll gestaltete Sammlung √ľber die literarischen Einfl√ľsse der Kindheit ist die Lekt√ľre aber ein unterhaltsamer und sentimentaler Zeitvertreib, der zugleich einen groben Einblick in die Geschichte und Entwicklung der von Frauen verfassten Kinderbuchliteratur gibt.

AVIVA-Tipp: "Ber√ľhmte Kinderbuchautorinnen und ihre Heldinnen und Helden" von Luise Berg-Ehlers gibt in kurzen Texten und Abbildungen Auskunft √ľber die versammelten Schriftstellerinnen und macht Lust, alte Kinderb√ľcher mal wieder hervorzukramen und in ihre abenteuerlichen Geschichten einzutauchen.

Zur Autorin: Luise Berg-Ehlers, in L√ľneburg geboren und aufgewachsen, studierte in Hamburg und Bochum Germanistik und Theologie und promovierte √ľber Theodor Fontane. 40 Jahre war sie im Schuldienst t√§tig (u.a. in der LehrerInnenausbildung), davon 25 Jahre Leiterin eines Gymnasiums in Bochum. Ver√∂ffentlicht hat sie vor allem zu deutscher und englischer Literatur ‚Äď von Theodor Fontane √ľber Jane Austen und Virginia Woolf bis Agatha Christie. U.a. erschienen "Extravagante Engl√§nderinnen"(2016), "Mit Miss Marple aufs Land" (2015) und "Unbeugsame Lehrerinnen"(2015) im Elisabeth Sandmann Verlag.

Luise Berg-Ehlers
Ber√ľhmte Kinderbuchautorinnen und ihre Heldinnen und Helden

Elisabeth Sandmann Verlag, erschienen 2017
Schutzumschlag, 17 x 24 cm
160 Seiten, Abb. in Farbe
24,95 Euro
ISBN: 978-3-945543-27-6
www.elisabeth-sandmann.de

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