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26.05.2018

Madeleine Thien - Sag nicht, wir h├Ątten gar nichts
Helga Egetenmeier

China, mit ├╝ber 1,3 Milliarden Einwohner*innen das bev├Âlkerungsreichste Land der Erde, erscheint mit seiner Vielfalt an Menschen kaum erfassbar. Der international mehrfach ausgezeichneten Schriftstellerin Madeleine Thien, als dritte Tochter einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters in Vancouver geboren, gelingt dies dennoch mit einer...



...Familiengeschichte zwischen Politik und Musik, die von der Gr├╝ndung der Volksrepublik bis ins Heute reicht. Anhand ihrer Figuren entwickelt sie eine Auseinandersetzung um Macht und Menschlichkeit zwischen Individuum und Gesellschaft, sowie Kultur und Politik.

Wie bereits in "Fl├╝chtige Seelen", ihrem bewegenden Vorg├Ąngerroman zur j├╝ngeren Geschichte Kambodschas, w├Ąhlt Madeleine Thien das heutige Kanada als Ausgangspunkt. Von dort l├Ąsst sie eine ihrer Protagonist*innen, die in Vancouver als Kind chinesischer Migrant*innen geborene Ma-li, in die Geschichte des Herkunftslandes ihrer Eltern eintauchen. Madeleine Thien, selbst Kind einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters, wurde ebenfalls nach der Migration ihrer Eltern in Kanada geboren.

Auf dem 17. internationalen Literaturfestival 2017 in Berlin berichtete die Autorin ├╝ber ihre ausf├╝hrliche Recherche, f├╝r die sie mehrfach China besuchte. Mit leiser Stimme ├╝berzeugte sie beim Podiumsgespr├Ąch als eine Autorin, die ein sehr ernsthaftes und emotionales Verh├Ąltnis zu ihren Romanfiguren pflegt. Sie sieht sich in der gro├čen Verantwortung, die bei ihren Besuchen geh├Ârten Geschichten wahrhaft wiederzugeben, da sie davon ├╝berzeugt ist, dass die Kunst nicht nur die Welt abbildet, sondern sie auch beeinflusst.

Die T├Âchter Ai-ming, Ma-li und "Das Buch der Aufzeichnungen"

Zu Beginn des Romans ist Ma-li gerade zehn Jahre alt und erlebt in diesem Jahr 1989, in dem sich weltweit politische Ver├Ąnderungen manifestieren, das Ende ihrer Familie. Ihr Vater Jiang Kai, ein ehemals in China gefeierter Pianist, verl├Ąsst seine Frau und seine Tochter und geht nach Hongkong. "Mein Vater verlie├č uns zum ersten Mal, als in China Ereignisse von gro├čer Tragweite stattfanden, Ereignisse, die meine Mutter zwanghaft auf CNN verfolgte.", kommentiert Ma-li. Doch nach China durfte Jiang Kai nicht mehr einreisen, da er sich 1978 von dort abgesetzt hatte. Etwas sp├Ąter erfahren sie von der Polizei, dass er Selbstmord begangen hat.

Aus dem Zustand der wortlosen Trauer werden die Beiden durch die aus China gefl├╝chtete Ai-ming herausgeholt. Der Tochter eines guten Freundes von Jiang Kai, einem ehemaligen chinesischen Komponisten Namens Sperling, gelingt 1990 die Flucht. Durch eine Vergangenheit gepr├Ągt, ├╝ber die ihre Eltern schwiegen, n├Ąhern sich Ma-li und Ai-ming langsam einander an. ├ťber "Das Buch der Aufzeichnungen", ein seit langer Zeit gut geh├╝tetes, immer wieder abgeschriebenes und erg├Ąnztes, mehrteiliges Buch der geheimen Geschichte Chinas, lernen die jungen Frauen auch die Vergangenheit ihrer Familien kennen, werden Freundinnen und auch selbst Teil dieses Buches.

Die Vergangenheit in der Gegenwart

Behutsam bringt Madeleine Thien ihre liebevolle Figurengestaltung mit dem immer m├╝hevoller werdenden Leben ihrer Protagonist*innen - der Familie von Ai-ming und Ma-li - zusammen. Dieser, von klassischer Musik gepr├Ągte Familien- und Freundeskreis bildet den Kern des Romans, der sich auf die Zeit zwischen der chinesischen Kulturrevolution und dem Massaker am Tiananmen-Platz konzentriert.

Als Mao die Kulturrevolution ausruft, ist Ai-Mings Vater Sperling auf dem besten Weg, ein angesehener Komponist zu werden. In dieser Zeit werden viele Komponist*innen konterrevolution├Ąrer Umtriebe bezichtigt, verhaftet und ermordet. Sperling wird in einen entlegenen Landesteil verschickt und zur Zwangsarbeit in einer Fabrik eingeteilt. Thien zeichnet an ihm, seiner Geige spielenden Nichte Zhuli, sowie dem gemeinsamen Freund und Pianisten Jiang Kai, die Folgen politischer Machtaus├╝bungen nach, die einen erhofften Lebensweg, wie auch das Leben selbst, beenden k├Ânnen.

"Sag nicht, wir h├Ątten gar nichts" - eine Zeile aus der "Internationale"

Der Titel des Romans - im Original "Do Not Say We Have Nothing" - bezieht sich auf die mehrfach ├╝bersetzte Textzeile "Nous ne sommes rien, soyons tout" der "Internationale", dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Dieser Text wurde 1871 von dem franz├Âsischen Kommunisten Eug├ęne Potter geschrieben und 1923 aus der russischen ├ťbersetzung ins Chinesische ├╝bertragen. Die w├Ârtliche R├╝ck├╝bersetzung ins Englische nahm die Autorin als Buchtitel und zeigt auch hier ihren feinen Sinn f├╝r kulturelle Zusammenh├Ąnge. 1989 sangen die protestierenden Student*innen am Tiananmen-Platz das Lied gegen die chinesische Regierung.

Thien nimmt die Kultur als Angriffspunkt politischer Machthaber*innen wohl├╝berlegt in den Mittelpunkt. Sie zeigt daran auf, wie Zensur und Einsch├╝chterungen selbst bei der "wortlosen" klassischen Musik dem Machterhalt dienen. Nicht nur in China, sondern unter anderem auch in der T├╝rkei sitzen heute K├╝nstler*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen im Gef├Ąngnis, oder stehen unter Hausarrest. Und so k├╝ndigte Madeleine Thien mit sichtlicher Freude auf dem 17. Literaturfestival an, dass ihr Buch auch ins T├╝rkische ├╝bersetzt wird.

AVIVA-Tipp: In ihrer chinesischen Familiensaga verwebt Madeleine Thien gesellschaftliche und musikalische Str├Ąnge zu einem kraftvollen Roman, der sich kritisch und poetisch mit der Macht von Politiker*innen auseinandersetzt. Seine Lebendigkeit erh├Ąlt er auch durch den Wechsel der Zeit- und Erz├Ąhlebenen, mit der er zugleich von der Vergangenheit in die Gegenwart verweist. Ein beeindruckender Roman einer leidenschaftlichen Schriftstellerin.

Nominierungen und Auszeichnungen:
Scotiabank Giller Prize 2016
Governor-General┬┤s Literary Award for Fiction 2016
Edward Stanford Prize, Specsavers Fiction, 2016
Shortlist des Man Booker Prize 2016
Shortlist des Baileys Women┬┤s Prize for Fiction 2017

Zur Autorin: Madeleine Thien wurde 1974, ein paar Monate nach der Migration ihrer Eltern nach Vancouver als dritte Tochter einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters geboren. Mit einem Master in Creative Writing schloss sie ihr Studium ab und begann bereits als Studentin mit dem Schreiben von Kurzgeschichten. F├╝r ihre erste Buchver├Âffentlichung, dem Kurzgeschichtenband "Einfache Rezepte" (2001), erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, wie den Ethel Wilson Fiction Prize und von der kanadischen Schriftsteller*innen-Vereinigung den Air Canada Award for most promising writer under age 30. Ihr Deb├╝troman "Jene Sehnsucht nach Gewissheit" (2006) wurde in sechzehn Sprachen ├╝bersetzt. F├╝r ihren Roman "Fl├╝chtige Seelen" erhielt sie 2015 den LiBeraturpreis von Litprom. Vielfach bereiste sie f├╝r die Recherchen zu ihren Romanen S├╝dostasien. Heute lebt Madeleine Thien in Montreal.
www.madeleinethien.com

Zur ├ťbersetzerin: Anette Grube, geboren 1954, studierte Kommunikationswissenschaft, Amerikanistik und Politik in M├╝nchen und arbeitete von 1979 - 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f├╝r Kommunikationswissenschaften der Universit├Ąt M├╝nchen. Ab 1988 war sie auch als ├ťbersetzerin aus dem Englischen und Spanischen, sowie als Redakteurin t├Ątig und ist seit 1990 freiberufliche ├ťbersetzerin. Unter anderen ├╝bersetzt sie Sara Paretsky, Doris Lessing, T. C. Boyle und Patricia Cornwell.

Madeleine Thien
Sag nicht, wir h├Ątten gar nichts

Originaltitel: Do Not Say We Have Nothing
├ťbersetzerin: Anette Grube
Verlag: Luchterhand Literaturverlag, erschienen September 2017
Gebunden, mit Schutzumschlag, 656 Seiten
ISBN-13: 978-3630875200
24,00 Euro
www.randomhouse.de

Weitere Infos unter:

www.donotsaywehavenothing.com
Die Webseite geht detailliert auf ausgew├Ąhlte Inhalte des Romans ein, die aufgef├╝hrten Bilder und Fotos sind mit weiterf├╝hrenden Informationen unterlegt.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madeleine Thien - Fl├╝chtige Seelen
Erst nach ausf├╝hrlichen Recherchen in Kambodscha wagte sich die Autorin f├╝r ihren Roman an das komplexe Thema von Kindern in Kriegsgebieten und ihrer Emigration. Sie musste tief in die Vergangenheit schauen, um die Komplexit├Ąt und die Herausforderungen der Gegenwart zu verstehen, erkl├Ąrte sie in einem Interview die f├╝r ihre literarische Umsetzung notwendigen langen Aufenthalte. (2014)

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Mit intensiven Portraitfotografien und fl├╝chtigen Momentaufnahmen gelingt es der Fotografin und Tr├Ągerin des Reinhart-Wolf-Preises f├╝r Fotografie, Gitta Seiler, eine neue Generation von jungen Chinesinnen in Peking abzubilden. Ein sozialkritisches Werk, das seine Kraft aus dem Allt├Ąglichen zieht. (2017)

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In diesem puristischen Film kommen chinesische B├Ąuerinnen zu Wort. Unspektakul├Ąre Einzelportraits f├╝gen sich zum Mosaik einer archaischen Gesellschaft die den Aufbruch in die Moderne sucht. (2008)