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24.06.2018

Sandra Richter - Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur
Silvy Pommerenke

Sandra Richter, Professorin f├╝r deutsche Literatur, verspricht in ihrem Kompendium eine Darstellung von eintausend Jahren Literaturgeschichte. Aber gelingt ihr auch dieses gro├če Unterfangen? Auf dem Umschlagbild des dicken W├Ąlzers sind siebzehn Pers├Ânlichkeiten bzw. literarische Figuren abgebildet (zuz├╝glich des Eisb├Ąren Knut), wovon gerade einmal vier Frauen sind (Nelly Sachs, Bettina von Arnim, Herta M├╝ller und Lotte aus Goethes Werther). "Im Land von Goethe & Schiller" wird also immer noch...



... der Fokus auf m├Ąnnliche Autorschaft gelegt.

Das ist nichts Neues, und so bedauerlich das (immer noch) ist, gelingt es Sandra Richter dennoch, zahlreiche weibliche Literaturbeispiele anzuf├╝hren. Au├čerdem liegt in der "Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" ein weiterer Reiz: die Literaturprofessorin hebt die deutsche Literatur aus einem vermeintlich nationalen Kontext heraus und bindet sie in einen multinationalen literarischen, politischen und historischen Zusammenhang ein. Dabei hebt sie die Einfl├╝sse der zahlreichen Autor*innen unter- und miteinander hervor und zeigt, dass es keine deutsche Literatur gibt, sondern vielmehr eine "Weltliteratur", wie es bereits Wieland & Goethe um 1800 formulierten. So finden sich denn auch im Personenregister nicht nur deutschsprachige Autor*innen, sondern auch internationale Namen wie Anna Achmatowa, Louisa May Scott, Rosaria de Castro, Katherine Anne Porter oder Sharon Dodua Otoo.

Sandra Richter offenbart in dem kurzweilig geschriebenen Sachbuch unter anderem Verbindungen von Mary Shelleys "Frankenstein" zu Goethes "Werther" und zeigt allein an diesem simplen Beispiel bereits auf, dass sich eine britische Autorin durch einen deutschen Autor hat beeinflussen lassen, und dass dies kein Einzelfall war bzw. ist. Was aber macht deutsche Literatur f├╝r andere Nationen interessant? Wieso findet eine "produktive Aneignung" oder die "Bearbeitung deutschsprachiger Werke au├čerhalb ihrer Sprachkulturen" statt? Diesen und anderen Fragen geht Sandra Richter nach und beantwortet die ├ťberwindung von Sprach- und Kulturgrenzen durch Literatur mittels zahlloser Beispiele.

Sandra Richter
┬ę Silvy Pommerenke, AVIVA-Berlin.
Sandra Richter im Gespr├Ąch mit Peter-Andr├ę Alt anl├Ąsslich der Buchvorstellung am 14. M├Ąrz 2018 in der Staatsbibliothek zu Berlin


Bemerkenswert ist die intensive Auseinandersetzung Sandra Richters mit j├╝dischen Schriftsteller*innen. So spricht sie ├╝ber den Einfluss, den diese auf die Weltliteratur hatten und haben, und sie l├Ąsst dabei ebenso wenig den fr├╝hen Antisemitismus aus oder die innere Emigration, wie auch den Einfluss der Shoa auf das Schreiben der ├ťberlebenden, und auch die so genannte "Lager-Literatur" l├Ąsst sie nicht au├čer Acht. Neben diesem Schwerpunkt f├╝hrt sie die Leser*in ├╝ber Stationen vom fr├╝hen Buchdruck bis hin zur Gegenwartsliteratur und wendet sich auch ausf├╝hrlich den deutschsprachigen Nobelpreistr├Ąger*innen zu.

Sie schildert au├čerdem den schon fr├╝h einsetzenden globalen Wettbewerb, widmet sich der klassischen Definition von "Weltliteratur" nach Goethe und ├Ąu├čert sich zu der vermeintlichen ├ťberlegenheit angloamerikanischer Literatur. Ohne, dass die Autorin dabei einen Anspruch auf Allgemeing├╝ltigkeit erhebt und - ├Ąu├čerst selbstkritisch - "das Scheitern am Unm├Âglichen" riskiert. Bescheiden bezeichnet sie denn auch ihre Weltgeschichte als "Flickwerk aus Fallbeispielen". Aber genau dieses "Flickwerk" l├Ądt zum Schm├Âkern ein, denn die Leser*in ist nicht gezwungen, sich chronologisch durch das Sachbuch zu arbeiten, sondern kann an beliebiger Stelle aufschlagen und anfangen zu lesen bzw. weiterlesen.

Dadurch ist ein Mammutwerk von ├╝ber 700 Seiten entstanden - wovon mehr als zweihundert Seiten einer Zeittafel, den Anmerkungen und dem Literaturverzeichnis geh├Âren - an dem Sandra Richter zwanzig Jahre gearbeitet hat. Allein daf├╝r geb├╝hrt ihr schon Respekt. Alleine konnte sie dies nat├╝rlich nicht bewerkstelligen, so wurde eine Gruppe namens "Team German Literature in the World" gegr├╝ndet, deren umfangreiche Rechercheergebnisse auf der Website www.germanliteratureglobal.com einzusehen sein werden.

AVIVA-Tipp: Sandra Richter ist mit ihrem Werk ein ganz gro├čer - im wahrsten Sinne des Wortes - grenz├╝berschreitender Wurf gelungen, der nicht nur f├╝r das Fachpublikum, sondern auch f├╝r das allgemeine Literaturpublikum von gro├čem Interesse sein d├╝rfte. Und die Antwort auf die oben gestellte Frage, ob Sandra Richter das gro├če Unterfangen gelingt, die Darstellung von eintausend Jahren Literaturgeschichte zu meistern ist ganz einfach: ja, es gelingt ihr - und zwar auf eine "unterhaltsame und anschauliche" Art!

Sandra Richter
┬ę Silvy Pommerenke, AVIVA-Berlin. Sandra Richter im Gespr├Ąch mit Peter-Andr├ę Alt anl├Ąsslich der Buchvorstellung am 14. M├Ąrz 2018 in der Staatsbibliothek zu Berlin


Zur Autorin: Sandra Richter, geboren 1973, studierte Literaturwissenschaft und Politik, arbeitete an Universit├Ąten in London und Paris und ist Professorin f├╝r Neuere Deutsche Literatur an der Universit├Ąt Stuttgart. Sie ver├Âffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, wurde mehrfach ausgezeichnet und schreibt u. a. f├╝r die ZEIT. Sandra Richter erhielt 2005 den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Bundesministeriums f├╝r Bildung und Forschung. Des Weiteren erhielt sie 2007 den Philip Leverhulme Preis des Leverhulme Trust sowie eine R├╝ckkehrpr├Ąmie der Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung. Zudem wird sie nach dem Ausscheiden von Ulrich Raulff zum 1. Januar 2019 als Direktorin das Deutsche Literaturarchiv Marbach ├╝bernehmen. (Quelle: Verlagsinformationen u.a.)
Sandra Richter im Netz: www.uni-stuttgart.de

Sandra Richter
Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur

C. Bertelsmann Verlag, erschienen Oktober 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 728 Seiten, 15,0 x 22,7 cm, s/w-Abb. im Text und farbige Karten
ISBN: 978-3-570-10151-3
Euro 36,00
www.randomhouse.de

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