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22.05.2018

Tobias Schwartz, Virginia Woolf - Bloomsbury & Freshwater
B├Ąrbel Gerdes

In "Freshwater", Virginia Woolfs einzigem Theaterst├╝ck, erweckt sie ihre Gro├čtante, die Fotografin und Exzentrikerin Julia Margaret Cameron zu neuem Leben und unterh├Ąlt uns mit einer gro├čen Eselei.



"Das St├╝ck ziemlicher Quatsch, aber ich werde mir nicht den Kopf dar├╝ber zerbrechen, wie ich als St├╝ckeschreiber[in] einen guten Eindruck machen kann." merkt Virginia Woolf am 1. Januar 1935 in ihrem Tagebuch an, um nur wenige Tage sp├Ąter ihre Pl├Ąne zur Inszenierung darzulegen: "Ich werde einen Eselskopf mieten, in dem ich den Applaus entgegennehme ÔÇô um zum Ausdruck zu bringen, Dies ist das Werk eines Esels."

Mit ├ťberlegungen zum Theaterst├╝ck, das von Anfang an f├╝r eine Auff├╝hrung im engsten Freundinnen- und Freundeskreis konzipiert war und nie die gro├če B├╝hne anstrebte, hatte Woolf bereits 1919 begonnen. Es sollte um Freshwater gehen, jenem Ort auf der Isle of Wight, auf der Julia Margaret Camerons Anwesen "Dimbola Lodge" lag. "Der alte Cameron, in einen blauen Schlafrock gekleidet, der seit 12 Jahren nicht ├╝ber die Gemarkung seines Gartens hinausgegangen ist [...], geht zum Meer hinab. Dann beschlie├čen sie, nach Ceylon zu reisen, nehmen ihre S├Ąrge mit, & das letzte, was man von Tante Julia sieht, ist, wie sie die Gep├Ącktr├Ąger auf dem Schiff mit gro├čen Photographien von Sir Henry Taylor & der Muttergottes beschenkt, mangels Kleingeld.", so Virginia Woolf in ihrem Tagebuch am 30. Januar 1919.

Julia Margaret Pattle wurde am 11.6.1815 in Kalkutta geboren. Ihr Vater arbeitete bei der East India Company. Ihre Mutter war Adeline Maria de l┬┤Etang und hatte noch f├╝nf weitere Kinder. Julia und ihre Schwestern verbrachten ihre Jugend bei ihrer franz├Âsischen Gro├čmutter in Versailles. Die Schwestern galten als charmant und sch├Ân, was Virginia Woolf in ihrem Essay ├╝ber ihre Gro├čtante zu dem Kommentar ├╝ber eine der Schwestern veranlasste: "auf der Stra├če wurde sie bel├Ąstigt, in Oden zelebriert".
1834 kehrte Julia Margaret nach Indien zur├╝ck, wo sie 1838 den zwanzig Jahre ├Ąlteren Charles Hay Cameron heiratete. Zehn Jahre sp├Ąter kehrten sie nach Gro├čbritannien zur├╝ck. Sie bekam sechs Kinder und zog f├╝nf weitere Kinder von Verwandten auf. Sie nahm ein irisches M├Ądchen zu sich, das sie bettelnd auf der Stra├če gefunden hatte. Ihr Leben drehte sich um den Haushalt und um Gesellschaften, wobei sie gleichzeitig eine vollkommene Exzentrikerin war: "In Gew├Ąndern aus wallendem roten Samt gekleidet, begleitete sie ihre Freunde bei hei├čem Sommerwetter den halben Weg zum Bahnhof und r├╝hrte, w├Ąhrend sie dahinspazierte, in einer Tasse Tee." Sie lud eine Familie, die sie auf einer F├Ąhre kennengelernt hatte zum Lunch ein, ohne ihre Namen zu kennen oder bat eine hutlose Touristin, die sie am Kliff getroffen hatte, zu sich nach Hause, um einen der ihren auszusuchen. Sie ├╝bersetzte aus dem Deutschen und schrieb Gedichte und einen Roman, um einen, so Woolf "best├Ąndigeren Ausdruck ihrer im ├ťberfluss vorhandenen Energien" zu entwickeln.

Alles ver├Ąnderte sich, als Cameron 1863 von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn eine Kamera geschenkt bekam. Ihre ersten Fotografien, die sie durch Trial and Error schoss, waren oft unscharf und schemenhaft ÔÇô das machte Cameron zu ihrem Markenzeichen, denn sie bestand darauf, dass dies Ausdruck ihres k├╝nstlerischen Stils sei. "Ihr Ziel war es, den Realismus dadurch zu ├╝berwinden, das sie den Grad der Bildsch├Ąrfe bis zur letzten Stufe verringerte." Der Kohlenkeller wurde zur Dunkelkammer, der H├╝hnerstall zum Atelier.
Cameron wurde mit ihren inszenierten Portr├Ąts und religi├Âs-literarischen Bildern zur bekanntesten Fotografin des Viktorianischen Zeitalters. Sie fotografierte Tischler und Kronprinzen, Schriftstellerinnen und das irische M├Ądchen, das sie zu sich genommen hatte und scherte sich dabei wenig um die Leiden ihrer Modelle. Stundenlang sollten sie in qu├Ąlenden Posen verharren, drapiert mit Fl├╝geln oder Umh├Ąngen oder schmerzhaften Accessoires, wie die Weltreisende Marianne North erfahren musste. "Sie lie├č mich mit dornigen Kokoszweigen, die mich in den Kopf stachen, Modell stehen ... und bat mich, dabei ganz nat├╝rlich auszusehen."

Julia Margaret Cameron starb drei Jahre, bevor Virginia Woolf geboren wurde. Obwohl sie sie also nie kennengelernt hatte, war Woolf fasziniert vom exzentrischen Leben ihrer Gro├čtante.

Zur Feier des sechzehnten Geburtstags von Angelica, Tochter von Woolfs Schwester Vanessa Bell, wurde Freshwater, die Eselei, die sich um Cameron und ihre Freundinnen und Freunde dreht, uraufgef├╝hrt. In den Rollen: einige Mitglieder der Bloomsbury Gruppe. Woolf selbst soufflierte und trug besagten Eselskopf.

Mit dem vorliegenden Buch, das vom kleinen Berliner AvivA-Verlag wieder ganz besonders ausgestattet wurde ÔÇô ein kr├Ąftiger Einband mit der schelmisch blickenden Virginia Woolf auf dem Cover, ein Stadtplan Londons, der den Vorsatz bildet, und angenehm riechendem Papier ÔÇô liegt das Theaterst├╝ck erstmals in deutscher Sprache vor.
Eingebettet ist Freshwater in das Theaterst├╝ck Bloomsbury von Tobias Schwartz, der Woolfs Text auch ├╝bersetzt hat. Der Dramatiker w├Ąhlte hierzu die Vorbereitungen zur Auff├╝hrung des St├╝ckes. W├Ąhrend die Schauspieler_innen einen scherzhaften Smalltalk f├╝hren, sucht eine BBC-Reporterin Gespr├Ąchspartner_innen. Sie m├Âchte mehr ├╝ber Bloomsbury erfahren und interviewt Leonard Woolf, Vanessa Bell, John Maynard Keynes und andere kurz vor der Premiere. Schwartz montierte f├╝r seinen Text Zitate Woolfs aus ihren Tageb├╝chern und Briefen.
Die Leserin erf├Ąhrt so sehr viel ├╝ber diese Gruppierung und lernt die Protagonist_innen kennen, doch wirkt dies oft etwas sehr bem├╝ht.
Der AvivA-Verlag hat den Band mit dem besagten Essay von Virginia Woolf, mit einem Nachwort von Klaus Reichert, Herausgeber der Werke Woolfs beim Fischer-Verlag, sowie mit einem ausf├╝hrlichen Glossar angereichert.
Freshwater ist eine kom├Âdiantische Auseinandersetzung mit den Zw├Ąngen der Woolf┬┤schen Familiengeschichte und der Viktorianischen Gesellschaft.
Hier und in ihrem 1926 geschriebenen Essay ├╝ber ihre Gro├čtante zeigt sich Woolf als die, die sie ist und als die sie viel zu wenig wahrgenommen wird: eine ├Ąu├čerst scharfsinnige und -z├╝ngige, eine ├╝beraus witzige und eine die Albernheit liebende Frau.

AVIVA-Tipp: "Freshwater, eine Farce ÔÇô ein Scherz", nannte Virginia Woolf selbst ihr St├╝ck. "Die Sp├Ą├če in Freshwater...", so Hermione Lee in ihrer verdienstvollen Woolf-Biographie, "setzen viktorianisches F├╝hlen [...] gegen die Freiheiten und die sexuelle Offenheit Bloomsburys." Ein Muss f├╝r jede Woolfianerin!

Zur Autorin: Virginia Woolf, geboren am 25. Januar 1882 in London, gestorben am 28. M├Ąrz 1941 bei Rodmell in Lewes. Nach dem Tod der Eltern bezog sie gemeinsam mit ihren Geschwistern 1905 ein Haus im Londoner Stadtteil Bloomsbury, wo sich aus Zusammenk├╝nften im Freundes- und Bekanntenkreis in den Folgejahren die legend├Ąre Bloomsbury Group entwickelte.
Woolf schrieb zun├Ąchst f├╝r verschiedene Zeitungen und unterrichtete Englische Literatur und Geschichte am Londoner Morley College. 1912 heiratete sie Leonard Woolf, mit dem sie bis zu ihrem Tod zusammenlebte. Gemeinsam gr├╝ndeten sie 1917 den Verlag The Hogarth Press. 1922 lernte sie Vita Sackville-West kennen, mit der sie sp├Ąter eine dreij├Ąhrige Liebesbeziehung und eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte.
Woolf litt ihr Leben lang an wiederkehrenden schweren Depressionen, 1941 nahm sie sich das Leben.
Woolf war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen, Kritikerinnen und feministischen Denkerinnen der Moderne. Zu ihren Werken geh├Âren "Mrs Dalloway" (1925), "Zum Leuchtturm" ("To the Lighthouse", 1927), "Orlando" (1928) und "Die Wellen" ("The Waves", 1931). Ihre feministischen Essays "Ein Zimmer f├╝r sich allein" ("A Room of One┬┤s Own", 1929) und "Drei Guineen" ("Three Guineas", 1938) wurden im Zuge der Neuen Frauenbewegung der Siebziger Jahre neu entdeckt.
Virginia Woolf Society of Great Britain:
www.virginiawoolfsociety.co.uk

Tobias Schwartz, 1976 geboren in Osnabr├╝ck, ist Schriftsteller, Dramatiker und ├ťbersetzer. 2007 ver├Âffentlichte er seinen Deb├╝t-Roman "Film B" (Satyr Verlag). Seine Theaterst├╝cke erscheinen im Per H. Lauke Verlag und wurden an verschiedenen deutschen B├╝hnen uraufgef├╝hrt und gespielt. Als freier Autor schreibt er f├╝r verschiedene Zeitungen und Magazine und publizierte mehrere Artikel ├╝ber Virginia Woolf, unter anderem in der Literarischen Welt und in der taz. (Verlagstext)

Tobias Schwartz / Virginia Woolf
Bloomsbury & Freshwater

Mit dem Essay "Julia Margaret Cameron" von Virginia Woolf und einem Nachwort von Klaus Reichert.
AvivA-Verlag, erschienen im September 2017
Gebunden, 144 Seiten
ISBN 978-3-932338-92-2
18.00 Euro
www.aviva-verlag.de

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