Helmut Braun - Rose Ausl√§nder. Der Steinbruch der W√∂rter - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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20.05.2018

Helmut Braun - Rose Ausländer. Der Steinbruch der Wörter
Sharon Adler

Am 3. Januar 2018 j√§hrte sich der Todestag von Rose Ausl√§nder zum 30. Mal. Aus diesem Anlass erschien im Hentrich & Hentrich Verlag Berlin in der Reihe "J√ľdische Miniaturen" eine kleine feine Biographie der deutsch-j√ľdischen Dichterin, die unverzichtbar ist f√ľr das Verst√§ndnis ihres Lebens und Werks. Biograph ist der Herausgeber, Verleger, Nachlassverwalter und Weggef√§hrte von Rose Ausl√§nder, Helmut Braun, der anl√§sslich ihres 20. Todestags im S. Fischer Verlag auch den von AVIVA-Berlin rezensierten Band "Gedichte, kleine Prosa und Materialien aus dem Nachlass" der am 11. Mai 1901 in Czernowitz/Bukowina geborenen Dichterin ver√∂ffentlicht hatte.



Rose Ausl√§nder, die h√§ufig in einem Atemzug mit Else Lasker-Sch√ľler, Hilde Domin, Paul Celan oder auch Selma Meerbaum-Eisinger und Mascha Kal√©ko genannt wird, geh√∂rt wie diese zu den ganz gro√üen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.

Ihr Leben, ihr Werk, spiegelt nicht nur Persönliches, Privates, obwohl ihre Lyrik als Höchstprivate gelesen werden kann und muss. Es spiegelt auch ein Leben vor dem Hintergrund der Ausgrenzung, der Emigration, dem Suchen nach Wörtern und Metrik in einer fremden Sprache. Das Leben im Exil. Das Leben nach dem Überleben. Der Verlust um die Liebsten, die Heimat und die Sprache.
Rose Ausl√§nder erlebte Zwangsarbeit, Todesangst, Gef√§ngnis, Versteck, Emigration, R√ľckkehr und wieder Exil. Sie war displaced person, 2x verheiratet, leidenschaftlich Schreibende. Sie erlebte den Untergang ihrer Heimat, die sie in ihren Shoah- und den Exilgedichten sowie in den Gedichten zur Bukowina, Heimat, Kindheit und Jugend in Worte zu fassen versuchte. Den Tod der Mutter.

"Schreiben war Leben. √úberleben!"

Der Lyrikerin, der Frau, der Person Rose Ausl√§nder geht der langj√§hrige Vertraute von Helmut Braun in seinem Abriss schrittweise nach. Eine Herausforderung, die er erstmalig im Jahr 1975 annahm, als er 600 bislang unver√∂ffentlichte Gedichte, fast f√ľnfundzwanzigtausend Seiten Manuskripte und Typoskripte, in H√§nden hielt, die ihm die Dichterin bei einem ersten Treffen im Nelly-Sachs-Haus, dem j√ľdischen Altenwohn- und Pflegeheim in D√ľsseldorf anvertraute.

Heimatlose, Getriebene, Verlassene, aber keine Verlorene

Leben und Werk von Rose Ausl√§nder sind stark eng miteinander verkn√ľpft, bedingen sich. Alle Lebensstationen finden sich in ihren Gedichten wieder: von Kindheit und Jugend in Czernowitz, der Bl√ľte und der Ausl√∂schung durch die Nationalsozialisten, √ľber Shoah und Exil in New York, bis zu Alter und der bewussten Erwartung des Todes, in Deutschland. Sie erz√§hlen von der Liebe, der Angst, der Todesnot, auch vom Gl√ľck: "vergiss nicht / auch das Gl√ľck war da" ‚Äď und von der niemals verlorenen Hoffnung, "dass Dichten noch m√∂glich sei".

Rose Ausl√§nders Gedichte bezeugen eine ungeheure Wortgewalt der bildhaften Sprache, sind wohldurchdachtes, bis in jede Zeile perfektioniertes Handwerk ‚Äď nicht selten √ľberarbeitete sie ihre Lyrik, darunter Konvolute von Rohmaterial, mehr als f√ľnfundzwanzig Mal und √ľber einen Bearbeitungszeitraum von drei√üig Jahren. Ihre Gedichte sind perfektes "Kopfwerk" ‚Äď hoch reflektiert und eingef√ľgt in ihren dichterischen Kosmos. Und sie sind perfektes "Herzwerk" ‚Äď voller Emotion, und Emotionen ausl√∂send. Dieser Dreiklang erreicht auch und bis heute jedes Herz und jedes Hirn. Die Gedichte von Rose Ausl√§nder haben eine Allgemeing√ľltigkeit, die schmerzt und ber√ľhrt. W√ľnschenswert w√§re es, wenn ihre gro√üartige Lyrik nicht nur (erneut) einem interessierten Publikum zug√§nglich gemacht werden k√∂nnte, sondern vor allem auch, wenn diese im Kontext von Rose Ausl√§nders Biographie gelesen werden w√ľrde.

Rose Ausl√§nder, geboren am 11. Mai 1901 als Rosalie Beatrice Ruth Scherzer in Czernowitz, starb am 3. Januar 1988 in D√ľsseldorf. Ihr Grab befindet sich auf dem j√ľdischen Friedhof im Nordfriedhof in D√ľsseldorf.

Ihre letzten Lebensjahre im Nelly-Sachs-Haus in D√ľsseldorf in selbst verh√§ngter Bettruhe stellen die kreativste Zeit Rose Ausl√§nders dar. Freiwillig isoliert von der Au√üenwelt √ľberarbeitet sie alte Gedichte und schafft bis zu ihrem Tod im Jahr 1986 neue. Ausl√§nder ist eine der wenigen Lyriker*innen, die ihrem Werk bewusst ein Ende setzt und es als abgeschlossen erkl√§rt. Bis heute sind die fehlenden Satzzeichen in ihrem Werk ein R√§tsel, das es immer wieder neu zu entschl√ľsseln gilt.

AVIVA-Tipp: Der Band "Rose Ausl√§nder. Der Steinbruch der W√∂rter" ber√ľhrt Herz und Geist gleicherma√üen. Dem Herausgeber und Biographen Helmut Braun und dem Hentrich & Hentrich Verlag ist es gelungen, auf wenigen Seiten und in einem liebevoll gestalteten Band mit der Ver√∂ffentlichung von Fotos, Gedichten und Gedanken zur Dichterin deren Werk, Leben und F√ľhlen lebendig zu halten. Ein w√ľrdiges Geschenk zum 30. Todestag der unvergessenen, gro√üartigen Rose Ausl√§nder.

Zum Autor: Helmut Braun, geboren 1948, lebt in der Nähe von Köln. Er ist Vorsitzender der Rose Ausländer-Gesellschaft e.V., Verleger, Kurator, Autor und Herausgeber u.a. des Gesamtwerks von Rose Ausländer, von Edgar Hilsenrath und der literaturwissenschaftlichen Reihen der Rose Ausländer-Gesellschaft e.V.
Helmut Braun ist es hoch anzurechnen, dass er sich seit der ersten Begegnung mit Rose Ausl√§nder im Jahr 1975 um die Popularit√§t ihres Werkes bem√ľhte und sie bis zu ihrem Lebensende beriet und unterst√ľtzte.
Als Arthritis ihre Handbewegungen stark einzuschränken begann, fungierte Helmut Braun als Sekretär und brachte fortan ihre Ideen zu Papier.

Helmut Braun
Rose Ausländer
Der Steinbruch der Wörter

102 Seiten, Broschur, 11 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-239-5
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, erschienen im Januar 2018
J√ľdische Miniaturen Bd. 214
Euro 9,90
Mehr Informationen: www.hentrichhentrich.de

Weitere Informationen zu Rose Ausländer finden Sie unter:

Rose Ausländer Gesellschaft e.V.: www.roseauslaender-gesellschaft.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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