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19.06.2018

Susan Hawthorne - BibliodiversitĂ€t. Manifest fĂŒr unabhĂ€ngiges Publizieren. Nachwort von Übersetzerin und Publizistin Doris Hermanns
BĂ€rbel Gerdes

Über das kranke Ökosystem des Verlagswesens und seine Rettung durch Verlagsvielfalt, Meinungs- und Pressefreiheit berichtet Susan Hawthorne, MitbegrĂŒnderin der Spinifex Press, Autorin, Doktorin in Women Studies und Politischen Wissenschaften der UniversitĂ€t Melbourne und Expertin fĂŒr unabhĂ€ngiges Publizieren, in ihrem feministischen Manifest.



Unsere BiodiversitĂ€t – die Vielfalt der Arten, die Wildheit vielfĂ€ltiger Seinsformen und LebensentwĂŒrfe, die Buntheit lokaler, regionaler und internationaler BiosphĂ€ren - ist seit langem in Gefahr. Arten sterben in nie dagewesener Zahl aus, Tiere und Pflanzen verschwinden von unserem Erdball. Was Elizabeth Kolbert im Umgang mit unserer Natur anmahnt, erkennt Susan Hawthorne auch in unserem Verlagswesen.

Die australische Dichterin und Herausgeberin setzt sich in dem schmalen Band ĂŒber die VerĂ€nderungen und weitreichenden UmbrĂŒche bei der Buchherstellung und im Buchvertrieb auseinander. Globale Verlagskonzerne ĂŒberschwemmen den Markt mit einer "MassenmarktbĂŒcherware", die ihren Weg in SupermĂ€rkten und in BuchlĂ€den findet, die eben diesen Großkonzernen gehören. "Buchverkauf in den HĂ€nden von Großunternehmen bedeutet, dass alle Buchhandlungen den gleichen Bestand in LĂ€den verkaufen, die alle gleich aussehen." Dadurch entstĂŒnden "Monokulturen des Geistes".

Dabei beleuchtet die Autorin diesen Aspekt und das damit einhergehende Sterben alternativer, kleiner und unabhĂ€ngiger Verlage und Buchhandlungen aus unterschiedlichen Perspektiven. So stellt sie dar, wie die feministische Buchszene nach und nach von der BildflĂ€che verschwand. In einem Exkurs ĂŒber die Geschichte feministischer Verlage und Buchhandlungen fĂŒhrt sie aus, wie wichtig diese Entwicklung war und wie rasch feministische BĂŒcher und LĂ€den von Großverlagen vereinnahmt wurden. Diese Verlage begannen selbst "Frauenreihen" zu kreieren, wĂ€hrend die Mainstream-Buchhandlungen "Frauenecken" einrichteten, in denen diese Literatur verkauft wurde. Die feministische Aussagekraft dieser Publikationen wurde immer geringer. Literatur aus kleineren Frauenverlagen wurde nicht oder nur in geringem Ausmaß in das Sortiment ĂŒbernommen, was zum Sterben der Kleinverlage fĂŒhrte und schließlich auch zum Sterben der FrauenbuchlĂ€den – so Hawthorne.
Aber war es so? Im Grunde geschah genau das, was dem Paria, so wie Hannah Arendt ihn beschreibt, immer passiert: seine Forderung zur Gesellschaft dazuzugehören, wird irgendwann Wirklichkeit, der Paria wird in verwÀsserter Form integriert und löst sich auf.
Zu fragen wĂ€re auch, weshalb die Frauen, die in den FrauenbuchlĂ€den kauften, plötzlich grĂ¶ĂŸere Ketten bevorzugten und ob nicht das Auflösen der FrauenbuchlĂ€den eher Ausdruck eines politischen Abflauens der Bewegung war und auch hier alles aufging im neuen Gender- und Queer-Einheitsbrei.

"Vereinnahmung ist zentral in der Herangehensweise des Kapitalismus", schreibt Hawthorne. Eine Idee wird aufgegriffen, verwandelt und der Ursprung dieser Idee bleibt unbenannt. Unter diesen Bedingungen und unter den Bedingungen der Machtkonzentration – die Autorin nennt beispielhaft Rupert Murdoch in Großbritannien und den USA und Silvio Berlusconi in Italien – werden die Überlebenschancen fĂŒr unabhĂ€ngige Verlage, die Wert legen auf inhaltliche Tiefe, globale Sprach- und KultĂŒrlichkeit sowie Meinungsvielfalt, immer schwieriger. Sie kĂ€mpfen ums Überleben bei der Produktion, aber auch beim Verkauf ihrer Werke, die nur schwer ihren Weg in die BĂŒcherregale der Mainstream-LĂ€den finden.
Ihnen sollte mit einer Ökologie des Verlegens begegnet werden, wie enge ZusammenschlĂŒsse und Kooperationen von alternativen Verlagen und Buchhandlungen. Ein Beispiel dafĂŒr ist die International Alliance of Independent Publishers.

In einem kenntnisreichen Nachwort stellt die Übersetzerin und Publizistin Doris Hermanns die Situation in der deutschen Verlagslandschaft dar. So verlegt seit Herbst 2016 der Penguin Verlag nun auch selbst deutsche BĂŒcher. FinanzkrĂ€ftig wie dieser Verlag ist, startet er mit einer 140 Seiten dicken Verlagsvorschau.
Das Self-Publishing, also das Publizieren unter Umgehung eines Verlages, wird in den kommenden Jahren ein großes Thema sein. Oft werden die Titel, die so erscheinen, von Großverlagen ĂŒbernommen, wenn sie erfolgreich sind.
In Deutschland gibt es glĂŒcklicherweise immer noch eine Vielzahl unabhĂ€ngiger Verlage mit unterschiedlichen Schwerpunkten: tĂŒrkische Literatur in deutscher Sprache, jĂŒdische Kultur und Zeitgeschichte, lesbische Literatur gehören zum Beispiel dazu. Es gibt eine Hotlist unabhĂ€ngiger Verlage und es gibt deren Zusammenschluss in der Kurt Wolff Stiftung, die sich fĂŒr eine vielfĂ€ltige Verlags- und Literaturszene einsetzt.

An zwei Stellen fragt Hawthorne, ob es die E-Books sein werden, die das ökologische Verlegen zerstören. E-Books wĂŒrden zu Schleuderpreisen verramscht werden, schreibt sie.
Hier wĂ€re es schön gewesen, im Nachwort eine ErwĂ€hnung der so sehr, sehr wichtigen Buchpreisbindung zu finden, die seit September 2016 auch fĂŒr E-Books gilt und eben diesen Ausverkauf verhindert.

AVIVA-Tipp: Susan Hawthornes Manifest geht weit ĂŒber die bloße Betrachtung des Buchmarktes hinaus. Sie zeigt deutlich, wie wichtig kulturelle Vielfalt ist und wie stark sie im patriarchalen Kapitalismus behindert wird.

Zur Autorin: Susan Hawthorne, 1951 in Australien geboren. Sie hat eine Doktorin in Women Studies und Politischen Wissenschaften der UniversitĂ€t Melbourne und ist Expertin fĂŒr unabhĂ€ngiges Publizieren. Zudem ist die Dichterin, Autorin von SachbĂŒchern sowie Herausgeberin verschiedener Anthologien. Gemeinsam mit Renate Klein grĂŒndete sie den unabhĂ€ngigen feministischen Verlag Spinifex Press.
Mehr Infos unter: www.spinifexpress.com.au

Zur Übersetzerin: Doris Hermanns, geboren 1961 in Bardenberg bei Aachen, lebt nach 25 Jahren als Antiquarin in den Niederlanden seit 2015 in Berlin. Sie ist als freie Journalistin tĂ€tig, in der Redaktion der AVIVA-Berlin, der Virginia Frauenbuchkritik und veröffentlichte u.a. zahlreiche PortrĂ€ts von Frauen auf FemBio. Aktiv bei den BĂŒcherFrauen, dem Netzwerk von Frauen in der Buchbranche, dort seit 2016 eine der beiden Berliner StĂ€dtesprecherinnen.
Im AvivA-Verlag erschien 2012 ihre Biographie "Meerkatzen, Meißel und das MĂ€dchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe".
2014 gab sie den von ihr ĂŒbersetzten Roman "Sixty to Go. Roman vom Widerstand an der Riviera" von Ruth Landshoff-Yorck (AvivA-Verlag) heraus, sowie 2016 die Anthologie "WĂ€r mein Klavier doch ein Pferd. ErzĂ€hlungen aus den Niederlanden" und Christa Winsloe: "Auto-Biographie und andere Feuilletons" (AvivA-Verlag).

Susan Hawthorne
BibliodiversitĂ€t. Manifest fĂŒr unabhĂ€ngiges Publizieren.

Aus dem australischen Englisch und mit einem Nachwort von Doris Hermanns
Verbrecher Verlag, erschienen 2017
Gebunden, 173 Seiten
ISBN 978-3-95732-238-8
15.00 Euro
www.verbrecherverlag.de