Rose Valland Institut: Open Call - UnrechtmĂ€ĂŸige BesitzverhĂ€ltnisse in Deutschland - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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18.06.2018

Rose Valland Institut: Open Call - UnrechtmĂ€ĂŸige BesitzverhĂ€ltnisse in Deutschland
AVIVA-Redaktion

Das Rose Valland Institut ist ein kĂŒnstlerisches Projekt von Maria Eichhorn im Rahmen der documenta 14. Mit dem Call for Papers "Verwaistes Eigentum in Europa" trat das Institut im MĂ€rz 2017 erstmals an die Öffentlichkeit. Diese wird dazu aufgerufen, sich ĂŒber NS-Raubgut im ererbten Besitz bewusst zu werden, zu recherchieren und Informationen dem Rose Valland Institut zu ĂŒbermitteln.



Das Rose Valland Institut ist ein interdisziplinĂ€r ausgerichtetes und unabhĂ€ngiges kĂŒnstlerisches Projekt. Es erforscht und dokumentiert die Enteignung der jĂŒdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart. Benannt wurde es nach der Kunsthistorikerin Rose Valland, die wĂ€hrend der deutschen Besatzungszeit in Paris die PlĂŒnderung der Deutschen in geheim gehaltenen Listen aufzeichnete. Nach dem Krieg arbeitete sie fĂŒr die Commission de RĂ©cupĂ©ration Artistique (Ausschuss fĂŒr die RĂŒckfĂŒhrung von Kunst) und trug maßgeblich dazu bei, NS-Raubkunst zu restituieren. Unter dem Namen Claire Simone wurde sie in George Clooneys Film "Monuments Men" von 2014 von Cate Blanchett verkörpert.

Ausgehend von Maria Eichhorns vorherigen Ausstellungsprojekten Restitutionspolitik / Politics of Restitution (2003) und In den Zelten ... (2015) widmet sich das Rose Valland Institut dem Themenbereich ungeklĂ€rter Eigentums- und BesitzverhĂ€ltnisse von 1933 bis heute. Das Institut thematisiert grundsĂ€tzliche Fragen zu Eigentum an Kunstwerken, GrundstĂŒcken, Immobilien, Vermögenswerten, Unternehmen, beweglichen Objekten und Artefakten, Bibliotheken, wissenschaftlichen Arbeiten und Patenten, die in der NS-Zeit jĂŒdischen EigentĂŒmer_innen in Deutschland und in den besetzten LĂ€ndern unrechtmĂ€ĂŸig entwendet und bis heute nicht zurĂŒckgegeben wurden.

Das Rose Valland Institut wird anlĂ€sslich der documenta 14 gegrĂŒndet und hat vom 10. Juni bis 17. September 2017 seinen Sitz in der Neuen Galerie in Kassel.

Beschlagnahmtes und geraubtes Gut

Im Kulturellen und im Politischen, also in dem gesamten Bereich des öffentlichen Lebens, geht es weder um Erkenntnis noch um Wahrheit, sondern um Urteilen und Entscheiden, um das urteilende Begutachten und Bereden der gemeinsamen Welt und die Entscheidung darĂŒber, wie sie weiterhin aussehen und auf welche Art und Weise in ihr gehandelt werden soll.
Hannah Arendt, Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I (MĂŒnchen: Piper Verlag, 1994), S. 300.

SpĂ€testens mit dem Fall Gurlitt, der 2013 medienwirksam ans Licht kam, wurde auch der Weltöffentlichkeit klar, dass sich Raubkunst und weitere aus jĂŒdischem Eigentum entwendete RaubgĂŒter ĂŒber 70 Jahre nach dem Holocaust nicht nur weiterhin in deutschem Staatsbesitz, in öffentlichen Sammlungen und Museen, sondern auch in Privatbesitz befinden. Die Erinnerung an das von Deutschen begangene Unrecht, an Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung, Vertreibung und Ermordung der jĂŒdischen Bevölkerung Europas wurde durch das Aufdecken des Raubkunst-Verstecks Cornelius Gurlitts erneut im kollektiven und im kosmopolitischen GedĂ€chtnis verankert.

Ein Versteck kann in diesem Zusammenhang auch darin bestehen, dass die unrechtmĂ€ĂŸigen Besitzer_innen die Herkunft ihres geraubten Besitzes verschweigen, verheimlichen, verschleiern und / oder Hinweise auf die Herkunft entfernt haben. So können Bilder an der Wand Raubkunst, Möbel im Wohnzimmer, Schmuck am Handgelenk, GebĂ€ude und Grundbesitz oder BĂŒcher in der Bibliothek Raubgut sein, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und heute Teil deutschen Familienbesitzes ist.

Beschlagnahmtes und geraubtes Gut aus jĂŒdischem Eigentum wurde von den deutschen Finanzbehörden des NS-Staates öffentlich versteigert und so in die gesamte deutsche Bevölkerung verbreitet. Versteigert wurde Umzugsgut jĂŒdischer Emigrant_innen aus ganz Deutschland, die ĂŒber den Auswandererhafen Hamburg ausgereist waren, jĂŒdisches Eigentum aus der "M-Aktion" (Möbelaktion) aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, et cetera.

In den Jahren 1942 und 1943 trafen allein in Hamburg 45 Schiffsladungen mit GĂŒtern ein, die man niederlĂ€ndischen Juden geraubt hatte, sie hatten ein Nettogewicht von 27 227 Tonnen. Etwa 100 000 Einwohner_innen erwarben auf Hafenauktionen etwas von den gestohlenen Habseligkeiten.
Saul FriedlĂ€nder, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945 (MĂŒnchen: C. H. Beck Verlag, 2006), S. 528.

Um sich materielle Vorteile zu verschaffen, nahm die deutsche Bevölkerung bereitwillig an den Versteigerungen teil. In den Landes-Archiven sind Versteigerungsakten erhalten, aus denen hervorgeht, von welchen jĂŒdischen MitbĂŒrger_innen welche GegenstĂ€nde entwendet und zu welchem Preis sie von welchen Personen ersteigert wurden.

Das Rose Valland Institut

Weshalb mĂŒssen sich die Beraubten um die RĂŒckgabe ihres Eigentums bemĂŒhen und nicht die RĂ€uber_innen, die Beraubten ausfindig zu machen und das Geraubte zurĂŒckzugeben?

Das Rose Valland Institut will Bewusstsein und Öffentlichkeit fĂŒr ungeklĂ€rte Eigentums- und BesitzverhĂ€ltnisse seit der NS-Zeit bis heute schaffen. Es ruft dazu auf, aktiv an der AufklĂ€rung andauernden Unrechts und am Auffinden und Aufdecken der unrechtlichen BesitzverhĂ€ltnisse mitzuwirken. Das Institut ist eine Anlaufstelle fĂŒr Personen und Gruppen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen wollen.

Aufgabe des Instituts ist die Erforschung von NS-Raubgut in deutschem Familien- und Privatbesitz – ein Forschungsgebiet, das die gesamte deutsche Gesellschaft umfasst und das bislang nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert ist. Die umfassende PlĂŒnderung und Weitergabe jĂŒdischen Eigentums an nachfolgende Erb_innengenerationen soll aufgearbeitet werden – mit dem Ziel, eine breite gesellschaftliche Debatte zu initiieren. So wie sich "gewöhnliche" Deutsche bereicherten, sollen die nachfolgenden Erb_innengenerationen dazu gebracht werden, diese Bereicherungen und ihren unrechtlichen Besitz zu erkennen und zu erforschen. Das Institut soll ein Ort der Auseinandersetzung sein, an dem der Zuwachs an Erkenntnissen – von Privatpersonen wie Wissenschaftler_innen – dokumentiert, archiviert und die RĂŒckgabe von Vermögenswerten oder andere Formen der RĂŒckgabe in die Wege geleitet werden sollen, falls die rechtmĂ€ĂŸigen EigentĂŒmer_innen nicht ausfindig zu machen sind.

Das Institut ist ein transitorischer Raum, wo unrechtmĂ€ĂŸig entwendete oder mit einem solchen Verdacht behaftete Kunstwerke, GrundstĂŒcke, Immobilien, Vermögenswerte, Unternehmen, bewegliche Objekte und Artefakte, Bibliotheken, wissenschaftliche Arbeiten und Patente ans Licht geholt und durchleuchtet sowie ihre Herkunft und ihr Stadium der DokumentalitĂ€t aufgeschlĂŒsselt werden.

Open Call UnrechtmĂ€ĂŸige BesitzverhĂ€ltnisse in Deutschland

Der Open Call UnrechtmĂ€ĂŸige BesitzverhĂ€ltnisse in Deutschland ruft dazu auf, Informationen zu Objekten, Grundbesitz, Immobilien et cetera, bei denen es sich um NS-Raubgut handelt oder handeln könnte, dem Rose Valland Institut mitzuteilen, um gemeinsam zu einer KlĂ€rung der Besitz- und EigentumsverhĂ€ltnisse zu kommen.

Die Herkunftsgeschichten der Objekte werden durch das Rose Valland Institut individuell aufgezeichnet. Die betreffenden gesuchten und / oder gefundenen Objekte werden detailliert dargestellt und dokumentiert. In Zusammenarbeit mit Provenienzforscher_innen sollen weiterfĂŒhrende Recherchen beauftragt und Fallstudien veröffentlicht werden.

Folgende Fragen können hierbei fĂŒr die Provenienzforschung von Relevanz sein:

  • Aufgrund welcher Erinnerungen, Hinweise, Kenntnisse, ErzĂ€hlungen, Überlieferungen, Dokumente wie Fotografien oder Briefe oder anderer schriftlicher und mĂŒndlicher Zeugnisse wurde der betreffende Gegenstand als NS-Raubgut identifiziert?
  • Welche Dokumente, Unterlagen und andere Beweismittel unterstĂŒtzen den Verdacht beziehungsweise die Vermutung?
  • Wer ist im Besitz solcher Unterlagen und Zeugnisse beziehungsweise wo befinden sich diese?
  • Sind Sie bereit, Ihre Kenntnisse und Informationen zu veröffentlichen?
  • Haben Sie sich bemĂŒht, Berechtigte zu finden? Konnten Sie berechtigte EigentĂŒmer_innen oder Erb_innen ausfindig machen? Falls Sie sich bemĂŒht haben, wie sind Sie dabei vorgegangen?
  • Wie wĂŒrden Sie Ihr VerhĂ€ltnis zu dem betreffenden Gegenstand beschreiben?
  • Kennen Sie die historischen ZusammenhĂ€nge und HintergrĂŒnde, die dazu gefĂŒhrt haben, dass der Gegenstand heute in Ihrem Besitz ist?
  • Sehen Sie das Objekt / den Gegenstand als Zeugen dieser ZusammenhĂ€nge?
  • Sind Sie bereit, diese Zeug_innenhaftigkeit in einen öffentlichen Diskurs zu geben?

    Gefunden: Wenn Sie von GegenstĂ€nden in Ihrem Besitz oder Ihrem Familienbesitz wissen, von denen angenommen werden kann oder erwiesen ist, dass sie unrechtlich aus jĂŒdischem Eigentum stammen, wenden Sie sich bitte an das Rose Valland Institut.
    Vermisst: Wenn Sie nach GegenstĂ€nden suchen, von denen angenommen werden kann oder erwiesen ist, dass sie aus jĂŒdischem Eigentum entwendet wurden, wenden Sie sich bitte an das Rose Valland Institut.

    Sie erreichen das Rose Valland Institut unter: kontakt@rosevallandinstitut.org.
    Kontaktaufnahmen und Zuschriften werden diskret behandelt und auf Wunsch anonymisiert.

    WeiterfĂŒhrende Links

    Rose Valland Institut Call for Papers Verwaistes Eigentum in Europa: rosevallandinstitut.org

    "Viele Leute wissen gar nichts davon". Die KĂŒnstlerin Maria Eichhorn im Interview auf DEUTSCHLANDFUNK: www.deutschlandfunk.de

    Alexander Alberro, Specters of Provenance: National Loans, the Königsplatz, and Maria EichhornÂŽs ÂŽPolitics of RestitutionÂŽ

    Adam Szymczyk im GesprÀch mit Alexander Alberro, Maria Eichhorn und Hans Haacke: Die unauslöschliche PrÀsenz des Gurlitt-Nachlasses

    Legalisierter Raub. Der Fiskus und die AusplĂŒnderung der Juden in Hessen 1933–1945, Fritz Bauer Institut und Hessischer Rundfunk: www.fritz-bauer-institut.de

    Marianne Moesle, Falsches Erbe, SZ Magazin (46/2014)

    Die Stiftung ZURÜCKGEBEN. Stiftung zur Förderung jĂŒdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft gibt Menschen die Möglichkeit, Raubgut symbolisch zurĂŒckzugeben: www.stiftung-zurueckgeben.de

    Association La MĂ©moire de Rose Valland: www.rosevalland.com

    The Central Registry of Information on Looted Cultural Property 1933–1945: www.lootedart.com

    Deutsches Zentrum Kulturgutverluste: www.kulturgutverluste.de

    Matisse painting from GurlittÂŽs Nazi-looted art collection returned to owners (Ein Beitrag der Deutschen Welle vom 15.05.2015)

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    Elisabeth Sandmann - Der gestohlene Klimt. Wie sich Maria Altmann die Goldene Adele zurĂŒckholte
    Das Leben der Maria Altmann und ihre Beziehung zu dem von den Nazis geraubten Klimt-GemÀlde "Goldene Adele" dokumentierte die Verlegerin Elisabeth Sandmann in akribischer Recherchearbeit. (2015)

    Die Frau in Gold. Kinostart 4. Juni 2015. Das Buch zum Film von Elisabeth Sandmann - Der gestohlene Klimt
    Das Leben der Maria Altmann und ihre Beziehung zu dem von den Nazis geraubten Klimt-GemĂ€lde "Goldene Adele" inspirierte Regisseur Simon Curtis zu einem fesselnden Bio-Pic. Helen Mirren verkörpert die aus Österreich in die USA geflĂŒchtete faszinierende Protagonistin. (2015)

    Interview with Jane Chablani, Regisseurin von "Stealing Klimt"

    Stefan Koldehoff - "Die Bilder sind unter uns. Das GeschÀft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt"

    Melissa MĂŒller und Monika Tatzkow – "Verlorene Bilder, verlorene Leben" ĂŒber "JĂŒdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde"

    Jani Pietsch - Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin

    Birgit Schwarz - Auf Befehl des FĂŒhrers. Hitler und der NS-Kunstraub


    Quellen: Rose Valland Institut und die documenta 14