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24.05.2018

Isabelle Autissier - Herz auf Eis
Tina Schreck

Der f├╝r den Prix Goncourt nominierte Thriller erz├Ąhlt die Geschichte eines abenteuerlustigen Paares, das sich vom Pariser B├╝roalltag eine Auszeit nehmen will. Der Traum von der Weltumsegelung entpuppt sich allerdings schon bald als wahrer Albtraum, bei dem es ums nackte ├ťberleben geht.



Freiheit, Wildnis, Abenteuer. Ein verlockender Gedanke, der f├╝r Ludovic bald zur Obsession wird. Denn er hat den tristen Alltag als Kundenberater in einer Pariser Eventagentur satt. Er m├Âchte die Welt sehen, solange er und seine Freundin noch ungebunden sind. Die pflichtbewusste Louise hingegen hat Zweifel und f├╝rchtet sich davor, ihren sicheren Job als Juristin in einem Finanzamt aufzugeben. Doch der immer gutgelaunte, lebensbejahende Ludovic kann sie schlie├člich von seiner Idee ├╝berzeugen und schon bald starten sie gemeinsam ihre aufregende Robinsonade.

Die verbotene Insel

Einige Monate sind bereits vergangen, von dieser gl├╝cklichen Zeit erfahren die Leser_innen allerdings nur wenig. Denn die Geschichte beginnt direkt an jenem verh├Ąngnisvollen Tag, an dem sich die beiden dazu entscheiden, einen Ausflug auf die unbewohnte Insel Stromness vor Kap Hoorn zu unternehmen. Diese diente fr├╝her als Walfangstation und steht seit geraumer Zeit unter Naturschutz, weswegen das Betreten strengstens untersagt ist. Doch die Neugierde siegt, schlie├člich gibt es neben den wildlebenden Tieren auch einen eingetrockneten See zu entdecken. Ein Eislabyrinth, das sonst nirgends auf der Welt in dieser Form existiert. F├╝r die begeisterte Bergsteigerin Louise eine verlockende Herausforderung, die sie gerne annimmt. Mit Eispickel und Steigeisen gewappnet, machen sie sich daran, den frostigen Bergkamm der S├╝dseeinsel zu erklimmen. Als sich der Himmel dunkel ├╝ber ihnen zusammenbraut und Louise mit mulmigem Gef├╝hl zur R├╝ckkehr dr├Ąngt, winkt Ludovic zun├Ąchst entnervt ab. Bald aber realisiert auch er, dass die Situation aus dem Ruder zu laufen droht. Leider zu sp├Ąt. Ein f├╝rchterliches Unwetter braut sich zusammen, weshalb das Paar gezwungen ist, die Nacht in der verfallenen Station zu verbringen. Als sie ihre Reise am n├Ąchsten Morgen fortsetzen wollen, ist ihr Schiff verschwunden und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Der Harte und die Zarte ÔÇô Ein fragw├╝rdiges Beziehungsmodell

Immer wieder betont die Autorin die physische sowie psychische Schw├Ąche ihrer Protagonistin, die sich von ihrem dominanten Freund leiten l├Ąsst. Nicht nur, dass sie der Reise lediglich ihm zu Liebe, beziehungsweise aus Angst, ihn zu verlieren zustimmt, auch zu dem waghalsigen Inselbesuch l├Ąsst sich die "Kleine", wie Louise im Buch fortw├Ąhrend genannt wird, mal wieder ├╝berreden. Die kurzen R├╝ckblenden, in denen Isabelle Autissier die Beziehung der beiden vor der Reise beschreibt, werfen zudem ein schlechtes Licht auf die inferiore Frauenfigur: "Zuerst ist Louise einfach ├╝berw├Ąltigt, dass so ein sch├Âner Mann mit ihr zusammen ist. Doch immer mehr liebt sie ihn daf├╝r, dass er ihr gibt, was sie nicht hat." Erst im Kampf ums ├ťberleben kristallisiert sich allm├Ąhlich heraus, dass sie es sein wird, die letztlich die F├╝hrung ├╝bernimmt und einen k├╝hlen Kopf bewahrt, w├Ąhrend Ludovic langsam aber sicher seinen Lebensmut verliert. Diese Kehrtwende wirkt in Anbetracht der zuvor beschriebenen Insuffizienz der Louise allerdings forciert und verliert so an Authentizit├Ąt. Schade ist auch, dass die Leser_innen nur wenig ├╝ber die Gef├╝hle der beiden zueinander erfahren. Schlie├člich liegt der Fokus des Buches darauf, was mit der Liebe geschieht, wenn wir unsere Komfortzone verlassen. Diese "Liebe" ist allerdings zu keinem Zeitpunkt wirklich fassbar, ebenso wenig die sp├Ątere Entfremdung. Zu gering scheint der Kontrast zwischen Zuneigung und Aversion.

Sieg der Urinstinkte

Detailliert und ungesch├Ânt wird hingegen der beharrsame ├ťberlebenskampf des Paares dargestellt. Um sich vor dem Hungertod zu retten, bleibt den beiden nichts anderes ├╝brig, als die verrosteten Jagdutensilien, die sich in der ehemaligen Walfangstation befinden, zur Hand zu nehmen und auf Robben- und Pinguinjagd zu gehen. Mit schweren Eisenstangen bewaffnet, machen sie sich Tag f├╝r Tag ans Werk und schon bald werden die blutigen Massaker zu ihrem Alltag. "Ludovic verpasst der Robbe einen kr├Ąftigen Schlag gegen die Brust, und Louise schl├Ągt ihr auf den Hinterkopf. An beiden Stellen sprudelt es rot hervor, und das verdutzte Tier quiekt auf." Die Brutalit├Ąt dieser realistisch beschriebenen Szenen sind abscheulich und faszinierend zugleich und spiegeln auf drastische Weise die tiefe Verzweiflung der Protagonist_innen wider. Menschlichkeit und F├╝rsorge sind hier fehl am Platz. Je l├Ąnger Louise und Ludovic der ausweglosen Situation ausgeliefert ist, desto klarer wird, dass der ├ťberlebenswille st├Ąrker ist als jede Emotion.

AVIVA-Fazit: "Herz auf Eis" ist ein spannender Psychothriller, der die verschiedenen Etappen einer Liebe in einer Extremsituation analysiert, dem es aber hier und da an Tiefgang fehlt. Die Gef├╝hlswelt der Figuren wird von dem packend dargestellten ├ťberlebenskampf ein wenig zu sehr in den Hintergrund gedr├Ąngt, wodurch es schwerf├Ąllt, sich mit ihnen zu identifizieren.

Zur Autorin: Isabelle Autissier wurde am 18. Oktober 1956 in Paris geboren. Bereits im Alter von sechs Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft f├╝r das Segeln. Als erste Frau, die allein im Rahmen einer Regatta die Welt umsegelte sorgte sie 1991 f├╝r Schlagzeilen. Seit den Neunzigerjahren widmet sie sich auch der Schriftstellerei. Ihr Roman "Herz auf Eis" war f├╝r den Prix Goncourt nominiert und wurde in zahlreiche L├Ąnder verkauft.
Weitere Informationen zu Isabelle Autissier unter: www.franceinter.fr

Zur ├ťbersetzerin: Kirsten Gleinig kam 1970 in Osterode zur Welt. Sie studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik in G├Âttingen und Aix-en-Provence und lebt als freie Lektorin und ├ťbersetzerin in Hamburg.

(Quelle: Verlagsinformation)

Isabelle Autissier
Herz auf Eis
Originaltitel: Soudain, seuls
├ťbersetzerin: Kirsten Gleinig
Mare Verlag, erschienen am 07.M├Ąrz 2017
224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Leseb├Ąndchen
ISBN 978-3-86648-256-2
22,00 Euro
www.mare.de

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