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21.06.2018

Adriana Altaras - Das Meer und ich waren im besten Alter
Sharon Adler

Sie ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Nach den SPIEGEL-Bestsellern "Titos Brille. Die Geschichte meiner strapazi√∂sen Familie" und "Doitscha. Eine j√ľdische Mutter packt aus" erschien nun ihr neues Buch, das den vielsagenden Untertitel "Geschichten aus meinem Alltag" tr√§gt. Liebenswert, urkomisch, klug und gewohnt bissig.



Aufmucken ist angesagt. Das macht Frau Altaras wahrscheinlich schon, seit ihr die erste Windel gewechselt wurde, damals in Zagreb, wo sie geboren wurde, oder später in Italien und Deutschland, wo sie aufwuchs.

Wie schon in ihren vorherigen hochgelobten und hei√ügeliebten B√ľchern l√§sst die Allrounderin Altaras auch diesmal als Autorin nichts aus. Kein Thema zu banal, als dass sie ihm nicht die n√∂tige W√ľrze und Tiefe verleihen w√ľrde: Ob Interna aus ihrem pers√∂nlichsten Allerinnersten (Familie!) oder ihrem Theateralltag (Kolleginnen und Kollegen!)... Altaras sieht und kann alles. Schreiben, Beschreiben, Spielen, Inszenieren. Von der √úberdosis feinem Humor bis zur sarkastischen Gesellschaftskritik, √ľber brillante Alltagsbeobachtungen bis zu intelligenten Inszenierungen an Schauspiel- und Opernh√§usern ‚Äď das Private ist bei ihr mehr als politisch, es ist ganz gro√üe Weltpolitik.

Weltpolitik, die Adriana Altaras von ihrer Wahlheimat Berlin aus nicht nur beobachtet, sondern auch selbst betreibt. Berlin, f√ľr Altaras die ganz gro√üe Hassliebe ("Berlin, meine gro√üe h√§ssliche Geliebte), steht dabei immer als Kulisse ihrer Essays. Wie schon in ihren vorherigen B√ľchern steht auch diesmal ihre (strapazi√∂se) Familie im Fokus. Vielmehr, ihr Leben mit ihrer strapazi√∂sen Familie. Oder: Das Leben ihrer Familie mit ihr, der strapazi√∂sen j√ľdischen Mutter? Das allein klingt schon strapazi√∂s. Und ja, auch die Stories in "Das Meer und ich waren im besten Alter" sind strapazi√∂s, schon allein durch ihre Atemlosigkeit, mit der sie erz√§hlt werden. Aber auch √§u√üerst unterhaltsam. In jeder Zeile schwingt die Liebe mit, die alle Familienmitglieder trotz aller charakterlichen Unterschiede f√ľreinander hegen.

Adriana Altaras schafft wieder einmal m√ľhelos den geschmeidigen √úbergang von Betrachtungen √ľber den Umgang mit eigenen Marotten und der ihrer Umgebung hin zu den existenziellen Fragen: Nachhilfestunden in t√ľrkischer Geschichte beim Fischh√§ndler ihres Vertrauens √ľber die Kultur des Fahrradfahrens in Berlin ("Deutschland f√§hrt Rad") zur gro√üen Frage nach der Urlaubsplanung und den Attentaten in Nizza, "Bei dem Wort Nizza denkt niemand mehr an Ferraris oder Brigitte Bardots K√∂rbchengr√∂√üe."

Mit Herz und Chuzpe

Altaras¬ī messerscharfe Beobachtungen kreisen nicht nur um ihre eigene private Welt, etwa wenn sie vom √Ąlterwerden und dem Umgang mit Erinnerung schreibt. Sie nimmt Zuschreibungen und Klischeebilder zu j√ľdischem Humor ebenso auseinander wie eine Ehekrise, die am heimatlichen B√ľcherregal ausgetragen wird.

Vor allem aber, und das ist wichtig, l√§sst Adriana Altaras sich nichts gefallen, eckt an, und es ist ihr egal, ob sie sich damit unbeliebt macht. F√ľr die anderen jedoch, die Rezensentin eingeschlossen, steigt sie in deren Hochachtung, wenn sie √ľber den Begriff "Grenzgebiet zwischen Libanon und Pal√§stina" mit einem Veranstalter in Streit dar√ľber ger√§t, weil damit die Existenz Israels verneint wird.

AVIVA-Tipp: Altaras hat nicht umsonst den braunen G√ľrtel in Karate. Ob asiatische Kampfkunst oder das k√§mpferische Spiel mit W√∂rtern ‚Äď sie beherrscht beides. Wenn sie etwa Recep Tayyip Erdogan mit Adolf Hitler vergleicht (w√§hrend ihr langj√§hriger t√ľrkischer, kommunistischer Fischh√§ndler die Sardinen in Maismehl w√§lzt und in die BZ einschl√§gt), sinniert, ob der eine bei dem andern etwa in die Lehre gegangen sei, ist das so erfrischend mutig, dass die Leserin sich w√ľnscht, Altaras m√∂ge doch nun endlich auch ganz offiziell und gew√§hlt in die Politik einsteigen. "Das Meer und ich waren im besten Alter" lautet der Untertitel des neuen Buches von Adriana Altaras ‚Äď wie gut, dass beides kein Verfallsdatum hat.

Zur Autorin: Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren, lebte ab 1964 in Italien, sp√§ter in Deutschland. Sie studierte Schauspiel in Berlin und New York, spielte in Film- und Fernsehproduktionen und inszeniert seit den Neunzigerjahren an Schauspiel- und Opernh√§usern. Sie ist Mitbegr√ľnderin des Off-Theaters "Zum Westlichen Stadthirschen", war Mitarbeiterin bei Steven Spielbergs Shoah Foundation und √ľbernahm 2002 die K√ľnstlerische Leitung der J√ľdischen Kulturtage in Berlin. In der Arena-Berlin inszenierte sie im Jahr 2003 die "Vagina-Monologe", im Maxim Gorki "Damen der Gesellschaft". Adriana Altaras erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Bundesfilmpreis, Theaterpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, Silberner B√§r f√ľr schauspielerische Leistungen. 2011 erschien ihr hochgelobtes Buch "Titos Brille", das zum Bestseller wurde. 2014 folgte "Doitscha", das ebenfalls von Presse und LeserInnenschaft gefeiert wurde. Adriana Altaras hat den braunen G√ľrtel in Karate und lebt mit ihrer Familie in Berlin. (Verlagsinformationen)

Adriana Altaras im Netz: altaras.eu

Adriana Altaras
Das Meer und ich waren im besten Alter
Geschichten aus meinem Alltag

KiWi-Taschenbuch, erschienen am 09.03.2017
ISBN: 978-3-462-04958-9
224 Seiten, Broschur
8,99 Euro
www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Adriana Altaras - Doitscha. Eine j√ľdische Mutter packt aus
Ihrer Herkunftsfamilie hatte die Berliner Autorin Adriana Altaras ihren ersten Roman, "Titos Brille", gewidmet. Einige der skurrilen Charaktere daraus tauchen auch in ihrem neuen Buch wieder auf. (2015)

Titos Brille. Ein Film von Regina Schilling nach dem Buch von Adriana Altaras
Was f√ľr eine Familiengeschichte. Es braucht schon eine ordentliche Portion Selbstvertrauen, um sich von diesen Eltern nicht einsch√ľchtern zu lassen. Zum Gl√ľck hat Adriana Altaras aber den Mut ihrer Mutter und ihres Vaters geerbt und aus deren Lebensgeschichte ein Buch gemacht ‚Äď das jetzt zu einem Film geworden ist. (2014)

Adriana Altaras - Titos Brille. Der Roman und das Hörbuch, gelesen von der Autorin
Die Geschichte ihrer "strapazi√∂sen Familie" will die Schauspielerin und Regisseurin in ihrem ersten Roman erz√§hlen. Strapaziert werden zum Gl√ľck nur die Nerven der Autorin, der unbeteiligten Leserin erscheinen die Erlebnisse der Autorin mindestens so am√ľsant wie irrwitzig. (2011)

"Ausgelesen"-Interview mit Adriana Altaras, März 2003

Interview mit Adriana Altaras, Dezember 2003 anlässlich ihrer Intendanz der "Vagina-Monologe"