Astrid Lindgren und Louise Hartung. Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft. Herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaar - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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23.05.2018

Astrid Lindgren und Louise Hartung. Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft. Herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaar
Doris Hermanns

Bei Astrid Lindgren fallen uns allen gleich zahlreiche Kindergeschichten ein, mit denen wir aufgewachsen sind. In diesem Briefband lernen wir jedoch eine neue Seite der Autorin kennen ‚Äď die der erwachsenen Freundin. Am 14. November 2017 h√§tte sie ihren 110. Geburtstag gefeiert. In ihrem Nachwort w√ľrdigt Antje R√°vic Strubel besonders auch die gro√üe Entdeckung von Louise Hartung.



Ein Briefband, der mir sicher entgangen w√§re, wenn nicht Antje R√°vic Strubel, die das Nachwort dazu verfasst hat, bei einer Veranstaltung auf sein Erscheinen hingewiesen h√§tte. Sicher, Astrid Lindgren war mir nat√ľrlich ein Begriff und ich habe einige ihrer B√ľcher gelesen. Aber als Person h√§tte sie mich erst einmal nicht gen√ľgend interessiert, um zu diesem Briefwechsel zu greifen.

Es war der Hinweis auf Louise Hartung, deren Verliebtheit in Lindgren und der Berlin-der-Nachkriegszeit-Bezug, die mich neugierig gemacht haben. Und ‚Äď wie R√°vic Strubel schreibt: "Die gro√üe Entdeckung dieses au√üergew√∂hnlichen Briefwechsels ist Louise Hartung." Hartung, vor dem Zweiten Weltkrieg eine gefeierte S√§ngerin, die u.a. an der Urauff√ľhrung von Brechts Dreigroschenoper mitwirkte, wurde w√§hrend des Faschismus aus der Berliner Theaterkammer ausgeschlossen und hatte mehrere Jahre Auftrittsverbot. Sp√§ter wurde sie gezwungen, an Wehrmachtskonzerten mitzuwirken, versteckte jedoch in Berlin J√ľdinnen, die von der Deportation durch die Nazis bedroht waren. Nach Kriegsende arbeitete sie beim Hauptjugendamt der Stadt Berlin, wo sie vor allem f√ľr den Bereich der Lesef√∂rderung zust√§ndig war. Ihre Aufgabe bestand darin, "die Bedingungen f√ľr eine demokratische Entwicklung in Deutschland zu schaffen". Vor allem f√ľr die Jugendlichen, die w√§hrend des Nationalsozialismus aufgewachsen waren, stand jetzt vor allem die √úberwindung von Nationalismus und Antisemitismus in der Erziehung im Vordergrund, so sollte sie "gute, gesunde Literatur zwischen den Kindern und Jugendlichen ¬īpflanzen¬ī".

Hartung schrieb h√§ufig √ľber die von ihr empfohlenen B√ľcher. Und seit sie Pippi Langstrumpf gelesen hatte, das sie f√ľr das beste Buch der Welt hielt, stellte sie h√§ufig B√ľcher der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren vor, deren B√ľcher seit 1949 auch in Deutschland ver√∂ffentlicht wurden, und setzte sich unerm√ľdlich f√ľr deren Werk ein.

1953 lud Hartung die Autorin, die zu dieser Zeit noch am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere stand, nach Berlin ein, wo sie vor einer Gruppe von BibliothekarInnen und Buchh√§ndlerInnen √ľber ihr Werk sprechen sollte. Diese Begegnung war der Beginn einer innigen Freundschaft. Hier setzt der nun vorliegende Briefwechsel ein: Die beiden schrieben sich bis zu Hartungs Tod elf Jahre sp√§ter √ľber sechshundert Briefe (von denen in diesem Band eine Auswahl ver√∂ffentlicht wurde), trafen sich, wann immer es ihre Zeit erlaubte, besuchten sich und verbrachten gemeinsame Urlaube. Eine Vertrautheit zwischen ihnen war wohl von Anfang an sp√ľrbar und so fragt Hartung bereits in einem der ersten Briefe: "Es wurde mir pl√∂tzlich klar, wie wenig ich von Ihnen wei√ü, (‚Ķ) kurz, was blieb nun eigentlich √ľbrig, was mir vertraut schien? Ihre Art zu denken, Ihre Kraft zu empfinden und die Lebenserfahrungen, die sich von Ihrem Gesicht ablesen lie√üen."

Durch ihren ausgiebigen Briefwechsel lernten sie sich schnell kennen, ihr Kontakt wurde inniger, sie gingen vom "Sie" zum "Du" √ľber. Lindgren nannte Hartung Scheherezade ‚Äď und Hartung ist wirklich eine ganz wunderbare Erz√§hlerin - und Louisechen, auf liebevolle Art teilten sie ihren Alltag schriftlich miteinander. Und so ist dieser Briefwechsel ein faszinierendes Doppelportr√§t der beiden Frauen, ihre jeweiligen Arbeit und ihres Alltags. Er gibt zum einen Einblick auf das Leben in Westberlin zur Zeit des Wiederaufbaus und auf Hartungs Arbeit. Auf der anderen Seite erfahren wir von Lindgrens Alltag und ihrer zunehmenden Bekanntheit als Kinderbuchautorin.

Bereits im Jahr nach ihrem Kennenlernen lud Lindgren Hartung f√ľr ein paar Tage in ihr Landhaus nach Schweden ein, ein Wiedersehen, bei dem Hartung sich in Lindgren verliebte, die diese Liebe jedoch nicht erwidern konnte. Sie war aber immer wieder in der Lage, Hartung deutlich zu machen, wie viel ihr an ihr lag, wie sehr sie mochte und sch√§tzte. Ein wichtiger Aspekt ihrer Freundschaft, den der Verlag in seiner Ank√ľndigung nicht erw√§hnt und damit mit zur Unsichtbarkeit lesbischen Begehrens beitr√§gt.

Trotz allem teilen die beiden Frauen ihren Alltag "in Tinte". Kaum vergehen zwei drei Wochen ohne Brief. Die HerausgeberInnen Jens Andersen und Jette Glargaard erg√§nzen die Zeiten, in denen sich die beiden trafen, durch eine kurze Beschreibung, wo sie waren und was sie taten. Hartung kam es vor, als w√ľrde Lindgren immer genau die B√ľcher schreiben, die sie sich w√ľnschte: "Und die Gedanken, die Erlebniskreise, um die herum ich vorsichtig kreise, immer ein Kreis um den anderen, die triffst Du immer genau mitten ins Herz." Und sie teilen so vieles miteinander, mit so viel Lebensfreude neben aller Arbeit und Politik: von Blumen, Natur und Wein bis hin zu Literatur und Musik.
Erg√§nzt werden die Briefe durch ein Vorwort der HerausgeberInnen, in dem sie Hartungs Leben portr√§tieren, sowie einem wichtigen und einf√ľhlsamen Nachwort der Schriftstellerin Antje R√°vic Strubel, in dem sie auf ein Zitat von Louise Hartung eingeht: "Wir brauchen in der Welt viel mehr Abenteurer der Hingebung, sonst ersticken wir an der Gesch√§ftemacherei und der B√ľrokratie." Und zwei dieser Abenteurerinnen lernen wir in diesem Buch kennen.

AVIVA-Tipp: Ein wunderschön gestalteter Briefband mit zahlreichen Abbildungen, eine schöne Femmage an die beiden Frauen und ihre Freundschaft, sowie ein lebendiges Zeitbild vor allem von Berlin in den 1950er Jahren.

Astrid Lindgren
wurde am 14. November 1907 auf dem Hof N√§s in der N√§he von Vimmerby, Sm√•land, geboren. Ausbildung als Sekret√§rin. Von 1946 bis zu ihrer Pensionierung 1970 arbeitet sie in einem Verlag. Daneben schreibt sie ihre zahlreichen, mit Preisen √ľberh√§uften B√ľcher wie "Kalle Blomquist", "Ronja R√§ubertochter", "Die Kinder von Bullerb√ľ", "Pippi Langstrumpf", "Br√ľder L√∂wenherz" oder "Michel aus L√∂nneberga". 1978 erh√§lt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1994 den Alternativen Nobelpreis.
Weniger bekannt als ihre Kinderbuchklassiker sind ihre Kriegstageb√ľcher, die unter dem Titel "Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tageb√ľcher 1939-1945" im September 2015 im Ullstein Verlag erschienen.
Astrid Lindgrens B√ľcher wurden in √ľber 96 Sprachen √ľbersetzt und haben sich mehr als 150 Millionen Mal verkauft.
Astrid Lindgren starb im Alter von 94 Jahren am 28. Januar 2002.
Mehr Infos unter: www.astridlindgren.se/de
Eine Biographie von Astrid Lindgren auf FemBio: www.fembio.org

Louise Hartung (1905-1965) kam in M√ľnster als j√ľngstes von acht Kindern zur Welt. Seit Mitte der 1920er Jahre lebte sie als S√§ngerin in Berlin und traf dort K√ľnstlerInnen wie die Schauspielerin und S√§ngerin Lotte Lenya, sowie die Malerin, Organistin und Kunstsammlerin Nell Walden und die Maler Kandinsky, Chagall und Paul Klee. Sie kam in Kontakt mit Bertolt Brecht und wirkte 1928 an der Urauff√ľhrung der Dreigroschenoper mit. W√§hrend des Faschismus wurde sie aus der Berliner Theaterkammer ausgeschlossen und hatte einige Jahre Auftrittsverbot. Sp√§ter wurde sie gezwungen, an Wehrmachtskonzerten mitzuwirken, versteckte jedoch in Berlin J√ľdinnen, die von der Deportation durch die Nazis bedroht waren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Hartung in Berlin f√ľr das Hauptjugendamt, u.a. im Bereich der Lesef√∂rderung. Es war ihr ein gro√ües Anliegen, Lindgrens B√ľcher bekannt zu machen.
Eine Biographie von Louise Hartung auf FemBio: www.fembio.org

Die √úbersetzerinnen

Angelika Kutsch
, 1941 geboren, ist eine deutsche Schriftstellerin und √úbersetzerin. Kutsch schreibt Kinder- und Jugendliteratur und ist eine renommierte √úbersetzerin aus dem Schwedischen. 1975 Sonderpreis zum Deutschen Jugendbuchpreis f√ľr ihren Roman "Man kriegt nichts geschenkt". 2014 Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises f√ľr ihr √ľbersetzerisches Gesamtwerk.
Ursel Allenstein, geboren 1978, Studium der Skandinavistik, Germanistik und Anglistik in Frankfurt und Kopenhagen. Volontariat und spätere Tätigkeit in der Lizenzabteilung des Hoffmann und Campe Verlags, daneben auch im Lektorat. Seit 2004 nebenberuflich und seit Mitte 2009 ausschließlich als freie Übersetzerin aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen tätig.
Brigitte Jakobeit lebt in Hamburg und √ľbersetzt seit 1990 englischsprachige Literatur f√ľr Erwachsene und Jugendliche.

Astrid Lindgren und Louise Hartung
Ich habe auch gelebt!
Briefe einer Freundschaft

Ausgewählt und herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaard
Originaltitel: Jag har också levat!
Aus dem Schwedischen, Dänischen und Englischen von Angelika Kutsch, Ursel Allenstein und Brigitte Jakobeit
Ullstein Buchverlage, erschienen am 18. November 2016
Gebunden mit Umschlag. 592 Seiten
ISBN 978-3-550-08176-7
Euro 26,00
Mehr Infos unter: www.ullsteinbuchverlage.de

Astrid Lindgren und Louise Hartung
Ich habe auch gelebt!
Briefe einer Freundschaft

Ausgewählt und herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaard
Originaltitel: Jag har också levat!
Aus dem Schwedischen, Dänischen und Englischen von Angelika Kutsch, Ursel Allenstein und Brigitte Jakobeit
Taschenbuch, Klappenbroschur, 592 Seiten
ISBN-13 9783548289847
Ullstein Buchverlage, erscheint am 17.11.2017
Mehr Infos unter: www.ullsteinbuchverlage.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tageb√ľcher 1939-1945
Die Kriegstageb√ľcher der schwedischen Kinder- und Jugendschriftstellerin geben Auskunft dar√ľber, was sie zur Ablehnung jeglicher Gewalt und jeglichen Krieges brachte. Wir kennen sie als Erfinderin so ber√ľhmter Figuren wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Ronja R√§ubertochter und viele mehr. (2015)

Astrid Lindgren, Sara Schwardt - Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971 - 2002
Ein sprachgewandtes zw√∂lfj√§hriges M√§dchen schreibt der ber√ľhmten Astrid Lindgren, und es entspinnt sich ein faszinierender Briefwechsel. Der erste Brief der Autorin landete jedoch in der Toilette. (2015)

Astrid Lindgren. Wer ist das? Zum 10. Todestag der Schriftstellerin die erste Lindgren-Biographie f√ľr Kinder von Katrin Hahnemann Am 28. Januar 2012 j√§hrt sich Astrid Lindgrens Todestag zum 10. Mal ‚Äď unsterblich und zeitlos ihre literarischen Figuren Pippi, Ronja, Madita, Michel & Co. Ebenso unvergessen ist Astrid aus Sm√•land (2012)

100. Geburtstag Astrid Lindgren
Fleischkl√∂√üchen, Zimtschnecken und wilde Himbeeren. Kinderherzen schlagen bei den Geschichten von Pippi Langstrumpf, den Kindern aus B√ľllerb√ľ, Madita und anderen Figuren h√∂her. (2007)