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19.06.2018

Petina Gappah - Die Farben des Nachtfalters
Helga Egetenmeier

Die fĂŒr das Berliner DAAD-KĂŒnstler*innenprogramm 2017 ausgewĂ€hlte Autorin, Journalistin und AnwĂ€ltin fĂŒr Internationales Handelsrecht Petina Gappah, verbindet in ihrem Debutroman die Erinnerungen der im Todestrakt einsitzenden Albino Memory ...



... mit der von Gewalt und Armut geprÀgten Geschichte Simbabwes.

Als weiße Schwarze ist ihre Protagonistin bereits von Geburt an Außenseiterin. WĂ€hrend ihrer Haft reflektiert sie ihre Vergangenheit, indem sie diese mit den Diskriminierungen und der Homophobie in der postkolonialen Gesellschaft verknĂŒpft.

Petina Gappah nimmt in dieser facettenreichen Biographie Thesen aus Judith Butlers "Körper von Gewicht" auf, indem sie den Lebensweg eines Menschen schildert, dessen körperliche Erscheinung nirgends dazugehört. So bildet der gesellschaftliche Kampf gegen die Bedrohung der allgemein akzeptierten materiellen Eindeutigkeit, die Stigmatisierung der Albino Memory, den Romanhintergrund. Wie maßgebend ihr Äußeres fĂŒr die Gewalt ist, mit der sie konfrontiert wird, verdeutlicht sich ihr erst GefĂ€ngnis.

Der deutsche Titel setzt mit "Die Farben des Nachtfalters" einen eigenen Schwerpunkt, der auf das naturkundliche PhĂ€nomen des Birkenspanners "Biston betularia" verweist. Memory notiert ihre Begeisterung fĂŒr dieses Tier, dessen Überleben allein durch die FĂ€higkeit der Verwandlung gesichert ist: "Ich liebte diese Geschichte, weil ich das GefĂŒhl hatte, nur ein Birkenspanner wisse, was es heißt, schwarz und weiß zu sein. Genau wie er passte ich mich meinem wechselnden Umfeld an."

"The Book of Memory", so der Originaltitel, zieht sich historisch ĂŒber die Zeit Rhodesiens unter der britischen Kolonialherrschaft , hinein in die UnabhĂ€ngigkeit unter dem Namen Simbabwe im Jahr 1980, das sich mit Robert Mugabe an der Spitze zu einer brutalen Diktatur entwickelte. Das Buch beginnt im Heute des 21. Jahrhunderts, der Gegenwart von Memory als verurteilte Mörderin. Auf ihr Leben zurĂŒckblickend, notiert sie dort ihre Biographie fĂŒr eine amerikanische Journalistin, die auf die Aufdeckung von JustizirrtĂŒmern spezialisiert ist.

Detektivarbeit an den Erinnerungen

Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wĂ€chst Memory bei ihrer Familie im Township Mufakose im Westen Harares auf. RĂŒckblickend erinnert sie sich ihrer Eltern als depressive Mutter und sorgenden Vater, sowie ihrer Geschwister, von denen zwei auf rĂ€tselhafte Weise verstarben. Vor allem aber beschĂ€ftigt sie die Frage, ob ihre Eltern sie an den britischen Professor Hendricks verkauft haben.

"Wo gibtÂŽs denn so was?" "Wo werden bei uns Kinder an wildfremde Leute verkauft?". . So weisen die sie verhörenden Beamt*innen ihre BegrĂŒndung zurĂŒck, bei einem weißen EnglĂ€nder aufgewachsen zu sein. Memory wird in einem kurzen Verfahren des Mordes an ihrem Ziehvater, der ihr eine erstklassige Bildung ermöglichte, verurteilt. Als sie im GefĂ€ngnis mit den Notizen zu ihrem Leben beginnt, bröckelt das Zutrauen an ihre Erinnerungen. Je weiter ihre Gedanken kreisen, desto mehr Interpretationen ihres Schicksals, wie auch das ihrer armen Eltern und ihres homosexuellen Mentors drĂ€ngen sich ihr auf. Gappah schickt ihre Protagonistin wie eine Detektivin auf eine mĂŒhselige und schmerzliche Suche nach ihrer tatsĂ€chlichen Vergangenheit und verbindet dabei die menschlichen Tragödien mit der Ungleichheit der ökonomischen VerhĂ€ltnisse.

Juristische Prosa

Petina Gappah legt auf die AuthentizitĂ€t ihrer Dialoge großen Wert und formuliert ihren Roman trotz aller FĂŒlle und Dichte klar, fließend und humorvoll. Damit erinnert sie, ebenfalls ursprĂŒnglich Juristin wie Juli Zeh, an deren schnörkellosen ErzĂ€hlstil in "Unterleuten". Wie bei Zeh, werden keine psychologischen Tiefen ausgelotet, vielmehr spielen die Orte des Geschehens eine zentrale Rolle. So weist sie ihrer Vielzahl von Figuren prĂ€gnante SphĂ€ren zu - Township, Herrenhaus, GefĂ€ngnis - und schafft durch diese einprĂ€gsamen Zuordnungen eine schlĂŒssige Identifikation ihrer Figuren.

Angeregt wurde Petina Gappah zu ihrem Debutroman durch eine Nachricht ĂŒber die einzige Frau, die 2007 in Simbabwe im Todestrakt saß. Auch mit ihrem in Vorbereitung befindlichen zweiten Roman bleibt sie im Spannungsfeld der kolonialen Vergangenheit des sĂŒdlichen Afrika.

AVIVA-Tipp: Eine Vielzahl an IdentitĂ€tsperspektiven, betrachtet durch die Augen einer einst in prekĂ€ren VerhĂ€ltnissen lebenden, jetzt gebildeten Protagonistin im Todestrakt, gibt bereits eine spannende Grundlage fĂŒr einen gelungenen Roman. Dem gibt Petina Gappah keine allwissende ErzĂ€hlerin zur Erlösung an die Hand. Und gerade dieses UnergrĂŒndbare um die Vergangenheit, wie auch die klare Perspektive auf die Bedeutung ökonomischer VerhĂ€ltnisse, erzeugt eine LebensnĂ€he, die diesen Roman universell werden lĂ€sst.

Zur Autorin: Petina Gappah, geboren 1971 in Sambia, aufgewachsen in Simbabwe, studierte Rechtswissenschaften in Harare an der University of Zimbabwe, an der University of Cambridge und promovierte an der UniversitĂ€t in Graz. Sie lebt in Frankreich und arbeitet als international tĂ€tige AnwĂ€ltin in Genf. FĂŒr das Jahr 2017 wurde sie als Stipendiatin in der Sparte Literatur im Berliner DAAD-KĂŒnstler*innen-Programm aufgenommen. Ihre Kurzgeschichten "An Elegy for Easterly" wurden 2009 mit dem Guardian First Book Award ausgezeichnet, 2016 erschien mit "Rotten Row" ein weiterer Band mit zwanzig Kurzgeschichten. Sie schreibt auf Englisch und ChiKaranga (Shona).
Die Autorin im Netz: www.theworldaccordingtogappah.com

Zur Übersetzerin: Patricia Klobusiczky, geboren 1968 als Kind ungarisch-französischer Eltern in Berlin, studierte LiteraturĂŒbersetzungen an der Heinrich-Heine-UniversitĂ€t in DĂŒsseldorf und arbeitete lange Jahre als Lektorin. Seit 2006 ist sie freie Übersetzerin, Moderatorin, Herausgeberin, Kritikerin und Dozentin. Sie ĂŒbersetzt aus dem Französischen und Englischen u.a. Marie Darrieussecq, StĂ©phane Hessel und Lorrie Moore und ist seit kurzem die Vorsitzende des Verbandes der LiteraturĂŒbersetzer*innen.

Petina Gappah
Die Farben des Nachtfalters

Originaltitel: The Book of Memory
Übersetzerin: Patricia Klobusiczky
Verlag Arche, erschienen 016
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3716027509
22,- Euro
www.arche-verlag.com

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Weitere Infos unter:

www.facebook.com/herzimbabwe
Online-Plattform "Her Zimbabwe" - Ihr Simbabwe. Ihre Stimme. Ihre Revolution. - gegrĂŒndet 2012 von Fungai Machirori, Natasha Msonza und Daphne Jena zur UnterstĂŒtzung der Frauen in Simbabwe.

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