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20.05.2018

Nachrichten aus dem gelobten Land. Die Briefe der Anuta Sakheim. Herausgegeben von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November
Sharon Adler

Sie versuchte das Leben nach dem √úberleben und √ľberlebte doch am Ende nicht. Die erste weibliche Taxifahrerin in Pal√§stina wurde am 15. Februar 1896 in Lodz, Polen, als Anuta Plotkin geboren, verheiratet war sie mit Dr. phil. Arthur Sakheim. Ihre Reise ins Exil und das schwierige Leben danach ist in ihren Briefen an ihren Sohn und an ihre Schw√§gerin in New York dokumentiert. Den letzten schrieb sie am 16. Juli 1939. Im August 1939 nahm sie sich in Tel Aviv das Leben.



Die in "Nachrichten aus dem gelobten Land" ver√∂ffentlichte briefliche Korrespondenz beginnt am 17. M√§rz 1938. Da ist Anuta Sakheim schon in Tel Aviv, wohin sie nach dem pl√∂tzlichen Tod ihres Mannes am 23. August 1931 in Frankfurt am Main und nach ihrer pers√∂nlichen Odyssee und endg√ľltigen Entlassung aus dem Ullstein Verlag nach der Macht√ľbernahme der Nazis geflohen war. Geflohen gegen den Rat der Familie, die wie so viele glaubte, dass die braune Herrschaft nur eine vor√ľbergehende sein w√ľrde, und dass ihnen als angesehenen ‚Äď gr√∂√ütenteils assimilierten j√ľdischen Menschen ‚Äď doch nichts geschehen w√ľrde.

Ausgrenzungen und soziale Isolation waren es, die Anuta Sakheim mit ihrem zehnj√§hrigen Sohn zur Flucht aus der zweiten Heimat (Hamburg, Frankfurt, Berlin) zwangen. Die Emigration bedeutete f√ľr Anuta Sakheim auch den Verlust der Sprache und Kultur, und der einigerma√üen gesicherten Existenz der alleinerziehenden Mutter.
Anuta Sakheim hat jedoch vor allem die Zukunft im Blick, und ganz besonders die ihres Sohnes. Als sie Ende 1933 mit ihrem kleinen Sohn Ruben nach Pal√§stina flieht, in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nicht spricht, kauft sie von ihrem letzten Geld ein Auto ‚Äď und verdient als erste Taxifahrerin in Jaffa ihren Lebensunterhalt. Mehr schlecht als recht. Das Leben ist bestimmt von chronischem Geldmangel, zudem bleibt ihr kaum Zeit f√ľr Ruben, denn sie ist oft tagelang unterwegs. Um wenigstens dem inzwischen 14-J√§hrigen eine Zukunft zu erm√∂glichen, schickt sie ihn 1938 schweren Herzens zur Ausbildung zu ihrer Schw√§gerin Jeanette Sakheim nach New York. In Anutas Briefen ist ihre finanzielle Situation, die H√ľrden f√ľr die Beschaffungen der erforderlichen Affidavits oder die √§rztlichen Untersuchungen aufs Genaueste dokumentiert.

An Jeanette Sakheim, Tel Aviv, 17. März 1938:
"(‚Ķ) Nun k√∂nnte er fahren. Nun fehlt das Reisegeld. Ich habe alles, was nur m√∂glich war, in Bewegung gesetzt. Bisher ohne Erfolg. Bekannte von mir fragten bekannte, in Jerusalem, bei Landshuts nochmal gesprochen ‚Äď nichts bisher. Meine Freunde, die die Lage kennen, fragen jeden, der nur infrage kommt und den, von dem man annimmt, dass er es k√∂nnte. N i c.h.t s."

Schlie√ülich gelingt es, doch es wird ein Abschied f√ľr immer. Einzig diese Briefe sind geblieben.

An Ruben Sakheim, Tel Aviv, 17. Oktober 1938:
"Wir hatten einen Menahel-Avoda (einen Arbeitsleiter), der die Preise ansagt, bestimmte ‚Äď und keine Debatten mit den Kunden, kein Handeln. Nichts. Einsteigen, Gep√§ck ‚Äď Preis- Abfahrt. Im Port hatte ich nichts zu tun, die Kollegen lie√üen mich nicht einmal den Strick anfassen. Aber im Haus angekommen, muss ich die schweren Koffer schleppen, die schwerer waren, als ich im Ganzen bin. Es war ungeheuer schwer und anstrengend, aber Rubele, stell Dir vor, an dem Tag mit der "Polonia" habe ich √ľber 2 Pfund gehabt und bei der "Galilea" nicht weniger."

Doch so sehr Anuta auch mit ihrem eigenen Schicksal besch√§ftigt ist, so sehr sieht und ber√ľhrt sie auch das Schicksal anderer. Derer, die erst nach ihr in das "Gelobte Land" kommen, oder derer, denen die Einreise durch die Briten verweigert wird. Es sind √úberlebende der Pogrome auf der Flucht vor den Nazis.

"(…) 700 Illegale hat man hier geschnappt und sie heute wieder auf hohe See gesetzt, ohne Ziel, ohne Pass, ohne Geld, es soll entsetzlich gewesen sein. Die hygienischen Zustände auf dem alten Wrack entsetzlich und Krankheiten an Bord mit Babys u.s.w. Eine Frau hat ein Kind geboren und schlechtes, oder gar kein Essen und wieder weg in See, und keine Ahnung wohin."

Anuta Sakheims Briefe sind im Kontext ihrer Zeit zu verstehen und zu lesen. Sie berichten eindringlich vor allem von ihren pers√∂nlichen (den finanziellen, jedoch niemals von den gesundheitlichen) Sorgen, ihrem Alltag im fremden Land, von den Erniedrigungen der Gefl√ľchteten durch die Briten w√§hrend der Mandatszeit und von der Sehnsucht nach ihrem Kind sowie von ihrer immer aussichtsloseren Lage in Pal√§stina. Ebenso emphatisch wie √ľber Terror, Tote und Verwundete schreibt sie von einem nicht fertig gestrickten Pullover f√ľr Ruben:

" (...) Rubchen, f√ľr den Pullover ist es nun zu sp√§t, ich hab auch so viel zu stricken und zu tun, aber f√ľr den Herbst mache ich ihn Dir. Schicke unbedingt Farbe und Gr√∂√üe ein, die Du willst. Ja, nicht vergessen. Gr√∂√üe auch, da ich ja keine Ahnung habe, wieviel Du eigentlich w√§chst."

Gerade diese scheinbar banalen Dinge sind es, die den Druck verdeutlichen, unter dem sie stand. Doch Anuta Sakheim, geborene Anuta Plotkin, war eine, die nie ans Aufgeben dachte, die alles daran tat, durchzuhalten, weiterzugehen. Am Ende hat sie es nicht geschafft. Vereinsamt und mittellos nahm sich Anuta Sakheim, schwer an Krebs erkrankt, im August 1939 das Leben.
Ein Trost aber war ihr ganz sicher der Gedanke daran, ihrem Sohn das Leben gerettet zu haben. Zur√ľck bleiben diese Briefe, die als Dokument eines gro√üen (Frauen-)Lebens gelesen werden k√∂nnen und sollten.

Die Auswahl der Briefe aus dem Briefkorpus wird erg√§nzt durch akribisch recherchierte Biographien der Familie Sakheim, deren Schicksal des Davor und des Danachs sowie durch die sorgf√§ltige Editierung. So sind die erhaltenen Briefe gleicherma√üen als R√ľckblick zu verstehen auf eine leidvolle Zeit in Deutschland, die Anuta Sakheim gepr√§gt und zutiefst verletzt hat, aber auch als Chronik der Emigrantin in Pal√§stina unter dem britischen Mandat.

Der Sohn, den Anuta Sakheim in ihren Briefen liebevoll Ruble, Rubchen, R√ľbchen, Ruben-Kindchen nennt, hat √ľberlebt. George, wie sich Ruben sp√§ter nannte, kam 1944 als Soldat mit der ¬ī104th Infantry Division¬ī zur√ľck nach Deutschland k√§mpfte mit seiner Einheit bei Aachen und K√∂ln und befreite das KZ Nordhausen. Bei den N√ľrnberger Prozessen arbeitete er als Dolmetscher und war so direkt mit den T√§tern konfrontiert: "Nat√ľrlich glaubte ich ihnen nicht. Sie logen eindeutig und wollten die Vergangenheit vertuschen. Sie wollten sogar bemitleidet werden."

George, fr√ľher Ruben Gabriel Sakheim, ist mit Ilse Oschinsky verheiratet, die 1939 durch einen Kindertransport √ľber Holland nach England √ľberlebt hatte. Sie bekamen die Kinder Ruth und David.
Anutas Sohn, heute 94 Jahre alt, schreibt: "Wenn wir in Berlin geblieben wären, wäre ich 1943 zwanzig Jahre alt gewesen. Das war gerade das richtige Alter, um in ein KZ wie Auschwitz geschickt zu werden. Dieses Schicksal hat mir meine liebe und weitsichtige Mutter erspart."

AVIVA-Tipp: Ohne dieses sorgf√§ltig aufbereitete und mit originalen Fotos herausgegebene B√ľchlein, dem Projekt J√ľdisches Leben in Frankfurt und der Initiative 9. November w√§re die Geschichte der von den Nazis vertriebenen Anuta Sakheim wohl f√ľr immer in Vergessenheit geraten.
Anuta Sakheim, a woman to remember.

Nachrichten aus dem gelobten Land
Die Briefe der Anuta Sakheim

Herausgegeben von Katharina Pennoyer und der Initiative 9. November
Mit vielen s/w Fotos und farbigem Vorsatzpapier
Halbleinen, kleines Format, 96 Seiten
Verlag weissbooks.w., erschienen August 2017
978-3-86337-122-7
14,00 ‚ā¨ (D)
www.weissbooks.com

Weiterf√ľhrende Informationen erhalten Sie unter:

Der Lebensweg von George und Ilse Sakheim ist ausf√ľhrlich dokumentiert vom Projekt J√ľdisches Leben in Frankfurt unter:
www.juedisches-leben-frankfurt.de

Die Seite 9. November finden Sie unter: www.initiative-neunter-november.de

Auf der Seite der Initiative "Stolpersteine Hamburg": www.stolpersteine-hamburg.de

Der Verleger Rainer Weiss erzählt auf boersenblatt.net, dem Portal der Buchbranche, wie es zur Herausgabe der Briefe von Anuta Sakheim kam: www.boersenblatt.net


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