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08.12.2019

Interview mit Lisa Bassenge zum neuen Album Borrowed and blue
Silvy Pommerenke

AVIVA-Berlin trifft die Berliner Jazz-, Pop- und Chanson-Sängerin in einem Kreuzberger Coffee-Shop und spricht mit ihr über ihr neues Album "Borrowed and blue", die anstehende Tournee und über ihre Bett-Lektüre. Tipp: Billie Holiday Programm ("Tribute to Lady Day").



AVIVA-Berlin: Dein neues Album "Borrowed and blue" ist eine Auswahl einiger Deiner Lieblingslieder und die Deines Mannes. Unter anderem sind es die Songs "Norwegian Wood" von den Beatles und "I´ll Be Here In The Morning" von Townes Van Zandt. Das sind definitiv keine Jazz-Songs. Was ist das Besondere an diesen Songs?
Lisa Bassenge: Ich habe ein totales Faible für Country Musik und Blue Grass. Deswegen ist auch Patsy Klein mit drauf oder Hank Williams. In die Ecke gehört auf jeden Fall auch Townes Van Zandt. Ich hatte auch eine Country-Band, wo wir Musik von ihm gespielt haben. Und es war immer mein Traum, ein paar Stücke, die mir besonders liegen, aufzunehmen. Der hat so irre schöne Texte und Melodien, und auf eine ganz einfache Art vermittelt er ganz viele messages. Den wollte ich also unbedingt mit drauf haben. Und "Norwegian Wood" – die Beatles sind einfach die großartigste Band – wollten Andreas und ich auch unbedingt drauf haben, weil es sich so gut arrangieren ließ. Obwohl ich im Nachhinein dachte, dass der Text doch etwas fragwürdig ist.

AVIVA-Berlin: Mein Lieblingssong Deines neuen Albums ist "I´ll be seeing you" von Billie Holiday - was sicherlich daran liegt, dass Billie Holiday meine absolute Lieblingssängerin ist. Ihr habt den Song traumhaft interpretiert! Was verbindest Du mit diesem Song?
Lisa Bassenge: Billy Holiday ist mein großes Idol. Ich habe schon in der Schule Referate über sie gehalten und war bestrebt, ihr Licht den anderen auch zugänglich zu machen. Viele checken überhaupt nicht, was Billy Holiday für eine großartige Musikerin war und was sie geleistet hat. Sie ist mit ihrer ganzen Art und der Phrasierung her eigentlich die Erfinderin des Cool-Jazz gewesen. Miles Davis hat sich an ihr orientiert. Und mit dem Vorwurf, dass sie nicht improvisiert hat, wird ihr viel Unrecht getan. Ich mache auch ein Billie Holiday Programm ("Tribute to Lady Day") unter anderem im Zig-Zag-Jazzclub am 27.12.2018 und im A-Trane mit der ganzen Band am 02.04.2019. Aber "I´ll be seeing you" habe ich gar nicht als Vorlage von Billie Holiday genommen, sondern die Aufnahme von Rickie Lee Jones des Albums "Pop Pop". Diese Platte habe ich während meiner Jugendzeit sehr geliebt und rauf und runter gehört. Und weil das Intro so selten aufgenommen wurde (Lisa stimmt das Intro ein), wollte ich das auch nochmal zu Gehör bringen.

AVIVA-Berlin: Im Booklet Deiner neuen CD hast Du einen blauen Fliederzweig im Haar, besser gesagt auf dem Kopf. Welche Bewandtnis hat es damit?
Lisa Bassenge: Die Maskenbildnerin hat aus dem Garten meiner Mutter diesen Flieder geholt und mir einfach so auf den Kopf gelegt. Ich denke, das Bild wird polarisieren, aber ich finde es gut und witzig. Außerdem war mir wichtig, mit den Erwartungen zu brechen, dass man immer so wahnsinnig gut aussehen muss.

AVIVA-Berlin: In der neuen Konstellation mit Jacob Karlzon und Andreas Lang musst Du zum ersten Mal "nichts mehr beweisen und (kannst) völlig angstfrei singen". Woher kommt dieses sichere Gefühl?
Lisa Bassenge: Ich habe vorher in Konstellationen mit Leuten gespielt, wo immer gewertet wurde. Es war oft so, dass direkt nach den Konzerten die Manöverkritik kam. Diese ganze Herangehensweise an Musik, dass es so und so zu sein habe und dass andere es besser können – also in einen Leistungsdruck zu kommen – ist leider bei Leuten, die das studiert haben und professionell machen, ziemlich verbreitet. Mir hat es einfach gut getan mit einer Band zu spielen, denen sowas egal ist. Gestern zum Beispiel haben wir für das MDR Radio etwas aufgenommen. Es wurde am 24. November 2018 bei der MDR Kultur Studiosession gesendet. Dabei ging es neben meinem Konzert um fifty years of Woodstock und ich habe da auch noch ein paar Songs von Joni Mitchell gespielt. Früher hätten wir das dann sicherlich nochmal und nochmal aufgenommen, aber mit Jacob und Andreas ist es anders. Da ist es einfach gut so, wie es ist. Auch Fehler sind okay. Und wenn sie auch studiert haben, sind sie einfach anders drauf. Vielleicht liegt es daran, dass sie Skandinavier sind.

AVIVA-Berlin: Wann entstand die Idee zu dem neuen Album und die Reduktion auf Bass, Klavier und Stimme?
Lisa Bassenge: Die erste Idee war, ein Country-Album zu machen. Dann kam aber Jacob der Pianist mit rein und dann habe ich Songs rausgesucht, die zu Klavier passen, da die Country-Songs oft gitarrenlastig sind. Erst hatte ich auch noch den Gedanken, Gäste oder Backgroundsänger mit reinzubringen, dann hat sich aber herauskristallisiert, dass ich etwas ganz Simples machen wollte. Genau diesen Sound! Ich mag gerne solche Konstellationen und hatte auch früher schon mal ein Trio ohne Schlagzeug. Es ist zwar immer eine Gratwanderung in der Kommunikation mit dem Publikum, weil nicht besonders viel auf der Bühne passiert und alles sehr getragen und langsam ist. Diese Spannung und Intensität muss man erstmal halten.

AVIVA-Berlin: Was erwartest Du von Deinem Auftritt in der Elbphilharmonie?
Lisa Bassenge: Ich freue mich total drauf, weil ich das noch nie gesehen habe. Nur von außen und von Weitem. Es soll so ein toller Sound dort sein, es ist auch schon ausverkauft und ich glaube, es wird total gut. Ich hoffe nur, dass es keinen Saaltourismus gibt, und die Leute dann einfach wieder gehen, weil sie sich die Elphie mal angucken wollten. Letztens ist das nämlich bei einem Jazz-Konzert passiert. Da sind die Leute massenweise gegangen. Aber ich spiele ja im kleinen Saal, das ist ja nochmal was anderes. Außerdem ist Hamburg immer wie ein Heimspiel, denn da ist mein Label und meine Booking-Agentur.

AVIVA-Berlin: Wo wurde das Video zu "Three Cigarettes in an Ashtray" aufgenommen? Es sieht nach einem stillgelegten Theater aus.
Lisa Bassenge: Wir haben leere Orte gesucht, wo wir beim Dreh einen One-Shot machen konnten. Das ist ein total irres Gelände, weit hinter Treptow, mitten in der Pampa. Ein riesiges Areal, alles leer, alles stillgelegt. Früher war da wohl mal eine Offiziersschule der DDR und sie trainierten dort auch für Olympia. Und ganz früher in der Kaiserzeit waren da auch Soldaten stationiert.

AVIVA-Berlin: Du hast iranische Wurzeln durch die Herkunft Deiner Mutter. Verbindet Dich etwas mit der traditionellen iranischen Musik?
Lisa Bassenge: Ich habe mich mit iranischer Musik mal ein bisschen beschäftigt. Der iranische Gesang ist ja ganz anders aufgebaut, nicht mit Akkord-Progressionen, sondern mit Tonleitern, auf denen improvisiert wird. Ich mag das total gerne, mich berührt die Art der Melodieführung. Eine Sängerin liebe ich ganz besonders, Shusha Guppy, die auch Schriftstellerin war. Aber sonst beschäftige ich mich nicht so wahnsinnig viel mit iranischer Musik und bin auch mit meinen Wurzeln nicht wirklich verbunden, da ich die Sprache nicht spreche.

AVIVA-Berlin: 2014 auf dem Echo-Jazz hast Du unter anderem Gregory Porter gehört. Welchen Eindruck hat das bei Dir hinterlassen bzw. konntest Du auch persönlich mit ihm sprechen?
Lisa Bassenge: Ja, ich finde den total toll, der ist ein Wahnsinns -Sänger, mit einer unglaublich schönen Stimme. Wir haben sogar ein Foto zusammen gemacht, das bei mir auf Facebook ist. Den Echo 2014 fand ich auch echt nett, vor allem die Party, wo die ganzen Musiker von Gregory Porter auf der Tanzfläche total einen los gemacht haben.

AVIVA-Berlin: 2007 habe ich Dich schon einmal interviewt. Damals hast Du mir verraten, dass Du nicht einschlafen kannst, wenn Du nicht noch ein paar Zeilen liest. Welches Buch liegt aktuell auf Deinem Nachtschrank?
Lisa Bassenge: "Manhattan Beach", das neue Buch von Jennifer Egan, liegt bei mir zurzeit auf meinem Nachtschrank, darin geht es um eine Marinetaucherin der vierziger Jahre, also im Zweiten Weltkrieg. Ich habe mir das gekauft, weil mir ihr vorletztes Buch "A Visit From the Goon Squad" unheimlich gut gefallen hat. Es geht um einen alternden Musikproduzenten und Label-Chef, das spielt im Jahr 2030, also ein bisschen in der Zukunft, und es ist total lustig, denn zum Beispiel machen sich die Jugendlichen darin lustig über die Tattoos der Eltern. Es ist super schön geschrieben und total witzig. Ich lese das im Original, auf Englisch.

AVIVA-Berlin: In welcher Sprache unterhältst Du Dich mit Deinem Mann? Auf Deutsch oder auf Dänisch?
Lisa Bassenge: Auf Deutsch und auf Englisch, aber meistens auf Deutsch, er spricht super deutsch. Und Dänisch fange ich erst gerade an zu lernen, da wir unser Kind zweisprachig erziehen lerne ich automatisch Dänisch.

AVIVA-Berlin: Berlin war mal eine gute Stadt, um hier Musik zu machen, weil die günstigen Mieten und die günstigen Lebenshaltungskosten positiv für MusikerInnen waren, die mit ihrer Musik oft nicht genug Geld verdienten. Aktuell ist der Wohnungsmarkt am Kollabieren. Wie wirkt sich diese soziale Krise auf die Musikbranche aus?
Lisa Bassenge: Die Existenzangst wird dadurch immer größer. Ich habe das Gefühl, dass alle nicht mehr irgendwie so vor sich hin musizieren, sondern dass da ein gewisser Leistungsdruck dahinter steckt. Was eigentlich traurig ist. Wir haben glücklicherweise noch einen alten Mietvertrag, aber ich habe schon manchmal Fantasien, irgendwohin zu ziehen, wo sonst niemand wohnen will. Aber als Alternative bleibt ja auch immer Dänemark. Auch wenn dort alles irre, irre teuer ist, so ist auch alles total abgesichert vom Staat. Die sind dort total sorglos. Und auch "schlechte" Jobs werden dort irre gut bezahlt.

AVIVA-Berlin: Deine drei Kinder sind 15, 12 und 1 ½ Jahre alt. Hat Deine Liebe zur Musik auf sie abgefärbt oder machen sie sich nichts aus Musik?
Lisa Bassenge: Die Große steht auf Musik, denn sie geht gerne tanzen und ist auch sehr musikalisch. Sie spielt Klavier und Ukulele und bringt sich die Sachen selbst bei. Die Mittlere ist selbst nicht so musikalisch, steht aber auf Musik und hört BTS (Bangtan Boys), das ist koreanischer Pop. Und die Kleine steht total auf Musik, sie ist ein totaler Ohrenmensch und auch extrem geräuschempfindlich. Sie hört auch lieber, als dass sie sieht. Bei ihr kann ich mir vorstellen, dass sie später mal was spielen wird.

AVIVA-Berlin: Was war Dein erstes Konzert, das Du je besucht hast?
Lisa Bassenge: Mein erstes Rock-Konzert war von Prince "Sign o´ the Times", 1987 in der Berliner Deutschlandhalle. Das war das absolut größte Konzert, was ich jemals erlebt habe. Es wird nie etwas besseres als das geben! Das hat vor allem was mit Prince zu tun. Ich war zwar auf drei oder vier Prince-Konzerten, aber das von 1987 war auch von den Prince-Konzerten das allergenialste. Ich war dreizehn Jahre alt und mit meiner Schwester dort. Dann bin ich von unseren schlechten Plätzen die Balustraden runtergeklettert, denn es hat mich einfach so zur Bühne gezogen, und dann stand ich da und es war für mich das allergrößte!

AVIVA-Berlin: Herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Tournee und das neue Album!

Die Sängerin Lisa Bassenge entdeckte mit 16 Jahren ihre Liebe zum Gesang und zur Musik als "verlässliche Lebenshilfe". Nach dem Abitur studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler” Berlin. Zu dieser Zeit lernte sie auch Paul Kleber kennen, der zum guten Freund und Mitstreiter bei fast allen musikalischen Projekten wurde. Zusammen musizierten sie beim Lisa Bassenge Trio, Micatone, dem Elektro-Chanson-Projekt Nylon und nun auch beim Nachfolger des Trios. Lisa Bassenge tourte mit ihren verschiedenen Bands durch Europa und Asien, war in diversen Fernsehshows und dem ZDF Morgenmagazin zu Gast. Neben ihren eigenen Projekten arbeitete Lisa Bassenge mit der WDR und NDR Bigband sowie mit Peewee Ellis, Fred Wesley, Nicola Conte, Demba Nabé (aka Boundzound), Calexico und Stuart Staples von den Tindersticks zusammen. Ihre neueste Veröffentlichung “Canyon Songs” nahm sie in Los Angeles gemeinsam mit dem Produzenten Larry Klein und den Musikern Vinnie Colaiuta (dr), Dan Lutz (b), Freddy Koella (git), Pete Kuzma (p) und den Gästen Steve Tavaglione (sax), Till Brönner (trumpet) und Thomas Dybdahl (git) auf. (Quelle: Homepage von Lisa Bassenge)

Lisa Bassenge im Netz: www.lisa-bassenge.de und auf Facebook

Lisa Bassenge – Borrowed and blue
Label: Herzog Records
VÖ: September 2018

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