Katharina Sieverding mit zwei Ausstellungen: 11. M├Ąrz bis 16. Juli 2017, Bundeskunsthalle Bonn, und 12. Juli bis 27. August 2017 Akademie der K├╝nste Berlin mit Verleihung des K├Ąthe-Kollwitz-Preises - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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25.06.2018

Katharina Sieverding - Kunst und Kapital
Lisa Baurmann, Sharon Adler

Retrospektive und Ausstellungen (Bundeskunsthalle Bonn, Akademie der K├╝nste Berlin mit Verleihung des K├Ąthe-Kollwitz-Preises) sowie der begleitende Bildband "Katharina Sieverding ÔÇô Kunst und Kapital" zeigten Arbeiten der K├╝nstlerin vom Anfang ihres Schaffens in den 1960er Jahren bis heute und verdeutlichen deren k├╝nstlerische wie gesellschaftliche Relevanz. Die ehemalige Beuys-Sch├╝lerin und Pionierin der Fotografiekunst lehrte von...



...1992 bis 2007 an der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin, ihre Werke wurden international ausgestellt.

Seit nunmehr 50 Jahren ist sie ma├čgeblich daran beteiligt, die Grenzen des Mediums Fotografie immer wieder neu zu verschieben. Das betrifft zum einen die Gestaltungsm├Âglichkeiten, die sie erforscht und aussch├Âpft: Gro├čformataufnahmen, ├╝berlebensgro├če Prints und Projektionen, eine Vielzahl an Verfremdungen durch Schichtungen, Mehrfachbelichtungen, ├ťberblendungen und Solarisation, Collagen und Montagen mit Zeitungsschlagzeilen, bis hin zum Experiment mit radioaktiver Strahlung als Belichtungsquelle. Zum andern betrifft das ihre Objekte, die so verfremdet nicht mehr nur abgebildet, sondern kontextualisiert und mit neuer Bedeutung versehen werden.

Frei von Vorlagen

Als Pionierin musste sie sich auch als eine der ersten Frauen in den 1960er und 70er Jahren in der m├Ąnnerdominierten bundesrepublikanischen Kunstszene durchsetzen. Dabei hat sie sich stets F├Ârderern und Autorit├Ąten entzogen. Ihr Vater wollte, dass sie ein Medizinstudium aufnimmt. Das tat sie auch zun├Ąchst, aber schrieb sich bald schon an der Hamburger Hochschule f├╝r Bildende K├╝nste ein. Dann wechselte sie an die Kunstakademie D├╝sseldorf und ging in die dortige Beuys-Klasse. Joseph Beuys war f├╝r sie kein Vorbild, dem es nachzueifern galt, sondern er regte sie mit seinem Erweiterten Kunstbegriff zu eigenem, unabh├Ąngigem Schaffen an. Von nun an arbeitete sie "frei von Vorlagen, die es nur zu interpretieren galt", wie sie 1996 gegen├╝ber dem Spiegel in einem Interview sagte.

Selbstportrait im Kontext feministischer Kunst

Sieverding lie├č sich ebensowenig von politischen Vorstellungen vereinnahmen wie von Vorbildern. Das hei├čt nicht, dass ihr Werk abstrakt und unpolitisch ist ÔÇô im Gegenteil. Ihre zahlreichen Selbstportraitserien stehen im Kontext feministischer Kunst, die seit den 1960er Jahren die bildliche Auseinandersetzung mit dem ÔÇô weiblichen ÔÇô Selbst zum politischen Akt macht. Sie stellen Fragen nach Identit├Ąt und Rollenbildern, wie etwa die Serie "Transformer" von 1972, in der Portraits von Sieverding und ihrem Lebens- und Arbeitspartner Klaus Mettig durch ├ťberlagerung zu einem androgynen Gesicht verschmelzen.

Im Interview mit Deutschlandradio Kultur vom 10. M├Ąrz 2017 thematisiert sie ihren Anspruch als K├╝nstlerin mit Blick auf die Rolle und den Status von Frauen in der Kunst:
"Das war ja auch ganz stark in der Zeit: Die Genderfrage oder all diese diskriminierenden Momente, wenn man denn als Frau ein Portr├Ąt oder ein Bild schafft. An dieser Ausstellung hier sieht man, dass eigentlich die Portr├Ąts, das war der Beginn, dass die nat├╝rlich eine wichtige Rolle spielen, aber in Bezug auf die Inhalte, die ich dann nat├╝rlich als Statement konstruiert habe."

Kunst versus Politik

Eine Vielzahl ihrer Fotografien k├Ânnen auch als Kommentar auf das Zeitgeschehen verstanden werden. Dieser spielt mit vielschichtigen Bedeutungsebenen und ordnet sich dabei keiner der m├Âglichen Interpretationen eindeutig zu. So etwa ihr Portrait als Schaustellerin aus dem Jahre 1974, das ihr verschleiertes, von Messern umringtes Gesicht zeigt. 1992, nach der Wiedervereinigung und den rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock und Hoyerswerda, betitelte sie das Werk in gro├čen Lettern mit "Deutschland wird deutscher". Plakatiert wurde es auf gro├čformatigen Fl├Ąchen im ├Âffentlichen Raum.

Die Vielschichtigkeit im Werk von Katharina Sieverding st├Â├čt dabei mitunter auf Unverst├Ąndnis. Manche Kritiker_innen k├Ânnen ÔÇô oder wollen ÔÇô keinen Zusammenhang zwischen Bild- und Textebene erkennen, verstehen die Selbstportraits als blo├čen Narzissmus, die politische Komponente als nachtr├Ąglich hinzugedichtet. So vermisst der Journalist J├╝rgen Hohmeyer in seinem Artikel "Die geh├Ąutete Sphinx" im Spiegel anl├Ąsslich Sieverdings Beitrag zum deutschen Biennale-Pavillon in Venedig 1997 "Schl├╝ssige Verbindungen" in ihren Werken mit politischen Bez├╝gen und h├Ąlt diese f├╝r "expressiv und leidlich plausibel". Dass es sich bei Sieverdings Arbeiten um Kunst und nicht etwa um Argumente handelt, die am Ma├čstab der Schl├╝ssigkeit gemessen werden k├Ânnten, ├╝bersieht diese Kritik freilich.

K├╝nstlerische und pers├Ânliche Auseinandersetzung mit dem NS

Im Verlauf ihrer k├╝nstlerischen Karriere hat sich Katharina Sieverding auch immer wieder intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt:

"Die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, mit Fragen der Gerechtigkeit war schon immer ein Kennzeichen meiner Arbeit. Ich habe auf die Enge, die Gewalt und die Gr├Ąuel des Nationalsozialismus bereits 1969 mit dem ┬┤Stauffenberg-Block┬┤ geantwortet."

Ihre Serie "Stauffenberg-Block I-XVI, 1969/96" zeigt nicht etwa das Gesicht des Widerstandsk├Ąmpfers von Stauffenberg, sondern das der K├╝nstlerin selbst: "(ÔÇŽ) weil ich darin etwas erkannt hatte, was mit meiner Elterngeneration zu tun hat, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen musste.", wie sie gegen├╝ber der Fotografin Herlinde Koelbl im Interview im Zeit Magazin 2016 erkl├Ąrt.
Als Basis dienten ihr Bilder aus dem Passfotoautomaten, die Sieverding in der Dunkelkammer erneut belichtet und verschiedenen Verfremdungsverfahren unterzogen hat. Das Ergebnis ist eine Reihe 16 monumentaler Selbstportraits in intensivem Rot und Schwarz.

Eines ihrer bekanntesten Werke ist "Kontinentalkern VI", ein seit 1992 im Reichstagsgeb├Ąude ausgestelltes Fotogem├Ąlde, in dessen Zentrum R├Ântgenaufnahmen einer menschlichen Wirbels├Ąule stehen, umgeben von einem Krebsgeschw├╝r der Bauchspeicheldr├╝se. Im Hintergrund lodert das Feuer einer Sonneneruption, die Assoziationen mit dem Reichstagsbrand weckt.
"Kontinentalkern VI" erinnert an die 96 Abgeordneten, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden und an die, die sich dem Terror der Nationalsozialisten nicht gebeugt haben und Widerstand leisteten.

"Ich bin ja w├Ąhrend des Zweiten Weltkrieges geboren, und da war es sehr naheliegend, sich mit Antifaschismus zu befassen und der Frage, wer damals Widerstand geleistet hat."

Ob ihre eigenen Eltern Widerstand geleistet haben oder zu den T├Ąter_innen z├Ąhlten, ist nicht bekannt. Katharina Sieverding selbst hat sich dazu bisher ├Âffentlich nicht ge├Ąu├čert.
Gestolpert ist die AVIVA-Redaktion jedoch zun├Ąchst ├╝ber die biographischen Eckdaten, dann ├╝ber die wenigen biographischen Details, die ├╝ber ihr Leben vor Studium und Karriere bekannt sind. Bekannt ist, dass sie 1944 als zweite Tochter einer Goldschmiedin und eines deutschen R├Ântgenarztes geboren wurde ÔÇô im von den Nazis besetzten Prag. Zu ihren ersten Lebensjahren wird ÔÇô ohne weitere Erl├Ąuterung ÔÇô angegeben, dass "ihre Kindheitserinnerungen in tschechische Internierungslager zur├╝ckreichen" (so J├╝rgen Hohmeyer im bereits zitierten Spiegel-Artikel).

Nicht wenige Radiologen haben sich im Nationalsozialismus nachweislich aktiv an Verbrechen beteiligt, unter anderem an der Zwangssterilisation von Menschen durch R├Ântgen- oder Radiumstrahlung. Die Deutsche R├Ântgengesellschaft und die Deutsche Gesellschaft f├╝r Radioonkologie haben die Geschichte der Radiologie in der Zeit des Nationalsozialismus in der Ausstellung "Radiologie im Nationalsozialismus" aufgearbeitet.

R├╝ckbezug auf die eigene Vergangenheit

Einen R├╝ckbezug auf die deutsche Besatzung Tschechiens und damit auf ihre ganz pers├Ânliche Biographie nimmt Sieverding mit ihrer Mitwirkung am Projekt "Pro Lidice". Das tschechische Dorf Lidice wurde 1942, in Reaktion auf das Attentat auf den SS-Obergruppenf├╝hrer Reinhard Heydrich (der "Henker von Prag"), von den Deutschen, unter Mithilfe tschechischer Kollaborateure, vollkommen zerst├Ârt, seine Bewohner_innen erschossen oder deportiert. In Anlehnung an eine ├Ąhnliche Aktion von K├╝nstler_innen aus der Gruppe um Joseph Beuys und Gerhard Richter im Jahr 1967 stifteten 1997 deutsche K├╝nstler_innen ihre Werke f├╝r eine Ausstellung in Prag unter dem Motto "Pro Lidice" zum Zweck des Erhalts des Museums im wiederaufgebauten Lidice. An letzterer Aktion beteiligte sich auch Sieverding. Die Ausstellung zog von Prag weiter nach Kiel und war danach noch bis 1999 im Fridericianum Kassel zu sehen.

Kunst und Kapital ÔÇô der Bildband zur Ausstellung

Der Bildband zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn erm├Âglicht die Auseinandersetzung mit Sieverdings Werken auch ├╝ber die Ausstellung hinaus. Er ist die erste deutschsprachige Publikation, die, unter Mitwirkung der K├╝nstlerin selbst, einen umfassenden ├ťberblick zu ihrem Lebenswerk bietet. Er ist dabei sicher nicht so vollst├Ąndig wie der (englischsprachige) Begleitband zur Ausstellung "Close Up" in New York und Berlin 2004-2005, verschafft aber einen ausgiebigen ├ťberblick mit Ausz├╝gen aus 42 Serien in 300 Abbildungen. Die Fotografien werden dabei durch Installationsansichten aus fr├╝heren Ausstellungen und Projekten im ├Âffentlichen Raum erg├Ąnzt, die die Werke in einen ├Ąsthetischen wie gesellschaftlichen Kontext r├╝cken. Dar├╝ber hinaus enth├Ąlt der Band auch die neuesten Arbeiten Sieverdings, darunter die beeindruckenden Projektionen der Sonne aus NASA-Daten und -Aufnahmen, "Die Sonne um Mitternacht schauen ÔÇô (Red)" und "Die Sonne um Mitternacht schauen ÔÇô (Blue)", die von 2010 bis 2015 entstanden sind.

Gleich zwei Ausstellungen boten 2017 die M├Âglichkeit, sich selbst ein Bild von der politischen Relevanz des Werks der K├╝nstlerin zu machen.

Bonn

Katharina Sieverding in der Bundeskunsthalle Bonn vom 11. M├Ąrz bis 16. Juli 2017 in einer umfangreichen Retrospektive, kuratiert von Susanne Kleine.
Mehr Informationen unter www.bundeskunsthalle.de

Berlin

Das Berliner Publikum kam vom 12. Juli bis 27. August 2017 in den Genuss einer Einzelausstellung mit ausgew├Ąhlten Werken Katharina Sieverdings, die die Akademie der K├╝nste Berlin anl├Ąsslich der Verleihung des K├Ąthe-Kollwitz-Preises an die K├╝nstlerin zeigte. Die Preisverleihung fand gleichzeitig mit der Ausstellungser├Âffnung am 11. Juli um 19 Uhr bei freiem Eintritt im Akademiegeb├Ąude im Hanseatenweg 10 statt. Mehr Informationen zur Preisverleihung sind auf der Webseite der AdK zu finden.

AVIVA-Tipp: Katharina Sieverding geh├Ârt zu den bedeutendsten zeitgen├Âssischen K├╝nstlerinnen in Deutschland. Der Bildband, der die Retrospektive in Bonn begleitet, sei allen empfohlen, die sich nicht nur einen ├ťberblick ├╝ber ihr Lebenswerk, sondern auch einen Einblick in deren k├╝nstlerische Auseinandersetzung mit Identit├Ąt im Kontext von Politik und Gesellschaft gewinnen wollen.

Zur K├╝nstlerin: Katharina Sieverding ist 1944 im von den Deutschen besetzten Prag geboren, ihre Kindheit verbrachte sie in tschechischen "Internierungslagern". Von 1963 bis 1964 studierte sie an der Hochschule f├╝r Bildende K├╝nste in Hamburg, wechselte dann an die Kunstakademie D├╝sseldorf. Zun├Ąchst studierte sie B├╝hnenbild bei Teo Otto und arbeitete mit Regisseuren und Operndirigenten wie Fritz Kortner und Herbert von Karajan. Von 1967 bis 1972 studierte sie bei Joseph Beuys, bis 1974 Film bei Ole John Povlsen. W├Ąhrend ihrer Zeit an der Kunstakademie begann sie mit den ersten Fotoserien. Von 1976 bis 1977 studierte sie Kunst und Sozialwissenschaften in New York. Sie lehrte in den USA, Kanada und in Hamburg, bevor sie von 1992 bis 2010 die Professur f├╝r Visual Culture Studies an der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin ├╝bernahm. Katharina Sieverding kann auf zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland und international zur├╝ckblicken. Bereits dreimal, 1972, 1977 und 1982 nahm sie mit Film- und Fotoarbeiten an der documenta in Kassel teil. 1997 war sie mit der Serie "Steigbilder I-IX" im Pavillon der Bundesrepublik Deutschland auf der Biennale 1997 in Venedig vertreten. Zu ihren gr├Â├čten Auszeichnungen geh├Âren der Deutsche Kritikerpreis 1994, der Lovis-Corinth-Preis 1996, der 2004 verliehene Kaiserring der Stadt Goslar und der diesj├Ąhrige K├Ąthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der K├╝nste.
Mehrfach hat die K├╝nstlerin bereits Exemplare ihrer Arbeiten f├╝r wohlt├Ątige Zwecke gestiftet, darunter f├╝r die Welthungerhilfe, die Obdachlosenhilfe Fiftyfifty und die Fl├╝chtlingsinitiative Stay.
Katharina Sieverding lebt und arbeitet in D├╝sseldorf und Berlin.

Katharina Sieverding
Kunst und Kapital

Texte von Thomas Ebers, Hans-J├╝rgen Hafner, Susanne Kleine, Gerald Schr├Âder, Rein Wolfs
Hrsg. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Hirmer Verlag, erschienen: M├Ąrz 2017
Gebunden, 256 Seiten, 300 Abbildungen
ISBN: 978-3-7774-2837-6
45,00 Euro
www.hirmerverlag.de

Mehr Infos zu Katharina Sieverding:

kuenstlerdatenbank.ifa.de

"Vieldeutige Bildmontagen aus 50 Jahren" ÔÇô Interview mit Katharina Sieverding (Deutschlandradio Kultur, 10.03.2017): www.deutschlandradiokultur.de

Interview mit Herlinde Koelbl (Zeit Magazin, 2016): www.zeit.de

Interview mit Maria Anna Tappeiner (KUNSTFORUM, 2015): www.kunstforum.de

Der "Stauffenberg-Block" von Katharina Sieverding in einem Beitrag des WDR (2014): www.ardmediathek.de

"Kontinentalkerin VI" von Katharina Sieverding im Deutschen Bundestag in einem Beitrag von Berlin-WoMan (2011): www.berlin-woman.de

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Quellen: Hirmer Verlag, Deutschlandradio Kultur, AVIVA-Berlin, KUNSTFORUM (Band 236, 2015, Titel: Wendezeiten ÔÇô Deutschland in der Kunst, S. 74), Spiegel, Deutsches ├ärzteblatt