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24.06.2018

Jasna Zaj─Źek - Kaltland. Unter Syrern und Deutschen
Lisa Baurmann

Die Journalistin und Autorin ("Ramadan Blues", "Unter Soldatinnen") war mehrere Monate Deutschlehrerin f├╝r Gefl├╝chtete in Sachsen. Den Alltag im Heim und dessen Missst├Ąnde dokumentiert sie in ihrem Erfahrungsbericht "Kaltland" ebenso wie...



...offenen Rassismus der Dorfbewohner_innen.

"Es ist deutsch in Kaltland" dichtete die Punkband Toxoplasma in einem Song aus dem Jahr 1994. Wenige Jahre zuvor waren der nach der Wiedervereinigung neu erstarkte Nationalismus und die politische wie mediale Hetze gegen Asylsuchende in den rassistisch motivierten Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen kulminiert.

"Verschlossene T├╝ren und Fenster
Gefl├╝ster hinter vorgehaltener Hand
Ich sp├╝r┬┤ die Blicke hinter wei├čgewaschenen Gardinen
Seh┬┤ Kinder spielen zwischen Unkrautex und Sagrotan"


"Hier ist Kaltland"

Im Sommer 2015 brennen in Deutschland wieder Fl├╝chtlingsunterk├╝nfte. Und auf verschlossene T├╝ren st├Â├čt die Autorin im Ort Tipschitz nahe Bautzen, in dem sie in einem Asylbewerber_innenheim mit dem Namen "Haus am Wald", bezahlt von einem Start-Up-Unternehmen, freiwilligen Deutschunterricht f├╝r syrische Gefl├╝chtete anbieten soll. "Hier ist Kaltland", ist einer ihrer ersten Gedanken, als sie in der s├Ąchsischen Provinz ankommt. Und w├Ąhrend der kommenden Monate wird sie nicht nur beobachten, wie die Gefl├╝chteten gro├če Schwierigkeiten haben, sich dort zu integrieren, wo lautstarke Demonstrationen und gewaltt├Ątige ├ťbergriffe ihnen veranschaulichen, dass sie nicht willkommen sind. Auch Zaj─Źek selbst wird kaum Anschluss finden in den d├Ârflichen Strukturen, zwischen sogenannten besorgten B├╝rger_innen und AfD-Anh├Ąnger_innen.

Vor den verschlossenen T├╝ren scheut sie jedoch nicht zur├╝ck. Als investigative Journalistin, die in Undercover-Recherchen ge├╝bt ist, beobachtet sie und h├Ąlt schriftlich fest, so viel sie kann. Im Video-Interview sagt Jasna Zaj─Źek: "Die gr├Â├čte Herausforderung beim Schreiben dieses Buches, war, keine Meinung einflie├čen zu lassen. Wirklich nur kalt und n├╝chtern, mit der kalten Radiernadel, zu beobachten [...]"

"Mit der kalten Radiernadel"

Das n├╝chterne Beobachten, ohne zu bewerten, ist besonders in der politisch aufgeladenen Situation kein einfaches Unterfangen. Nicht da, wo die Autorin auf den offen rechtsextrem auftretenden Nachbarn trifft, der wie beil├Ąufig Bilder von Adolf Hitler auf seinem Handy zeigt, alles nat├╝rlich nur "lustig" gemeint. Und auch nicht da, wo die Bewohner_innen des Heims, in dem sie unterrichtet, sich ├╝ber Homosexuelle oder emanzipierte Frauen echauffieren. Dennoch gelingt ihr oft eine erstaunlich n├╝chterne Darstellungsweise.

Besonders in den Szenen, in denen sie Versammlungen "besorgter B├╝rger" oder fremdenfeindliche Demonstrationen besucht, offenbart sich Zaj─Źeks investigatives Geschick. Sie h├Ąlt sich zun├Ąchst zur├╝ck, h├Ârt zu, stellt bisweilen vorsichtige Fragen, um die Angesprochenen zum Reden zu bringen. So gelingen ihr Einblicke, die trotz der umfassenden medialen Berichterstattung zu Pegida-Demonstrationen und AfD-Kundgebungen schockieren. Allzu allt├Ąglich erscheinen Rassismus, rechte Propaganda, ├╝bersteigerte Angst und Wut. Eine Frau auf der Ortschaftsratsversammlung emp├Ârt sich, die neu eingerichteten Schulbusse im Dorf w├╝rden ihr nicht helfen: "[ÔÇŽ] meine Tochter f├Ąhrt da nicht mehr alleine Bus, ich muss sie jetzt immer bringen, die Busse sind voller Schwarzer!" Und der Dorfpolizist, mit dem die Journalistin spricht, gebraucht Worte aus dem Reichsb├╝rger_innen-Jargon wie "BRD GmbH" und "Umvolkung".

Misstrauen, Vorurteil, Geringsch├Ątzung

Im "Haus am Wald" hat Zaj─Źek jedoch nicht nur die Rolle der Journalistin, sondern auch die der Deutschlehrerin inne. Die Rolle einer Deutschlehrerin, die als ehemalige Auslandskorrespondentin und Reiseleiterin in Syrien und im Libanon flie├čend Arabisch spricht und mit deutsch-syrischem Kulturaustausch bereits Erfahrung hat. Als solche verl├Ąsst sie bisweilen die neutrale Perspektive ÔÇô allerdings nicht zugunsten von ├╝bertriebenem Mitgef├╝hl oder Enthusiasmus. Im Gegenteil, Zaj─Źeks protokollierte Beobachtungen und ihr eigenes Verhalten sprechen oft unterschwellig, aber tastbar, eine Sprache von Misstrauen, Vorurteil und Geringsch├Ątzung.

Der Umstand etwa, dass die Gemeinschaftsk├╝che nach der Benutzung nicht ges├Ąubert wird, veranlasst sie dazu, ihre bisherigen Erfahrungen zu verabsolutieren: "Der arabische Mann ist es seit Jahrtausenden gewohnt, von Frauen bedient zu werden, die von Geburt an zum Dienen erzogen werden. Dieser Punkt steht also keinesfalls zur Diskussion."

In puncto Misstrauen ist sich Zaj─Źek, ohne Hinweise au├čer dem von ihr als herrisch wahrgenommenen Auftreten von ein paar ├Ąlteren M├Ąnnern, "[g]anz sicher [...], dass einige hier im Heim nicht nur mit allen Wassern gewaschen sein m├╝ssen. Sie werden auch einiges auf dem Kerbholz haben. Viele, die sich hier als Fl├╝chtlinge ausgeben, werden jahrelang beim Milit├Ąr, der Polizei oder den Geheimdiensten gewesen sein."
Zu der jungen, alleinstehenden, westlich gekleideten Frau aus Damaskus passt es in ihren Augen offenbar nicht, dass sie vier Kinder hat: "keines hat ihren hellen Teint [...] ÔÇô die m├╝ssen ihr mitgegeben worden sein", mutma├čt die Autorin. Eine Annahme aufgrund von vagen Eindr├╝cken, die sich sp├Ąter ÔÇô wenig ├╝berraschend ÔÇô als falsch herausstellt.

Altenpfleger statt Arzt, Bautzen statt Berlin

Als viele Bewohner_innen nach den ersten Stunden vom Unterricht fernbleiben, schlie├čt sie, die Abwesenden w├╝ssten "anscheinend schon zu viel Gutes ├╝ber unser Sozialsystem" ÔÇô statt die Lernumst├Ąnde, wie etwa die unterschiedlichen Alphabetisierungsgrade, oder gar die eigenen Lehrmethoden als Gr├╝nde f├╝r das Fehlen in Betracht zu ziehen.
W├Ąhrend einer Unterrichtsstunde bespricht sie mit den Sch├╝lern (die Sch├╝lerinnen nehmen l├Ąngst nicht mehr am Kurs teil) bisherige Berufserfahrungen und Jobw├╝nsche. Die Angaben dazu sch├Ątzt Zaj─Źek allesamt als ├╝bertrieben oder naiv ein, und legt nahe, die Tr├Ąume vom Medizin- oder Ingenieursstudium gleich aufzugeben: "Ich werfe ein, dass wir gen├╝gend Hochqualifizierte h├Ątten, die Unis voll seien und Deutschland dringend Altenpfleger, Kinderg├Ąrtner und Systemgastronomen ben├Âtigen w├╝rde." Was als gut gemeinter Ratschlag aufgrund der b├╝rokratischen und sprachlichen H├╝rden auf dem Weg zum Studium gemeint sein mag, liest sich paternalistisch und durchaus ein wenig herablassend.

Auf eine ├Ąhnliche Art r├Ąt sie der jungen Frau mit den vier Kindern, nicht, wie die Gro├čst├Ądterin es sich w├╝nscht, nach Berlin-Neuk├Âlln zu ziehen, sondern in Bautzen zu bleiben. Der Vergleich der Wohnungsm├Ąrkte spricht objektiv f├╝r die s├Ąchsische Kleinstadt. Die nach eigenen Angaben in der N├Ąhe der Friedrichstra├če wohnende Autorin macht sich jedoch noch andere Sorgen ├╝ber den Wunschwohnort: "W├╝rde ihr kleiner Sohn, acht, dort in vern├╝nftige Kreise kommen, w├╝rden ihre beiden T├Âchter, die gerne tanzen und Akrobatik machen, dort nicht angefeindet ÔÇô als h├╝bsche Teenager ohne Interesse am Kopftuch?" Die Einsch├Ątzung des muslimischen Lebens in Neuk├Âlln, die hier mitschwingt, k├Ânnte so einer effektheischenden Exklusiv-Reportage aus dem Nachmittagsfernsehen entstammen, ebenso wie ihre Beschreibung der Sonnenallee: "Sie ist eine vermeintlich multikulturell, in Wirklichkeit aber sehr einseitig arabisch-muslimisch-konservativ gepr├Ągte kilometerlange Stra├če in einem ├Ąrmeren Teil Berlins, der aber gerade unter jungen westlichen Zugereisten als ┬┤hip┬┤ gilt [...]." Unabh├Ąngig von Zustimmung oder Ablehnung zu einer solchen Einsch├Ątzung l├Ąsst sich festhalten, dass Zaj─Źeks Beobachtungen nicht so n├╝chtern und neutral sind, wie sie behauptet. Ihre Meinungen, Urteile und Tendenzen scheinen allzu oft transparent hindurch.

AVIVA-Fazit: "Kaltland" ist kein einfaches Buch. Die Zust├Ąnde, die Zaj─Źek beschreibt, sind schwierig. Ebenso schwierig ist stellenweise deren Einordnung durch die Autorin. Wer dar├╝ber hinweglesen kann, gewinnt allerdings einen ungefilterten Eindruck des Integrationsalltags in der s├Ąchsischen Provinz. Zun├Ąchst scheint dieser wenig Gr├╝nde f├╝r Optimismus zu liefern. Im besten Fall ist das Erkennen der in "Kaltland" zutage tretenden Missst├Ąnde jedoch ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Zur Autorin: Jasna Zaj─Źek, 1973 geboren, ist Journalistin, Autorin und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Unter anderen schreibt sie f├╝r taz, Spiegel online, FAS, Le Monde Diplomatique und Die Welt. Sie studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften, Arabische Hochsprache, Islamwissenschaften und Philosophie. Viele Jahre lebte sie in Damaskus und Beirut, wo sie als Journalistin und Reiseleiterin arbeitete. 2005 erhielt sie den CNN Journalist Award f├╝r eine Undercover-Recherche in einem Ausbildungslager der US-Armee. 2007 erschien ihr erstes Buch: "Ramadan Blues" im Herder Verlag. F├╝r die Recherchen zu ihrem zweiten Buch, "Unter Soldatinnen", das 2010 bei Piper erschien, begleitete Zaj─Źek ein Jahr lang Marinesoldatinnen bei der der Ausbildung an der Ostsee und bei Auslandseins├Ątzen. Jasna Zaj─Źek lebt in Berlin.

Jasna Zaj─Źek
Kaltland. Unter Syrern und Deutschen

Droemer Knaur, erschienen: M├Ąrz 2017
Gebundene Ausgabe, 256 Seiten
ISBN: 978-3-426-27718-8
www.droemer-knaur.de

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