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22.05.2018

Lize Spit - Und es schmilzt. Verfilmung durch die Musikerin und Schauspielerin Veerle Baetens ist geplant
Silvy Pommerenke

Die Erwartungen sind groß bei dieser LektĂŒre, denn Lize Spit ist zurzeit DIE Erfolgsautorin Belgiens. Sie hat mit ihrem DebĂŒtroman "Und es schmilzt" ein Jahr lang die Bestsellerliste in Belgien angefĂŒhrt, außerdem haufenweise Preise und positive Kritiken erhalten. Können die Erwartungen tatsĂ€chlich erfĂŒllt werden und vor allem: Was schmilzt denn da eigentlich?



Die letztere Frage lĂ€sst sich leicht beantworten, denn Eva, die Protagonistin des Romans, fĂ€hrt mit einem ĂŒberdimensionierten Eisblock im Auto durch die Gegend, der sukzessive vor sich hinschmilzt. NatĂŒrlich eröffnet sich damit die nĂ€chste Frage: warum tut sie das eigentlich und was bezweckt sie damit? Das Leitmotiv zieht sich wie ein magischer Sog durch den Roman und fĂŒhrt gerade auf den letzten einhundert Seiten dazu, dass das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt werden kann, weil die Leser*in natĂŒrlich der Auflösung entgegenfiebert. Aber das ist nicht die einzige Frage, die der Roman beantworten will, sondern es eröffnen sich zwei weitere RĂ€tsel. Zum einen muss Eva als Teenager etwas Schreckliches passiert sein. Und zwar so schrecklich, dass sie bis heute – dreizehn Jahre spĂ€ter – immer noch darunter leidet. Zum anderen ist der Bruder einer ihrer besten Kumpels damals gestorben. Ob beide Ereignisse zusammenhĂ€ngen? Die Vermutung liegt nahe, aber Lize Spit lĂ€sst die Leser*in lange – sehr lange - im Ungewissen, bevor sie sĂ€mtliche Fragen auflöst.

Das macht sie Ă€ußerst geschickt, indem sie drei sich abwechselnde ErzĂ€hlstrĂ€nge (bestehend aus einem Tag in der Gegenwart, fĂŒnf Wochen im Jahr 2002 und einem grĂ¶ĂŸeren Zeitraum in den neunziger Jahren ineinander verwebt. Dabei lĂ€sst sie sich Zeit und entfaltet auf den ersten dreihundert Seiten alles, was fĂŒr den finalen Countdown nötig ist. Nach und nach zeichnet sich dabei das Bild einer gestörten Familie ab. Evas Eltern sind hochgradig vom Alkohol und Medikamenten abhĂ€ngig und ein potentieller Suizid ist bestĂ€ndiger Begleiter in dieser Familie. Außerdem drischt der Vater gerne auf nackte Kinderhaut ein. Dass das Spuren bei Eva und ihren beiden Geschwistern hinterlĂ€sst, ist nicht verwunderlich. Der Bruder sondert sich in einer Parallelwelt ab, indem er unter dem Mikroskop Insekten seziert und die jĂŒngere Schwester reagiert mit einer Zwangs- und Essstörung. Alles andere also als eine glĂŒckliche Kindheit. Wie gut, dass Eva zwei beste Freunde hat, Pim und Laurens. Aber ist das wirklich gut? Wohl kaum, denn Evas Funktion in dem Dreiergestirn, die sich auch gerne die drei Musketiere nennen, wandelt sich in eine denkbar ungnĂ€dige. WĂ€hrend die Jungs in vertrauter Kumpanei agieren, wird sie zu einer Art SekretĂ€rin degradiert, die zum schnöden Beiwerk verkommt. Zudem fĂŒhrt das sexuelle Erwachen der Teenager bald schon zu Ă€ußerst unappetitlichen Situationen.

Was anfĂ€nglich noch als eine unglĂŒckliche Coming-of-Age-Geschichte in dörflicher Umgebung erscheint, entwickelt sich im Verlauf der fĂŒnfhundert Seiten zu einem absoluten Alptraum. Lize Spit verschont die Leser*in mit keiner Zeile, vielmehr schreibt sie sich ein Grauen von der Seele, so dass das Weiterlesen von einer bestĂ€ndigen Übelkeit begleitet wird. In Buchkritiken wird ĂŒber den DebĂŒtroman von Lize Spit geurteilt, er sei "gnadenlos, knallhart und kompromisslos grausam" oder besĂ€ĂŸe die "Treffsicherheit eines Messerwerfers". Dem kann sich die Rezensentin nur anschließen. Lize Spit ist ein Meisterwerk des realen Grauens gelungen, das sich noch lange als Kloß im Hals des eigenen Alltags bewahrheitet. Eigentlich mĂŒsste ein Warnhinweis auf diesem Buch angebracht werden: nichts fĂŒr schwache GemĂŒter!

Aber nicht nur die Literaturfreund*innen kommen bei diesem Roman auf ihre Kosten, sondern bald auch die Cineast*innen. Die Filmrechte von "Und es schmilzt" wurden an Veerle Baetens ĂŒbertragen. Die belgische Musikerin und 2013 als beste Schauspielerin Europas ausgezeichnete Veerle Baetens ("The Broken Circle Breakdown", 2013 auf der Berlinale gezeigt und mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet, und "Code 37", die deutsche Erstausstrahlung der Fernsehserie erfolgte im MĂ€rz 2014) wird mit "Und es schmilzt" ihr Regiedebut geben. Wie sie das Grauen von Lize Spit filmisch ĂŒbersetzt, macht jetzt schon neugierig!

AVVA-Tipp: "Und es schmilzt" hat zu Recht fĂŒr den großen medialen Rummel der vergangenen Monate gesorgt und erfĂŒllt alle Erwartungen. Der belgischen Autorin ist damit ein ganz großer Wurf gelungen. Nicht nur, dass sie ĂŒber sehr großes erzĂ€hlerisches Talent verfĂŒgt und mit der Sprache wunderbar jongliert, sondern inhaltlich schreibt sie so viele wahre SĂ€tze, dass an ihr eine Philosophin verloren gegangen ist. Es sei aber noch einmal ausdrĂŒcklich darauf hingewiesen, dass dieses Buch wirklich alles von seinen Leser*innen abverlangt, denn menschliche Grausamkeiten werden explizit beschrieben und mit keiner Silbe beschönigt.

Zur Autorin: Lize Spit wurde 1988 geboren, wuchs in einem kleinen Dorf in Flandern auf und lebt heute in BrĂŒssel. Sie schreibt Romane, DrehbĂŒcher und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman "Und es schmilzt" stand nach Erscheinen ein Jahr lang auf Platz 1 der belgischen Bestsellerliste und gewann zahlreiche Literaturpreise, darunter den Bronzen Uil Preis fĂŒr den besten DebĂŒtroman und den Preis des niederlĂ€ndischen Buchhandels fĂŒr den besten Roman des Jahres 2016. (Quelle: Verlagsinformationen)
Lize Spit im Netz: www.lizespit.be und auf Facebook: www.facebook.com/lize.spit

Zur Übersetzerin: Helga van Beuningen, geboren 1945, lebt in Schleswig-Holstein. Sie ĂŒbersetzt aus dem NiederlĂ€ndischen, u. a. Maya Rasker, A.F. Th. van der Heijden, Marcel Möring, Margriet de Moor und Cees Noteboom. FĂŒr ihre Arbeit wurde sie u. a. mit dem Martinus-Nijhoff-Preis, dem Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein, dem Helmut-M.-Braem-Preis und dem Else-Otten-Preis ausgezeichnet. (Quelle: Verlagsinformationen)

Lize Spit
Und es schmilzt

Originaltitel: Het smelt
Übersetzt von Helga von Beuningen
S. Fischer Verlag, erschienen August 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-10-397282-5
Euro 22,00
Mehr zum Buch unter: www.fischerverlage.de

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