1000 Arten Regen zu beschreiben - der DebĂŒtfilm von Isa Prahl. Kinostart: 29. MĂ€rz 2018 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Kultur > Kino
19.06.2018

1000 Arten Regen zu beschreiben - der DebĂŒtfilm von Isa Prahl. Kinostart: 29. MĂ€rz 2018
Tina Schreck

Das hochkarĂ€tig besetzte Drama handelt von der Zerrissenheit einer Familie, die damit kĂ€mpft, dass sich einer von ihnen abwendet, ohne GrĂŒnde dafĂŒr zu nennen. Der Film wurde 2017 beim Tallinn Black Nights Film Festival als bestes DebĂŒt und von der Deutschen Film- und Medienbewertung mit dem PrĂ€dikat besonders wertvoll ausgezeichnet.



"Mike, we love you", steht auf einem bereits verwitterten Laken, das trostlos im Garten vor einem geschlossenen Fenster gespannt ist. Mikes Familie ist verzweifelt, denn dieser hat schon seit Wochen sein Zimmer nicht verlassen. Alles Betteln, flehen, drohen und reden ist vergebens. Die TĂŒre bleibt eisern geschlossen.

Die verschwundene Jugend

Hikikomori, der japanische Begriff fĂŒr das PhĂ€nomen des sich Abschottens, gehört in Japan schon seit einigen Jahren zum festen Sprachgebrauch und verbreitet sich auch in Westeuropa zunehmen. Er bezeichnet das soziophobe Verhalten von Menschen, die freiwillig den Kontakt zur Außenwelt abbrechen, beziehungsweise auf ein Minimum reduzieren. Meist sind es Jugendliche. Die GrĂŒnde dafĂŒr, sich komplett von der Gesellschaft zurĂŒckzuziehen liegen dabei zumeist in einem GefĂŒhl der Überforderung, in der Versagensangst, den Erwartungen und Verantwortlichkeiten des Erwachsenenlebens nicht standhalten zu können. Auch Mike, der unsichtbare Protagonist des Films, befindet sich in dieser Phase der Selbstfindung, die ihn schließlich in die Isolation drĂ€ngt. Seit vielen Wochen weigert er sich, sein Zimmer zu verlassen. Sein Vater Thomas (Bjarne MĂ€del), seine Mutter Susanne (Bibiana Beglau) und seine Schwester Miriam (Emma Bading) sind der quĂ€lenden Situation hilflos ausgeliefert. Sie können nur vor der verschlossenen TĂŒre stehen und warten. Dabei wird die TĂŒr mehr und mehr zum Spiegel ihrer eigenen Ängste und Neurosen.

1000 Arten der Verzweiflung

WĂ€hrend der Vater seinem Ärger freien Lauf lĂ€sst, klammert sich die Mutter an die Hoffnung, Mike mit genug Liebe und VerstĂ€ndnis zur Vernunft bringen zu können. In einer herzzerreissenden Szene verbrennt Thomas Mikes alte Sachen vor dessen Fenster – Spielzeug, Kuscheltiere, KinderbĂŒcher. "Hab ich dir vorgelesen", brĂŒllt er unter TrĂ€nen. Susanne hingegen stellt ihrem Sohn tagtĂ€glich geduldig frisches Essen vor die TĂŒr und weigert sich, das Haus fĂŒr lĂ€ngere Zeit zu verlassen, aus Angst, Mike noch weiter von sich wegzutreiben. Als alle BemĂŒhungen ihrerseits scheitern, sucht sie seinen ehemaligen besten Freund auf, um mit dessen Hilfe Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen. Aus dieser Begegnung entwickelt sich nach und nach eine prekĂ€re Beziehung, die zwischen sexueller Anziehung und mĂŒtterlicher Obsession fluktuiert. Bibiana Beglau verkörpert ihren Part der verzweifelten Mutter mit kraftvoller IntensitĂ€t und viel FeingefĂŒhl, was ihr widersinniges Handeln fĂŒr die Zuschauer_innen nachvollziehbar erscheinen lĂ€sst. Schon bald trĂ€gt ihr Wahlsohn dieselbe Haarfarbe wie Mike, isst sein Lieblingsessen und taucht in die Welt des Ringsports ein. Bei ihrem unerbittlichen Kampf vergisst sie allerdings ihre Tochter, die ihrerseits unter dem Bruch mit ihrem großen Bruder leidet und sich von ihren Eltern im Stich gelassen fĂŒhlt.

Lauter Gegenprotest

Im Gegensatz zu Mikes stillem Widerstand setzt Miriam alles daran, von ihrer Umwelt gehört und wahrgenommen zu werden. Allein versucht sie sich, durch die ohnehin schwierige Teenagerphase zu schlagen und durch vehement provozierendes Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Emma Bading brilliert in der Rolle der pubertierenden Jugendlichen, die an dem Liebesentzug und ihrer Sehnsucht nach Mike zu zerbrechen droht. Hinter dem von ihr forciertem ersten Sex und den aus Trotz unternommenen Alkoholexzessen spiegelt sich in ihrem sensiblen Spiel auch die große Unsicherheit und FragilitĂ€t einer vernachlĂ€ssigten Teenagerin wider, die vergeblich nach Zuspruch und BestĂ€ndigkeit sucht. FĂŒr ihre beeindruckende Darstellung ist sie zu Recht als Beste Nachwuchsschauspielerin nominiert.

Den Regen spĂŒren

Die einzige Kommunikation, die Mike wĂ€hrend seiner Isolationsphase zulĂ€sst, sind knappe Nachrichten, die er auf Zetteln geschrieben unter seiner TĂŒre durchschiebt. Darauf zitiert er aktuelle, globale RegenphĂ€nomene, welche er aus seinem einzigen Fenster zur Außenwelt zieht: dem Internet. Der Regen spielt eine wichtige Rolle im Film. Er ist Sinnbild fĂŒr ein Leben, das der Eingeschlossene nur noch aus der Distanz beobachtet. Und auch die anderen Figuren haben den Bezug zur Wirklichkeit verloren. Am Ende lernen sie, den Regen in seiner Unterschiedlichkeit und somit auch das Leben neu zu betrachten. Denn: "Regen der auf Haut fĂ€llt, ist der schönste Regen."

AVIVA-Tipp: "1000 Arten Regen zu beschreiben" ist ein spiel- und bildstarkes Erstlingswerk, dessen Tiefgang durch die klug inszenierte Symbolik und die reduzierten, mit Bedacht gewĂ€hlten Dialoge zum Ausdruck gebracht wird. Eine außergewöhnliche, sensibel erzĂ€hlte Geschichte ĂŒber Einsamkeit, Schmerz und Verstehen.

1000 Arten Regen zu beschreiben
Deutschland 2017
Regie: Isa Prahl
Drehbuch: Karin Kaci
Darsteller_innen: Bibiana Beglau, Bjarne MĂ€del, Emma Bading, Louis Hofmann, Janina Fautz, David Hugo Schmitz, BĂ©la Gabor Lenz, u.v.m.
Verleih: Film Kino Text
LauflÀnge: 92 Minuten
Kinostart: 29.03.2018
Filmwebsite und Trailer: 1000arten.de
Facebook: www.facebook.com
Mehr Infos und der Trailer unter:
1000arten.de und www.facebook.com/1000arten

Zur Hauptdarstellerin: Bibiana Beglau wurde am 16. Juli 1971 in Braunschweig geboren. Seit dem Beginn ihrer Karriere arbeitet sie mit Regisseur_innen, die das Theater und den Film der Gegenwart prĂ€gen. FĂŒr ihre Hauptrolle in Volker Schlöndorffs Spielfilm "Die Stille nach dem Schuss" (2000) erlangte sie internationale Anerkennung, wurde als Beste Darstellerin mit dem Silbernen BĂ€ren preisgekrönt und fĂŒr den EuropĂ€ischen Filmpreis nominiert Seitdem war sie in zahlreichen Filmen wie in Aelrun Goettes "Unter dem Eis" (2005) sowie in diversen Tatort-Folgen zu sehen. FĂŒr ihre herausragenden Leistungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Silbernen BĂ€ren der Berlinale, dem Ulrich-Wildgruber-Preis sowie dem Adolf-Grimme-Preis. Neben den vielen, großen Film- und Fernsehproduktionen spielt Bibiana Beglau an allen wichtigen deutschsprachigen TheaterbĂŒhnen. Sie ist Mitglied der Akademie der KĂŒnste und der Bayerischen Akademie der Schönen KĂŒnste.
Weitere Infos zu Bibiana Beglau unter: www.residenztheater.de sowie > www.imdb.com

Zur Hauptdarstellerin: Emma Bading kam am 12. MĂ€rz 1998 in Monheim am Rhein zur Welt. Im Alter von 13 Jahren debĂŒtierte sie in Nicolas Wackerbarths Kinofilm "Halbschatten" (2013). DarĂŒber hinaus spielt sie eine der fortlaufenden Rollen in der Usedom-Krimi-Reihe. Bereits zwei Mal war die Schauspielerin fĂŒr den Deutschen Förderpreis Schauspiel (zum einen fĂŒr Nico Sommers "Lucky Loser" (2016), zum anderen fĂŒr Markus Sehrs "Die Kleinen und die Bösen" (2014) nominiert. Bei ihren Fernseh- und Kinoproduktionen arbeitete sie mit namhaften Regisseuren wie Ulrich Köhler, Florian Gallenberger und Marco Petri zusammen.
Weitere Infos zu Emma Bading unter: www.imdb.com

Zur Regisseurin: Isa Prahl wurde 1978 in MĂŒnster geboren. ZunĂ€chst studierte sie Grafik-Design in Hamburg sowie Literatur, Kultur und Medien in Siegen. Nach einem Redaktionsvolontariat in Köln begann sie ein Postgraduiertenstudium an der Kunsthochschule fĂŒr Medien. WĂ€hrend des Studiums konzentrierte sie sich vor allem auf die kurze Form des GeschichtenerzĂ€hlens. Mit ihrem Social Spot "Armut kennt viele Geschichten" (2009) gewann sie zahlreiche Preise, unter anderem den Young Directors Award in Cannes. 2011 schloss sie ihr Studium mit dem Film "Ausreichend" ab, der mit dem FIRST STEPS Award ausgezeichnet wurde. 2012 erhielt sie den Förderpreis des Landes NRW.
Weitere Infos zu Isa Prahl unter: www.isaprahl.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Was du nicht siehst
Ein Familienurlaub an der französischen AtlantikkĂŒste verwandelt sich fĂŒr den 17-jĂ€hrigen Anton in einen gespenstischen Psycho-Trip. Mit Bibiana Beglau Alice Dwyer, Frederik Lau und Ludwig Trepte. (2011)

57 Minuten 38 Sekunden Ewigkeit
Bibiana Beglau und Stefan JĂ€ger inszenieren "Eine Art Forschungsbericht". Ein beklemmendes HörstĂŒck ĂŒber die Gedanken einer Frau, die unter einer Schneelawine begraben liegt. (2007)