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21.05.2018

Wir töten Stella - ein Film von Julian Pölsler nach der gleichnamigen Romanvorlage von Marlen Haushofer (Die Wand) mit Martina Gedeck und Mala Emde. Kinostart: 18. Januar 2018
Tina Schreck

PassivitÀt und unertrÀgliche Empathielosigkeit - die wohl prÀgnantesten MissstÀnde unserer modernen Gesellschaft, dargestellt in einer ruhigen, fast banal wirkenden Umgebung, die das sich anbahnende Drama zunÀchst nicht vermuten lÀsst.



Ein Jungvogel fĂ€llt aus seinem Nest und kĂ€mpft ums Überleben. UngerĂŒhrt beobachtet Anna (Martina Gedeck) die Szene, ohne einzugreifen. Nein, sie wird ihm nicht helfen. Genauso wenig hat sie Stella (Mala Emde) geholfen und die ist jetzt tot. In zwei schlaflosen Tagen und NĂ€chten will Anna nun ihre Lebensbeichte zu Papier bringen, um so ihre Mitschuld am Tod der jungen Frau aufzuarbeiten.

TrĂŒgerische Idylle

Die 19-jĂ€hrige Stella soll zehn Monate ihres Studiums in Wien verbringen. Leben wird sie bei Anna, ihrem Mann Richard und deren beiden Kindern Wolfgang und Anette. Eine makellose Fassade ihrer heilen Welt bedeutet alles fĂŒr die gutbĂŒrgerlichen Eltern, auch wenn es darunter gewaltig bröckelt. Diese Art der Familienkonstellation erinnert stark an das Haneke-Modell: Indifferente Menschen, die durch ihren Hang zur PassivitĂ€t und zur totalen Emotionslosigkeit Tragödien heraufbeschwören, einzig und allein, um den guten Schein zu wahren. So ist auch das verstörende Verhalten des pubertierenden Sohnes Wolfgang an Filme wie "Bennys Video" oder "Happy End" angelehnt. Denn auch er filmt gerne die drastischen AbgrĂŒnde seiner Angehörigen, ohne auch nur einen Funken Empathie zu empfinden.

Die Verwandlung

Der unerfahrenen und komplexbeladenen Stella mangelt es an Selbstbewusstsein. Anna ist es schlussendlich, die ihr durch den Kauf eines figurbetonten roten Kleides ihre Weiblichkeit und sexuelle Wirkung vor Augen fĂŒhrt. Mit monotoner Stimme erzĂ€hlt sie den Zuschauer_innen rĂŒckblickend die Geschichte des gutglĂ€ubigen MĂ€dchens. Distanziert, dennoch schuldbewusst nimmt sie Stellung zu den Ereignissen, die unweigerlich zum Tod der jungen Studentin fĂŒhrten. Die Ă€ußerliche Verwandlung zieht die Aufmerksamkeit ihres ohnehin untreuen Gatten auf die junge Frau, die sich ihm aus einer Mischung aus Angst und Faszination fĂŒgt. Anna ahnt den Betrug, doch anstatt zu intervenieren, beobachtet sie stillschweigend, stets die Contenance wahrend, Stellas Leid.
Die Dialoge im Film sind rar, viel zu wenig haben sich die fungierenden Figuren einander mitzuteilen. Hauptaugenmerk liegt demnach auf dem Monolog Annas, der sich textgetreu am gleichnamigen Roman der oberösterreichischen Ausnahmeautorin Marlen Haushofer orientiert.

Eiskaltes KalkĂŒl

Martina Gedeck, bekannt fĂŒr ihr perfektes Minenspiel, brilliert in der Rolle der Schein wahrenden Ehefrau, die durch ihr Nichteinschreiten zum Todesengel mutiert. Lethargisch ergibt sie sich ihrem Schicksal: "Die monströse Mischung von Engelsgesicht und Teufelsfratze war mir so vertraut geworden, dass jedes reine, unbefleckte Bild nur mein tiefstes Misstrauen zu wecken vermochte." Die Kraft, sich aus dieser Misere zu befreien, findet sie allerdings nicht. Vielmehr ist die Rede von gĂŒtigen Mördern, mutigen Feiglingen oder treuen VerrĂ€tern, die sie desillusioniert zu haben scheint. Mit der Schwangerschaft Stellas und der anschließend von Richard forcierten Abtreibung nimmt die Tragödie schließlich ihren unvermeidlichen Lauf. In einem wie ein Hörspiel anmutenden Soliloquium erfahren die Zuschauer_innen die bedrĂŒckenden Details, die zum fahrlĂ€ssigen Suizid der zerbrechlichen Stella fĂŒhren werden.

Die metaphorische Wand

Das Sinnbild der Wand, gegen die die Protagonistin immer wieder lĂ€uft, an der sie nicht vorbeikommt und die sie am Ausbrechen ihres tristen Alltags und des damit verbundenen Leids hindert, wird im Film direkt bildlich ĂŒbernommen. Wir sehen Anna, wie sie in grotesken Traumsequenzen gegen eben diese unsichtbare Mauer lĂ€uft, sich verzweifelt gegen sie presst, den Ausweg jedoch nicht findet. Zu stark sind die inneren Konflikte, die sie am Entfliehen aus ihrer heilen Welt hindern. Mit seiner wortkargen, sehr visuell geprĂ€gten Inszenierung gelingt dem Regisseur Julian Pölsler nicht nur ein eleganter Bogen zu dem ebenfalls von ihm verfilmten, auch von Marlen Haushofer verfassten gleichnamigen Roman "Die Wand", sondern auch ein intensives Familienportrait des indolenten GroßbĂŒrger_innentums, das sich strikt weigert, Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Und obgleich die Handlung hier und da in allzu weitschweifende Langatmigkeit verfĂ€llt, ist sie doch Zeugnis vergangener sowie gegenwĂ€rtiger sozialer MissstĂ€nde, deren Indifferenz auf drastische Weise dargestellt wird und wachrĂŒttelt.

AVIVA-Tipp: "Wir töten Stella" ist die dĂŒstere, beklemmende Geschichte einer egozentrierten Gesellschaft, in der das Individuum nicht viel zĂ€hlt. Somit stellt sie ein PlĂ€doyer an das Miteinander dar, das im Film hoffnungslos verloren scheint. Nicht nur fĂŒr Fans des abgrĂŒndigen österreichischen Kinos, das einmal mehr unter die Haut geht.

Wir töten Stella
Österreich 2017
Regie und Drehbuch: Julian Pölsler
Darsteller_innen: Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde, Julius Hagg, Alana Bierleutgeb
Verleih: Picture Tree International GmbH / AV-Visionen GmbH
LauflÀnge: 98 Minuten
Kinostart: 18.01.2018
Filmwebsite und Trailer: www.picturetree-international.de


Zur Hauptdarstellerin: Martina Gedeck wurde am 14. September 1961 in MĂŒnchen geboren. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der Hochschule der
KĂŒnste (Max-Reinhardt-Schule) in Berlin. Ihr TheaterdebĂŒt gab sie noch vor ihrem Abschluss am Frankfurter Theater am Turm. Darauf folgten Engagements in Hamburg, Basel und Berlin. FĂŒr ihre erste Hauptrolle in Jo Baiers "Hölleisengretl" (1995) wurde sie mit dem Bayrischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Nach weiteren Auszeichnungen machte sich die Schauspielerin auch international einen Namen und gewann beispielsweise fĂŒr ihre Darstellung in n Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" (2006) den Academy Award als Bester fremdsprachiger Film. FĂŒr ihre Rolle als Ulrike Meinhof in Uli Edels "Der Baader Meinhof Komplex" (2008) wurde sie fĂŒr einen Oscar nominiert. Bereits 2012 spielte sie die Hauptrolle in Julian Pölslers Marlen Haushofer Verfilmung von "Die Wand".
Mehr Infos zur Schauspielerin unter: www.martinagedeck.com

Zur Hauptdarstellerin: Mala Emde wurde am 22. April 1996 in Frankfurt am Main geboren. Von 2009 bis 2012 besuchte sie das Studio fĂŒr Tanz, Theater & Musik, im Zuge dieser Ausbildung sie in Janusz Glowackis TheaterstĂŒck "Aschenkinder" (2010-2012) debĂŒtierte. In den darauffolgenden Jahren war sie unter anderem in drei Tatort-Folgen sowie in diversen FS-Spielen wie "Der große Tom" und "Katharina Luther" zu sehen. Zuletzt brillierte sie in Florian Schnells "Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel" (2016) auf der Kinoleinwand. Zudem feiert ihr Film "303" von Hans Weingartner demnĂ€chst Premiere. FĂŒr ihre Hauptrolle in Raymond Leys Doku-Drama "Meine Tochter Anne Frank" (2015) wurde sie mit dem Nachwuchsförderpreis des Bayerischen Fernsehpreises ausgezeichnet.
Mehr Infos zur Schauspielerin unter: www.imdb.com

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