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25.06.2018

Andrea von Treuenfeld - Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung
Nea Weissberg

Seit den 1980er Jahren sind auf Deutsch etliche B├╝cher zur "Second Generation" von den Nachkommen der Holocaust ├ťberlebenden erschienen, in den USA bereits schon Ende der 1970er Jahre, vor allem von Helen Epstein ("Children of the Holocaust: Conversations with Sons and Daughters of Survivors"). Jetzt,...



... im Jahr 2017 gibt die deutsche Journalistin Andrea von Treuenfeld den Sammelband "Erben des Holocaust ÔÇô Leben zwischen Schweigen und Erinnerung" heraus.

Eine gl├Ąserne Wand zwischen Juden und Nichtjuden

Deren Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, geboren zwischen Fr├╝hjahr 1944 und 1972 ÔÇô in Deutschland (BRD, West-Berlin), Niederschlesien, Oberschlesien, Israel, ├ľsterreich, England und den USA ÔÇô erz├Ąhlen unverschleiert, wie sie mit ihrem Familienerbe umgehen, um ihre eigene und die historische Wahrheit verstehen zu k├Ânnen. Sie beschreiben die nachtr├Ągliche Wirksamkeit der Shoa bis heute, auf der ihr gesellschaftspolitisches Engagement basiert.

Von Treuenfeld schreibt in ihrem Vorwort ├╝ber die von ihr befragten Menschen: "Der Holocaust bleibt, obwohl sie ihn nicht selbst erlebt haben, ein wesentliches Element dieser Menschen..."

Doch zwei der 18 Portraitierten, Prof em. Dr. Jakob Hessing und der Schriftsteller Robert Schindel sind Child Survivors. Sie waren pers├Ânlich vom Tage ihrer Geburt an durch die NS-Ideologie und das NS-Vernichtungsprogramm existentiell bedroht. Der kleine Jakob ├╝berlebte mit seinen Eltern Monate lang in einem Erdloch versteckt in Polen, der kleine Robert wurde von seinen Eltern getrennt, kam zun├Ąchst in das J├╝dische Spital in der Wiener Tempelgasse und sp├Ąter zu kommunistischen Pflegeeltern. Seine als Kommunistin inhaftierte und deportierte j├╝dische Mutter hat er erst Mitte 1945 wiedergesehen, sein j├╝discher Vater wurde als Kommunist am 28. M├Ąrz 1945 hingerichtet. Beide Kleinkinder lebten in unaufh├Ârlicher Lebensgefahr, gefangen, misshandelt, deportiert, erschossen und vergast zu werden.

Ber├╝hrend und mit klaren Worten berichtet Hessing, der heute in Israel lebt und als Professor an der Hebr├Ąischen Universit├Ąt das Rosenzweig-Zentrum mit aufbaute, um Germanistik zu lehren: "Die Gro├čmutter war krank und ich behindert, die ganze rechte K├Ârperseite ist gel├Ąhmt (das lag an den ung├╝nstigen medizinischen und sanit├Ąren Bedingungen, unter denen ich ÔÇô in einem Erdloch bei dem polnischen Bauern ÔÇô zur Welt gekommen bin)."

Wie tagt├Ąglich bedrohlich die Lebenssituation war, benennt Robert Schindel: "Alle Kinder, die dort waren, sind umgebracht worden oder verhungert. Nur acht sind ├╝briggeblieben, darunter war ich..." Schindel beschreibt nachvollziehbar, wie insbesondere Child Survivors als Schutz eine lange Zeit eine emotionale Abkapselung ben├Âtigten: "Wahrscheinlich, weil es da unbewusst gewisse Wappnungen, Panzerungen gibt." Als Schriftsteller besch├Ąftigt er sich in seinem Roman "Geb├╝rtig" mit der "gl├Ąsernen Wand zwischen Juden und Nichtjuden". Die Post-Shoa-Generation ist sein publizistisches Thema geworden.

Die meisten der im Buch portraitierten Menschen geh├Âren gro├čenteils der "Second Generation" an. W├Ąhrend des II. Weltkrieges sind in Europa 1,5 Millionen j├╝dische Kinder ums Leben gekommen, mehr als eine Million dieser Kinder wurde vors├Ątzlich und systematisch vernichtet. Durch den gewaltsam ausgel├Âsten Riss in der nat├╝rlichen Generationenfolge erfolgte eine neue Generationenz├Ąhlung. In j├╝dischen Familien werden die nachgeborenen Kinder als "Second Generation" bezeichnet. Etliche von ihnen wuchsen eine Zeit lang in einem famili├Ąren Umfeld des Schweigens aus Selbstschutz und Scham auf, andere wiederum h├Ârten von dem in der Shoa Erlittenen und erlebten die Folgen der Verfolgung an ihren Eltern.

Einf├╝hlsam ist in Dr. Rachel Salamanders Beitrag nachzulesen, wie eindr├╝cklich die ersten Kindheitsjahre im DP-Lager F├Âhrenwald f├╝r sie waren: "Mit der nichtj├╝dischen Welt kamen wir also kaum in Ber├╝hrung. Wir wuchsen mit einem klaren Bewusstsein auf: um uns herum ist das Feindesland der T├Ąter, die Amerikaner unsere Retter...
Die KZ-├ťberlebenden redeten ausgiebig miteinander. Gingen mein Bruder und ich am Abend ins Bett, sa├čen die Erwachsenen im selben Zimmer zusammen, und wir Kinder schliefen mit ihren todtraurigen Geschichten und ihrem Weinen ├╝ber die Ermordeten ein."


Herzerw├Ąrmend beschreibt Salamander, worauf sie gef├╝hlsm├Ą├čig zur├╝ckgreifen kann, obwohl sie fr├╝h den Verlust ihrer Mutter versp├╝ren und verkraften musste: "F├╝r jene mit Auschwitz-Nummern am Arm waren Kinder wie ein Wunder. Eine fleischgewordene Hoffnung. Trotz der widrigen Umst├Ąnde im Lager ÔÇô ich erinnere mich an K├Ąlte, Feuchtigkeit und Hunger ÔÇô pr├Ągte uns diese Phase durch klare Emotionen, eine unverbr├╝chliche Liebe der Erwachsenen uns gegen├╝ber und ihre absolute Zuwendung."
Salamander f├Ârdert mit der 1982 gegr├╝ndeten j├╝dischen Literaturhandlung und anhand wiederkehrender literarischer Veranstaltungen ein Verst├Ąndnis zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland.

Einige wenige der im Buch Mitwirkenden sind sogenannte "Vaterjuden" oder stammen aus Familien, die zum Christentum konvertierten oder haben z. T. in ihrer Verwandtschaft Gro├čeltern mit NS-Belastung.

Hier erfahren wir bei Nina Ruge etwas ├╝ber ihren innerseelischen Spagat, als Tochter v├Ąterlicherseits j├╝discher Abstammung zu sein, was lange Zeit in ihrem christlichen Umfeld tabuisiert worden ist. Ruge fand gegen das "Gespenst" namens "Angst" und "Verlorenheit" f├╝r sich einen Halt in der esoterischen Spiritualit├Ąt: "Heute habe ich ein inneres Bild gefunden, in dem meine Eltern bei mir sind. Ich sehe sie als zwei gro├če Fl├╝gel, die ich federleicht auf dem R├╝cken trage."

Im Sammelband "Erben des Holocaust" begegnen wir einem altbekannten Mechanismus der Mehrheitsgesellschaft, wie beschwerlich es ist, Familiengeheimnisse samt systemloyaler NS-Belastung und Verleugnung aufzusp├╝ren, Verschweigen zu hinterfragen, um m├Âgliche R├╝ckwirkungen von NS-Verstrickungen zu enttarnen. In Folge neigen Nachkommen dazu, sich eher mit ihrer j├╝dischen Familienherkunft zu identifizieren. Martin Moszkowicz schreibt ├╝ber seine Mutter: "Sie kommt aus einer ├Âsterreichischen Familie mit einem Nazi als Oberhaupt, und das Verh├Ąltnis zu ihrem Vater war nicht unbedingt gut... Das war ein Intellektueller, aber halt ein strammer Nazi. War sogar Gauleiter der Steiermark gewesen. Nicht unbedingt ein gl├╝hender Antisemit, aber eben ein Nazi." Moszkowicz f├╝hlte sich erst weit weg von Deutschland in seinem j├╝dischen Wurzel-Sein angenommen, weil in Amerika sogenannte "Vaterjuden" in liberalen Synagogen gesellschaftlich akzeptiert und integriert werden.

Wie setzt sich die Wahl der Befragten zusammen, f├╝r die sich Frau von Treuenfeld entschieden hat? Es sind zum Teil mehr oder weniger bekannte Pers├Ânlichkeiten, die sich f├╝r einen Dialog zwischen der j├╝dischen und nichtj├╝disch-deutschen / ├Âsterreichischen Nachkriegsgeneration engagieren. Ungesagt bleibt, weshalb Stimmen der in der Sowjetischen Besatzungszone und sp├Ąteren DDR geborenen "Second Generation" vollst├Ąndig fehlen.

Die Buchbeitr├Ąge unterscheiden sich im Niveau, aus einigen Transkriptionen ist noch der weitgehend spontane Erz├Ąhlfluss herauszuh├Âren, anderen Texten ist anzumerken, dass sie vorab gut redigiert und danach autorisiert worden sind.
Einige der Interviewten, wie Sarah Singer, sind mit sich emotional schonungslos offen, andere sind abgegrenzt und auf ihren Schutz bedacht. Verstrickungen von Parentifizierung waren manches Mal in Holocaustfamilien als nachtr├Ągliche Wirksamkeit sp├╝rbar. So f├╝hlte sich Singer schon im Kindesalter verpflichtet, bez├╝glich ihrer von Verlust-und Lebensangst ├╝berw├Ąltigten Mutter eine Elternfunktion wahrzunehmen.

Eine R├╝ckkoppelung des jeweiligen medialen Kommunikationsprozesses zwischen der Initiatorin des Buches Andrea von Treuenfeld und den von ihr genommenen Protagonisten wird der lesenden Rezipientin nicht erm├Âglicht, da Fragen oder Nachfragen der Herausgeberin fehlen.
Was die Journalistin motiviert hat, ein solches Buch zu publizieren, welche eigenen biographischen Hintergr├╝nde sie veranlasst haben, sich der j├╝dischen Seite zuzuwenden? Das bleibt unbeantwortet.
Ihr Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Beurteilung des aktuellen politischen Ist-Zustandes ihrer Protagonistinnen und Protagonisten durch die erlittenen Erfahrungen und Erinnerungen ihrer Eltern, die den Mord am j├╝dischen Volk ├╝berlebt haben, bis heute davon gepr├Ągt worden ist. So sagt der Showmaster und Schauspieler Ilja Richter repr├Ąsentativ f├╝r die "Second Generation": "Die Geschehnisse unserer Gegenwart sehe ich immer im Kontext zur Vergangenheit."(S.163)

AVIVA-Tipp: "Erben des Holocaust - Leben zwischen Schweigen und Erinnerung" erz├Ąhlt anhand von 18 Portraits, wie die in der Shoa erlittenen Traumata - Ausgrenzung, Herabsetzung, Verfolgung, Flucht, Gewalt, Deportation, Verlust von Familienmitgliedern durch Massen-und Raubmord sowie von Heimat, Sprache und Kultur ÔÇô in der Post-Shoa-Zeit transgenerationell nachwirken.

Zur Autorin: Andrea von Treuenfeld, hat in M├╝nster Publizistik und Germanistik studiert und nach einem Volontariat bei einer ├╝berregionalen Tageszeitung lange als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin f├╝r Printmedien, darunter Welt am Sonntag und Wirtschaftswoche, gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Portr├Ąts und Biografien. Im G├╝tersloher Verlagshaus erschienen bereits ihre beiden B├╝cher "In Deutschland eine J├╝din, eine Jeckete in Israel" und "Zur├╝ck in das Land, das uns t├Âten wollte. J├╝dische Remigrantinnen erz├Ąhlen ihr Leben".

Lesungstermine unter: www.randomhouse.de


Andrea von Treuenfeld
Erben des Holocaust ÔÇô Leben zwischen Schweigen und Erinnerung

G├╝tersloher Verlagshaus, erschienen 2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 221 Seiten
Euro 19,99
ISBN: 978-3-579-08670-5
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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