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21.06.2018

Olivia Rosenthal - √úberlebensmechanismen in feindlicher Umgebung
Bärbel Gerdes

Eine feindliche Umgebung voller Unsicherheiten, D√ľsternisse und Bedrohungen pr√§sentiert die franz√∂sische Schriftstellerin Olivia Rosenthal ("Wir sind nicht da, um zu verschwinden") in ihrem neuen Roman. Verlust, Schuld, Angst sind die Themen in diesem spannungsgeladenen Werk, das alptraumhafte Szenerien mit gro√üer Brillanz f√ľhlbar macht.



Der britische Dichter John Keats schrieb in der Zeit der Romantik von der "Negative[n] Bef√§higung, d.h. wenn jemand f√§hig ist, das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgr√ľnden." Genau diese F√§higkeit fordert Olivia Rosenthal der Leserin in ihrem Roman ab, denn √ľber weite Strecken bewegen wir uns in einem weder zeitlich noch lokal verortbaren Raum.

Die Ich-Erz√§hlerin befindet sich auf der Flucht. Sie muss sich verstecken und l√§sst eine Frau an einer Stra√üe hinter einer struppigen Hecke zur√ľck. "Ich sagte Ich verlasse dich. Ich sagte Ich kann nicht anders. Ich sagte Wir w√§ren beide gestorben. Ich sagte Es ist besser, wenn eine von beiden √ľberlebt."

Die Leserin wird vollkommen im Unklaren dar√ľber gelassen, wovor die Erz√§hlerin flieht. Nur die gro√üe Angst vor der Entdeckung wird deutlich, die Angst vor einer Gruppe, die auftauchen und sie finden k√∂nnte. Nicht weniger be√§ngstigend jedoch die Angst, niemals wieder gefunden zu werden.
Dazwischen, kursiv abgesetzt, Berichte √ľber Nahtoderfahrungen, √ľber den "kritischen Moment des √úbergangs vom Leben zum Tod".

Pl√∂tzlich befindet sich die Icherz√§hlerin in einem Haus, das sie putzt, in dem sie alles ordnet, um zu bemerken, ob jemand das Haus betritt. Kr√ľmel und leicht verschobene Gegenst√§nde werden zur unsichtbaren Bedrohung und erinnern fast an die furchtbaren "Hausbesuche", die Herta M√ľller in ihren Romanen beschreibt: die Verunsicherung als Folterinstrument.

Olivia Rosenthal, die bisher rund zehn Romane schrieb, von denen viele mit Preisen ausgezeichnet wurden, vermag mit ihrer stilistischen Direktheit und Unmittelbarkeit die Leserin in einer permanenten Spannung zu halten und dies, obgleich vollkommen unklar ist, worum es denn eigentlich geht. Alptraumhaft und bedrohlich sind alle von ihr entworfenen Szenerien.

Der vorliegende ist der zweite Roman der Autorin, der in diesem Jahr in Deutschland erscheint. Bereits im August ver√∂ffentlichte der Ulrike Helmer Verlag "Wir sind nicht da, um zu verschwinden", in dem es um die Frage geht, was uns mit der Welt verbindet, wenn wir Verlust erleiden. F√ľr diesen Titel erhielt Rosenthal 2007 den Prix Wepler der Fondation La Poste.
Die Dramatikerin und Performerin ist zugleich Literaturdozentin an der Universit√© Paris. Dort gr√ľndete sie 2013 und leitet seitdem einen Master-Studien-gang f√ľr literarisches Schaffen (cr√©ation litt√©raire).

AVIVA-Tipp: Gemeinsam mit der Protagonistin begibt sich die Leserin auf unsicheres Terrain in einer alptraumhaften Welt.

Zur Autorin: Olivia Rosenthal, Romanautorin, Dramatikerin, Performerin und Literaturdozentin, wurde 1965 in Paris geboren. Sie hat zahlreiche Romane geschrieben, darunter On n¬īest pas l√† pour dispara√ģtre, 2007 (dt.: "Wir sind nicht da, um zu verschwinden", 2017), f√ľr den sie 2007 den Prix Wepler gewann. Que font les rennes apr√®s No√ęl?, 2011 ausgezeichnet mit dem Prix Alexandre-Vialatte und dem Prix du Livre Inter. Zudem schreibt sie H√∂rspiele und Theatertexte. Seit 2013 leitet sie gemeinsam mit Lionel Ruffel und Vincent Message den ersten Masterstudiengang f√ľr Kreatives Schreiben in Frankreich, (cr√©ation litt√©raire) an der Universit√§t Paris.
Olivia Rosenthal lebt in Paris.

Zur Übersetzerin: Nicola Denis, 1972 in Celle geboren, studierte in Köln Germanistik, Kunstgeschichte und Romanistik. 2001 Promotion mit einer Arbeit zur Übersetzungsgeschichte ("Tartuffe in Deutschland", 2002).
Seit 2002 arbeitet Denis hauptberuflich als Literatur√ľbersetzerin. Sie √ľbersetzte u.a. Alexandre Dumas, Pierre Mac Orlan und Philippe Muray. Nicola Denis lebt in Westfrankreich.

Olivia Rosenthal
√úberlebensmechanismen in feindlicher Umgebung

Originaltitel: Mécanismes de survie en milieu hostile, 2014
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Verlag Matthes & Seitz, erschienen 2017
Hardcover, 192 Seiten
20,00 Euro
ISBN: 978-3-95757-479-4
www.matthes.seitz-berlin.de

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