Juliana K√°lnay - Eine kurze Chronik des allm√§hlichen Verschwindens - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Romane + Belletristik
19.06.2018

Juliana Kálnay - Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
Bärbel Gerdes

Der gro√üartige Debutroman der 1988 in Hamburg geborenen und in K√∂ln und M√°laga aufgewachsenen Autorin erm√∂glicht der Leserin den Umzug in ein fantastisches Haus. Es gibt sie noch! Diese wunderbaren B√ľcher, die uns einfach gl√ľcklich machen, in denen wir f√ľr eine Weile leben k√∂nnen und die unsere Seele ber√ľhren. Und tats√§chlich leben wir in diesem Roman, in dieser‚Ķ



‚ĶChronik des allm√§hlichen Verschwindens f√ľr eine Weile mit vielen Mitbewohnerinnen und -bewohnern in einem Haus zusammen. Wir ziehen ein in das Haus Nummer 29 und lernen nach und nach alle kennen ‚Äď oder das, was √ľber diejenigen erz√§hlt wird, die schon nicht mehr da sind.

Maia zum Beispiel ist schon verschwunden. Schon seit einiger Zeit hatte sie damit begonnen, L√∂cher zu buddeln und sich in ihnen zu verstecken. Ihre Mahlzeiten, vorzugsweise melierter Marmorkuchen, wurde ihr nur noch zerbr√∂selt auf einem Teller serviert, so dass Kr√ľmelberge entstanden, die sie mit ihren Maulwurfh√§nden in sich hinein schaufeln konnte. Doch nun ist sie fort.

Dass Tom wirklich im Aufzug wohnt, wurde allen erst bewusst, nachdem er dort einen Sessel und einen Gummibaum hineintrug. "Anfangs wunderten sich die wenigen Aufzugsbenutzer nur, dass sie dort immer dem gleichen schnauzb√§rtigen Mann begegneten, der stets freundlich gr√ľ√üte."

Als Linas Mann sich allmählich in einen Baum verwandelte, in dessen Achselhöhlen Rotkehlchen nisteten, stellte sie ihn auf den Balkon und liebte ihn weiter, leidenschaftlich und melancholisch.
Im Treppenhaus begegnet uns der Flurfunk, all die Ger√ľchte, all die Mutma√üungen, die wir √ľber diejenigen anstellen, mit denen wir in einem Haus wohnen, die wir oft aber kaum kennen. Auch die Ger√ľche atmen wir ein: Marmelade, Mottenkugeln und die seltsamen Samstagsger√ľche, wenn die Kinder im Kellergang mit einer alten Bratpfanne kokeln.

Klingt das schr√§g? Nein, das ist es nicht! Juliana K√°lnay, 1988 in Hamburg geboren, versteht die sehr hohe Kunst, uns alles glaubhaft zu machen. Wir nehmen ihr alles ab: Kasi im Bidet und die Mieter_innen im Souterrain, die im Dunkeln zu leben lernen wollen, die Treppenhauskinder und die alte Rita, die alles beobachtet. Umso erstaunlicher ist es, dass dies ein Deb√ľtroman ist.

Eine √ľberbordende Phantasie, aufgeteilt in kleine Abschnitte, die manchmal kaum die H√§lfte einer Seite bilden, beschenkt uns mit pr√§zisen Skizzen und Charakterschilderungen. Wir kommen aus dem Staunen kaum heraus.
Sprachlich auf sehr hohem Niveau versteht es die Autorin, die F√§den zusammenzuhalten. Nichts wird vergessen: wenn es irgendwo komisch rumpelt, bricht sp√§ter sicherlich etwas zusammen. Alles l√∂st sich auf ‚Äď in jeglichem Sinn.

Im WDR-Interview äußert sich Kálnay dazu: "Der Roman arbeitet sehr viel mit Leerstellen. Es sind Fährten gelegt, die beim Leser bestimmte Assoziationen auslösen können, die auch so intendiert sind, die aber so nie explizit drinstehen. Und dann gibt es wieder Fährten, die vielleicht Assoziationen in eine andere Richtung lenken, und am Ende liest dann jeder vielleicht ein anderes Buch, weil vieles, was da an Fährten gelegt wird, gar nicht wirklich aufgelöst wird."

Poetisch, zutiefst menschlich, be- und verzaubernd ist K√°lnays witziger Roman.

Eingekleidet hat der Wagenbach-Verlag den sch√∂nen Text in ein baumgr√ľnes Gewand mit lindgr√ľnem Vorsatz und mit hinreichend Platz, damit alles atmen kann.
Der Guardian berichtete am 27.4.17 dar√ľber, dass der Kauf von E-Books r√ľckl√§ufig und ein neuer Trend zu erkennen sei: der Trend zum sch√∂nen Buch. "Books have become celebrated again as objects of beauty", hei√üt es dort ‚Äď die Chance f√ľr kleinere Verlage und Bibliodiversi√§t.

Der wunderbare Roman von Juliana K√°lnay kommt da gerade zur rechten Zeit.

AVIVA-Tipp: Lesen, lesen, lesen! Ein wirkliches Leseabenteuer mit viel Klugheit und Witz geschrieben.

Zur Autorin: Juliana K√°lnay 1988 in Hamburg geboren, wuchs in K√∂ln und M√°laga auf. Sie ver√∂ffentlichte in deutsch- und spanischsprachigen Anthologien und Zeitschriften und erhielt das Arbeitsstipendium Literatur der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein 2016. Sie lebt und schreibt in Kiel. ¬ĽEine kurze Chronik des allm√§hlichen Verschwindens¬ę ist ihr erster Roman.

Juliana K√°lnay
Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Verlag Klaus Wagenbach, erschienen 2017
Gebunden, mit Schutzumschlag, 186 Seiten
ISBN 978-3-8031-3284-0
20.00 Euro
www.wagenbach.de