DIE SPUR (OT: POKOT). Kinostart: 4. Januar 2018. Regie Agnieszka Holland. Co-Regisseurin: Kasia Adamik. Nach dem Roman Der Gesang der FledermĂ€use von Olga Tokarczuk. Kamera Jolanta Dylewska - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Kultur > Kino
23.06.2018

DIE SPUR (OT: POKOT). Kinostart: 4. Januar 2018. Regie Agnieszka Holland. Co-Regisseurin: Kasia Adamik. Nach dem Roman Der Gesang der FledermÀuse von Olga Tokarczuk. Kamera Jolanta Dylewska
Sharon Adler

DIE SPUR (OT: POKOT) zeichnet ein Vexierbild der patriarchalen polnischen Gesellschaft der Gegenwart. Agnieszka Hollands wagemutiger Genremix aus skurriler und mysteriöser Detektivstory, spannendem Ökothriller und politisch-feministischem MĂ€rchen wurde auf der 67. BERLINALE mit dem Alfred Bauer Preis ausgezeichnet. Im Fokus der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland ("Hitlerjunge Salomon", "IN DARKNESS – EINE WAHRE GESCHICHTE", "House of Cards", "Treme") steht die streitbare und exzentrische Duszejko, eine pensionierte BrĂŒckenbauingenieurin und TierschĂŒtzerin, die zurĂŒckgezogen in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze lebt. AVIVA verlost 3x2 Kinofreikarten



Duszejko lebt selbstgewĂ€hlt abgeschieden in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Sie ist leidenschaftlich, charismatisch, exzentrisch, eine leidenschaftliche Astrologin, Verfechterin fĂŒr die Rechte der Tiere und Vegetarierin. Eins mit sich und der wunderschönen wilden Natur, die sie unmittelbar umgibt. Ausgerechnet hier ist ein begehrtes, ein den JĂ€gern offiziell zugestandenes Jagdrevier. Eines Tages sind Duszejkos geliebte HĂŒndinnen Lea und Bialka verschwunden, ihre "einzigen Freundinnen, ihre Familie". Trotz intensiver Suche in den WĂ€ldern und im Dorf bleiben die Tiere unauffindbar. In ihre Suche bindet die pensionierte BrĂŒckenbauingenieurin Duszejko auch ihre Schulklasse ein, mit der sie nachts durch die WĂ€lder zieht. Duszejko nĂ€mlich arbeitet jetzt als Englisch-Lehrerin und wird nun fĂŒr ihr Verhalten getadelt, muss sich sagen lassen, eine Frau "in ihrem Alter und in ihrer Position" solle "vorsichtig sein". Es wird im Verlauf des Films nicht die einzige Szene sein, in der Duszejko sich verteidigen muss, verteidigen gegen die Ignoranz und das herablassende Gehabe der Polizei, oder der JĂ€ger, gegen die Obrigkeiten insgesamt.

Die renommierte Filmemacherin Agnieszka Holland kennt das aus eigener Erfahrung. Ihre Biographie ist geprĂ€gt von Ausgrenzung und Verfolgung, vom Selbstmord des Vaters, Henryk Holland, der 1961 bei einem Verhör durch den polnischen Staatssicherheitsdienst auf bis heute nicht geklĂ€rte Weise ums Leben gekommen war, und einer katholischen Mutter, der WiderstandskĂ€mpferin Irena Rybczynska Holland, die im Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung kĂ€mpfte. Agnieszka Hollands Großeltern vĂ€terlicherseits wurden in Auschwitz ermordet.
Seit vielen Jahren Ă€ußert und engagiert sich Holland privat, öffentlich, und in ihren Filmen gegen Antisemitismus und Nationalismus, unterstĂŒtzt im erzkonservativen Polen ihre lesbische Tochter, die Regisseurin Katarzyna (Kasia) Adamik, die auch als Co-Regisseurin an diesem Film mitarbeitete.

Auch in Agnieszka Hollands neuem Film "DIE SPUR" decken sich die jeweils Machthabenden gegenseitig, missbrauchen ihre Macht. Involviert sind vom BĂŒrgermeister bis zum Polizeibeamten alle, die in dieser traumhaft schönen, aber unwirtlichen Gegend das Sagen haben. So findet auch ihr neuer Film immer wieder Hinweise an die Kollaboration der Polen mit den Nazis, aber ebenso auch mit dem Widerstand an die Gegebenheiten.

Hollands Protagonistin Duszejko, die niemals ein Blatt vor den Mund nimmt, entdeckt wenig spĂ€ter in einer verschneiten Winternacht ihren toten Nachbarn und bei dessen Leiche eine HirschfĂ€hrte. Nach und nach sterben weitere MĂ€nner auf mysteriöse und brutale Weise. Alle hatten ihren festen Platz in der dörflichen Gemeinschaft, alle sind passionierte JĂ€ger. Haben wie in George Orwells prophetischen Roman "Animal Farm" wilde Tiere die MĂ€nner auf dem Gewissen und ĂŒben die gerechte Rache? Oder steckt doch ein Mensch hinter dem blutigen Rachefeldzug? Schon bald fĂ€llt der Verdacht auf Duszejko selbst, die nun ihrerseits die Verfolgung aufnimmt ...

Nach ihrem Ausflug in die Welt der Serien ("House of Cards", "Treme") meldet sich Agnieszka Holland mit diesem vieldeutigen Krimi, einem metaphorisch ĂŒberbordenden Feuerwerk immer neuer Themen, auf der großen Leinwand zurĂŒck. "DIE SPUR" spielt in einer Landschaft mit wechselnden Jahreszeiten, deren wilde Schönheit jedoch nicht ĂŒber Korruption, Grausamkeit und Dummheit ihrer Bewohner*innen hinwegtĂ€uscht. Denn der Film bildet die RealitĂ€t der polnischen Provinz bis auf das allerkleinste blutigste Detail so authentisch ab wie den Anarchismus seiner kĂ€mpferischen Heldin.

Der wagemutige, kreative Genremix aus komischer Detektivstory, spannendem Ökothriller und feministischem MĂ€rchen feierte im Wettbewerb der 67. BERLINALE seine Weltpremiere und wurde dort mit dem Alfred Bauer Preis ausgezeichnet. ErwĂ€hnenswert ist auch die Arbeit der Kamerafrau Jolanta Dylewska, die unsagbar schöne und Ă€sthetische Bilder von in ein reines Blau getonten Naturaufnahmen schuf. Schmerzhaft unterbrochen werden diese stillen Schönheiten von dem Sound der knallharten Gewehrsalven, die auf sanfte Rehaugen abzielen und diese fĂŒr immer vernichten.
Der Cast, allem voran Hauptdarstellerin Agnieszka Mandat, fĂŒllt ihre intensiven Rollen bis in die kleinsten Bewegungen und Regungen großartig aus.

AVIVA-Tipp: Agnieszka Holland ist mit "DIE SPUR" ein rasanter Regiestreich gelungen. Furchtlos mixt sie unterschiedlichste Themen wie Tierschutz, die (Nicht-)Wahrnehmung Ă€lterer Frauen, die unsĂ€gliche politische Situation in Polen, sexuelle Übergriffe, erzwungene Prostitution, und nicht zuletzt die allgegenwĂ€rtige Macht der katholischen Kirche, und schafft damit einen Film, dessen Botschaft allgemeingĂŒltig ist. Absolut sehenswert.

Zur Regisseurin: Agnieszka Holland, geboren am 28. November 1948 in Warschau als Tochter eines jĂŒdischen Vaters (dem Journalisten Henryk Holland, der 1961 bei einem Verhör durch den polnischen Staatssicherheitsdienst auf bis heute nicht geklĂ€rte Weise ums Leben gekommen war) und einer katholischen Mutter (der WiderstandskĂ€mpferin Irena Rybczynska Holland, die im Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung kĂ€mpfte). Ihre Großeltern vĂ€terlicherseits wurden in Auschwitz ermordet.
Agnieszka Holland studierte Filmregie an der Prager FilmfakultĂ€t und begann ihre Karriere als Regieassistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda, fĂŒr den sie auch DrehbĂŒcher schrieb, u.a. zu "Eine Liebe in Deutschland" (BR Deutschland / Frankreich 1983). Produzent dieses Films war Artur Brauner, der 1989/90 auch "Hitlerjunge Salomon" produziert hatte. Der Film unter der Regie von Agnieszka Holland war – gegen den Beschluss der deutschen Jury (!) fĂŒr den OscarÂź nominiert. Regie fĂŒhrte Agnieszka Holland auch bei "IN DARKNESS – EINE WAHRE GESCHICHTE" (Polen, Kanada, Deutschland 2010) ĂŒber den polnischen Kleinganoven Leopold Socha, der unter Einsatz seines eigenen Lebens und das seiner Familie wĂ€hrend des 2. Weltkriegs jĂŒdische FlĂŒchtlinge ĂŒber viele Monate in der Kanalisation von Lvov versteckte. Agnieszka Holland inszenierte u.a. zwei Episoden der Netflix-Serie "House of Cards" und erarbeitete die Buchvorlage fĂŒr "La Amiga – Die Freundin" (1987/88) fĂŒr die Regisseurin Jeanine Meerapfel, außerdem fĂŒhrte sie Regie bei den TV-Serien "The Wire" und "Cold Case".

Offen wendet sie sich auch gegen die Ungleichbehandlung von Regisseurinnen im Filmbusiness, prangert diesen Missstand offen an.
DIE SPUR (OT Pokot) von Agnieszka Holland wurde mit dem Silbernen BĂ€ren Alfred-Bauer-Preis, Berlinale 2017 ausgezeichnet und war Polens Kandidat fĂŒr den OSCAR als Bester nicht englischsprachiger Film 2018.

Mehr Infos zu Agnieszka Holland unter: www.imdb.com

DIE SPUR (OT: POKOT)
Regie: Agnieszka Holland in Zusammenarbeit mit Kasia Adamik
Buch: Olga Tokarczuk, Agnieszka Holland, nach dem Roman "Der Gesang der FledermÀuse" von Olga Tokarczuk
Polen / Deutschland / Tschechische Republik / Schweden / Slowakische Republik 2017
Darsteller*innen:
Agnieszka Mandat (Duszejko – Einsiedlerin und Englischlehrerin)
Wiktor Zborowski (Matoga – Der Nachbar der ein Geheimnis hat)
Miroslav Krobot (Boros – Der tschechische Insektenkundler)
Jakub GierszaƂ (Dyzio – Der junge Computerfreak)
Patricia Volny (Dobra Nowina/Good News – Eine junge Frau die Hilfe braucht)
Borys Szyc (Wnętrzak – Der JagdpĂ€chter)
Stab:
Kamera: Jolanta Dylewska, RafaƂ Paradowski
Stills Robert PaƂka
Schnitt Pavel Hrdlička
Musik Antoni Komasa-Ɓazarkiewicz
Sound Design Mattias Eklund
Ton Andrzej Lewandowski, Mattias Eklund
Production Design Joanna Macha
KostĂŒm Katarzyna LewiƄska
Maske Janusz Kaleja Casting, Weronika MigoƄ
Production Manager Andrzej Besztak
Produzenten Krzysztof Zanussi, Janusz WąchaƂa. AusfĂŒhrender Produzent Janusz WąchaƂa. Co-Produzent*innen Johannes Rexin, Pavla JanouĆĄkovĂĄ KubečkovĂĄ, TomĂĄĆĄ HrubĂœ, Fredrik Zander, Jakub Viktorin
Co-Produktion Heimatfilm, Köln, Nutprodukce, Prag Chimney, Stockholm, Nutprodukcia, Bratislava
Kinostart: 4. Januar 2018 im Verleih von FilmKinoText
Mehr Infos und der Trailer unter:
www.diespur-derfilm.de


AVIVA-Berlin verlost 3x2 Kinofreikarten. Bitte senden Sie uns dazu eine Beschreibung des letzten Bilds aus dem Trailer zu "DIE SPUR (OT: POKOT)" und senden uns Ihre Antwort mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 12.01.2018 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de