Lenka HorŇą√°kov√°-Civade - Das wei√üe Feld - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Romane + Belletristik
22.05.2018

Lenka HorŇą√°kov√°-Civade - Das wei√üe Feld
Kristina Tencic

Wie die politischen Umst√§nde die Geschicke einer Familie √ľber Generationen hinweg bestimmen, das ist der Ausgangspunkt der Frauen-Familiensaga der 1971 in der Tschechoslowakei geborenen und in S√ľdfrankreich lebenden Malerin und Schriftstellerin Lenka HorŇą√°kov√°-Civade. Denn w√§ren all diese Frauen...



... nicht im 20. sondern im 21. Jahrhundert geboren, so wäre ihnen wohl viel Spott und Widrigkeit erspart geblieben - allen Generationen ist nämlich die unfreiwillige Tradition gemein, uneheliche Kinder zur Welt gebracht zu haben.

"Es ist mir egal, dass ich den Mädchennamen meiner Mutter, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter trage. Darauf bin ich sogar stolz. Aber draußen in der Welt, da wiegt ein weißes Feld in der Geburtsurkunde schwer."

Mit Marie nimmt alles seinen Anfang. Sie lebt mit ihrer unehelichen Tochter als Arzthelferin in Wien, doch als die Hauptstadt des bereits 1918 untergegangenen Kaiserreichs zwischen den Weltkriegen braun wird, flieht sie nach M√§hren in der Tschechoslowakei. Ihre einzigen Gaben, die ihr √úberleben sichern, sind ihre umfassenden Kenntnisse als Geburtshelferin und ihr Sticktalent, die sie dem Unmut der D√∂rfler_innen √ľber eine alleinerziehende uneheliche Frau als friedliche Waffen entgegensetzt. Ihre Tochter Magdalena verliebt sich in den Sohn des Gro√ügrundbesitzers f√ľr den sie als Magd arbeitet und gebiert ohne sein Wissen ein Kind von ihm. Der Sozialismus h√§lt Einzug in die tschechischen Gebiete und vertreibt die Familie der Wohlhabenden. Ihre Tochter Libusa hat es als abermals au√üereheliches Kind auch nicht einfach in dieser neuen Gesellschaftskonstellation, in der die Gleichheit und die Gemeinschaft das Individuum zu ersticken sucht. Inmitten der politischen Wirren des Prager Fr√ľhlings verbindet sie sich mit einem Soldaten, woraus die Tochter Eva hervorgeht. Auch sie erf√§hrt als uneheliches Kind und zudem als Linksh√§nderin die Grausamkeit der Gesellschaft mit ihren Umerziehungsma√ünahmen.

AVIVA-Tipp: Zugegeben, die Fruchtbarkeit dieses Familienclans grenzt fast ans Unm√∂gliche, in der alle Frauen beim ersten Sexualkontakt schwanger werden, aber Lenka HorŇą√°kov√°-Civade erz√§hlt ihre Geschichte mit einer solchen Hingabe und tiefem Verst√§ndnis f√ľr ihre Charaktere, dass frau an ihren schreibenden Lippen h√§ngt und immer mehr √ľber diese starken Frauenfiguren und die historischen Hintergr√ľnde Tschechiens erfahren m√∂chte.

Zur Autorin: Lenka HorŇą√°kov√°-Civade wurde 1971 in der Tschechoslowakei in der Provinz M√§hren geboren und wanderte 1991 nach Frankreich aus. Sie studierte an der Sorbonne √Ėkonomie und Philosophie. Heute lebt sie als Malerin und Schriftstellerin in S√ľdfrankreich. Das wei√üe Feld ist ihr erster in franz√∂sischer Sprache geschriebener Roman.

Lenka Hornakova-Civade
Das weiße Feld

Originaltitel: Giboulées de Soleil
Aus dem Französischen von Hanna van Laak
Originalverlag: Alma Editeur
Blessing Verlag, 11.09.2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten
ISBN: 978-3-89667-582-8
20,00 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jenseits der weissen Linie ein Roman von Dragana Oberst
Bescheidene 100 Seiten braucht die in S√ľdjugoslawien aufgewachsene Debutautorin zur Niederschrift ihrer Kindheitserinnerungen, doch f√ľr eine starke, eindringlich erz√§hlte Geschichte bedarf es auch nur einiger weniger treffender Worte, deren Gebrauch sie vielleicht bei ihrer Gro√ümutter erlernt hat. (2015)

Die undankbare Fremde von Irena BreŇĺn√°
Das neue Buch der slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin erz√§hlt die Geschichte der Folgen einer Emigration. Durch Sprachkunstst√ľcke und Wortverwandlungen verschieben sich die Relationen, sodass auch der Fokus der LeserInnen sich verschiebt, und zwar von einer Frau, der vorgeworfen wird, eine undankbare Fremde zu sein, hin zur Auseinandersetzung dieser mit einem undankbaren fremden Land. (2012)

Die Reise der Seele von Marie Metrailler
Die in kargen Verh√§ltnissen aufgewachsene B√§uerin Marie Metrailler fl√ľchtet bereits als Kind in B√ľcher und Erz√§hlungen. Obgleich sie ihr Leben lang in ihrem Heimatdorf bleibt, gelingt es ihrdas unabh√§ngiges Leben einer Intellektuellen zu f√ľhren. In dem Roman unterh√§lt sie sich mit der Herausgeberin √ľber ihr Leben, ihre Heimat, Spiritualit√§t und den Tod. (2008)