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26.05.2018

Margaret Atwood - Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays
Doris Hermanns

War Margaret Atwood bislang im deutschsprachigen Raum vor allem f├╝r ihre Romane bekannt, so liegen jetzt erstmals auch Sachtexte von ihr in Buchform vor. Es sind Gelegenheitstexte, die ganz nebenbei auch einen Blick auf ihr Leben werfen.



Es ist vermutlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Margaret Atwood im Oktober 2017 zu verdanken, dass dieser Band, der im Original bereits 2005 erschien, jetzt auch endlich auf Deutsch vorliegt. Und welch wunderbares Buch dies ist! Hierin sind Gelegenheitswerke der Autorin ab etwa 1970 gesammelt, also Texte, die zu bestimmten Anl├Ąssen verfasst wurden. Diese reichen von Rezensionen und Reden ├╝ber journalistische Arbeiten und Nachrufe bis hin zu Vor- und Nachworte von B├╝chern anderer AutorInnen und sind eine Art Entdeckungsreise durch all das, womit sich Atwood seit Jahrzehnten besch├Ąftigt.

Und der Titel trifft es genau: die Leidenschaft von Margaret Atwood f├╝r das Lesen und Schreiben, die aus all ihren Texten spricht, und die Neugierde, die sie als ihre grunds├Ątzliche Einstellung beschreibt.

Unterteilt in drei Teile wird nicht nur ihr pers├Ânlicher Werdegang als Schriftstellerin deutlich, sondern auch die Ver├Ąnderungen in der Welt, in der wir leben. So schreibt sie im ersten Teil z. B. ├╝ber eine ihrer fr├╝hen Lesungen als noch eher unbekannte Autorin in einem weit abgelegenen verschneiten Dorf an einer Highschool, aber auch immer wieder ├╝ber ihre Aufenthalte in anderen L├Ąndern und an was sie zu dieser Zeit gearbeitet hat. Aber auch ├╝ber ihr jahrelanges Leben auf einer Farm mit ihrem Partner Graeme Gibson. Und es wird deutlich, wie sehr all ihre Lebenserfahrungen mit in ihre Literatur eingeflossen sind. Galt Umweltschutz fr├╝her noch als "Au├čenseiterposition einer Verr├╝ckten", wie sie schreibt, erf├Ąhrt er inzwischen gro├če Aufmerksamkeit. Auff├Ąllig ist, dass ihr heute bekanntestes Buch - Der Report der Magd - ein sehr fr├╝hes Werk von ihr ÔÇô es erschien im Original bereits 1985 ÔÇô sich heute noch aktueller als damals liest.

W├Ąhrend im zweiten Teil Texte aus den 1990er Jahren versammelt sind, einer Flautephase, wie sie es nennt, schreibt sie im dritten wieder mehr ├╝ber politische Themen, denn die Weltlage hatte sich nach den Anschl├Ągen 2001 grundlegend ver├Ąndert.

Es ist wohl ihr pers├Ânlichstes Buch: In vielen dieser Texte schreibt sie in ihrer wunderbaren humorvollen Art auch ├╝ber ihre eigenen Leseerfahrungen, ihre gro├če Belesenheit wird deutlich, ebenso wie Bez├╝ge zu anderen Autorinnen und Autoren, wie z. B. Ursula K. Le Guin und George Orwell. Aus anderen Texten geht hervor, warum sie ├╝ber bestimmte Themen geschrieben hat bzw. wie einige ihrer B├╝cher entstanden sind. Aber sie schreibt nicht nur ├╝ber Science Fiction, sondern auch ├╝ber Autorinnen wie z. B. die britische Autorin Angela Carter und die kanadische Schriftstellerin Carol Shields. Spannend ist auch ihr Blick auf das Kinderbuch Anne auf Green Gables, in dem sie anders als sonst ├╝blich einen genaueren Blick auf Marilla Cuthbert, Annes Pflegmutter, wirft. Sehr lesenswert sind aber auch ihre Rezensionen wie die des fr├╝hen Lyrikbandes Diving Into the Wreck der gro├čartigen (und im deutschsprachigen Raum leider viel zu unbekannten) US-amerikanischen Dichterin Adrienne Rich. Atwood er├Âffnet mit jedem Text neue Welten und macht somit neugierig auf diese.

Die Auseinandersetzung und ihre Verbundenheit mit dem Feminismus durchzieht den ganzen Band, ohne jedoch in trockene Theorie auszuarten. So beschreibt sie z. B. in einem Vortrag die Schwierigkeiten, ├╝ber b├Âse Frauen zu schreiben. Vieles erfahren wir ganz galant und wie nebenbei, wie z. B. dass Frauen in der kanadischen Literatur eine relative Vormachtstellung haben und wie diese entstanden ist, was sie in einem Nachwort zu dem Klassiker Roughing It in the Bush von Susanna Moodie, von dem es bislang leider noch keine deutschsprachige ├ťbersetzung gibt, erkl├Ąrt.

Eine Zeitreise einer Autorin von ihren Anf├Ąngen bis hin zu einer der weltweit wichtigsten AutorInnen ├╝berhaupt ÔÇô die meiner Meinung nach schon l├Ąngst den Nobelpreis f├╝r Literatur verdient h├Ątte.

AVIVA-Tipp: Ein Buch f├╝r sowohl diejenigen, die Atwood schon lange lesen und sch├Ątzen, da es viel Hintergrund zu ihr als Person als auch zu einigen ihrer B├╝cher gibt. F├╝r diejenigen, die noch nichts von ihr gelesen haben, ist es ein guter Einstieg, um ihre Themen und ihre humoristische Art kennenzulernen. F├╝r alle ein Buch, das neugierig macht, nicht nur auf die erw├Ąhnten B├╝cher von Atwood selber, sondern auch auf die, ├╝ber die sie geschrieben hat.

Zur Autorin: Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, geh├Ârt zu den bedeutendsten Erz├Ąhlerinnen unserer Zeit, ver├Âffentlichte bisher ├╝ber 40 B├╝cher, darunter "Der Report der Magd", das Kultbuch einer ganzen Generation. Daneben hat die mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete Schriftstellerin, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize und dem Nelly-Sachs-Preis, auch als Cartoonistin, Illustratorin, Librettistin, Dramatikerin und Puppenspielerin gearbeitet. Weitere Auszeichnungen (2017): Ivan Sandrof Award for Lifetime Achievement, St. Louis Literary Award, Carl Sandburg Literary Award, Peace Prize, Franz Kafka International Literary Prize, und PEN Center USA Lifetime Achievement Award. Ihr Werk ist inspiriert von M├Ąrchen, Mythen, Umwelt- und Zukunftsfragen. Margaret Atwood lebt in Toronto.
Mehr zu Margaret Atwood auf ihrer Website unter:
www.margaretatwood.ca

Zu den ├ťbersetzerinnen:

Christiane Buchner
, literarische ├ťbersetzerin. Studium der F├Ącher Amerikanistik, Deutsch als Fremdsprache und Modern Dance (M.A.) sowie Aufbaustudium Literarische ├ťbersetzung in M├╝nchen und St. Louis. Seit 1990 freiberufliche literarische ├ťbersetzerin, 1995 ÔÇô 2000 auch K├╝nstleragentin und Pressefrau. Leiterin von Fortbildungsseminaren f├╝r die Verb├Ąnde der Literatur├╝bersetzer und der Fach├╝bersetzer. Seit 2000 Lehrbeauftragte f├╝r Literarische ├ťbersetzung an der LMU M├╝nchen.
Claudia Max studierte an der Heinrich-Heine-Universit├Ąt D├╝sseldorf Literatur├╝bersetzen mit dem Schwerpunkt Anglistik/Amerikanistik. Seit 2008 ist sie freiberufliche Literatur├╝bersetzerin. Sie lebt in Berlin und arbeitet ├╝berall.
Ina Pfitzner, ├╝bersetzt seit fast drei├čig Jahren f├╝r verschiedene Einrichtungen, Verlage und Zeitschriften in den Bereichen Literatur, Kunst und Wissenschaft. Sie hat an der Humboldt-Universit├Ąt zu Berlin Diplom-Sprachmittler Englisch und Franz├Âsisch studiert und in den USA in Franz├Âsischer und Vergleichender Literaturwissenschaft zum ├ťbersetzen und Exil promoviert. Sie unterrichtet Englisch f├╝r Sozialarbeit, fr├╝her auch Franz├Âsisch und Deutsch als Fremdsprache. Seit 2010 schreibt sie f├╝r die Zeitschrift B├╝cher eine Kolumne zum ├ťbersetzen mit dem Titel "Botschaft aus Babel" und leitet das monatliche "├ťbersetzerstudio" in Berlin.

Margaret Atwood
Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays

Originaltitel: Curious Pursuits
Aus dem Englischen von Christiane Buchner, Claudia Max und Ina Pfitzner
Berlin Verlag, erschienen 13.10.2017
Gebunden mit Schutzumschlag. 480 Seiten
ISBN 978-3-8270-0666-0
Euro 28,00
Zum Buch:
www.piper.de

Die Biografie von Margaret Atwood auf FemBio:
www.fembio.org

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