Sabine Bode - Das M├Ądchen im Strom - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Juedisches Leben
19.06.2018

Sabine Bode - Das M├Ądchen im Strom
Helga Egetenmeier

Eine vielschichtige Biographie im Kontext von Flucht, Migration und Holocaust entwirft die Sachbuchautorin Sabine Bode in ihrem Deb├╝troman. Sie beginnt in der Jugend ihrer j├╝dischen Protagonistin Gudrun Samuel, die im Mainz der 1920/30er Jahre...



... ihr Leben unbeschwert und frisch verliebt genie├čt. Doch die gl├╝ckliche Zeit zerbricht am aufkommenden Nationalsozialismus.

Seit fast zwanzig Jahren schreibt Sabine Bode ├╝ber, wie sie es nennt, "stille Themen": Trauer, Demenz, Altern, Kriegserfahrungen und deren generationen├╝bergreifende Auswirkungen. Bekannt wurde sie durch ihr Sachbuch "Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" (2004), in dem sie die Traumatisierungen der in Deutschland zwischen 1930 und 1945 Geborenen T├Ątergeneration aufgreift. Im auflagenstarken Nachfolgebuch "Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation" (2009) betrachtet sie anhand von Interviews die transgenerationalen Auswirkungen auf deren Kinder.

Kriegserfahrungen und die Folgen stehen auch im Mittelpunkt ihres Deb├╝tromans "Das M├Ądchen im Strom". Bode beschreibt darin, wie der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg in das Leben ihrer j├╝dischen Protagonistin Gudrun Samuel eingreifen und fortan deren pers├Ânliche Entwicklung bestimmen. Ohne sie als Ich-Erz├Ąhlerin einzusetzen, beschreibt die Autorin deren Lebensgeschichte von deren Jugend bis zum Rentenalter aus ihrem subjektiven Blickwinkel.

Die Lebensstationen der Gudrun Samuel

Mit der gl├╝cklichen und unbeschwerten Jugend eines Teenagers, deren b├╝rgerliche Eltern nicht an guten Schulnoten bei ihrer Tochter interessiert sind, beginnt "Das M├Ądchen im Strom". Gudrun wird wenig reglementiert, darf sich ausprobieren und findet ihre erste gro├če Liebe. Doch der immer offener auftretende Nationalsozialismus ver├Ąndert die Lebenspl├Ąne der selbstbewussten jungen Frau.

Den Weg zur Erwachsenen muss die kaum 17-J├Ąhrige somit schneller gehen, als ihr lieb ist. Bevor sie schlie├člich nach Shanghai fliehen kann, misslingt die mit ihrer Jugendfreundin Margot geplante Immigration in die USA, doch dieser gelingt die Flucht. Gudrun wird stattdessen von der Gestapo verh├Ârt und ins Gef├Ąngnis gesteckt. Schlie├člich in Shanghai angekommen, dem einzigen Ort der Welt, der ab 1938 f├╝r j├╝dische Fl├╝chtlinge noch ohne Auflagen zu erreichen war, lernt die junge Frau schnell, sich zu behaupten und auch mit ihren sexuellen Bed├╝rfnissen umzugehen. Einpr├Ągsam schildert Bode den Alltag zwischen chinesischen und japanischen Einwohner*innen und j├╝dischen Migrant*innen aus ganz Europa.

Als Gudrun sp├Ąter in London ein Zuhause findet, scheint sie auch in ihrer pers├Ânlichen Entwicklung zur Ruhe zu kommen. Doch mit dem neu entstehenden Briefkontakt zur ihrer in den USA lebenden Jugendfreundin Margot, werden ihr die unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem Holocaust bewusst. Die Autorin diskutiert diese im letzten Teil des Buches anhand der Freundinnen Gudrun und Margot, die gegens├Ątzliche Entscheidungen treffen, um im Heute einen Umgang mit der Vergangenheit zu finden.

"Das M├Ądchen im Strom"

Im Roman ist "Das M├Ądchen im Strom" zum einen die junge Gudrun, die unbeschwert Schleppk├Ąhnen im Rhein bei Mainz hinterher schwimmt, um daran hinauf zu klettern. Zum anderen ist sie die Frau im Strom der Geschichte, deren Verlauf sie nicht beeinflussen kann, deren Herausforderungen sie sich jedoch mutig stellt.

Neben dieser gelungenen Mehrdeutigkeit des Titels sind die fehlenden Anf├╝hrungszeichen bei der w├Ârtlichen Rede ein auffallend pr├Ągnantes Stilmittel. So flie├čen beim Lesen das Sprechen, Denken und Handeln ineinander und f├╝gen den Text zu einer Einheit zusammen.

AVIVA-Tipp: ├ťber sechs Jahrzehnte hinweg entfaltet die Autorin die packende Biographie einer selbstbewussten Frau, die durch ihre Flucht den Holocaust ├╝berlebt und mit dieser Traumatisierung im Hintergrund ihr Leben organisiert. Einf├╝hlsam verkn├╝pft sie Gudrun Samuels pers├Ânliche Entwicklungen mit den unterschiedlichen Erfahrungen ihrer Generation. Ein vielschichtiger Roman und mit seiner behutsamen Eindringlichkeit eine packende und beeindruckende Lekt├╝re.

Zur Autorin: Sabine Bode, geboren 1947, begann als Redakteurin beim K├Âlner Stadt-Anzeiger. Seit 1978 arbeitet sie freiberuflich als Journalistin und Buchautorin und lebt in K├Âln. Sie ist eine Expertin auf dem Gebiet seelischer Kriegsfolgen und veranstaltet auch Seminare zum Thema. Ihre Sachb├╝cher "Die vergessene Generation", "Kriegsenkel", "Nachkriegskinder" und Kriegsspuren" sind Bestseller und wurden in mehrere Sprachen ├╝bersetzt.
Die Autorin im Netz: www.sabine-bode-koeln.de

Sabine Bode
Das M├Ądchen im Strom

Verlag Klett-Cotta, erschienen: M├Ąrz 2017
Hardcover mit Schutzumschlag, gebunden, 350 Seiten
ISBN-13: 978-3-608-96200-0
20,00 Euro
www.klett-cotta.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Andrea von Treuenfeld - Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung. Lesung am 26. Juni 2017 in der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin
Seit den 1980er Jahren sind auf Deutsch etliche B├╝cher zur "Second Generation" von den Nachkommen der Holocaust ├ťberlebenden erschienen, in den USA bereits schon Ende der 1970er Jahre, vor allem von Helen Epstein ("Children of the Holocaust: Conversations with Sons and Daughters of Survivors"). Jetzt, im Jahr 2017 gibt die deutsche Journalistin Andrea von Treuenfeld den Sammelband "Erben des Holocaust - Leben zwischen Schweigen und Erinnerung" heraus. (2017)

Wir sind Juden aus Breslau
Der neue Kinodokumentarfilm der Berliner FilmemacherInnen Karin Kaper und Dirk Szuszies ("Aber das Leben geht weiter") stellt 14 ZeitzeugInnen in den Mittelpunkt, die sich nicht nur an vergangene j├╝dische Lebenswelten in Breslau erinnern: Sie waren jung, blickten erwartungsfroh in die Zukunft, f├╝hlten sich in Breslau, der Stadt mit der damals in Deutschland drittgr├Â├čten j├╝dischen Gemeinde, beheimatet. (2016)

Nationalsozialistische T├Ąterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie. Herausgegeben von Oliver von Wrochen unter Mitarbeit von Christine Eckel.
Der informative Sammelband, ein f├╝nf Jahre w├Ąhrendes Langzeitprojekt, beinhaltet 34 Artikel, die sich mit nationalsozialistischer T├Ąterschaft und deren nachtr├Ąglichen psychosozialen Wirksamkeiten auf die Kriegskindergeneration, die Nachkriegsgeneration und deren Kinder (Enkelgeneration) besch├Ąftigt. Der Herausgeber vertritt die Meinung, dass die erste historisch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit NS-T├Ąterschaft in Deutschland erst Mitte 1990 begonnen hat. (2016)

Anne Siegel - Se├▒ora Gerta. Wie eine Wiener J├╝din auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste
W├Ąhrend einer Lesereise erfuhr die K├Âlner Rundfunkjournalistin und Buchautorin Anne Siegel durch Zufall vom bisher nur wenig bekannten Exilland Panama, traf auf die hochbetagte, aber quietschfidele Gerta Stern und schrieb die Erinnerungen der heute Hundertundeins-J├Ąhrigen auf.

Anna Funder - Alles, was ich bin
Ihr Tod war ein R├Ątsel: Als die deutschen Widerstandsk├Ąmpferinnen Dora Fabian und Mathilde Wurm 1935 in London tot aufgefunden wurden, schien es ein unerkl├Ąrlicher Doppel-Selbstmord gewesen zu sein. (2014)

Ten Green Bottles - Vienna to Shanghai - Vivian Jeanette Kaplan
"Von Wien nach Shanghai". Vivian Kaplans Erz├Ąhlung ├╝ber die Flucht einer j├╝dischen Familie. ausgezeichnet mit dem Canadian Jewish Book Award. (2006)

Weitere Informationen:

www.dw.com - Sonja M├╝hlberger┬┤s Shanghai
Sonja M├╝hlberger was born in Shanghai, where her parents had found refuge from the Nazi regime. The city of her childhood has changed dramatically. And yet she can still find traces of the old, Jewish Shanghai. (2012)

"Shanghai als letzter Zufluchtsort f├╝r 20 000 NS-verfolgte Juden", eine Linksammlung auf haGalil: www.hagalil.com